Mulhid (, Plural mulḥidūn oder malāḥida, Kollektivum mulḥida) ist im Bereich des Islams ein herabsetzender Ausdruck für eine Person, die eine vom rechten Glauben abweichende religiöse oder materialistische Lehre vertritt. Eine solche abweichende Lehre wird auf Arabisch als Ilhād () bezeichnet.

Der Begriff „Mulhid“ wird meist mit Häretiker, Ketzer oder Apostat übersetzt.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 287a. Nachdem ihn die Umaiyaden während des Zweiten Bürgerkriegs (680–692) vor allem für ihren politischen Gegner ʿAbdallāh ibn az-Zubair verwendet hatten, diente er in der frühen Abbasidenzeit als pejorative Bezeichnung für offene oder heimliche Anhänger iranischer Religionen sowie für Philosophen. Im Laufe des 12. Jahrhunderts wurde er zur wichtigsten Fremdbezeichnung für die schiitischen Ismailiten. Ab dem späten Mittelalter wurde er auch für Anhänger der Wahdat-al-wudschūd-Lehre verwendet. Seit den 1930er Jahren ist „Mulhid“ im arabischen Sprachraum die allgemeine Bezeichnung für Anhänger atheistischer Positionen.

Wortherkunft und koranische Aussagen Das arabische Wort mulḥid, das sich aus den drei Wurzelkonsonanten l-ḥ-d zusammensetzt, stellt ein aktives Partizip zu dem arabischen Verb alḥada dar, das die Bedeutung von „sich neigen, vom rechten Wege abweichen“ hat.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 280b. Es gibt keinen Beleg dafür, dass das Wort schon in vorislamischer Zeit in religiöser Bedeutung verwendet wurde. Die islamische Verwendung knüpft an die drei folgenden Koranverse an, in denen das Verb alḥada vorkommt: Sure 7:180: „Und Gott stehen die schönen Namen zu. Ruft ihn damit an und verlasst diejenigen, die hinsichtlich seiner Namen eine abwegige Haltung einnehmen“ (wa-ḏarū llaḏīna yulḥidūna fī asmāʾi-hī). Sure 41:40: „Diejenigen, die hinsichtlich unserer Zeichen eine abwegige Haltung einnehmen (yulḥidūna fī āyātinā), sind uns nicht verborgen.“ Sure 22:25: „Diejenigen, die ungläubig sind und (ihre Mitmenschen) vom Wege Gottes und der Heiligen Kultstätte abhalten, die wir für die Menschen gemacht haben, sowohl für den dort Wohnenden als auch für den, der in der Wüste lebt. Wer in ihr frevelhaft nach Abwegigkeit (ilḥād) strebt, den lassen wir schmerzhafte Strafe schmecken.“ Der in dem letzten Vers vorkommende Begriff ilḥād ist das Verbalsubstantiv zu dem Verb alḥada und ist in nachkoranischer Zeit zum allgemeinen Begriff für „Häresie“, „Ketzerei“ und religiöse Devianz geworden.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 285.

ʿAbdallāh ibn az-Zubair als Mulhid Zum religiös-politischen Kampfbegriff wurde mulḥid wahrscheinlich zum ersten Mal während des Zweiten Bürgerkriegs (680–692). Die Umaiyaden verwendeten in dieser Auseinandersetzung den Begriff gegen ihren Gegner ʿAbdallāh ibn az-Zubair, der in Mekka ein Gegenkalifat gegründet hatte.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 287b. So soll zum Beispiel schon der Kalif Yazid I. (reg. 680–683) in einem Brief an ʿAbdallāh ibn ʿAbbās von ʿAbdallāh ibn az-Zubair als dem "plündernden und abtrünnigen Mulhid" (al-mulḥid al-ḥārib, al-mulḥid al-māriq) gesprochen haben.Madelung: “ʿAbd Allāh ibn az-Zubayr the mulḥid”. 1995, S. 303. Und auf der Konferenz von al-Dschābiya im Jahre 683 soll der Kalbit Hassān ibn Mālik die Menschen dazu aufgefordert haben, Marwān ibn al-Hakam den Treueid zu leisten, weil er mehr Unterstützung verdiene als der Mulhid Ibn az-Zubair. Auch die in Kufa herrschenden Kaisaniten, die Muhammad ibn al-Hanafīya als den rechtmäßigen Herrscher betrachteten und eine dritte Partei in dem Konflikt bildeten, machten sich den Begriff zu eigen.Madelung: “ʿAbd Allāh ibn az-Zubayr the mulḥid”. 1995, S. 304. Der kaisanitische Dichter Abū t-Tufail (oder sein Sohn Tufail) pries Muhammad ibn al-Hanafīya in einem Gedicht als Mahdi und sprach ihn dann mit den Worten an: „Du bist der Imam, der zur Herrschaft erwählte Führer, nicht Ibn az-Zubair, [...] der ‚Abweichler‘ (al-mulḥid)“.Madelung: “ʿAbd Allāh ibn az-Zubayr the mulḥid”. 1995, S. 305.

