mini|Skulptur Jacquinots von Zhang ChongrenDie Skulptur wurde im Zuge der Kulturrevolution zerstört. Die Fotografie wurde vom Onkel Zhang Chongrens vor den Roten Garden gerettet.
Robert Charles Joseph Emile Jacquinot de Besange (* 15. März 1878 in Saintes, Département Charente-Maritime, Frankreich; † 10. September 1946 in Berlin) war ein französischer Jesuit. Während des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges errichtete er 1937 in Verhandlungen mit den Japanern für die Zivilbevölkerung in Shanghai eine Schutzzone. Diese Schutzzone wurde zum Vorbild für die später von John Rabe in Nanjing eingerichtete Zone.
Leben Robert Jacquinot de Besange stammte aus einer adligen Familie mit Wurzeln in Lothringen. Er wuchs in Brest in der Bretagne auf. Im Jahr 1894 trat er der katholischen Ordensgemeinschaft Gesellschaft Jesu (Societas Jesu) bei. Innerhalb des Ordens erhielt er seine Ausbildung in Canterbury, Saint Helier, Paris, Salisbury, Hastings und Liverpool.
Chinamission 1913 entsandte der Provinzial der französischen Ordensprovinz der Jesuiten Jacquinot de Besange nach Shanghai, in die Chinamission des Ordens. Von 1914 bis 1934 leitete Jacquinot eine Gemeinde im Stadtteil Hongkou. Für seine chinesischen Gläubigen nahm er den Namen 饶家驹 (Pater Rao Jiaju) an. Neben seinen Missionarstätigkeiten lehrte er als Professor für englische Sprache und Literatur an der Aurora Universität, die unter der Leitung des Ordens stand.Seite über Jacquinot im Webauftritt des Erzbistums Berlin Außerdem war er im Shanghai Volunteer Corps, einer paramilitärischen multinationalen Freiwilligentruppe mit Polizeigewalt in den internationalen Konzessionen von Shanghai, Militärseelsorger im Range eines Majors.Jacquinot in einer Liste de US-Außenministeriums Im Jahr 1927 wurde er zum Delegierten des Roten Kreuzes in China ernannt.
Die „Association des Lieux de Genève“ Im Jahr 1929 gründete Jacquinot de Besange zusammen mit dem Generalarzt George Saint-Paul die Association des Lieux de Genève, eine Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, internationale Vereinbarungen über die Schaffung von Schutzzonen für die Zivilbevölkerung in Kriegszeiten zu erreichen. (Die Nachfolgeorganisation der Association Internationale des Lieux de Genève ist die International Civil Defence Organisation.) Die Vorschläge dieser Organisation bildeten die Grundlage von Beschlüssen, die 1934 auf der Tokioter 15. Konferenz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz verabschiedet wurden, die aber zunächst keinen Eingang in die Genfer Konventionen fanden.Zum Schutz der Zivilisten, Der Spiegel vom 1. April 1953 Erste Erfahrungen mit der Einrichtung von Schutzzonen sammelte Jacquino de Besange in den Jahren 1931/32 während des Shanghai-Zwischenfalls.Claudia Kotte: Der einarmige Wohltäter von Shanghai. Der fast vergessene Jesuit Robert Jacquinot de Besange rettete im japanisch-chinesischen Krieg 1937 Hunderttausenden Chinesen das Leben. In: Bilder der Gegenwart, Jg. 65 (2013), S. 348–349, hier S. 348.
Zweiter Japanisch-Chinesischer Krieg Im zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg zeichnete es sich 1937 bei der Schlacht um Shanghai ab, dass die Kampfhandlungen zu großen Verlusten in der Zivilbevölkerung führen würden. Daher plante Jacquinot eine Schutzzone, die wesentliche Teile der Altstadt umfassen sollte. In einer Art Shuttlediplomatie verhandelte er mit dem japanischen Außenminister Hirota Kōki in Tokio, mit dem chinesischen Regierungschef Chiang Kai-shek in Chongqing und mit dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt in Washington über die Einrichtung dieser Zone und erreichte schließlich die Zustimmung aller Seiten zu dem Projekt. Außerdem gelang es ihm, vom US-Präsidenten eine finanzielle Unterstützung für die laufenden Kosten in Höhe von 750.000 $ zu erhalten. In der Schutzzone, die bis 1940 Bestand hatte, konnten etwa 300.000 Menschen überleben.Priester für die Rettung Tausender geehrt. (englisch) Die Schutzzone wurde unter dem Namen „Jacquinotzone“ bekannt, dieser Begriff fand auch Eingang in offizielle Dokumente des Internationalen Roten Kreuzes.Convention (IV) relative to the Protection of Civilian Persons in Time of War. Geneva, 12. August 1949. (englisch)
In Nanking, dem nächsten Ziel der japanischen Truppen, wurde das internationale Komitee unter Führung von John Rabe vom deutschen Diplomaten Georg Rosen über die Entwicklungen um die Shanghaier Schutzzone informiert. Die Yale Divinity School Library der Yale University unterhält ein umfangreiches Archiv zum Nanking-Massaker.Archiv zum Nanking-Massaker (englisch) Aus den dort gesammelten Dokumenten geht hervor, dass es zumindest in einem Fall einen Fernschreib-Kontakt zwischen Rabe und Jacquinot gab.2. Dezember 1937: Bitte Rabes an Jacquinot um Unterstützung bei den Absprachen mit den Japanern (pdf, engl.)4. Dezember 1937: Jacquinot kündigt direkte Antwort der Japaner an. (pdf, engl.)
