Marcel Frenkel (geb. 24. Mai 1907 in Berlin; gest. 18. November 1960 in Düsseldorf) war ein deutscher Jurist jüdischer Herkunft, kommunistischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Ministerialbeamter und Vorsitzender der VVN.
Leben Jugend in Kaiserreich und Weimar Marcel Frenkel kam aus einer deutsch-jüdischen Familie. Sein Vater war Klempner. Er ging in Düsseldorf zur Schule, absolvierte dort eine kaufmännische Lehre und bereitete sich daneben in Abendkursen auf die Mittlere Reife vor, der 1926 das Abitur folgte. Er studierte an der Universität zu Köln, der Universität Berlin und der Universität Bonn Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Rechtswissenschaften. 1929 legte er in Köln das Erste juristische Staatsexamen ab. 1930 schloss sich die Promotion zum Dr. jur. an der Universität zu Köln an. Thema der Dissertation war „Die Eidesdelikte im künftigen Strafgesetz“.Alle Angaben nach: Marcel Frenkel: Die Eidesdelikte im künftigen Strafgesetz. Quakenbrück 1930.
Nationalsozialismus
Noch während seines Referendariats (1931–1933) in einer Kanzlei zweier der KPD verbundenen Rechtsanwälte hatte Frenkel sich einen Namen als Verteidiger von NS-Gegnern gemacht, die er im Auftrag der Roten Hilfe vertreten hatte. Zwar konnte er im April 1933, also nach der Machtübergabe an die NSDAP und ihre deutschnationalen Bündnispartner, noch sein zweites Examen machen und wurde damit zum Assessor ernannt, aber es entfiel für ihn aufgrund des nationalsozialistischen „Berufsbeamtengesetzes“ die Möglichkeit einer Übernahme in den öffentlichen Dienst, und da er als Verteidiger mehrfach bedroht worden war, flüchtete er mit seiner Frau Charlotte („Lotte“), die er 1932/33 in Düsseldorf im „Büro zur Verteidigung der Menschenrechte“ kennengelernt hatte, in die benachbarten Niederlande. Dort heirateten die beiden im Dezember 1932.
Dort lebten die beiden zunächst mit der Hilfe jüdischer Flüchtlingskomitees, dann verkaufte Frenkel Herrenmode-Artikel und eröffnete 1939 ein eigenes Herrenmodegeschäft. 1940 wurde dieses Geschäft mit der nun eingetretenen Okkupation des Landes durch deutsche Truppen als jüdisches Eigentum enteignet („arisiert“). Die Frenkels schlossen sich nun einer kommunistischen Widerstandsgruppe an. Frenkel wurde zudem Mitglied des Judenrats Amsterdam. 1942 trat er in die illegalisierte Kommunistische Partei Deutschlands ein. Er erhielt den Decknamen Hein Riechers. Ende November 1943 tauchte das Paar angesichts der Vorbereitung der Deportation der verbliebenen Amsterdamer Juden in das Durchgangslager Westerbork in die vorbereitete Illegalität unter. Mehrere Male entgingen Lotte und Marcel Frenkel, die ab 1943 mit falschen Pässen unterwegs waren, nur knapp den Deportationen.Cordula Lissner. In der Justiz lebe ich wie im Exil. Zur Rückkehr jüdischer Juristen und Juristinnen. In: Anne Klein, Jürgen Wilhelm: NS-Unrecht vor Kölner Gerichten nach 1945. Köln 2003, S. 75–88, hier: S. 83.Cordula Lissner: Den Fluchtweg zurückgehen. Remigration nach Nordrhein-Westfalen 1945–1955. Essen 2006, S. 328. Sie lebten in Leiderdrop, wo sie einen Nachrichtendienst organisierten.
Erste Nach-NS-Stationen Nach dem NS-Ende kehrte Frenkel, der zahlreiche Familienangehörige in den Konzentrationslagern verloren hatte, im September 1945 nach Deutschland zurück und war zunächst als juristischer Berater der Vereinigung deutscher und staatenloser Antifaschisten (VDSA) tätig.Cornelia Lissner: „In der Justiz lebe ich wie im Exil“ – Zur Rückkehr jüdischer Juristen und Juristinnen. In: Anne Klein, Jürgen Wilhelm (Hrsg.): NS-Unrecht vor Kölner Gerichten nach 1945. Köln 2003, S. 75–88, hier: S. 82 f. Erfolgreich bewarb er sich im Oberpräsidium der Provinz Nordrhein, wo er als Nachfolger von Philipp Auerbach in der Abteilung „Volkswohlfahrt“ ab Januar 1946 Wiedergutmachungssachen bearbeitete. Damit war er die führende Person für die Entschädigung der NS-Verfolgten in der britischen Zone.Soweit bis hierhin nicht anders angegeben: Boris Spernol: Im Kreuzfeuer des kalten Krieges. Der Fall Marcel Frenkel und die Verdrängung der Kommunisten. In: Norbert Frei, José Brunner, Constantin Goschler (Hrsg.): Die Praxis der Wiedergutmachung. Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel (= Schriftenreihe des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv. Band 28). Göttingen 2009, S. 203–236, hier: S. 207 f. Im November 1946 wurde er zum Ministerialdirigenten befördert. Im April 1949 wurde er unter Walter Menzel Leiter der Abteilung „Wiedergutmachung“ des NRW-Innenministeriums.Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München 1980, S. 192. Zugleich blieb Frenkel ein aktives Mitglied seiner Partei, der KPD, auf deren NRW-Landesliste er 1949 ohne Erfolg zur Bundestagswahl kandidierte. Als ihn die jüdische Gemeinde Düsseldorf um die Kandidatur zu ihrem Vorsitz bat, ließ er sich wählen, allerdings ohne sich der Religionsgemeinschaft zurechnen zu lassen, sondern als Akt der Solidarität. Nach der Umwandlung der Gemeinde in eine Kultusgemeinde traten er und seine Frau dort aus.Boris Spernol: Im Kreuzfeuer des kalten Krieges. Der Fall Marcel Frenkel und die Verdrängung der Kommunisten. In: Norbert Frei, José Brunner, Constantin Goschler (Hrsg.): Die Praxis der Wiedergutmachung. Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel (= Schriftenreihe des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv. Band 28), Göttingen 2009, S. 203–236, hier: S. 210.
