Gryfino (deutsch Greifenhagen, niederdeutsch Gripenhagen) ist die Kreisstadt des Powiats Gryfiński mit etwa 20.000 Einwohnern und Amtssitz der gleichnamigen Stadt- und Landgemeinde in der polnischen Woiwodschaft Westpommern.
Geographische Lage links|mini|Greifenhagen südlich von Stettin und nordwestlich von Pyritz auf einer Landkarte von 1905. mini|links|Älteste Stadtansicht von Greifenhagen von 1615 in einer Kopie aus dem 18. Jahrhundert aus der sog. Stralsunder Bilderhandschrift. Original im Stadtarchiv Stralsund. Es existiert auch noch eine zweite, Originalansicht aus der Zeit um 1615. mini|links|Die Stadt Greifenhagen nach Eilhard Lubinus, 1618 mini|330px|Stadtzentrum
Die Stadt liegt in Hinterpommern, an der Reglitz (Odra Wschodnia), dem östlichen Mündungsarm der Oder. Sie gehört zum Einzugsgebiet von Stettin, dessen Zentrum in knapp 20 Kilometern in nördlicher Richtung zu erreichen ist.
Geschichte Mittelalter Schon im 12. Jahrhundert lag nördlich des späteren Greifenhagen eine wendische Fischersiedlung mit der für diese Orte üblichen Bezeichnung Wiek. Der Herzog Barnim I. von Pommern, genannt der Städtegründer, überließ 1254 einem Unternehmer 200 Hufen Land zur Gründung der Stadt Greifenhagen, der er am 1. März 1254 das Magdeburgisch-Stettiner Stadtrecht verlieh. Gleichzeitig verbot er den Zuzug der Wieker Einwohner. Zum Schultheißen ernannte er seinen Lokator Rudolf von Bertekow. Um der Stadt eine wirtschaftliche Grundlage zu geben, hatte Barnim bereits ein Jahr zuvor dem Nachbarort Woltin das Marktrecht zugunsten Greifenhagens entzogen. Später mussten auch Fiddichow und Wollin ihre Marktrechte an die neue Stadt abtreten. Zusätzlich erhielt Greifenhagen 1280 das Recht der freien Schifffahrt auf allen pommerschen Gewässern. Der Stadtplan spiegelt mustergültig das Schema einer östlichen Kolonisationsstadt wider, mit einem Rasterschema aus sich schneidenden Straßen um einen rechtwinklig ausgesparten Marktplatz. Um den Handel nach Westen ausdehnen zu können, wurden 1306 ein Brückenzug über beide Oderarme und ein hochwassersicherer Steindamm errichtet. Für beide Verkehrswege erhob die Stadt Zoll, der ihr erheblichen Reichtum einbrachte. Ein Teil der Einnahmen wurde 1312 für den Ankauf der Ortschaft Wiek verwendet, und ein Jahr später umgab sich die Stadt mit einer Befestigungsmauer. 1339 ernannte Pommernherzog Otto I. Greifenhagen zur herzoglichen Münzstätte, was auf die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt schließen lässt.
Frühe Neuzeit Erhebliche Rückschläge brachten 1530 ein Stadtbrand, dem fast alle Häuser zum Opfer fielen, eine Pestepidemie, an der die Hälfte der Einwohner starb, und die Zerstörung der Oderbrücken durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg mit sich. Als Ergebnis dieses Krieges wurde Greifenhagen ein Teil von Schwedisch-Pommern. Im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg ließ der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm 1677 die Stadt besetzen. Im Friedensvertrag von Saint-Germain wurde Greifenhagen – wie alle östlich der Oder gelegenen Schwedisch-Pommerns mit Ausnahme der Städte Damm und Gollnow – Preußen zugesprochen.Friedrich Thiede: Pomerania. Geschichte und Beschreibung des Pommernlandes zur Förderung der pommerschen Vaterlandskunde, Bd. 2. Sanne, Stettin 1846, S. 315. Im Jahr 1780 richtete eine Überschwemmung schwere Schäden an.
19. und 20. Jahrhundert mini|Anteilschein über 150 RM der Greifenhagener Dampfschiffsreederei GmbH vom 28. Februar 1928 Als Preußen 1815/1818 seine Verwaltung neu ordnete, wurde die Stadt Verwaltungssitz des Landkreises Greifenhagen im Regierungsbezirk Stettin der Provinz Pommern. Diese Verwaltungsgliederung blieb bis 1945 bestehen.
Von 1838 bis 1849 war das preußische Land- und Stadtgericht Greiffenhagen hier angesiedelt.
