Digitalität bezeichnet die auf digital codierten Medien und Technologien basierenden Verbindungen zwischen Menschen, zwischen Menschen und Objekten und zwischen Objekten. Im Gegensatz zu den Begriffen der Digitalisierung oder der digitalen Transformation, die eher eine technologische Entwicklung betonen, bezieht sich Digitalität, ähnlich wie der Begriff Digital Lifestyle, stärker auf soziale und kulturelle Praktiken. Gemeint ist »der kulturelle und soziale Niederschlag« eines Wandels, der »neue Handlungsroutinen, Kommunikationsnormen, soziale Strukturen, Identitätsmodelle, Raumvorstellungen etc. hervorbringt«. Bestimmte kulturelle Praktiken, die im Kontext der Digitalisierung entstanden sind, haben sich von diesem technologischen Kontext entkoppelt und wurden zu einem gesellschaftlichen Mainstream.

Definitionen

Kultur der Digitalität Felix Stalder definiert Digitalität in seinem Grundlagenwerk Kultur der Digitalität wie folgt:

Stalder vertritt einen weiten Begriff von Digitalität. Er spricht von Relationen zwischen Menschen und zu Objekten. Dabei schließt er die Produktion, Nutzung und Transformation von materiellen und immateriellen Gütern mit Hilfe von digitalen Infrastrukturen in seine Definition ein. Ergänzend wäre hier anzumerken, dass im Kontext des Internet of Things auch die Relationen von Objekten zu anderen Objekten (beispielsweise von einem Kühlschrank zu einem Smartphone) zunehmend eine Rolle spielen. Zusätzlich setzt Stalder Digitalität in einen handlungstheoretischen Kontext als konstituierenden und koordinierenden Faktor von individuellen und kollektiven Handlungen. Dagegen fokussiert Mecklenburg auf performative kommunikative Handlungen als Kernkriterium von Digitalität. Dies ist ein enger Begriff von Digitalität.

Strukturmodell der Digitalität 300x300px|mini|Strukturmodell der Digitalität nach Jörissen Benjamin Jörissen schlägt ein Strukturmodell der Digitalität vor, das anhand von vier Momenten eine Heuristik bietet, um das komplexe Phänomen der Digitalität aus der technikzentrierten Engführung zu lösen. »Digitalisierung erscheint dann als Spannungsfeld von (1) Software, (2) digitalen Netzwerklogiken (als spezifische Transformation von Relationalität und Sozialität), dem (3) Phänomen der Datenbank, als datenförmige Konstruktion von Welt und insofern als neue kulturelle Form und (4) digitale Materialität.«

Für André Schier steht die Vernetzung technisch-digital-virtueller mit organisch-analog-realen Lebenswelten im Zentrum von Digitalität. Der Digitalitäts-Begriff darf somit nicht zu technisch gedacht werden. In diesem Verständnis von Digitalität ist das Internet auch kein Medium, sondern ein Ort.

Aus diesem Verständnis ergeben sich folgende Prämissen:

Unter dem Einfluss dieser digital-analogen Vernetzungsprozesse befinden sich Individuen und Kollektive zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ihren Arbeits- und Handlungssystemen in einem Experimentierstadium und in diskursiven Aushandlungsprozessen über den "richtigen" Umgang mit technischen Innovationen und digital-analoger Balance.

Geschichte des Begriffs In der Kleinen Medienchronik unterschied Hans Helmut Hiebel bereits 1997 in semiotischer Hinsicht »primäre Digitalität« (diskret abgegrenzte Zeichen) von »sekundärer Digitalität« (computerbedingte Digitalisierung von Zeichen). Sekundäre Digitalität ist demnach an die elektronische Übertragbarkeit von Signalen gekoppelt und basiert auf Code. Diese Begriffsverwendungen überlagern sich mit einer aktuellen Verwendung des Begriffs.

Diese findet sich erstmals 2003, als der Linguist Johannes Bittner unter digitalitaet.net, einen Textkorpus, ergänzende Materialien und Kontaktmöglichkeiten zu seiner Untersuchung »zur Medialität von digitalen Kommunikationsformen und Textsorten« veröffentlicht hat. Die Website war mit einer Publikation verbunden, die 2003 unter dem Titel »Digitalität, Sprache und Kommunikation« erschien. Bittner hat den Begriff in einer wissenschaftlichen Publikation im deutschen Sprachraum erstmals so prominent eingesetzt.

