Die Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften, auch Aktion Heß oder Sonderaktion Heß oder Heß-AktionDiese Kurzbezeichnungen entstanden weitgehend in den 1950er Jahren. Welcher dieser Begriffe historisch betrachtet korrekt ist und wie er entstand, ist noch nicht geklärt. Der Parapsychologe Hans Bender teilte Hans Buchheim, seinerzeit Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, am 7. Mai 1953 diesbezüglich mit: „Bei der Gestapo wurde diese Kampagne als ‚Sonderaktion Heß‘ bezeichnet.“ genannt, richtete sich im nationalsozialistischen Deutschland vor allem gegen Okkultisten. Die am 9. Juni 1941 begonnene Aktion war eine Reaktion der Parteiführung der NSDAP auf den sogenannten „Englandflug“ von Rudolf Heß, des Stellvertreters Adolf Hitlers. Der dem Okkultismus zugeneigte Heß hatte sich unter anderem durch zwei persönliche Horoskope zu seinem Flug verleiten lassen. Die den Okkultismus strikt ablehnenden Parteigrößen Martin Bormann und Joseph Goebbels waren die Hauptakteure der von Hitler angeordneten Aktion. Ausführende Organe waren der Sicherheitsdienst (SD) und die Polizei unter der Leitung von Reinhard Heydrich. Infolge der Aktion kamen nicht nur viele Okkultisten in Haft, auch Mitglieder der Christengemeinschaft (stützt sich stark auf die Anthroposophie Rudolf Steiners) und anderer Organisationen fielen ihr zum Opfer.
Die Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften war der Höhepunkt der Maßnahmen gegen Okkultisten im Dritten Reich. Sie ist bisher kaum wissenschaftlich aufgearbeitet. Beispielsweise gibt es über die Anzahl der Opfer keine verlässlichen Angaben. Schätzungen gehen von etwa 300 bis 1000 Verhafteten aus. Ein Teil der Verhafteten wurde Anfang 1942 zum Aufbau der dem Oberkommando der Kriegsmarine unterstehenden „Abteilung SP“ rekrutiert. Diese Abteilung sollte mit Hilfe siderischer Pendel feindliche Schiffe und Geleitzüge orten.
Hintergrund mini|hochkant|Rudolf Heß (1935). Sein Flug nach Schottland am 10. Mai 1941 war der Auslöser für die Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften. mini|hochkant|Martin Bormann (1934), lehnte jede Form von Okkultismus strikt ab Der NS-Staat lehnte alles Okkulte offiziell grundsätzlich ab. Schon kurz nach der Machtergreifung 1933 wurden okkultistische und etliche religiöse Bewegungen und Vereine als „staatsfeindliche Sekten“ eingestuft. Gegen Astrologen gab es erste Berufsverbote. Einige Organisationen wurden vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS zunächst nur überwacht, so auch die Theosophische Gesellschaft. Im Februar 1935 wurden die Publikationen von Hermann Rudolph, dem Vorsitzenden der Internationalen Theosophischen Verbrüderung, konfisziert und waren fortan verboten. Beide Organisationen wurden im Juli 1937 aufgelöst. Selbst die von Rudolf Heß und anderen ranghohen Nationalsozialisten protegierte Anthroposophische Gesellschaft wurde am 1. November 1935 in Deutschland verboten. Zuvor hatten sich die theosophischen Vereinigungen darin überboten, den Nationalsozialismus zu glorifizieren und sich dem Regime anzudienen. Rudolph hatte die Theosophie zur Verwirklichung der wahren Ziele des Nationalsozialismus stilisiert und den Nationalsozialismus als nächsten Schritt der spirituellen Evolution bezeichnet. Aus seiner Sicht hatte Deutschland eine religiöse Mission, alle „arischen“ Völker zu vereinen, und seine Organisation schien ihm dabei der natürliche Bundesgenosse auf der spirituellen Ebene zu sein. Theosophische Doktrinen seien die ideologische und religiöse Grundlage des Nationalsozialismus. Aus der Perspektive anti-esoterisch eingestellter Nationalsozialisten war eben dieses offene Bekenntnis der Theosophen zum Nationalsozialismus ein Problem, weil sie darin eine Gefährdung der ideologischen Integrität des Nationalsozialismus sahen. Die der Anthroposophie nahestehende Christengemeinschaft konnte als christliche Vereinigung zunächst weiter bestehen. Von den bestehenden acht Waldorfschulen wurden bis 1938 fünf durch Verbot oder Selbstauflösung geschlossen.
Am 20. Juli 1937 erfolgte in einem vom Reinhard Heydrich unterzeichneten Rundschreiben zur „Auflösung freimaurerlogenähnlicher Organisationen“ das Verbot aller derartiger „Sekten“.
