Misogynie (von und ), Frauenfeindlichkeit oder Frauenhass ist ein Oberbegriff für soziokulturelle Einstellungsmuster der geringeren Relevanz oder Wertigkeit von Frauen beziehungsweise der höheren Relevanz oder Wertigkeit von Männern. Sie wird sowohl von Männern als auch von Frauen selbst über die psychosoziale Entwicklung verinnerlicht (Sozialisation, Habitualisierung) und stellt die Erzeugungsgrundlage für den hierarchisierenden Geschlechtshabitus von Männlichkeit und Weiblichkeit dar. Sie ist damit die Basis hegemonialer Männlichkeit oder patriarchaler Beziehungsgefüge.
Misogynie ist tief in zahlreichen menschlichen Kulturen verwurzelt. Da sie sozialen Normen oder Idealen jedoch widerspricht, gilt sie gesellschaftlich als „krankhaftes“, „abnormes Gefühl“. Aufgrund dieser fundamentalen Widersprüchlichkeit wird Misogynie gesellschaftlich und individuell meist verdeckt – etwa durch Leugnung, Tabuisierung, Höflichkeit oder sozial erwünschte Gleichheitsrhetorik. Dann bleibt sie individuell unbewusst und gesellschaftlich diffus. Die wissenschaftliche Erforschung von Misogynie begann in den 1950er Jahren.
Misogynie ist eine auf Frauen gerichtete Form der Misanthropie („Menschenfeindlichkeit“).Giuseppe Passi: Allerdenkliche, wahrhaffte WeiberMängel. 1705. Mit der aufkommenden Frauenbewegung im 19. Jahrhundert wurde gesellschaftliche Misogynie zunehmend thematisiert und bekämpft. In der Folge kam im 20. Jahrhundert nun zunehmend die Furcht vor Männerhass und damit der binäre Spiegelbegriff der Misandrie auf.
Wortherkunft Das Wort Misogynie geht auf das altgriechische Wort Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 628 (von misos = der Abscheu, der Hass, die Feindschaft, der Ekel, das Widerliche). zurück. Es ist gebildet aus sowie . In der griechischen Antike bezeichnete es die in der Philosophie vorherrschende Vorstellung von der ontologischen Minderwertigkeit der Frau. Ausgedrückt wurde dies entweder direkt über negative Beschreibungen der Frau oder indirekt über die positive Beschreibung der Unterordnung der Frau unter den Mann.
Definitionen Wurde Misogynie früher primär individualisierend für die konkrete Abwertung von Frauen im engeren Sinne gebraucht, so hat sich das Verständnis heute auf eine gesamtgesellschaftliche Sichtweise als „strukturelle Entwertung oder Benachteiligung von Weiblichkeit“ erweitert.
Misogynie ist insofern nicht auf Männer beschränkt, sondern auch bei Frauen weit verbreitet (Mittäterschaft) und sowohl von Jungen als auch von Mädchen über die Sozialisation verinnerlicht:
Begriffsabgrenzungen Es gibt Überschneidungen zwischen den Begriffskonzepten Misogynie/Frauenfeindlichkeit, Sexismus und Antifeminismus. Teilweise wird versucht, einzelne Begriffe voneinander abzugrenzen, teilweise werden sie auch synonym verwendet.Bernd Maelicke (Hrsg.): Lexikon der Sozialwirtschaft. Baden-Baden 2007, ISBN 978-3-8329-2511-6; Heinz Schreckenberg: Erziehung, Lebenswelt und Kriegseinsatz der deutschen Jugend unter Hitler. Münster / Hamburg / London 2001, ISBN 3-8258-4433-1, S. 197; Irmgard Maya Fassmann: Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung 1865–1919. Hildesheim / Zürich / New York 1996, ISBN 3-487-09666-8, S. 115. Insbesondere im englisch- und französischsprachigen Diskurs ist der Begriff Misogynie weiter verbreitet als in Deutschland, wo stattdessen häufiger von Sexismus die Rede ist. Die Philosophin Kate Manne setzt sich für eine Unterscheidung zwischen Sexismus und Misogynie ein; aus ihrer Sicht kennzeichnet Sexismus eine Ideologie, die eine patriarchale soziale Ordnung rechtfertige und rationalisiere, während Misogynie das System sei, das die entsprechenden sozialen Normen durchsetze. Während Sexismus aufgrund der zumeist unwissenschaftlichen Unterstellung natürlicher Unterschiede zwischen Männern und Frauen unterscheide, unterteile die Misogynie in „gute“ und „schlechte“ Frauen. Sexistische Ideologien könnten auf diese Weise misogyne Praktiken rechtfertigen. Deutsche Ausgabe: Down Girl: Die Logik der Misogynie. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Suhrkamp, Berlin 2020. Für Misogynie, die sich gegen Schwarze Frauen richtet, wurde der Begriff Misogynoir geprägt.