Mit der Stettiner und der Bahner Vorstadt entstanden neue Stadtteile, und 1857 gaben zwei Holzbrücken den Weg zum westlichen Oderufer wieder frei. Der 1877 erfolgte Eisenbahnanschluss sowie die Eröffnung des Großschifffahrtswegs Berlin–Stettin im Jahr 1904 ließen die Greifenhagener Wirtschaft expandieren. Vor allem die 1873 gegründete Dampfschiffsreederei, die den Güterverkehr zwischen Schwedt und Stettin übernommen hatte, profitierte von der neuen Wasserstraße. Aber auch industrielle Betriebe, wie insbesondere der Lebensmittelherstellung und chemische Werke siedelten sich an. 1913 wurden die hölzernen Oderbrücken durch eine Stahlkonstruktion ersetzt. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Kreisstadt eine evangelische Kirche, eine Synagoge und war Sitz eines Amtsgerichts.
Anfang der 1930er hatte die Gemarkung der Stadt Greifenhagen einen Flächeninhalt von 49,5 km². Innerhalb der Gemeindegrenzen standen zusammen 730 bewohnte Wohnhäuser an 16 verschiedenen Wohnplätzen:
Um 1935 hatte Greifenhagen ein Hotel, über ein Dutzend Gasthöfe, Restaurants und Cafés, drei Bankgeschäfte, eine Reihe von Fabriken und Produktionsstätten der mittelständischen Industrie und zahlreiche Lebensmittelgeschäfte, Warenhandlungen, Handelsvertretungen, Großhändler sowie Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe.Klockhaus' kaufmännisches Handels- und Gewerbe-Adressbuch des Deutschen Reichs, Band 1 A, Berlin 1935, S. 1024–1025 (Google Books). Zur letzten deutschen Volkszählung von 1939 lebten 9855 Menschen in der Stadt.
Im Jahr 1945 war Greifenhagen Kreisstadt des Kreises Greifenhagen im Regierungsbezirk Stettin der preußischen Provinz Pommern des deutschen Reichs.
Die meisten Einwohner flohen Anfang 1945 vor der heranrückenden Roten Armee. Beim Kampf um Greifenhagen, der vom 8. bis 21. März andauerte, wurde die Innenstadt völlig zerstört. Bald nach Beendigung der Kampfhandlungen überließ die Sowjetunion Greifenhagen 1945 der Verwaltung der Volksrepublik Polen. Die polnische Verwaltungsbehörde vertrieb die Einwohner aus der in Gryfino umbenannten Stadt und besiedelte sie mit Polen.
Gryfino wurde in die damalige Woiwodschaft Stettin eingegliedert und wurde Kreisstadt. 1975 verlor die Stadt ihren Rang als Kreishauptstadt und wurde zum Sitz einer Stadt- und Landgemeinde. 1999 erhielt sie den Status der Kreishauptstadt zurück. mini|Marienkirche mini|hochkant|Bahner Tor mini|Stadtmauer mini|hochkant|Friedhofskapelle mini|Postgebäude mini|Bahnhof
Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1740 2152 1782 2762 davon 83 JudenHeinrich Berghaus: Landbuch des Herzogthums Stettin, von Kamin und Hinterpommern; oder des Verwaltungs-Bezirks der Königl. Regierung zu Stettin. Bearbeitet von Heinrich Berghaus. Zweiten Teils dritter Band: Kreise Greifenhagen und Piritz. Anklam 1868, S. 245 (). 1802 3323 Leopold Krug: Betrachtungen über den National-Reichthum des preußischen Staats, und über den Wohlstand seiner Bewohner. Zweiter Theil. Berlin 1805, S. 62–90, insbesondere S. 64, Ziffer 102 (books.google.de). 1817 3890 1822 4290 Friedrich von Restorff: Topographische Beschreibung der Provinz Pommern mit einer statistischen Uebersicht. Berlin / Stettin 1827, S. 190–191 (books.google.de). 1867 6774 am 3. DezemberDie Gemeinden und Gutsbezirke des Preußischen Staats und ihre Bevölkerung. Teil III: Provinz Pommern. Königliches Statistisches Bureau, Berlin 1874, S. 32, Nr. 3 (books.google.de). 1871 6611 am 1. Dezember, davon 6395 Evangelische, 29 Katholiken, sieben sonstige Christen, 180 Juden 1875 6759 1880 6906 1890 6692 darunter 65 Katholiken, 91 Juden 1900 6473 1910 7260 am 1. DezemberGreifenhagen, östlich der Großen Reglitz, Regierungsbezirk Stettin, Pommern. In: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Greifenhagen (meyersgaz.org). 1925 8184 darunter 8013 Evangelische, 62 Katholiken und 39 JudenGunthard Stübs und Pommersche Forschungsgemeinschaft: Die Stadt Greifenhagen im ehemaligen Kreis Greifenhagen in Pommern (2011). 1933 8938 1939 9855
Kirche Die Gebäude der evangelischen Kirche in Greifenhagen wurden 1945 von der polnischen Administration zugunsten der polnischen katholischen Kirche zwangsenteignet und vom katholischen Klerus ‚neu geweiht‘.
