Medizingeschichte, auch Geschichte der Medizin und Medizingeschichtsschreibung genannt, ist die Bezeichnung für jenen Zweig der Geschichtswissenschaft bzw. der Medizin, der die Geschichte der Medizin erforscht.

Anfänge der Medizingeschichte Die Medizingeschichtsschreibung der Antike setzte im 4. Jahrhundert v. Chr. ein. In der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts hatte der Aristotelesschüler Menon eine (doxographische) Darstellung der Entwicklung der Medizin verfasst, woraus in der als Anonymus Londinensis bezeichneten Schrift aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. Exzerpte überliefert sind. Einen ersten Überblick über die Geschichte der griechischen Medizin von ihren mythischen Anfängen bis zum Jahrhundert n. Chr. bietet das Vorwort zum medizinischen Teil der um 30 n. Chr. entstandenen Enzyklopädie des Römers Aulus Cornelius Celsus.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771). Philipp Reclam jun., Leipzig 1979; 6. Auflage, ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 14–16, 40–42 und 183. Von 1455 bis 1458 verfasste der Humanist Giovanni Tortelli die erste selbständige Geschichte der Medizin in Briefform.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 20.

Entwicklung der Medizingeschichte in Deutschland Medizingeschichte verfügt in Deutschland über eine lange Tradition innerhalb der Medizin. Da bis ins 19. Jahrhundert hinein die antiken Texte des Corpus Hippocraticum (dem berühmten Arzt Hippokrates von Kos zugeschrieben) und des Galenos von Pergamon in der medizinischen Lehre gelesen wurden, stellte die Beschäftigung mit der Vergangenheit der Medizin eine Selbstverständlichkeit dar. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Geschichtsschreibung im heutigen Sinne, sondern die Zuordnung von Diagnosen und Therapien zu historischen Autoritäten der Medizin. Im Zuge der Aufklärung etablierte sich auch in der medizingeschichtlichen Auffassung ein Bewusstsein des allgemeinen Fortschritts in der Medizin.Wolfgang U. Eckart, Robert Jütte: Medizingeschichte. Eine Einführung. Stuttgart 2007, S. 21 ff. Erste umfangreichere medizinhistorische Publikationen entstanden Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts.Daniel Leclerc: Histoire de la médicine. Genf 1696.John Freind: The history of physics from the time of Galen to the beginning of the 16th century. I–II, London 1725–1726. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts spezialisierten sich einige Wissenschaftler an medizinischen Fakultäten und praktizierende Ärzte auf die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte. Vereinzelt gab es, wie vertreten in Berlin durch Justus Hecker (1795–1850), auch schon Lehrstühle für das Fach.

Um 1875 forderte Georg Fischer unter anderem, dass Geschichte der Medizin bzw. Medizingeschichte nicht zum von den einzelnen aktuellen Fächern losgelösten Hauptfach gemacht, sondern in die Hauptvorlesung des jeweils behandelten Faches integriert werden oder aber als eigene Veranstaltung die gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen der Medizin darstellen und ihre Verknüpfungen mit der allgemeinen und nationalen Kulturgeschichte aufzeigen solle.Rolf Winau: Vorwort zur Reprintausgabe. In: Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie über das 18. Jahrhundert aus dem Jahre 1876. Neudruck, mit einem Vorwort von Rolf Winau, von Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1978, ISBN 3-540-08751-6, S. 5–7, hier: S. 6–7.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte die Medizingeschichte durch Karl Sudhoff, der das Fach Geschichte der Medizin neu begründete, größere Bedeutung, etwa auf das Denken den Ärzte, und etablierte sich als eigenständiges Fach an den Medizinischen Fakultäten. Die von demselben geleitete Fachzeitschrift (Archiv für Geschichte der Medizin seit 1907, später Sudhoffs Archiv genannt) unterstützte die Auffassung der Medizingeschichte als eigenständige Disziplin zwischen Geschichtswissenschaft und Medizin. Gerade der Hippokratismus (bzw. „Neohippokratismus“Vgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 61 und 62.) der 1920er Jahre, in dem man sich sehr stark auf eine überhöhte Gestalt des Hippokrates berief, um aktuelle Probleme der Medizin zu lösen, führte zu einer stabilen Institutionalisierung der Medizingeschichte.