Um ʿAbdallāh ibn az-Zubair zu delegitimieren, verbreitete die umaiyadische Propaganda Hadithe, wonach der Prophet Mohammed vorausgesagt hatte, dass „ein Mann von den Quraisch in Mekka sich abweichlerisch verhalten wird (yulḥidu), auf den die Hälfte von Gottes Strafe (im Jenseits) hinabkommen wird“Madelung: “ʿAbd Allāh ibn az-Zubayr the mulḥid”. 1995, S. 307f. bzw. „sich ein Mann von den Quraisch (in dem Heiligtum) abweichlerisch verhalten wird, dessen Verbrechen, wenn sie gegen die Verbrechen der Menschheit und der Dschinn abgewogen werden, schwerer ins Gewicht fallen werden.“Madelung: "ʿAbd Allāh ibn az-Zubayr the mulḥid". 1995, S. 305.

Die Anhänger von ʿAbdallāh ibn az-Zubair wurden in der umaiyadischen und schiitischen Propaganda sogar kollektiv als Mulhidūn beschimpft.Madelung: "ʿAbd Allāh ibn az-Zubayr the mulḥid". 1995, S. 304f. Umgekehrt charakterisierte der pro-umaiyadische Dichter Dscharīr (gest. 728 oder später) die loyalen Anhänger der Umaiyaden als Menschen, „die niemals Abwegigkeit im Sinn gehabt haben“ (wa-lā hammū bi-ilḥād). Nach einer Tradition, die in dem Musnad von Ahmad ibn Hanbal überliefert ist, trat al-Haddschādsch ibn Yūsuf nach der Eroberung von Mekka und der Tötung von ʿAbdallāh ibn az-Zubair seiner Mutter Asmā' bint Abī Bakr entgegen und sagte unter Anspielung auf Sure 22:25 und die von umaiyadischen Propaganda verbreiteten Hadithe: „Dein Sohn hat sich wahrlich abweichlerisch verhalten (alḥada). Gott hat ihn eine schmerzhafte Strafe schmecken lassen“. Asmā' soll daraufhin geantwortet haben: „Du lügst. Er war pietätvoll gegenüber seinen Eltern, hat nachts ständig gebetet und gefastet. Bei Gott, der Gottesgesandte hat uns mitgeteilt, dass aus dem Stamm Thaqīf zwei Erzlügner erstehen werden, der zweite schlimmer als der erste, weil er ein mutwilliger Zerstörer ist.“ Damit soll sie al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid und al-Haddschādsch selbst gemeint haben.Madelung: "ʿAbd Allāh ibn az-Zubayr the mulḥid". 1995, S. 308.

Späterer umaiyadischer Wortgebrauch In der späten Umaiyadenzeit wurde der Begriff auch für Charidschiten verwendet. So sagt der Dichter Ru'ba ibn al-ʿAddschādsch (gest. 762) über den charidschitischen Führer al-Dahhāk ibn Qais al-Schaibānī (gest. 746), dass ihm jeder Mulhid folgte.Vgl. Madelung: Art. "Mulḥid" in EI² Bd. VII, S. 546b. Auch bei den Umaiyaden in al-Andalus wurde der Begriff benutzt. Von ʿAbd al-Malik ibn Habīb (gest. 853) wird überliefert, dass er ein „Buch über die Verfahrensweise des Herrschers mit den Abweichlern“ (Kitāb Sīrat al-imām fī l-mulḥidīn) verfasst hat. Hierbei handelte es sich wahrscheinlich um eine Sammlung von einschlägigen Rechtsentscheiden des Herrschers.Vgl. Beatrix Ossendorf-Conrad: Das "K. al-Wāḍiḥa" des ʿAbd-al-Malik b. Ḥabīb: Edition und Kommentar zu Ms. Qarawiyyīn 809/40 (Abwāb al-Ṭahāra). Stuttgart : Steiner [u. a.], 1994. S. 38f. Digitalisat

Als Bezeichnung für Anhänger iranischer Religionen und Philosophen Im frühen Abbasidenstaat erhielt der Begriff mulḥid eine neue Bedeutung. Er wurde nun für schuʿūbitisch gesinnte Literaten, Dichter und Denker verwendet, die dem Zoroastrismus und Manichäismus zuneigten. Ein Mann dieses Typs war der Dichter Baschschār ibn Burd, der 783 auf Befehl des Kalifen al-Mahdī hingerichtet wurde. In den Aġānī von Abū l-Faradsch al-Isfahānī wird vor den betrügerischen und verführerischen Worten „dieses abweichlerischen Blinden“ (hāḏā al-aʿmā al-mulḥid) gewarnt.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 287b. Nach Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gest. 935) umfasst der Begriff Mulhida diejenigen, die Gott aller Eigenschaften entkleiden (al-muʿaṭṭila), die vom Manichäismus beeinflussten Denker (az-zanādiqa), die Dualisten (aṯ-ṯanawīya), die Brahmanen (al-barāhima) und „andere, die den Schöpfer leugnen und die Existenz von Propheten abstreiten“.Ibn Fūrak: Muǧarrad Maqālāt aš-šaiḫ Abī l-Ḥasan al-Ašʿarī. Ed. Daniel Gimaret. Dār al-Mašriq, Beirut, 1987. S. 143, Z. 21f. Digitalisat Einer der wenigen Theologen, der selbst offen bekannte, ein Mulhid zu sein, war Ibn ar-Rāwandī.Sarah Stroumsa: Freethinkers of Medieval Islam: Ibn Al-Rawāndī, Abū Bakr Al-Rāzī and Their Impact on Islamic Thought. Brill, Leiden, 1999. S. 40.

