Die Quellenkritik versucht festzustellen, unter welchen Umständen eine Geschichtsquelle entstanden ist, insbesondere wer sie wann mit welcher Motivation hergestellt hat, und bewertet ihre inhaltliche Zuverlässigkeit. Sie ist eine zentrale Aufgabe der Geschichtswissenschaft und als Teil der historisch-kritischen Methode ein entscheidendes Merkmal der Wissenschaftlichkeit des Fachs.

Hintergrund Die moderne, methodische Quellenkritik hat zwei Vorläufer: die philologische Textkritik aus der RenaissanceG. W. Most: The rise and fall of Quellenforschung. In: A. Blair, A.-S. Goeing (Hrsg.): For the sake of learning: essays in honor of Anthony Grafton. Band 2. Leiden 2016, S. 933–954. und die etwas spätere Beschäftigung mit alten Urkunden durch die Diplomatik, um deren Echtheit und damit die Stichhaltigkeit der mit ihnen verbundenen Aussagekraft festzustellen. Damit können auch mögliche Geschichtsfälschungen aufgedeckt werden. Innerhalb der (klassischen) Philologie ist sie oft wegen ihrer Fokussierung auf (verlorene und vermeintlich höherwertige) griechische Vorbilder kritisiert worden; sie hat aber kürzlich in einer aktualisierten Form wieder verstärkt Anwendung gefunden.C. B. Krebs: Making History: Constructive Wonder (aka Quellenforschung) and the Composition of Caesar’s Gallic War (Thanks to Labienus and Polybius). In: A. D. Poulsen, A. Jönsson (Hrsg.): Usages of the Past in Roman Historiography. Leiden 2021, S. 91–114.

Durch den Vergleich einer Quelle mit anderen, durch die Überprüfung der Plausibilität von gemachten Aussagen oder durch technische Untersuchungen lassen sich gestellte Fragen oft klären; manchmal lassen sie sich jedoch auch nicht eindeutig beantworten oder erst mit neu entwickelten Untersuchungsmethoden (siehe zum Beispiel Vinland-Karte). Quellenkritik muss in gleichem Maße, wenn auch oft mit anderen Methoden, auf nicht-schriftliche Quellen (zum Beispiel Gebäude, archäologische Artefakte,Zur Quellenkritik bei archäologischen Artefakten siehe Christoph Hinker: Ausgewählte Typologien provinzialrömischer Kleinfunde. Eine theoretische und praktische Einführung (= Beiträge zur Archäologie. Band 8). Lit, Wien/Berlin 2013, ISBN 978-3-643-50510-1, S. 18–20. Münzen, Briefmarken) angewendet werden. Mit den verschiedenen Quellenarten und den Methoden zu ihrer Kritik befassen sich die Historischen Hilfswissenschaften.

Einteilung Bei der Quellenkritik muss man zwischen Aufnahme bzw. Befund einerseits und Deutung andererseits unterscheiden. Der Befund geht dabei immer der Deutung voraus. Die Deutung darf nicht allein aus dem Text geschehen, denn die Entstehungsgeschichte und die historischen Umstände tragen zur Bedeutung bei. Grundsätzlich wird zwischen innerer und äußerer Quellenkritik unterschieden.

Äußere Quellenkritik Die äußere Quellenkritik bezieht sich auf die physische Gestalt der Quelle: Art der Herstellung, die hilfreich zur Feststellung von Ursprungsort und -zeit sein kann, Materialwahl, Textfluss, Wortwahl und Stil, sowie Aufbewahrungsort, Erhaltungszustand und andere Aspekte des Überlieferungszusammenhangs, schließlich die Vollständigkeit der Quelle, sind hier als mögliche Gegenstände der äußeren Kritik zu nennen. Eine ältere Bezeichnung für äußere Quellenkritik ist „Kritik der Echtheit“, denn sie gibt Auskunft darüber, ob der angegebene Aussteller oder Hersteller der Quelle auch der tatsächliche ist oder sein kann. Doch auch gesicherte Falsifikate haben Quellenwert, nämlich in Bezug auf den Fälscher.Klaus Arnold: Der wissenschaftliche Umgang mit Quellen. In: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 42–58, hier S. 5.