2008 beschrieb eine Publikation der ZHdK Digitalität als einen der Schwerpunkt in einem Ausbildungsgang zu »New Media Arts«.

Forschungsperspektiven auf Digitalität Toronto Schule Zur Toronto-School, auch Kanadische Medientheorie genannt, gehören neben ihrem bekanntesten Vertreter Marshall McLuhan auch Eric A. Havelock, Harold A. Innis, Walter J. Ong und Derrick de Kerckhove. Diese Forschungsperspektive betrachtet unterschiedliche Medienepochen als prägend für die Gesellschaften. So unterscheidet McLuhan vier Hauptepochen:

Oralität (Stammeskultur) Literalität (Manuskript Kultur) Gutenberg-Galaxis (Buchdruck Kultur) elektronische Zeitalter.

In seinem 1962 erschienenen Buch Gutenberg Galaxy. The Making Of Typographic Man schrieb McLuhan die heute fast prophetisch anmutenden Zeilen: „Das nächste Medium, was immer es ist – vielleicht eine Ausweitung unseres Bewusstseins -, wird das Fernsehen als Inhalt mit einbeziehen, nicht als dessen bloßes Umfeld, und es in eine Kunstform verwandeln. Der Computer als Forschungs- und Kommunikationsinstrument könnte die Recherche von Information steigern, die Zentralbibliotheken in ihrer bestehenden Form überflüssig machen, die enzyklopädische Funktion des Individuums wiederherstellen und in einen privaten Anschluss umkehren, über den individuell zugeschnittene Informationen sofort und für Geld abgerufen werden können.“ McLuhan begreift Medien generell als Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und Anlagen, wie es auch im Titel seines zweiten wichtigen Werks Understanding Media. Extensions of Man (1964) zum Ausdruck kommt. Sie verändern sowohl das soziale Gefüge als auch die Organisation der menschlichen Wahrnehmung. "Da Menschen über differenzierte Sinnesanlagen verfügen und einzelne Medien typischerweise einzelne Sinne ausweiten, ist jedes neue Medium Ursache einer veränderten Gewichtung in der Sinneswahrnehmung. Medien bestimmen so die Modalitäten unserer Wahrnehmung: Menschen in literalen Gesellschaften sind vornehmlich ‹Augenmenschen›, Menschen in oralen Stammesgemeinschaften hingegen ‹Ohrenmenschen›."

Heilmann zeigt, dass McLuhans Konzept der Taktilität als integrierender und alle anderen Sinne umfassender Sinn geeignet erscheint, um das Phänomen der Digitalität zu erschließen. Unter Taktilität versteht McLuhan nicht nur das Berühren und Ertasten eines Gegenstands, sondern auch das umfängliche "Begreifen" eines Gegenstands im übertragenen Sinn. Das erste taktile Medium ist die Sprache, die es ermöglicht eine innere Welt nach außen zu tragen. Andere Medien weiten einen Sinn zulasten der anderen Sinne aus, wie etwa die Schrift und der Bruchruck den visuellen Sinn ausweiten und isolieren. In McLuhans Ansatz ist die Elektrizität mit ihrer rasend schnellen Übermittlung und den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten das zweite taktile Medium. Und wie sieht es mit der Digitalität aus? Computer kommen bei McLuhan nur am Rande vor und digitale Medien behandelt er als eine spezielle Unterform von elektronischen Medien. Die integrierende Funktion der taktilen Digitalität formuliert Heilmann wenn er schreibt: „Der ‹Inhalt› des taktilen Mediums Digitalcomputer aber sind alle anderen Medien.“ Häufig wird im Anschluss an diese Forschungsperspektive Digitalität als neue Medienepoche verstanden, die zu einem sozialen Wandel und einer neuen Organisation der menschlichen Wahrnehmung führt.