mini|200px|Hinweistafel auf den ehemaligen französischen Alliiertenfriedhof (Berlin-Frohnau, Poloplatz) mini|200px|Jacquinots Grab auf dem Friedhof Berlin-Heiligensee
Hilfe für Flüchtlinge und Vertriebene Im Juni 1940 verließ Jacquinot de Besange auf Anweisung seines Ordens China und kehrte nach Europa zurück.Claudia Kotte: Der einarmige Wohltäter von Shanghai. Der fast vergessene Jesuit Robert Jacquinot de Besange rettete im japanisch-chinesischen Krieg 1937 Hunderttausenden Chinesen das Leben. In: Bilder der Gegenwart, Jg. 65 (2013), S. 348–349, hier S. 349. Als Sonderbotschafter des Vatikans kümmerte er sich um die Versorgung von Flüchtlingen und Vertriebenen.Text des Gedenksteins Auch versuchte er in den Jahren 1944/45 im besetzten Frankreich lokale Absprachen zwischen der deutschen Wehrmacht und den alliierten Streitkräften zu erreichen, um die Auswirkungen der Kriegshandlungen auf die Zivilbevölkerung zu verringern. Hierbei verhandelte er unter anderem auch mit einem Hauptmann Helmut Schwenn über die Einrichtung von Schutzzonen.Verhandlung mit Schwenn über Schutzzone im besetzten Frankreich.
Im Dezember 1945 wurde Jacquinot de Besange zum Leiter der „Vatikanischen Delegationen in Berlin für die Hilfe der Flüchtlinge und Vertriebenen“ ernannt. Er starb 1946 in Berlin im Hôpital Militaire Louis Pasteur, dem vormaligen und späteren Humboldt-Krankenhaus (historischer Standort an der Teichstraße)Französisches Militärkrankenhaus „Louis Pasteur“ an Leukämie.
Robert Jacquinot de Besange wurde zunächst auf dem französischen Ehrenfriedhof in Berlin-Frohnau beigesetzt und nach dessen Auflösung in die „Franzosenabteilung“ des landeseigenen Friedhofs Berlin-Heiligensee umgebettet.
Nachleben mini|200px|Gedenkstein auf dem Friedhof Berlin-Heiligensee Jacquinot geriet nach seinem Tode außerhalb Chinas weitgehend in Vergessenheit. Erst 1949 wurden die Genfer Konventionen um ein Kapitel erweitert, das sich mit dem Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten befasste. Hierin wurde explizit auf Jacquinot und seine Shanghaier Schutzzone Bezug genommen.
Im Jahr 1951 initiierte Schwenn, mit dem Jacquinot während des Krieges Verhandlungen zum Schutz der Zivilbevölkerung geführt hatte, mit Unterstützung der Kirchen ein Gründungskomitee für eine deutsche Sektion der Lieux de Genève. Schwenn, der im Zivilleben Völkerrechtler war, versuchte dann 1953 in einem Brief an Emil Sandström, den Präsidenten der Liga der Rotkreuz-Gesellschaften, eine gemeinsame Unterschrift der DDR und der Bundesrepublik Deutschland unter die Genfer Konventionen von 1949 zu erreichen, die in Deutschland mangels staatlicher Souveränität nur indirekt durch die Unterschriften der Alliierten galten. In diesem Brief schlug Schwenn konkrete Schutzzonen für die beiden Teile Deutschlands vor.
Erst die Nachforschungen eines chinesischen Mitarbeiters (Jiang Yuchun) des John Rabe Communication Centre in Heidelberg im Jahr 2012 gaben den Anstoß zur Wiederauffindung des Grabes Jacquinots auf dem Friedhof in Berlin-Heiligensee.Enthüllung der Gedenktafel für Jacquinot
Im Rahmen der Feiern zum 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und der Volksrepublik China fand an der Shanghaier Universität eine internationale Konferenz statt, die dem Wirken Jacquinots gewidmet war.La France en Chine: (französisch)
2015 wurde eine Bronze-Gedenkmedaille zu Ehren Jacquinots geprägt.Medals issued to commemorate French missionary who set up Jacquinot Safe Zone in Shanghai. (englisch)
Anlässlich des achtzigsten Jahrestags der Ereignisse wurde im Dezember 2017 im alten Stadtgotttempel von Shanghai ein Gedenkstein enthüllt, der Jacquinots Wirken würdigt.China Daily vom 15. Dezember 2017 (englisch)
Ehrungen Croix de guerre des Théâtres d’Opérations Extérieurs (1927)Jahresbericht 1927 des Shanghai Volunteer Corps (englisch). Chinesischer Jadeorden Cravate de l'Epi d'or der französischen Regierung Chevalier der französischen Ehrenlegion (Januar 1938)
Schriften L’ordre international d’après Taparelli d’Azeglio. In: Association internationale Vitoria-Suarez (Hrsg.): Vitoria et Suarez. Contribution des théologiens au droit international moderne. Éditions A. Pedone, Paris 1939, S. 210–226.
Literatur in der Reihenfolge des Erscheinens Marcia R. Ristaino: The Jacquinot Safe Zone: wartime refugees in Shanghai. Stanford University Press, Stanford 2008, ISBN 978-0-8047-5793-5. Claudia Kotte: Der einarmige Wohltäter von Shanghai. Der fast vergessene Jesuit Robert Jacquinot de Besange rettete im japanisch-chinesischen Krieg 1937 Hunderttausenden Chinesen das Leben. In: Bilder der Gegenwart, Jg. 65 (2013), S. 348–349.
You Guo Jiang: L’eroico ministero in Cina di Robert Jacquinot de Besange. La Zona di sicurezza a Shanghai (1937). In: La Civiltà Cattolica, Jg. 174 (2023), Nr. 4159, S. 73–86.
Film Der Film Jacquinot: A Forgotten Hero des polnischen Filmregisseurs Krzysztof Zanussi wurde 2009 auf dem Shanghai International Film Festival aufgeführt.
Fußnoten
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