Immensum bellum (lat. für „gewaltiger Krieg“) bezeichnet eine bewaffnete Erhebung germanischer Stämme gegen römische Einflussnahme und Machtausübung östlich des Rheins. Der Aufstand brach im Jahr 1 n. Chr. unter der Statthalterschaft des Marcus Vinicius aus und endete mit der erneuten Unterwerfung der Stämme in den Jahren 4 und 5 n. Chr. durch den designierten römischen Thronfolger Tiberius. Der Konflikt gehört zu den Augusteischen Germanenkriegen und den – letztlich vergeblichen – Bemühungen Roms, das Gebiet zwischen Rhein und Elbe in den Jahren 12 v. Chr. (Beginn der Drusus-Feldzüge) bis 16 n. Chr. (Ende der Germanicus-Feldzüge) unter die Herrschaft des Imperiums zu bringen.

Geprägt wurde der Begriff immensum bellum von dem römischen Geschichtsschreiber Velleius Paterculus. Im 2. Buch seiner „Römischen Geschichte“ (lat. Historia Romana) berichtet er im Kapitel 104,2 über den Ausbruch eines gewaltigen Krieges (immensum exarserat bellum).

Die Quellenlage lässt eine sichere Beurteilung von Schwere und Ausmaß des Aufstandes nicht zu. Dennoch gilt der Konflikt in der Forschung allgemein als der „wichtigste Einschnitt in der [römischen] Expansionsphase zwischen Drusus und Varus“.Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 128. Zustimmend Dieter Timpe: Zur Geschichte und Überlieferung der Okkupation Germaniens unter Augustus. In: Saeculum. Bd. 18, 1967, S. 278–293, hier S. 284, sowie Armin Becker: Rom und die Chatten. Darmstadt 1992, S. 184. In der Folge verstärkten die Römer ihre Machtausübung in Germanien. Gegen die Bemühungen des Publius Quinctilius Varus, das Gebiet zu einer römischen Provinz zu machen, griffen die Stämme im Jahr 9 n. Chr. erneut zu den Waffen und bereiteten den Römern die clades Variana („varianische Niederlage“, die Schlacht im Teutoburger Wald).

Quellen Einzelheiten zu den ersten drei Kriegsjahren unter Vinicius übermitteln die Quellen nicht. Erst nach der – wohl turnusgemäßen – Ablösung des Statthalters im Jahr 3 oder 4 n. Chr. und mit dem Eingreifen des Tiberius im Sommer 4 n. Chr. wird die Überlieferung dichter. Germanische Fürsten oder Heerführer sind nicht genannt.

Hauptquelle ist das 2. Buch der Historia Romana, Kapitel 104–107, des Kriegsteilnehmers Velleius Paterculus.Nach eigener Aussage diente Velleius ab dem Jahr 4 n. Chr. unter dem Kommando des Tiberius, zunächst als Reiterpräfekt (Velleius Paterculus, Historia Romana 2,104,3). Die Schilderung entstand rund zwei Jahrzehnte nach den Geschehnissen und ist von großer Verehrung für den Feldherren Tiberius geprägt und dadurch mitunter verzerrt. Geografische Einzelheiten fehlen weitgehend.

Eine äußerst knappe, aber wichtige Parallelüberlieferung steht mit der „Römischen Geschichte“ (griech. ‘Ῥωμαϊκὴ ἱστορία), Buch 55, Kapitel 10a und 28, des Cassius Dio zur Verfügung. Das Geschichtswerk entstand zu Beginn des 3. Jahrhunderts und gilt insgesamt als zuverlässig und auf zeitnahen Quellen basierend. Allerdings herrschten in der Quelle, die Cassius Dio zum Aufstand auswertete, vermutlich anti-tiberische Tendenzen vor.Cassius Dio behandelte den Aufstand „vermutlich auf der Basis einer post-tiberischen (und entsprechend tendenziösen) Quelle“. Gustav Adolf Lehmann: Imperium und Barbaricum. Neue Befunde und Erkenntnisse zu den römisch-germanischen Auseinandersetzungen im nordwestdeutschen Raum – von der augusteischen Okkupationsphase bis zum Germanen-Zug des Maximinus Thrax (235 n. Chr.). Wien 2011, S. 53, Anmerkung 74.

