Carl Ortwin Sauer (* 24. Dezember 1889 in Warrenton, Missouri; † 18. Juli 1975 in Berkeley, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Geograph. Mit seinem historisch orientierten Ansatz zur Erforschung von Kulturlandschaften prägte er die US-amerikanische Kulturgeographie nachhaltig.
Leben Sauer wurde am 24. Dezember 1889 als Sohn deutschstämmiger Methodisten in Warrenton, Missouri, geboren. Als Schüler verbrachte er mehrere Jahre in Calw.Verschiedene Quellen geben die Dauer mit zwei (Pfeifer 1975, Gade 2014), drei (Parsons 1976) oder fünf (Leighly 1976, Pfeifer 1986) Jahren an. Später besuchte Sauer bis zu seinem Abschluss 1908 das Central Wesleyan College in Warrenton, an dem auch sein Vater unterrichtete.
Anschließend studierte er zunächst Geologie an der Northwestern University und, ab dem folgenden Jahr, Geographie an der University of Chicago. Dort promovierte er 1915 bei Rollin D. Salisbury mit einer regionalgeographischen Studie über das Ozark-Plateau. Kurzzeitig war er im Kartenverlag Rand McNally und an der Massachusetts State Normal School in Salem tätig. Von 1915 bis 1923 war Sauer an der University of Michigan tätig. Dort 1922 zum Full Professor ernannt, wurde er im folgenden Jahr an die University of California, Berkeley berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1957 blieb. 1940/41 fungierte er als Präsident der Association of American Geographers, 1955/56 als deren Ehrenpräsident.
Sauer starb am 18. Juli 1975, nur einen Monat nach seiner Ehefrau Lorena (geb. Schowengerdt), die er bereits zu Schulzeiten in Missouri kennengelernt und mit der er zwei Kinder hatte. Sowohl sein Sohn Jonathan D. Sauer (1918–2008) als auch seine Enkelin Margaret FitzSimmons (1947–2023), Tochter seiner Tochter Elizabeth, waren ebenfalls Geographieprofessoren.
Grundpositionen Sauer war zeitlebens tief durch seine Herkunft im ländlichen Mittleren Westen der Vereinigten Staaten geprägt und zeigte sich, wo immer er sich aufhielt, den „einfachen“ Leuten vor Ort verbunden. Er bevorzugte es daher, anlässlich seiner Forschung selbst mit diesen zu sprechen und die hierfür jeweils nötigen Sprachkenntnisse zu erwerben, was zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Im Rahmen seiner Aufenthalte in Lateinamerika eignete er sich daher autodidaktisch Kenntnisse in der spanischen Sprache an, außerdem beherrschte er neben Englisch und Deutsch auch Französisch. Zu seinen zentralen Anliegen gehörte die Bewahrung der ökologischen und kulturellen Vielfalt, die er durch Modernisierung und Urbanisierung gefährdet sah – Positionen, die sich im Nachhinein mit den Begriffen der Nachhaltigkeit und des Multikulturalismus beschreiben lassen, ohne dass Sauer selbst diese verwendet hätte.
Nachfolgenden Generationen galt Sauer als geradezu anti-modernistisch und reaktionär. Ihm und seinen Schülern wurde vorgeworfen, mit ihrer Forschung romantisierende Nostalgie zu betreiben. Zwar sprach sich Sauer laut seinem langjährigen Kollegen John Leighly 1932 für den eher liberal eingestellten Präsidentschaftskandidaten Franklin D. Roosevelt aus, mit den Jahren wurde er jedoch konservativer und pessimistischer, was institutionalisierte Politik und zentralisierte Bürokratie im Allgemeinen betraf. Allerdings hatten sich bereits seine Erfahrungen als ein Gründer des Michigan Land Economic Survey, für das er anwendungsorientierte Feldmethoden entwickelt hatte, negativ auf seine Einstellung zu bürokratisch-formelhaftem Denken ausgewirkt und seinen Abgang aus Michigan sowie den Wechsel seines Forschungsschwerpunktes nach sich gezogen. Wissenschaftspolitischen Einfluss nahm er jedoch auch in den Folgejahren, unter anderem als Mitglied der Auswahlgremien für die Vergabe der Guggenheim-Stipendien (1936–1965) und der Stipendien der Wenner-Gren Foundation for Anthropological Research. Außerdem war er an der Gründung des Soil Conservation Service (heute Natural Resources Conservation Service) 1932 beteiligt, einer dem Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten unterstellten Behörde, und für diese anschließend beratend tätig.