Erscheinungsformen Lange galten nur konkrete, extreme Formen der Abwertung von Frauen als Misogynie, wodurch Verbreitung und Ausmaß individuell und gesellschaftlich verschleiert wurden.Hans-Dieter Schmidt, Christiane Schmerl, Astrid Krameyer, Angelika Wagner, Dieter Steinbach, Amélie Schmidt-Mummendey: Frauenfeindlichkeit: Sozialpsychologische Aspekte der Misogynie. Juventa, München 1973, ISBN 3-7799-0518-3. Misogynie schlägt sich auf allen Ebenen sozialer Beziehungen nieder, von der gesamtgesellschaftlichen Ebene bis zur persönlichen Beziehungsebene. Misogynie tritt sowohl im analogen als auch im digitalen Raum auf. Sie kann sich auf vielfältige Weise und in unterschiedlicher Intensität ausdrücken:The Oxford Encyclopedia of Women in World History. Band 1. Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN 978-0-19-514890-9, S. 246 ff., 572–573 (englisch).Lorraine Code: Encyclopedia of Feminist Theories. Routledge, London 2000, ISBN 0-415-13274-6, S. 346 (englisch).Cheris Kramarae: Routledge International Encyclopedia of Women. Routledge, New York 2000, ISBN 0-415-92088-4, S. 1374–1377 (englisch).Robert Soucy: Sexism and misogyny. In: Encyclopædia Britannica. Stand: 13. April 2021, abgerufen am 16. Dezember 2021 (englisch; Misogynie als Aspekt des Faschismus, Teil des umfangreichen Artikels Fascism: Politics).Yifat Bitton: Reclaiming power? Women victims of sexual violence and the civil legal system. In: Natti Ronel, K. Jaishankar, Moshe Bensimon (Hrsg.): Trends and Issues in Victimology. Newcastle 2008, S. 130–149 (englisch).Inna Levy, Sarah Ben-David: Blaming victims and bystanders in the context of rape. In: Natti Ronel, K. Jaishankar, Moshe Bensimon (Hrsg.): Trends and Issues in Victimology. Newcastle 2008, S. 175–191 (englisch). fehlende Identifikation und Empathie mit Frauen sowie fehlende Unterstützung von Frauen strukturelle, wirtschaftliche oder rechtliche Ausgrenzung oder Benachteiligung von Frauen geringe Anerkennung der Arbeit von Frauen (etwa Care-Arbeit oder Gender-Pay-Gap) Verantwortungsumkehr gegenüber Frauen (Schuldzuschreibung an das weibliche Opfer, Täter-Opfer-Umkehr, Selbstbeschuldigung, Sündenbock) Nicht-Berücksichtigung oder Nicht-Achtung oder Nicht-Beachtung von Frauen Antifeminismus Verächtlichmachung von Frauen (Sexismus, sprachgeschichtliche Bedeutungsverschlechterung von Frauenbezeichnungen wie Magd, Weib, Mädel, Dirne, Mamsell, Frauenzimmer und anderer), Verachtung von Frauen oder Selbstverachtung bei Frauen Entmenschlichung oder Objektifizierung von Frauen (nicht nur durch Abwertung, sondern auch durch wirklichkeitsfeindliche Überidealisierung weiblicher Identitätsaspekte, etwa Körperideale, Mutter- oder Verhaltensideale) Gewalt oder sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen Femizid
Misogynie im digitalen Raum Online-Misogynie ist ein abstrakter Begriff für Erscheinungsformen von Misogynie, die im digitalen Raum auftreten. Die United Nations Broadband Commission und das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) nehmen sich dieser weltweiten Problematik unter dem Begriff „cyber violence against women and girls“ (cyber VAWG) an. Forschungen des EIGE gehen davon aus, dass eine von zehn Frauen seit ihrem sechzehnten Lebensjahr bereits zum Ziel von Online-Misogynie wurde.Europäisches Institut für Gleichstellungsfragen: Cyber violence against women and girls. 2017, S. 1, abgerufen am 17. Februar 2021. Online-Misogynie beschränkt sich somit nicht auf Einzelfälle.Inga Barthels: Das Geschäft mit der Demütigung hat eine lange Tradition. In: Der Tagesspiegel, 2021, abgerufen am 17. Februar 2021. Online-Misogynie hat System und wird als solches untersucht.Broadband Commission: Cyber Violence Against Women and Girls. A World-wide Wake-up Call. 2015, S. 5.