Die vor 1945 ansässigen Stadtbewohner waren größtenteils Evangelische (Angehörige der Landeskirche) und gehörten zum Kirchspiel Greifenhagen. Der Bestand an Kirchenbüchern reichte bis 1740 zurück.Martin Wehrmann: Die Kirchenbücher in Pommern. In: Baltische Studien, Band 42, Stettin 1892, S. 201–280, insbesondere S. 234 (Google Books).
Das katholische Kirchspiel war in Altdamm, Kr. Randow.
Die seit 1945 und Vertreibung der einheimischen Stadtbewohner anwesende polnische Einwohnerschaft ist überwiegend katholisch.
Sehenswürdigkeiten Die katholische Pfarrkirche Mariä Geburt (Kościół p.w. Narodzenia NMP) war vor dem Zweiten Weltkrieg die evangelische Stadtpfarrkirche St. Nikolaus. Der Bau wurde um 1250 aus Feldsteinen begonnen, um dann backsteingotisch vollendet zu werden. Viele (Außen-)Details der Kirche wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts neugotisch überformt. Der barocke, zweifach durchbrochene Turmhelm wurde 1938 aufgesetzt und ersetzte den bisherigen Nadelhelm. Im Innern blieben neben dem neugotischen Orgelprospekt und dem Hauptaltar – dessen Altarblatt Maria, Königin von Polen nach 1945 aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten in die Kirche verbracht wurde – zwei Renaissancekunstdenkmäler erhalten: Das Chorgestühl aus dem 16. Jahrhundert sowie die aufwendig renovierte Kanzel von 1605. Das Sankt-Georgs-Tor (poln. Brama Bańska, also Bahner Tor) ist ein mit Resten der Stadtmauer erhaltener Torturm am südlichen Ausgang der Altstadt an der nach Banie (Bahn) führenden Straße. Es wurde um 1300 erbaut, der Unterbau aus Feldsteinen, die oberen Geschosse im Stil der Backsteingotik. Friedhofskapelle, neugotisch, errichtet von 1907 bis 1911cmentarze.gryfino.pl Friedhofskapelle Postamt von 1883 Krummer Wald. Ein Wald aus gekrümmten Kiefern, Naturdenkmal.
Wirtschaft Der größte Arbeitgeber in der Stadt ist ein kohlebetriebenes Elektrizitätswerk, das Kraftwerk Dolna Odra. Seit 1990 investiert auch ausländisches Kapital beim Aufbau der Industrie in der Stadt, z. B. die deutschen Firmen Fliegel-Textil-Service, die eine große Wäscherei betreibt, und Jürging Naturdärme, die Därme zur Wurstherstellung produziert. 2017 eröffnete Zalando hier ein Logistikzentrum.
Verkehr
Die Stadt liegt an der Bahnstrecke Wrocław–Szczecin. Gryfino ist seit März 2024 auch durch das S-Bahn-System Szczecińska Kolej Metropolitalna mit Stettin verbunden.
Der ÖPNV der Stadt ist seit 2023 kostenlos nutzbar. Dazu gehört auch ein Bus nach Zdroje, einem Stadtteil von Stettin.
Zum drei Kilometer entfernten deutschen Nachbarort Mescherin gibt es einen Grenzübergang, der auch mit Kraftfahrzeugen passiert werden kann.
Schulwesen In der Stadt bestehen: fünf Kindergärten; vier Grundschulen, davon drei gewöhnliche und eine Spezialgrundschule; eine Mittelschule (7. bis 9. Klasse); zwei Gymnasien
Persönlichkeiten Söhne und Töchter der Stadt Andreas Müller (1630–1694), Orientalist, Propst von St. Nikolai in Berlin Theodor Pauli (1648–1716), Rechtswissenschaftler, Professor an der Universität Königsberg Christian Kelch (1657–1710), Theologe und Chronist Johann Daniel Wutsdorff (1748–1819), preußischer Kommunaljurist, Oberbürgermeister von Stargard in Pommern Friedrich von Gaedecke (1776–1840), Generalmajor Hermann Henckel (1825–1893), deutscher Bankier, Fabrikant und Eisenbahndirektor Franz Strauch (1846–1928), Marineoffizier, Konteradmiral, Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG) Hugo Brasch (1854–1937), Verwaltungsjurist und Richter Hildegard Voigt (1856–1936), Schriftstellerin Ernst Bruno Bourwieg (1865–1944), Politiker (DVP), Landrat des Landkreises Siegen Max Dreblow (1869–1927), Fotograf Fritz Radefeldt (1872–1942), Großkaufmann, Eigentümer des Kaufhauses Radefeldt Franz Weber (1881–1962), Bibliothekar und Medailleur Curt Hoffmann (1897–1961), Politiker (FDP), Mitglied des Deutschen Bundestages, Mitbegründer der Pommerschen Landsmannschaft