Sueton streift den Konflikt in seiner Tiberius-Biographie lediglich mit einer kurzen Notiz (Sueton, Tiberius 16,1).

Vorgeschichte In den Jahren 12 bis 8 v. Chr. unterwarfen zunächst Drusus (bis 9 v. Chr.) und danach Tiberius zahlreiche Stämme zwischen Rhein und Elbe. Eine vollständige und nachhaltige Befriedung der Stammeswelt wurde jedoch nicht erreicht. Ab 3 v. Chr. sind römische Ordnungs- und Infrastrukturmaßnahmen überliefert. Der römische Statthalter Domitius Ahenobarbus siedelte den Stamm der Hermunduren wohl in der Gegend des Obermains an, überquerte mit seinen Truppen die Elbe,Diese beiden Ereignis fallen möglicherweise noch in die Zeit der illyrischen Statthalterschaft des Ahenobarbus; vgl. Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 121–125. sorgte für den Aus- und Neubau von Stützpunkten und Wegen (darunter die pontes longi) und schlichtete innergermanische Streitigkeiten.Peter Kehne: Zur Lokalisierung, Organisation und Geschichte des Cheruskerstammes. In: Michael Zelle (Hrsg.): Terra incognita? Die nördlichen Mittelgebirge im Spannungsfeld römischer und germanischer Politik um Christi Geburt. Mainz 2008. S. 9–30, hier S. 19. Wohl im Jahr 1 n. Chr. bemühte er sich vergeblich, vertriebene Stammesmitglieder der Cherusker zurückzuführen. Das Scheitern verschärfte offenbar eine Autoritätskrise der Römer.Siehe Abschnitt Forschungsprobleme: Gescheiterte Cherusker-Rückführung. Als die Statthalterschaft des Ahenobarbus im gleichen Jahr endete, hinterließ er seinem Nachfolger Vinicius ein schwieriges Erbe.

Verlauf Im Jahr 1 n. Chr. brach das immensum bellum aus. Der konkrete Anlass ist unbekannt, möglicherweise spielten die gescheiterte Cherusker-Rückführung und der Statthalterwechsel eine Rolle.Peter Kehne: Zur Lokalisierung, Organisation und Geschichte des Cheruskerstammes. In: Michael Zelle (Hrsg.): Terra incognita? Die nördlichen Mittelgebirge im Spannungsfeld römischer und germanischer Politik um Christi Geburt. Mainz 2008. S. 9–30, hier S. 20. Dieter Timpe: Arminius-Studien. Heidelberg 1970, S. 73, Anmerkung 64 Die aufständischen Stämme sind in den Quellen nicht genannt, doch lassen die späteren Unterwerfungen der Chamaver (oder Cananefaten), Chattuarier, Brukterer, Cherusker und Chauken auf deren Mitwirkung schließen.Armin Becker: Rom und die Chatten. Darmstadt 1992, S. 170.mini|alt=Karte nördliches Germanien mit Stämmen|Die germanischen Stämme um die Zeit des immensum bellum

Die Teilnahme weiterer Stämme ist unsicher. Die rechtsrheinischen Sugambrer nutzten möglicherweise die Gelegenheit, um Rache für die Entführung ihrer Gesandten im Jahr 8 v. Chr. zu nehmen.Klaus Tausend: Im Inneren Germaniens: Beziehungen zwischen den germanischen Stämmen vom 1. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr. Stuttgart 2009, S. 21. Peter Kehne hält es sogar für möglich, dass der Hauptunruheherd bei den Sugambrern lag; Peter Kehne: Zur Lokalisierung, Organisation und Geschichte des Cheruskerstammes. In: Michael Zelle (Hrsg.): Terra incognita? Die nördlichen Mittelgebirge im Spannungsfeld römischer und germanischer Politik um Christi Geburt. Mainz 2008. S. 9–30, hier S. 20. Unklar ist, ob die nicht erwähnten Cananefaten (oder Chamaver), Bataver, Usipeter, Marser, Tenkterer und Tubanten dem Aufstand fernblieben oder sich dem Vinicius ergaben.Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 137 Ungewiss muss ferner bleiben, welche Stämme „mit beinahe unbekanntem Namen“Velleius Paterculus, Historia Romana 2,106,1–2. Übersetzung nach Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich. Teil 2. Darmstadt 1995, S. 41. gemeint sind, die Velleius als besiegt meldet. Die Konfrontation mit den elbgermanischen Stämmen der Langobarden, Hermunduren und Semnonen im letzten Kriegsjahr deutet nicht notwendig auf deren anfängliche Beteiligung am Aufstand hin.Dieter Timpe hält es zwar für möglich, dass der Aufstand bei den Elbgermanen sein Zentrum hatte, nennt dies jedoch ausdrücklich eine „ganz vage Hypothese“; Dieter Timpe: Arminius-Studien. Heidelberg 1970, S. 74.

