Heinrich Benedikt (* 30. Dezember 1886 in Wien, Österreich-Ungarn; † 26. Dezember 1981 ebenda) war ein österreichischer Jurist und Historiker. Er war ordentlicher Universitätsprofessor für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien.

Leben Benedikt wurde 1886 als Sohn des früh verstorbenen Chemikers Rudolf Benedikt (1852–1896), Professor für Chemie an der Technischen Hochschule Wien, und dessen Frau Henriette, geb. Goldschmidt, im 4. Wiener Gemeindebezirk, Wieden, geboren. Er entstammt einer großbürgerlichen assimilierten jüdisch-österreichischen Familie von Fabrikanten und Großhändlern; er war Neffe des liberalen Rechtsanwalts Edmund Benedikt und des Dichters Karl Emil Franzos. Als Vierzehnjähriger konvertierte er 1901 im Sinne der Verwandtschaft zum Protestantismus,Anna L. Staudacher: "…meldet den Austritt aus dem mosaischen Glauben". 18000 Austritte aus dem Judentum in Wien, 1868–1914. Namen – Quellen – Daten. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2009, ISBN 978-3-631-55832-4, S. 49, Fn. 47. war aber zeitlebens mehr dem Katholizismus zugeneigtMechthild Dubbi: Vom k.u.k. Hauptmann zum Kommerzialrat. Karl Bittner (1871–1951). Zwei Lebensentwürfe im Spiegel autobiographischer Aufzeichnungen (= Sozial- und wirtschaftshistorische Studien. Bd. 33). Verlag für Geschichte und Politik, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-77803-5, S. 210..

Er wurde in seiner frühen Kindheit von einem Hauslehrer unterrichtet und mit deutschsprachiger Literatur vertraut gemacht.Hannes Stekl: „Sei es wie es wolle, es war doch schön“. Bürgerliche Kindheit in Autobiographien. In: Hubert C. Ehalt, Gernot Heiß, Hannes Stekl (Hrsg.): Glücklich ist, wer vergisstÖsterreich-Ungarn…?. Das andere Wien um 1900 (= Kulturstudien. Bd. 6). Böhlau, Wien u. a. 1986, ISBN 3-205-08857-3, S. 24. Benedikt besuchte zunächst die evangelische Volksschule am Karlsplatz in Wien, dann die Akademischen Gymnasien in Wien und Salzburg (Mitschüler von Georg Trakl) und später das Reichenberger k.k. Staats-Gymnasium in Böhmen, wo der nachmalige Historiker Hermann Aubin zu seinen Schulfreunden gehörte.Eduard Mühle: Hermann Aubin, der >Deutsche Osten< und der Nationalsozialismus. Deutungen eines akademischen Wirkens im Dritten Reich. In: Hartmut Lehmann, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften. Band 1: Fächer – Milieus – Karrieren (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. Bd. 200). Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-35198-4, S. 549, Fn. 67. Nach der Matura war er Einjährig-FreiwilligerMechthild Dubbi: Vom k.u.k. Hauptmann zum Kommerzialrat. Karl Bittner (1871–1951). Zwei Lebensentwürfe im Spiegel autobiographischer Aufzeichnungen (= Sozial- und wirtschaftshistorische Studien. Bd. 33). Verlag für Geschichte und Politik, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-77803-5, S. 135. bei der Artillerie der Gemeinsamen Armee. Seine Garnison war Reichenberg,Mechthild Dubbi: Vom k.u.k. Hauptmann zum Kommerzialrat. Karl Bittner (1871–1951). Zwei Lebensentwürfe im Spiegel autobiographischer Aufzeichnungen (= Sozial- und wirtschaftshistorische Studien. Bd. 33). Verlag für Geschichte und Politik, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-77803-5, S. 42. Waffenübungen führten den Reserveleutnant u. a. nach Łobzów (1909)Mechthild Dubbi: Vom k.u.k. Hauptmann zum Kommerzialrat. Karl Bittner (1871–1951). Zwei Lebensentwürfe im Spiegel autobiographischer Aufzeichnungen (= Sozial- und wirtschaftshistorische Studien. Bd. 33). Verlag für Geschichte und Politik, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-77803-5, S. 107..

Er studierte – im Wesentlichen beeinflusst durch seinen Onkel – Rechtswissenschaften (Jus) an der Universität Wien und legte die zweite Staatsprüfung ab. Zu seinen akademischen Lehrern gehörte u. a. der Zivilrechtler Josef Schey von Koromla. 1910 wurde der frisch vermählte Benedikt Rechtsberater der Rohrzucker-Raffinerie in Lissa an der Elbe, die im Besitz seines damaligen Schwiegervaters Michael Benies war. 1911 wurde er an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien zum Dr. jur. promoviert.