Mit besonderem Nachdruck setzte Frenkel sich für die Anerkennung einer rassistisch motivierten Verfolgung der Angehörigen der Roma-Minderheit ein. In der Nachkriegszeit in Deutschland bestand weiterhin ein breiter Konsens über die Verweigerung von Rechten an Individuen und an Minderheiten, die als asozial betrachtet wurden, wozu traditionell auch „Zigeuner“ gerechnet wurden. Die bundesdeutschen Entschädigungsbehörden und Gerichte teilten diese Meinung ganz überwiegend. Das hatte in Entschädigungsverfahren eine Umkehr der Beweislast zur Folge. „Zigeuner“ hatten den Behörden detailliert nachzuweisen, dass sie nicht aus „kriminalpräventiven“ Gründen als „Asoziale“, sondern „aus Gründen der Rasse“ in die Lager deportiert oder auf andere Weise vom NS-Regime verfolgt worden waren. In der Kölnischen Rundschau wurde der Frenkel-Behörde vorgeworfen, „Fürsorge an asoziale Elemente“ zu leisten.Boris Spernol: Im Kreuzfeuer des kalten Krieges. Der Fall Marcel Frenkel und die Verdrängung der Kommunisten. In: Norbert Frei, José Brunner, Constantin Goschler (Hrsg.): Die Praxis der Wiedergutmachung. Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel (= Schriftenreihe des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv. Band 28), Göttingen 2009, S. 203–236, hier: S. 219.
In NRW galt diese Fortführung einer NS-Perspektive – nicht zuletzt aufgrund von Frenkels Rechtsauslegung und -anwendung – nicht.Alle Angaben nach: Gilad Margalit: Die Nachkriegsdeutschen und „ihre Zigeuner“. Die Behandlung der Sinti und Roma im Schatten von Auschwitz. Berlin 2001, passim, insbesondere S. 127 ff., 151. In einem Schreiben vom 21. Mai 1948 stellte er gegenüber nachgeordneten Verwaltungsstellen klar, dass „Zigeuner und Zigeunermischlinge“ unter die Gruppe der rassisch Verfolgten fallen würden und dass sie als solche zu behandeln seien.Anerkennung politisch, rassisch, religiös Verfolgter u. a. Zigeuner, Zwangssterilisierter, Ausländer etc. (1948–49). Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Bestand NW 114, WGM allgemein. – Zitiert nach: Julia von dem Knesebeck: The Roma Struggle for Compensation in Post-War Germany. University of Hertfordshire Press, Hatfield/Hertfordshire 2011, S. 80. Nach Meinung Gilad Margalits zeigten Marcel Frenkel und dessen bayerischer Kollege Philipp Auerbach, die wieder und wieder gegen die Haltung vieler nichtjüdischer Kollegen protestierten, als Angehörige eines ebenfalls verfolgten Kollektivs und vor dem Hintergrund des „Trauma[s] der Shoa“ eine „besondere Sensibiliät“ und „Solidarität“ gegenüber der verfolgten Roma-Minderheit.Alle Angaben nach: Gilad Margalit: Die Nachkriegsdeutschen und „ihre Zigeuner“. Die Behandlung der Sinti und Roma im Schatten von Auschwitz. Berlin 2001, passim, insbesondere S. 165.
Antikommunistische Kampagne und Ausschluss aus dem öffentlichen Dienst Anfang der 1950er Jahre mussten einige hohe Beamte, die die Landesentschädigungsbehörden leiteten, diese verlassen. Mit Philipp Auerbach (Bayern), Curt Epstein (Hessen),Constantin Goschler, Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus 1945–1954, München 1992, S. 85, 90, 95. Alphonse Kahn (Rheinland-Pfalz), Ludwig Loeffler (Hamburg) und Marcel Frenkel handelte es sich um eine Gruppe „von jüdischen Beamten, die selbst NS-Verfolgte waren“.Gilad Margalit: Die Nachkriegsdeutschen und „ihre Zigeuner“. Die Behandlung der Sinti und Roma im Schatten von Auschwitz. Berlin 2001, S. 122. Frenkel wurde noch 1950 innerhalb der ministeriellen Bürokratie als „einer der Hauptinitiatoren und Kenner des Wiedergutmachungsrechtes“ eingeschätzt.Boris Spernol: Die „Kommunistenklausel“. Wiedergutmachungspraxis als Instrument des Antikommunismus. In: Stefan Creuzberger/Dierk Hoffmann (Hrsg.): „Geistige Gefahr“ und „Immunisierung der Gesellschaft“. Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik. München 2014, S. 224. Aber die britischen Militärbehörden, die darauf drängten, Kommunisten aus den deutschen Behörden zu entfernen, bezeichneten ihn bereits im April 1949 intern als den „wichtigsten und gefährlichsten dieser Leute“.Boris Spernol: Im Kreuzfeuer des kalten Krieges. Der Fall Marcel Frenkel und die Verdrängung der Kommunisten. In: Norbert Frei, José Brunner, Constantin Goschler (Hrsg.): Die Praxis der Wiedergutmachung. Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel (= Schriftenreihe des Minerva Instituts für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv. Band 28), Göttingen 2009, S. 203–236, hier: S. 214.