Ernst Bernheim fasst die äußere Quellenkritik in seiner vielfach nachgedruckten Einleitung in die Geschichtswissenschaft in vier Fragen zusammen:

Innere Quellenkritik Die innere Quellenkritik bezieht sich auf die Frage nach der Qualität der enthaltenen Informationen. Durch Fragen nach der Autorenschaft, dem Adressaten, dem Sinnzusammenhang usw. soll insbesondere geklärt werden, wie nah die Quelle örtlich und zeitlich dem berichteten Geschehen steht, da größere Nähe ein Anzeichen für die Qualität der Informationen sein kann. Dies muss allerdings nicht zwangsläufig der Fall sein; so kann eine zeitlich wesentlich später entstandene Schilderung (wie ein antikes Geschichtswerk) auf zuverlässigen zeitnahen, inzwischen aber verlorenen Berichten basieren.Vgl. auch Stefan Haas: Geschichtswissenschaft. Eine Einführung. Paderborn 2023, S. 55.

Der Aussagewert einer Quelle hängt auch von der jeweiligen Fragestellung ab, daher müssen Kriterien der Nachprüfbarkeit eingehalten werden (z. B. Zugänglichkeit und Nachvollziehbarkeit, die Prüfung der möglichst gesamten relevanten Quellenbasis, eine kritisch und transparente Prüfung unabhängig von der gewählten Fragestellung).Stefan Haas: Geschichtswissenschaft. Eine Einführung. Paderborn 2023, S. 61 f.

Des Weiteren wird etwa die Plausibilität des Quellengehalts daran geprüft, ob sie überhaupt möglich ist. Da das Klaus Arnold: Der wissenschaftliche Umgang mit Quellen. In: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 42–58, hier S. 44, ISBN 3-499-55688-X. ist, kommt bei der Beurteilung von Quellen der „Nähe“ zum Geschehen besonderer Wert zu, wobei teilweise ‚Primär-‘ und ‚Sekundärquelle‘ gesprochen wird:

Dabei ist die Frage nach dem Urheber einer Quelle, Klaus Arnold: Der wissenschaftliche Umgang mit Quellen. In: Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2001, S. 42–58, hier S. 50. besonders wichtig für die innere Quellenkritik:

Ernst Bernheim unterteilt die Quellenkritik wie folgt:

Digitale Quellenkritik Im Angesicht moderner digitalisierter oder originär digitaler Quellen wird die traditionelle Quellenkritik um die Dimension einer Quellenkritik des Digitalen erweitert:

Ähnlich wie bei traditionellen Quellen ist auch im digitalen Raum oft die Frage wichtig, welche Fassung einer Quelle wann von wem erschaffen und gegebenenfalls verändert wurde, um sie korrekt zu interpretieren.

Siehe auch Geschichtskritik Geschichtsfälschung

Literatur Stefan Jordan (Hrsg.): Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe. Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-000503-5. Friedrich Beck, Eckart Henning (Hrsg.): Die archivalischen Quellen. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2004, ISBN 3-412-04804-6. Pascal Föhr: Historische Quellenkritik im Digitalen Zeitalter. VWH Verlag Werner Hülsbusch, Glückstadt 2019, ISBN 3-86488-153-6 (Dissertation Basel 2018). – Digitalisat auf edoc.unibas.ch, abgerufen am 21. September 2021; Rezension von Guido Koller, auf hsozkult.de, abgerufen am 21. September 2025. Stefan Haas: Geschichtswissenschaft. Eine Einführung. utb basics. Brill/Schöningh, Paderborn 2023. Klaus Meister: Einführung in die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt Antike. 2 Bände, Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997–1999, ISBN 3-506-99458-1 (Band 1 zu Griechenland) und ISBN 3-506-99508-1 (Band 2 zu Rom).

Weblinks

Quellenkritik. Lerneinheit in: Geschichte Online der Universität Wien Leitfaden zur Quellenkritik, auf tu-berlin.de Methode der Quellenkritik, auf propylaeum.de (in Anlehnung an Theodor Mommsen, 1874) Die W-Fragen, auf historicum-estudies.uni-koeln.de Fabio Crivellari: Quellenkritik, auf uni-konstanz.de Lucca Sann, Melvin Pietschmann: Quellenkritik, auf geschichte.kit.edu Digitale Quellenkritik, auf dhd-blog.org

Fußnoten

Kategorie:Quellenarbeit Kategorie:Geschichtsdidaktik