Verschiedene Kalām-Gelehrte des achten und neunten Jahrhunderts verfassten eigenständige Werke zur Widerlegung von Mulhidūn, darunter muʿtazilitische Theologen wie Abū l-Hudhail, Bischr ibn al-Muʿtamir, an-Nazzām, ʿĪsā ibn Sabīh al-Murdār, Abū Bakr al-Asamm und Dirār ibn ʿAmr, der Murdschi'it al-Husain an-Naddschār, der Ibadit al-Haitham ibn al-HaithamVgl. Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. Ed. Riḍā Taǧaddud. Tehran 1971. S. 204–11, 214–15, 229, 234. Digitalisat und der zaiditische Imam al-Qāsim ibn Ibrāhīm ar-Rassī (gest. 860). Erhalten hat sich von diesen Werken lediglich das Buch zur Widerlegung des Mulhid (Kitāb al-Radd ʿalā al-mulḥid) von al-Qāsim ibn Ibrāhīm. Der anonyme Mulhid wird hier als ein religiöser Skeptiker gezeichnet, der zum Atheismus neigt.Vgl. Wilferd Madelung: Der Imām al-Qāsim ibn Ibrāhīm. De Gruyter, Berlin, 1965. S. 100, 110. Nach Ansicht von Abū Hilāl al-ʿAskarī (gest. nach 1015) war der muʿtazilitische Theologe Wāsil ibn ʿAtā' derjenige, der sich am besten von allen Menschen auf die Widerlegung von „Abweichlern“ (mulḥida) verstand.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 289a.

Ab dem 10. Jahrhundert hat man den Mulhid-Begriff gerne auch auf Philosophen angewandt.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1997, Bd. IV, S. 691. So schreibt zum Beispiel ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī in seinem häresiographischen Werk al-Farq bain al-firaq, dass sich der Muʿtazilit an-Nazzām im Alter unter eine Gruppe von „philosophischen Abweichlern“ (mulḥidat al-falāsifa) gemischt habe.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 289a. Al-Aschʿarī (gest. 935) hat nach eigenem Bekunden ein Buch über die „Lehrmeinungen der Abweichler“ (maqālāt al-mulḥidīn) abgefasst, in dem er die kosmologischen Theorien der alten Philosophen diskutierte.Vgl. Abū l-Ḥasan al-Ašʿarī: Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. Ed. Hellmut Ritter. Steiner, Wiesbaden, 1963. S. 326. Al-Dschuwainī meinte, dass zur Grundlage der Mulhida der Glaube gehöre, „dass vor dem Zyklus, in dem wir leben, unendlich viele weitere Zyklen abgelaufen sind“.Vgl. Ullmann: Wörterbuch der klassischen arabischen Sprache. 1983, Bd. II/1, S. 289a.

Als Bezeichnung für die Ismailiten Ab dem 12. Jahrhundert wurde Mulhida bzw. Malāhida zu einer der wichtigsten Fremdbezeichnungen für die Ismailiten. Dies geschah möglicherweise aufgrund ihrer Nähe zur Philosophie.Vgl. van Ess: Theologie und Gesellschaft. 1997, Bd. IV, S. 691. Asch-Schahrastānī (gest. 1153) ist diese Bezeichnung für die Ismailiten geläufig. Er vermerkt in seinem doxographischen Werk al-Milal wa-n-niḥal, dass man die Ismailiten im Irak als Bātiniten, Qarmaten oder Mazdakiten bezeichne, während man sie in Chorasan Taʿlīmīya oder Mulhida nenne.Vgl. Muḥammad aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-niḥal Ed. Aḥmad Fahmī Muḥammad. Dār al-Kutub al-ʿilmīya, Beirut, 1992. S. 202. Digitalisat – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. 2 Bde. Halle 1850-51. Bd. I, S. 221. Digitalisat Auch der anonyme Autor, der 1160 für den seldschukischen Sultan Muhammad II. (reg. 1153–1160) das persische Buch Einige Schändlichkeiten der Rāfiditen (Baʿḍ faḍāʾiḥ ar-Rawāfiḍ) verfasste, verwendet darin den Begriff mulḥidān (pers. Plural) für die Ismailiten.Vgl. M. Heidari-Abkenar: Die ideologische und politische Konfrontation Schia-Sunna am Beispiel der Stadt Rey des 10.–12. Jh. n. Chr. Inaugural-Dissertation, Universität Köln, 1992. S. 74, 104f. Er zählt in einer Liste zehn Gemeinsamkeiten zwischen Rāfiditen und Mulhids auf, wobei er mit ersteren die Zwölfer-Schiiten meint: Beide seien sie rachsüchtig gegenüber den Muslimen;