Jahre 1 bis 3 n. Chr. Die militärischen Maßnahmen des erfahrenen Feldherren Vinicius in den Jahren 1 bis 3 n. Chr. liegen im Dunkeln. Velleius berichtet lediglich, der Statthalter habe den Krieg „in manchen Gegenden glücklich geführt, in anderen hingehalten“.Velleius Paterculus, Historia Romana 2,104,2. Übersetzung nach Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich. Teil 2. Darmstadt 1995, S. 39. Insgesamt wird die Leistung des Vinicius von der Forschung zurückhaltend beurteilt. alt=Rekonstruierter Doppelgraben des Lagers Anreppen|mini|Das Römerlager Anreppen – hier der teilweise rekonstruierte Doppelgraben – war vermutlich 4 bis 6 n. Chr. das Winterlager der Legion von Sentius, Anreppen fasste nur 6.000 Soldaten.

Herbstfeldzug 4 n. Chr. Tiberius eilte im Sommer des Jahres 4 n. Chr.Das Datum ist unbekannt, es liegt jedoch nach dem 26. Juni, dem Tag der Adoption des Tiberius durch Augustus. von Rom aus zunächst an die gallische Kanalküste zum Flottenstützpunkt Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer), sehr wahrscheinlich um Flottenoperationen in die Wege zu leiten.Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 146–148. Danach setzte er sich als Oberbefehlshaber an die Spitze der rheinischen Legionen und führte das Heer zu ungewöhnlich später Jahreszeit ins Innere Germaniens. Zur Seite stand ihm der erfahrene Kommandeur Gaius Sentius Saturninus, der Amtsnachfolger des Vinicius.

Der Schwerpunkt der Militäroperationen richtete sich zunächst gegen die Chamaver (oder Cananefaten), Chattuarier und Brukterer, die unterworfen wurden (subacti).Zur Unterscheidung der verschiedenen, in Velleius Paterculus, Historia Romana 2,105–106, genannten Formen der Unterwerfungen (subacti, recepti, victae, fracti) siehe Horst Callies: Römer und Germanen im nördlichen Deutschland. In: Ralf Busch (Hrsg.): Rom an der Niederelbe. Neumünster 1995, S. 15–23, hier: S. 20f. sowie Dieter Timpe: Arminius-Studien. Heidelberg 1970, S. 74–77. Anschließend nahm Tiberius die Cherusker wieder in das römische Herrschaftssystem auf (recepti) und überschritt die Weser. Die Militäraktionen dauerten bis in den Dezember hinein an. Hier bezog das Gesamtheer mitten in Germanien ein Winterlager, wahrscheinlich im Römerlager Anreppen unweit der Lippe-Quellen, das als wichtiger Stützpunkt für die darauffolgenden Feldzüge diente.Velleius Paterculus 2,105. Dazu Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 35f.; Johann-Sebastian Kühlborn: Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Archäologische Stätten augusteischer Okkupation. Münster 1995, S. 139.

Im Jahr 4 n. Chr. könnte auch eine Erkundungsflotte zur jütischen Halbinsel (das heutige Dänemark) in See gestochen sein. Die Forschung ordnet diese Fahrt zwar allgemein der großen Flottenoperation im Jahr darauf zu, doch gibt es Hinweise darauf, dass die Erkenntnisse der Expedition bereits in die Planungen des Feldzugjahres 5 n. Chr. einflossen und die Erkundungsfahrt deshalb früher anzusetzen ist.Vgl. Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 141–147, sowie Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. 2. durchgesehene Auflage München 2009, S. 58. Im Zusammenhang mit den Feldzügen der Jahre 4 und 5 n. Chr. könnte auch das seit 2015 erforschte Marschlager Wilkenburg bei Hannover stehen. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 21. August 2016 mini|Büste des Tiberius

Feldzug und Flottenoperation 5 n. Chr.