Sauer pflegte enge Kontakte nach Deutschland und eröffnete zahlreichen deutschen Geographen, darunter Albrecht Penck, Oskar Schmieder, Karl J. Pelzer, Fritz Bartz und Gottfried Pfeifer, die Möglichkeit eines Gastaufenthalts in Berkeley. Überzeugt vom Humboldtschen Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre, lehnte er hingegen die akademische Ausbildung an britischen Universitäten als vermeintlich mangelhaft ab und stellte niemals einen britischen Geographen ein.
Werk und Wirken In seinem Aufsatz The Morphology of Landscape von 1925 trifft Sauer die Aussage, dass die Untersuchung einer Landschaft Rückschlüsse zulässt auf die sie prägende jeweilige menschliche Kultur. Mit diesem Ansatz wandte er sich gegen den damals in der US-amerikanischen Geographie vorherrschenden Umwelt- oder Geodeterminismus, ersetzte ihn jedoch durch eine Art Kulturdeterminismus, der Kultur als eigenständige Erklärung behandelt, ohne den sozialen Kontext zu untersuchen, aus dem sie entsteht. In späteren Jahren äußerte er sich enttäuscht, dass dieser vergleichsweise kurze Aufsatz unter Geographen mehr Beachtung gefunden hatte als seine umfangreicheren Arbeiten. Darüber hinaus legte Sauer seine theoretischen Grundlagen kaum systematisch dar, was mutmaßlich zur Breite an unterschiedlichen Interpretationen seines Denkens beitrug. Seine Feldforschung ergänzte er ab Mitte der 1930er Jahre durch Archivarbeit, welche jene in späteren Jahren immer weiter ersetzte.
Vielleicht noch mehr als über seine schriftlichen Werke war Sauer als akademischer Lehrer einflussreich. Er war zentrale Figur der sogenannten „Berkeleyer Schule“ der Geographie und betreute über 40 Dissertationen, darunter die ersten 15 sowie 28 der ersten 35 Dissertationen am Berkeleyer Geographie-Institut. Dieses leitete er bis 1954 31 Jahre lang als Vorsitzender. Laut Daniel W. Gade waren bis 2014 neben fünf Büchern fast 600 weitere Kommentare über Sauer veröffentlicht worden, mehr als über jeden anderen Geographen des 20. Jahrhunderts.
Auszeichnungen und Ehrungen Sauer erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, u. a. 1940 die Charles P. Daly Medal der American Geographical Society, 1957 die Vega-Medaille der Schwedischen Gesellschaft für Anthropologie und Geographie, 1959 die Alexander-von-Humboldt-Medaille der Gesellschaft für Erdkunde und 1975, kurz vor seinem Tod, die Victoria Medal der Royal Geographical Society. Die Universität Heidelberg (1956, anlässlich einer Gastprofessur), die Syracuse University (1958), die University of California, Berkeley (1960) und die University of Glasgow (1965) verliehen Sauer die Ehrendoktorwürde. 1944 wurde er zum Mitglied der American Philosophical Society gewählt.
Schriften (Auswahl) Monographien
Aufsätze
Literatur
Weblinks
Sauer, Carl Ortwin – Eintrag im Spektrum Lexikon der Geographie Walter A. Schroeder: Carl Ortwin Sauer (1889–1975). Eintrag bei Missouri Encyclopedia, 23. Juni 2022.
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Geograph (20. Jahrhundert) Kategorie:Historischer Geograph Kategorie:Hochschullehrer (University of California, Berkeley) Kategorie:Hochschullehrer (University of Michigan) Kategorie:Ehrendoktor der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Kategorie:Ehrendoktor der University of Glasgow Kategorie:Ehrendoktor einer Universität in den Vereinigten Staaten Kategorie:Mitglied der American Philosophical Society Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1889 Kategorie:Gestorben 1975 Kategorie:Mann