Henry E. Sigerist und Paul Diepgen vertraten dann in den 1920er Jahren bereits von Fischer genannte Aspekte und forderten Medizingeschichte als integrativen Bestandteil der Kultur- und Sozialgeschichte.Rolf Winau: Vorwort zur Reprintausgabe. 1978, S. 7.

Einen großen Verlust an Qualität und Führungspersönlichkeiten erlitt die deutsche Medizingeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945, als die führenden deutschen Medizinhistoriker in die USA auswanderten (u. a. Henry E. Sigerist, Owsei Temkin, Ludwig Edelstein, Erwin Heinz Ackerknecht). Heinz Goerke leitete den ersten internationalen Kongress für Geschichte der Medizin im Nachkriegsdeutschland.Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf: Zum Geleit. In: Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf (Hrsg.) unter Mitarbeit von Renate Wittern: Medizinische Diagnostik in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Heinz Goerke zum sechzigsten Geburtstag. München 1978 (= Neue Münchner Beiträge zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften: Medizinhistorische Reihe. Band 7/8), ISBN 3-87239-046-5, S. 11–15, hier: S. 13. Das erste Lehrbuch für Geschichte der Medizin wurde 1968 von Irina Winter und Alexander Mette herausgegeben.Alexander Mette, Irina Winter (Hrsg.): Geschichte der Medizin. Einführung in ihre Grundzuüge. Berlin 1968. Der medizinhistorischen Forschung im Nachkriegsdeutschland mangelte es bis in die 1970er Jahre hinein an Substanz und Kreativität, bis sie durch Impulse aus den geschichtswissenschaftlichen Methodendiskussionen neu angeregt wurde.

In den letzten Jahren wurden einzelne medizinhistorische Institute in Deutschland geschlossen, mit der Medizinethik institutionell zusammengefasst oder von dieser weitgehend verdrängt. Nur vereinzelt kam es zu Neugründungen, gegen den Trend wurde beispielsweise 2008 (als erstes Institut seit 1987) an der Universität Ulm das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin eingerichtet.Bernhard vom Brocke: Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie im Kontext der Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte. In: Andreas Frewer, Volker Roelcke (Hrsg.): Die Institutionalisierung der Medizinhistoriographie: Entwicklungslinien vom 19. ins 20. Jahrhundert. Steiner, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07849-5, S. 187–212, hier S. 191. In der deutschen Hochschulpolitik ist die Geschichte der Medizin als Kleines Fach eingestuft. Die Arbeitsstelle Kleine Fächer (jetzt an der Universität Mainz) gibt einen Überblick über alle Fachstandorte.Kleine Fächer von A – Z. In: kleinefaecher.de, Arbeitsstelle Kleine Fächer, abgerufen am 6. Januar 2026.

Methodik der Medizingeschichte Die Medizingeschichte stützt sich unter anderem auf Textquellen wie etwa medizinische Lehrwerke und Traktate, Fallgeschichten und Krankenakten oder auch Tagebücher, Briefe, literarische Texte sowie, vor allem in jüngerer Zeit auch auf bildliche DarstellungenR. Joseph Petrucelli, Albert S. Lyons (Hrsg.): Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst. Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Thomas Gosciniak und Herbert Graf, bearbeitet von Erich Püschel, Köln 1980. und historische Objekte und andere Sachquellen. Die Untersuchung von menschlichen Überresten und alten Krankheitserregern fällt nicht in das Gebiet der Medizingeschichte, sondern der Paläopathologie.