Andererseits war das Verhältnis einiger führender Nationalsozialisten zum Okkultismus zwiespältig. So hatte beispielsweise Heinrich Himmler eine starke Zuneigung zu esoterischen Zirkeln, okkulten Feierlichkeiten und altgermanischen Mythen. Er ließ sich über viele Jahre von dem Okkultisten Karl Maria Wiligut beraten und mit Wilhelm Wulff hatte er einen persönlichen Astrologen. Mitglieder der Waffen-SS wurden zu Wünschelrutengängern ausgebildet, um Wasser, Erze, Gold und andere Schätze aufzuspüren. Die der anthroposophischen Bewegung zugehörige Heilpädagogik und die biologisch-dynamische Landwirtschaft konnten ohne größere Einschränkungen bis zum Kriegsende fortbestehen – Himmlers persönliche Interessen verhinderten ein mögliches Verbot.
Rudolf Heß, Adolf Hitlers Stellvertreter, interessierte sich sehr für Esoterik, Alternativmedizin, Naturheilkunde und Astrologie. Dies war den Mitgliedern des Führungskreises der NSDAP bekannt, die ihm in Anspielung auf das Land seiner Geburt den Spitznamen „Yogi aus Ägypten“ gaben. Zunehmend kam es zu Konfrontationen zwischen Heß und anderen hohen Funktionsträgern der Partei. Einer der Gegenspieler von Heß war dessen Stabsleiter Martin Bormann, der persönlich jede Form von Okkultismus strikt ablehnte. Ähnlich ablehnend und verächtlich äußerten sich auch Joseph Goebbels und Reinhard Heydrich über Heß’ Neigungen. Auch mit Hitler hatte Heß bei diesen Themen erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Einige bedeutende Autoren und Historiker vertreten die Ansicht, dass Heß seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs innerhalb des NS-Regimes bedeutungslos geworden sei und sich im Wesentlichen nur noch für alternative Medizin, Naturheilkunde und Astrologie interessiert habe.
Am 7. Mai 1941, genau drei Tage vor dem spektakulären „Englandflug“ von Heß, hatte Martin Bormann die Gauleiter in einem Rundschreiben vor „Aberglaube, Wunderglaube und Astrologie als Mittel staatsfeindlicher Propaganda“ gewarnt. „Konfessionelle und okkulte Kreise [würden] durch bewußte Verbreitung von Wundergeschichten, Prophezeiungen, astrologischen Zukunftsberechnungen usw. vermehrt Unsicherheit und Verwirrung in die Bevölkerung tragen“. In dem Schreiben, in dem er sich ausdrücklich auf Adolf Hitler berief, heißt es weiter:
Damit positionierte sich Bormann deutlich gegen seinen Chef Rudolf Heß.
Heß’ „Englandflug“ mini|Karl Haushofer (links) und Rudolf Heß (um 1920) Im Sommer 1940 richtete Hitler in seinem „Appell an die Vernunft“ einen eher halbherzigen Versuch eines Friedensangebotes an Großbritannien. Er blieb dabei deutlich hinter den Erwartungen seiner Gefolgsleute zurück. Die öffentliche Meinung in Großbritannien und das Regierungskabinett lehnten das Angebot Hitlers ab. In dieser Zeit entstand bei dem in seiner Partei sehr beliebten Heß die Idee zu seiner „Friedensmission“. Mit seinem Mentor Karl Haushofer und dessen Sohn Albrecht entwickelte er in Diskussionen den Plan zum „Englandflug“, „um das Blutvergießen zwischen zwei germanischen Völkerstämmen zu stoppen“. Heß ließ sich im Januar 1941 von seinem Mitarbeiter Ernst Schulte Strathaus ein persönliches Horoskop erstellen. Dieses Horoskop prophezeite Heß den 10. Mai 1941 „als einen erfolgsversprechenden Tag für eine Reise im Interesse des Friedens“. An diesem Tag sollen „Vollmond und sechs Planeten im Zeichen des Stieres“ zusammengefallen sein.