Im Ersten Weltkrieg rückte der Reserveoffizier zum Kriegsdienst ein. Er war zunächst als reitender bzw. fahrender Ordonnanzoffizier im Evidenzbüro des k.u.k. Kriegsministeriums unter Oberst Oskar von Hranilovic-Cvetassin in Wien tätig – dieses ging sodann in die Nachrichtenabteilung des k.u.k. Armeeoberkommandos, die später in Teschen in Österreichisch-Schlesien ihren Sitz hatte, über. Während er von 1914 bis 1916, aufgestiegen zum politischen Referenten, ausschließlich in der Nachrichtenabteilung verwendet worden war, diente er während der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive 1916 in einer Gebirgsbrigade kurzzeitig an der Front. Zuletzt bekleidete er im k.u.k. Kriegspressequartier in Wien den Dienstgrad eines Oberleutnants der ReservePeter Broucek: Militärischer Widerstand. Studien zur österreichischen Staatsgesinnung und NS-Abwehr. Böhlau, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-77728-1, S. 7, Fn. 1.. Ihm wurde die Bronzene (1915) und die Silberne Militär-Verdienstmedaille mit Schwertern (1916) und das Eiserne Kreuz (1915) verliehen.Die Prominenz der Republik Österreich im Bild. Ascot-Verlag, Zürich 1962, S. 1929; Heinrich Benedikt: Damals im alten Österreich. Erinnerungen. Amalthea, Wien u. a. 1979, ISBN 3-85002-109-2, S. 335 f. Danach war er erneut in Industrie und Landwirtschaft in Böhmen, Mähren und Österreich tätig – erste historische Publikationen erschienen. Ab 1926 studierte er Geschichte, Urgeschichte und Kunstgeschichte an der Universität Wien, 1930 folgte bei Heinrich von Srbik, Ordinarius für Allgemeine Geschichte der Neuzeit, und Alfred Francis PřibramGerald Stourzh: In Rememberance: Heinrich Benedikt (1886–1981). In: Austrian History Yearbook 17 (1981), S. 579–580, hier: S. 579., Ordinarius für Mittelalterliche und Neuere Geschichte, die Promotion zum Dr. phil. Seine zuvor veröffentlichte Abhandlung, Das Königreich Neapel und Kaiser Karl VI., wurde als Dissertation angenommen. Außerdem unternahm er zahlreiche Italienreisen, gelegentlich schrieb er Artikel für die Prager Presse, eine deutschsprachige, linksbürgerliche Tageszeitung. Wie auch Robert A. Kann und Friedrich Engel-Jánosi wurde er in der Ersten Republik vom „lebendigen und vielgestaltigen kulturellen Leben“ der österreichischen Hauptstadt geprägt.Walter Leitsch: Robert A. Kann †. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas N.F. 30 (1982) 4, S. 638–640, hier: S. 639.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs emigrierte er von 1939 bis 1946 nach Großbritannien.Gabriela Ann Eakin-Thimme: Geschichte im Exil. Deutschsprachige Historiker nach 1933 (= Forum Deutsche Geschichte. 8). M-Press, München 2005, ISBN 3-89975-502-2, S. 337. Benedikt, der u. a. in London und Oxford lebte, arbeitete in dieser Zeit als Buchhandelsgehilfe und befasste sich mit englischer Geschichte. Erst nach Kriegsende kehrte er nach Wien zurück. Seine Schwester Alice († 1941 im damaligen Litzmannstadt (Łódź)) überlebte den Holocaust nicht.Gerald Stourzh: In Rememberance: Heinrich Benedikt (1886–1981). In: Austrian History Yearbook 17 (1981), S. 579–580, hier: S. 580.

Hugo Hantsch, Ordinarius für Allgemeine Geschichte der Neuzeit, führte Benedikt zurück zur Wissenschaft. Im Jahre 1947 habilitierte er sich für Österreichische Geschichte mit der Arbeit Franz Anton Graf von Sporck 1662–1738. Zur Kulturgeschichte der Barockzeit in Böhmen und wurde als Sechzigjähriger Privatdozent an der Universität Wien. 1950 wurde er Extraordinarius, 1955 erhielt er den Titel ordentlicher Professor (tit. o. Prof.) für Allgemeine Geschichte der Neuzeit und leitete damit die zweite Lehrkanzel, die zuvor von Paul Müller vertreten worden warAlfons Lhotsky: Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung in Österreich. In: Theodor Schieder: Hundert Jahre Historische Zeitschrift, 1859–1959. Beiträge zur Geschichte der Historiographie in den deutschsprachigen Ländern (= Sonderausgabe der Historischen Zeitschrift. Bd. 189). Oldenbourg, München 1959, S. 402.. 1958 wurde er emeritiert; sein Nachfolger wurde Friedrich Engel-Jánosi.