Als veralteter Ansatz gilt, wie in der Wissenschaftsgeschichte insgesamt, die Fortschrittsgeschichte, die selektiv nach einzelnen Theorien und Praktiken in der Medizin früherer Zeiten sucht, die sich zumindest in ähnlicher Form bis heute behauptet haben. Grundlegendes Prinzip ist heute vielmehr die Anerkennung verschiedener Krankheitskonzepte und Praktiken als Teil und Spiegel des jeweiligen kulturellen Kontextes. Damit werden vergangene medizinische Erklärungsmodelle und Praktiken nicht einfach als „falsch“ gebrandmarkt und am System unserer Zeit gemessen, sondern die Denkweisen anderer Epochen werden in ihrer jeweils eigenen Logik betrachtet.

Ein grundsätzliches Problem sind retrospektive Diagnosen: Manche Medizinhistoriker lehnen es grundsätzlich ab, Krankheiten in historischer Zeit mit den in der Gegenwart definierten Krankheiten zu identifizieren, da die Zeitgenossen die Beschwerden ganz anders beschrieben und deuteten als heute. Andere Strömungen halten ein solches Vorgehen dagegen, analog der Übertragung von soziologischen und kulturwissenschaftlichen Begriffen der Gegenwart auf historische Sachverhalte, in engen Grenzen und für bestimmte Fragestellungen für sinnvoll und fruchtbar. Siehe auch Paläopathologie.

Seit 1967Erwin H. Ackerknecht: A plea for a „Behaviorist“ approach in writing the history of medicine. In: Journal of the History of Medicine an Allied Sciences. Band 22, 1967, S. 211–214. gestellte Forderungen an die theorielastige Medizingeschichte, auch das praktisch-therapeutische Handeln zu berücksichtigen, wurden ab 1985, Roy Porters AnsätzenRoy Porter: The patient’s view. Doing medical history from below. In: Theory and Society. Band 14, 1985, S. 175–198. folgend, durch vermehrte Erforschung von PatientengeschichtenEberhard Wolff: Perspektiven der Patientengeschichtsschreibung. In: Norbert Paul, Thomas Schlich (Hrsg.): Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven. Frankfurt 1998, S. 311–334. berücksichtigt, womit der Kranke selbst näher ins Zentrum der Medizingeschichte rückte.Michael Stolberg: Homo patiens. Körper und Krankheitserfahrung in der Frühen Neuzeit. Weimar 2003.Marion Maria Ruisinger: Heilen mit dem Messer. Chirurgische Patienten aus der Konsiliarkorrespondenz Lorenz Heisters. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 25, 2006, S. 63–73, hier: S. 63.

Walter Artelt, Johannes Steudel und Gerhard Eis hielten es für ideal, wenn Medizinhistoriker doppelt promoviert und neben der medizinischen Ausbildung auch ein geisteswissenschaftliches Studium absolvieren würden.Gundolf Keil zu Klemens Dieckhöfer: Dichtung und Medizin. Zur Persönlichkeitsstruktur, körperlichen Verfasstheit in seinem dichterischen Schaffen und zur medizinischen Profession der Arztfiguren in den Werken Gerhart Hauptmanns. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2012 (= DWV-Schriften zur Medizingeschichte. Band 13), ISBN 978-3-86888-051-9 (Zugleich Philosophische Dissertation Olmütz). In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013 (2014), S. 571–575, hier: S. 571 f.

Ausbildung Die Medizingeschichte ist heute in Deutschland institutionell zum größten Teil an den medizinischen Fakultäten lokalisiert und hat einen Anteil an der medizinischen Ausbildung. Es finden sich aber auch außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Institutionen anderer akademischer Fächer, in denen Medizingeschichte oder bestimmte Aspekte der Medizingeschichte bearbeitet werden. So rekrutieren sich auch Medizinhistoriker aus verschiedenen Fachbereichen. Es finden sich zahlreiche Ärzte, aber auch Philosophen, Klassische Philologen, Arabisten, Historiker und Wissenschaftshistoriker unter ihnen. Manche Medizinhistoriker verfügen auch über Doppelqualifikationen.

Institutionen und Gesellschaften