Erscheinungsformen von Online-Misogynie haben einerseits Folgen im digitalen Raum:Jill Filipovic: Blogging While Female: How Internet Misogyny Parallels “Real-World” Harassment. In: Yale Journal of Law & Feminism. 2007, S. 303, abgerufen am 12. Februar 2021.Anne Höhn: Hassrede lässt junge Frauen online verstummen. In: DW. 2018, abgerufen am 18. Februar 2021.
Anderseits hat Online-Misogynie signifikante Folgen für die Betroffenen im analogen Raum:Forschungszentrum Menschenrechte der Universität Wien, Weißer Ring, Verbrechensopferhilfe: Gewalt im Netz gegen Frauen & Mädchen in Österreich. 2018, S. 11.
Erscheinungsformen von Misogynie, die im digitalen Raum beginnen, gehen zudem immer mehr in den analogen Raum über. Beispielsweise sind die Praktiken des doxings, swattings und des Rachepornos zu nennen. Online-Misogynie ist eine Form der Gewalt, die realen Schaden verursacht.Emma A. Jane: Misogyny online. A short (and brutish) history. London 2019, S. 110.
Abgrenzung zu Misogynie im analogen Raum Online-Misogynie tritt im Gegensatz zu Offline-Misogynie nicht im analogen, sondern ausschließlich im digitalen Raum auf. Im digitalen Raum treten oft schwerere Erscheinungsformen von Misogynie auf als im analogen Raum. Beispielsweise finden sich in vielen Online-Bereichen bildliche Vergewaltigungsdrohungen gegenüber Frauen.Emma A. Jane: Misogyny online. A short (and brutish) history. London 2019, S. 3. Online-Misogynie trifft die Betroffenen somit oftmals härter als Offline-Misogynie. Die United Nations Broadband Commission nennt fünf Merkmale, die Online-Misogynie von Offline-Misogynie unterscheiden:Broadband Commission: Cyber Violence Against Women and Girls. A World-wide Wake-up Call. 2015, S. 23.
Anonymität: Eine beleidigende Person kann dem Opfer unbekannt bleiben. Aktion aus Distanz: Missbrauch kann ohne physischen Kontakt und von überall aus erfolgen. Automation: Beleidigende Aktionen benötigen durch technologische Hilfsmittel weniger Zeit und Bemühungen. Zugänglichkeit: Die Vielfalt und Erschwinglichkeit vieler Technologien machen sie für die Täter leicht zugänglich. Ausbreitung und Beständigkeit: Texte und Bilder vermehren sich und existieren für eine lange Zeit oder auf unbestimmte Zeit.
Zielgruppen Online-Misogynie richtet sich gegen verschiedene Zielgruppen, mit unterschiedlichen Folgen.
Frauen in der Politik Online-Misogynie gegenüber Politikerinnen stellt im 21. Jahrhundert eine nochmals eigenständige Problematik dar.Meike Laaf, Lisa Hegemann: Hetze trifft irgendwann jeden: Verwandte, Bekannte, Sie selbst. In: Zeit Online. 2020, abgerufen am 18. Februar 2021. Sie geht mit spezifischen Merkmalen einher, woraus sich individuelle und gesamtgesellschaftliche Folgen ergeben. Online-Misogynie gegenüber Politikerinnen ist unter anderem in den USA und Deutschland zu beobachten.
Merkmale Es wurde beobachtet, dass politische Diskussionen in sozialen Medien zunehmen.Emily Vraga, Kjerstin Thorson, Neta Kligler-Vilenchik, Emily Gee: How individual sensitivities to disagreement shape youth political expression on Facebook. In: Computers in Human Behavior. Band 45, 2015, S. 281. Dabei machen beispielsweise beleidigende Tweets durchschnittlich 18 % aller Tweets aus, in denen Abgeordnete erwähnt werden.Yannis Theocharis, Pablo Barberá, Zoltán Fazekas, Sebastian Adrian Popa: The Dynamics of Political Incivility on Twitter. In: SAGE Open. Band 10, Nr. 2, 2020, S. 1. Bei kontroversen politischen Debatten und politischen Events liegt der Prozentsatz an beleidigenden Tweets bei über 18 %.