Bereits 1948/49 freier Mitarbeiter der ÖVP-nahen Wiener Tageszeitung, war er von 1958 bis 1962 kommissarischerWolfgang Duchkowitsch, Hannes Haas: Die Überwindung vieler schwerer Bürden in langer Zeit – Kennzeichen des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. In: Karl Anton Fröschl et al. (Hrsg.): Reflexive Innensichten aus der Universität. Disziplinengeschichten zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik (= 650 Jahre Universität Wien – Aufbruch ins neue Jahrhundert. Bd. 4). V & R Unipress, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0415-5, S. 62. Leiter des Instituts für Zeitungswissenschaft in Wien; sein Nachfolger wurde der Orientalist Herbert W. Duda.

Benedikt, der eher eine „konservative Geisteshaltung“Monika Glettler: Die Bewertung des Faktors Deutschland in der österreichischen Histographie. In: Michael Gehler, Rainer F. Schmidt, Harm-Hinrich Brandt, Rolf Steininger (Hrsg.): Ungleiche Partner? Österreich und Deutschland in ihrer gegenseitigen Wahrnehmung. Historische Analysen und Vergleiche aus dem 19. und 20. Jahrhundert (= Historische Mitteilungen. Beiheft 15). Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06878-3, S. 70. einnahm, galt dem Historismus zugewandt.Bertrand Michael Buchmann: Einführung in die Geschichte. Facultas, Wien 2002, ISBN 3-85114-728-6, S. 142. Er war u. a. Mitglied der rechtshistorischen Prüfungskommission (für Juristen), Korrespondierendes Mitglied der Wiener Katholischen Akademie und Mitglied der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs. Benedikt veröffentlichte von 1953 bis 1969 zahlreiche Beiträge in der Neuen Deutschen Biographie. Sein 1954 herausgegebener Band Geschichte der Republik Österreich gilt als Standardwerk.Gernot Heiß: Zwischen Wissenschaft und Ideologieproduktion – Geschichte an der Universität Wien 1848 bis 1965. In: Karl Anton Fröschl et al. (Hrsg.): Reflexive Innensichten aus der Universität. Disziplinengeschichten zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik (= 650 Jahre Universität Wien – Aufbruch ins neue Jahrhundert. Bd. 4). V & R Unipress, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0415-5, S. 321.

Benedikt war mehrmals verheiratet und Vater mehrerer Kinder. In erster Ehe war er mit EvelineRoman Sandgruber: Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910. Styria Premium, Wien u. a. 2013, ISBN 978-3-222-13405-0, S. 313., Angehörige der Zuckerdynastie Benies,Roman Sandgruber: Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910. Styria Premium, Wien u. a. 2013, ISBN 978-3-222-13405-0, S. 77. verheiratet. Seine letzte Ehefrau Nora, geb. Krassl von Traissenegg, ist Mutter der Theaterschauspielerin Lotte Tobisch.Lotte Tobisch: Eine Todsünd' wert: Heinrich Benedik. In: Ders.: Langweilig war mir nie. Warum es sich lohnt, neugierig zu bleiben. Aufgezeichnet von Marie-Theres Arnbom, Brandstätter, Wien 2013, ISBN 978-3-85033-752-6, S. 44. Benedikt war zeitlebens ein passionierter Reiter. Er wurde am Neustifter Friedhof bestattet.

Auszeichnungen 1957: Preis der Stadt Wien für Geisteswissenschaften 1962: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse 1966: Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold

Schriften (Auswahl) Franz Anton Graf von Sporck (1662–1738). Zur Kultur der Barockzeit in Böhmen. Manz-Verlag, Wien 1923. Das Königreich Neapel unter Kaiser Karl VI. Eine Darstellung auf Grund bisher unbekannter Dokumente aus den Österreichischen Archiven. Manz, Wien 1927. Monarchie der Gegensätze Österreichs Weg durch die Neuzeit. Ullstein, Wien 1947. Vom Inselstaat zum Weltreich. Geschichte Englands 1485–1815. Rohrer, Wiesbaden 1950. (Hrsg.): Geschichte der Republik Österreich. Oldenbourg, München 1954. Die wirtschaftliche Entwicklung in der Franz-Joseph-Zeit (= Wiener historische Studien. Bd. 4). Verlag Herold, Wien u. a. 1958.