Der Historiker Manfred Görtemaker geht von drei Flugversuchen Heß’ aus, die alle wegen technischer Schwierigkeiten oder ungünstiger Wetterbedingungen scheiterten. Der erste soll am 21. Dezember 1940 misslungen sein, die beiden anderen im Januar und Februar 1941. Im März ließ Schulte Strathaus das von ihm erstellte Horoskop von der Münchener Astrologin Maria Nagengast bestätigen. Für die Erstellung des Horoskops soll Nagengast 50 Reichsmark erhalten haben. Die Astrologin Waltraud Weckerlein behauptet in ihrem 1949 erschienenen Buch Hitlers Sterne logen nicht, dass Nagengast Heß geraten habe: „Im Mai können Sie ohne Lebensgefahr fliegen“. Belege für die Aussage hat Weckerlein nicht. Nach Weckerleins Darstellung soll Heß bei Nagengast „Dauergast“ gewesen sein; auch hierfür gibt sie jedoch keine Belege an.
mini|Das Wrack von Heß’ Messerschmitt Bf 110 Am 10. Mai 1941, um 18:10 Uhr, startete Heß mit einer Messerschmitt Bf 110 vom Fliegerhorst Haunstetten bei Augsburg in Richtung Schottland. In Dungavel Castle wollte er mit Douglas Douglas-Hamilton über einen Friedensschluss verhandeln. Heß glaubte irrtümlich, dass der mit Albrecht Haushofer befreundete Douglas-Hamilton ein Gegner Churchills sei. Sein Friedensangebot fand kein Interesse und er geriet in britische Kriegsgefangenschaft. Vor dem Abflug hinterließ Heß seinem Adjutanten Karlheinz Pintsch einen Brief für Hitler.
Über die Beweggründe für Heß’ Entschluss zu diesem Flug nach Großbritannien gibt es eine Vielzahl von Spekulationen. Der Flug gehört „noch immer zu den großen Rätseln der Weltgeschichte“. Wesentliche Akten sind auf britischer Seite nach wie vor unter Verschluss oder sind in den Wirren des Kriegsendes in Deutschland verschollen – beides ideale Bedingungen für Spekulationen und Verschwörungstheorien. Nach Auffassung des Historikers Rainer F. Schmidt soll Heß das Opfer einer gezielten Intrige des britischen Secret Intelligence Service (MI6) gewesen sein. Heß soll mit Douglas-Hamilton im Briefwechsel gestanden haben, wobei sich aber hinter den Antwortschreiben der MI6 verborgen haben soll. Donald McCormick, der meist unter dem Pseudonym Richard Deacon schrieb, arbeitete im Zweiten Weltkrieg beim British Naval Intelligence Department. Nach dem Krieg wurde er Journalist und Historiker. Als Journalist arbeitete er bei der Sunday Times zeitweise zusammen mit Ian Fleming, dem Erfinder von James Bond und ebenfalls ehemaligem Angehörigen des British Naval Intelligence Department. McCormick hat eine Aussage Flemings veröffentlicht, der britische Geheimdienst habe mit einem gefälschten Horoskop den okkultismusgläubigen Heß zu seinem Flug animiert. So seien die Heß nahestehenden okkultistischen Zirkel systematisch infiltriert worden und im Frühjahr 1941 habe man ihm über einen Kontaktmann des Secret Service in der Schweiz ein entsprechend präpariertes Horoskop zukommen lassen, das ihn zu seiner „Friedensmission“ veranlasst habe. Aus der Führungsriege der Nationalsozialisten sei Heß, astrologiegläubig und um einen Frieden mit Großbritannien bemüht, der beste Kandidat für einen solchen Coup gewesen.
Erste Reaktionen auf Heß’ Flug Am Tag nach Heß’ Flug übergab Pintsch am Berghof Hitler persönlich den Brief von Heß. Über die Reaktion Hitlers gibt es unterschiedliche Überlieferungen. Der überwiegende Teil der Historiker geht von einem Alleingang Heß’ aus und schildert Hitlers Reaktion als wütend und bestürzt. Joseph Goebbels schrieb in seinem Tagebuch: „Der Führer ist ganz zerschmettert“, als dieser von der „England-Mission“ Heß’ erfuhr. Laut Otto Dietrich, dem Reichspressechef der NSDAP, bemächtigte sich Hitlers, als er das Schreiben las, „eine ungeheure Erregung“. Albert Speer soll einen „unartikulierten“, fast „tierischen Laut“ Hitlers vernommen haben. Sein Chefdolmetscher Paul-Otto Schmidt verglich die Situation mit dem Einschlag einer Bombe im Berghof. Hitler soll seinem langjährigen Gefährten und Zellengenossen aus der Landsberger Haft gewünscht haben: „Hoffentlich stürzt er ins Meer“.
Eine 2011 im Staatsarchiv der Russischen Föderation entdeckte Erklärung von Pintsch schildert Hitlers Reaktion völlig anders. Hitler hätte die Meldung nicht fassungslos aufgenommen, sondern sie vielmehr in Ruhe angehört. Pintsch behauptet in dieser Erklärung außerdem, dass Hitler in Heß’ Pläne eingeweiht gewesen und der Flug in „vorheriger Übereinkunft mit den Engländern“ erfolgt sei.