Digital Humanities Die DFG-geförderte Symposienreihe „Digitalität in den Geisteswissenschaften“ formuliert ihren Ansatz wie folgt: „Die Verwendung digitaler Verfahren und Technologien in der geisteswissenschaftlichen Forschungspraxis nimmt zu. Eine umfassende Reflexion dieses Prozesses ist nötig und sie steht noch aus. Es ist anzunehmen, dass Digitalität die Untersuchungsgegenstände in den Geisteswissenschaften, ihre Epistemologien und die Prämissen ihrer Erkenntnisansprüche, das disziplinäre Selbstverständnis der geisteswissenschaftlichen Fächer, wie auch deren Forschungspraktiken verändert.“

Auch hier ist der Digitalitäts-Begriff gekennzeichnet durch eine Abgrenzung von analog und digital: "Während die Arbeit am und mit dem Digitalen von einem Teil der Forschungsgemeinschaft häufig als fruchtbar in Bezug auf neue Einsichten für viele Wissensbereiche in den Geisteswissenschaften gesehen und als Möglichkeit der Erneuerung (wenn nicht gar als einzige Überlebenschance) der klassischen Geisteswissenschaften ausgewiesen wird, stellen viele Forscher*innen auch skeptische Fragen. Legen sich die Geisteswissenschaften mit der Digitalisierung nur ein effizienteres Instrumentarium zu, oder tauschen sie ihre epistemischen Ideale gegen jene aus den natur- und sozialwissenschaftlichen Fächern ein? Wie verändert sich das geisteswissenschaftliche Rollenverständnis unter den Vorzeichen von Open Access, interaktiver Textproduktion, Wikipedia und digitalen Archiven? Letztlich also: Wie verändert Digitalität unsere Forschung? Wie verändern digitale Technologien die geisteswissenschaftliche Forschung und ihre Gegenstände? Findet letztlich nur eine Erweiterung statt oder verändern sich die Geisteswissenschaften im Kern? Wie muss das Verhältnis digitaler Methoden zu den klassischen hermeneutischen Ansätzen gedacht werden? Welche Auswirkungen ergeben sich für den wissenschaftlichen Nachwuchs und dessen Förderung? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die Symposienreihe „Digitalität in den Geisteswissenschaften“."

Die digitale Forschungsinfrastruktur DARIAH-DE ist ein Anwendungsbeispiel, wie Digitalität wissenschaftlich nutz- und greifbar gemacht werden soll. Ein weiteres Beispiel für dieses technische Verständnis von Digitalität als „digital humanities“ ist das Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Hier verbinden sich sechs Mainzer Wissenschaftsorganisationen, um sich gemeinsam der Forschung und Vermittlung im Bereich der Digitalen Geistes- und Kulturwissenschaften (Digital Humanities) zu widmen.

Philosophie der Digitalität Die Philosophie der Digitalität stellt einen neuen Forschungsbereich dar. Sie reflektiert auf die lebensweltliche Bedeutung der Digitalisierung als Realität eigener Art und verweist damit auf das Phänomen der Virtualität. Die lebensweltliche Bedeutung der Digitalisierung besteht darin, dass wir digitale Daten unabhängig von Raum und Zeit konservieren und hypertextuell vernetzen. Virtuelle Handlungen lassen sich durch einen bloßen Mausklick vollziehen. Nicht nur unser Realitätsbegriff, sondern auch unser Raum- und Zeitbegriff wird im Rahmen der Digitalität strapaziert. Raum und Zeit spielen im Bereich der digitalen virtuellen Realität eine andere Rolle als in der physikalischen Realität. Digitale Objekte sind ortslos, von überall abrufbar und omnipräsent. Ortslosigkeit und Zeitlosigkeit werden darin fusioniert zu einer ubiquitären Präsenz. Ortslos sind digitale Gegenstände insofern, als sie in horizontalen Relationen der Vernetzung stehen. Diese Vernetzungen sind als Relationen nicht stabil, sondern einem permanenten Wandel unterworfen. Dadurch ändert sich auch die Zeitlogik der Digitalität. Digitale Objekte stehen in viel intimeren Relationen zueinander, als es physikalische Objekte tun. Jörg Noller hat dafür den Begriff der "Interobjektivität" geprägt. Mentale Gehalte – Ideen, Gedanken, Meinungen, Gefühle – können prinzipiell durch die hypertextuelle Struktur der Digitalität als Trägersubstanz aufgenommen und vom Individuum abgelöst werden, welches sie hervorgebracht hat. Dieses Phänomen lässt sich unter dem Begriff der "Transsubjektivität" fassen.

Didaktik der Digitalität