mini|De Reffye Mitrailleuse (Standort: Musée Militaire Vaudois, Morges) mini|Rückansicht einer Mitrailleuse mini|Einsatz der Mitrailleuse im Deutsch-Französischen Krieg in einer zeitgenössischen Darstellung
Die Mitrailleuse (IPA: , ; von französisch mitraille „Kartätsche“) ist ein manuell bedientes Salvengeschütz und wurde ursprünglich 1850 in Belgien entwickelt. Einige dieser Schusswaffen wurden im Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871) auf französischer Seite benutzt. Die französische Reffye, eine Mitrailleusen-Variante, war die erste Schnellfeuer-Schusswaffe, die als Standardausrüstung einer Armee in einem größeren Konflikt eingesetzt wurde. Obwohl die Konstruktion innovativ war, wurde die Waffe nie erfolgreich, da ihr taktisches Potenzial sehr gering war. Das Wort mitrailleuse steht bis heute im französischsprachigen Raum für ein Maschinengewehr, obwohl die historische Mitrailleuse keine automatische Schusswaffe darstellte, sondern manuell geladen werden musste.
Technik Aufbau Viele Varianten der Mitrailleuse wurden gebaut, wobei alle dasselbe Grundprinzip aufwiesen. Es wurden mehrere gezogene Läufe zusammengebaut und auf eine konventionelle Lafette der Artillerie beziehungsweise auf ein Dreibein gesetzt. Jeder Lauf war ein Hinterlader, die Munition wurde also von hinten in den Lauf geschoben. Zum Laden wurde die Munition auf eine spezielle Platte gesetzt, die der Anordnung der Läufe entsprach. Der hintere zentrale Verschluss wurde geöffnet und die Platte samt Munition eingelegt. Dadurch wurden alle Läufe gleichzeitig geladen und der Verschluss entweder über einen großen Hebel oder ein großes horizontales Gewinde zentral verriegelt. Ein zweiter Hebel musste schnell bewegt werden (bei einigen Modellen wurde dazu eine Kurbel gedreht), um die Läufe schnell nacheinander abzufeuern. Dadurch bekam die Waffe den Beinamen moulin á café (Kaffeemühle). So wurde auch die in Amerika während des Sezessionskrieges entwickelte automatisch feuernde Schusswaffe Union Repeating Gun genannt, die de facto das erste Maschinengewehr darstellte.
Die Platte, welche die Munition aufgenommen hatte, musste vor dem Nachladen entfernt werden. Im Gegensatz zur Gatling und späteren automatischen Schusswaffen lief der Laden-Schießen-Entladen-Vorgang manuell ab. Der große Vorteil der Mitrailleuse gegenüber den damaligen Handfeuerwaffen war das schnelle Nachladen und Abfeuern zahlreicher Läufe.Terry Gander: Machine Guns. Crowood Press, 2003, S. 13.
Die diversen Varianten der Mitrailleuse unterschieden sich durch die Anzahl der Läufe und deren Kaliber:
Variante Läufe Anordnung der Läufe Kaliber Datum1 Bemerkungen Bollée 30 zwei konzentrische Kreise (18 im Äußeren, 12 im Inneren) 13 mm(0,5 in) ? eingesetzt durch die französische Armee während des Deutsch-Französischen Krieges (1870–1871)S. Shann: The French Army 1870–1871 Franco-Prussian War. Osprey Publishing, 1991, S. 39. Chevalier et Grenier 16 zwei horizontale Reihen (2 × 8) 11 mm(0,4 in) ? Gabert 04 ??? 11 mm(0,4 in) ? auf Dreibein montiert, im Gegensatz zu den lafettierten anderen Varianten Christophe-Montigny 37 11 mm(0.4 in) 1851 entwickelt und eingesetzt durch die belgische Armee Reffye 25 in fünf Reihen (5 × 5) 13 mm(0.5 in) 1865 verbreitet eingesetzt durch französische Armee während des Deutsch-Französischen Kriegs (1870–1871) Fußnoten: Entwicklungsdatum
Die meisten Varianten der Mitrailleuse wurden auf eine Artillerie-Lafette montiert. Durch das Gesamtgewicht von etwa 900 kg waren sie auf dem Schlachtfeld zu unbeweglich. Ungefähr ein Drittel der Reffye-Mitrailleusen wurden mit einer Stahlplatte zum Schutz der Bedienungsmannschaft vor gegnerischem Feuer versehen. Diese Maßnahme wurde erst spät (1871) – vermutlich als Reaktion auf die Erfahrungen auf den Schlachtfeldern des Deutsch-Französischen Krieges – getroffen.
Munition und Feuergeschwindigkeit Durch das manuelle Laden der Waffe war die Kadenz erheblich von den Fertigkeiten der Bedienungsmannschaft abhängig. Eine geübte Mannschaft konnte mit einer Reffye-Mitrailleuse drei Salven (jeweils 25 Schuss) pro Minute während eines normalen Gefechts sowie im Notfall maximal fünf Salven (125 Schuss) abfeuern. Die Schussgeschwindigkeit wurde vom Schützen beeinflusst, der die kleine Kurbel auf der rechten Seite der Waffe bediente. Eine normale Batterie von Reffye-Mitrailleusen bestand aus sechs Geschützen, die alle mehr oder weniger in einer Linie feuerten.
Die Reffye-Mitrailleuse feuerte von Gaupillat entwickelte 13-mm-Patronen-Munition, die seinerzeit hochmodern war. Sie war mit Zentralfeuerzündung, einem Rand am Messingboden und einer dunkelblauen Hartpapier-Hülse einer modernen Schrotmunition nicht unähnlich.Jean Huon: Military rifle and machine gun cartridges. Arms & Armor Press, 1988. Das 13-mm-(0,512-inch)-Projektil wurde durch gepresstes Schwarzpulver mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 475 m/s angetrieben; die Mündungsenergie (durch das höhere Geschossgewicht) betrug das dreieinhalbfache der Chassepot- oder Dreyse-Munition. Sie war damit die bei weitem durchschlagsstärkste Gewehrmunition ihrer Zeit.
Die Patronen wurden in austauschbaren Stahlplatten vorgeladen. Während des Schießens der Mitrailleuse waren deren drei im Gebrauch: eine in der Waffe, eine wurde von den Hülsen befreit und eine wurde mit 25 neuen Patronen geladen.
Der Lauf der Mitrailleuse konnte für Streufeuer über Handräder seitwärts sowie vor und zurück bewegt werden. Der Winkel der Waffe war jedoch beschränkt und die Seitwärtsbewegungen waren nicht groß genug für effektives Streufeuer auf kurzen Distanzen. Der Streubereich der Waffe war so klein, dass einzelne preußische Soldaten oft von einer ganzen Salve getroffen wurden.McCormick, Dr William: On the Surgical Practice of the War. (Pall Mall Gazette. 1870). Während eines frühen Gefechts im Krieg wurde der preußische General Bruno von François bei Forbach auf den Spicherer Höhen am 6. August 1870 von vier Kugeln einer Salve niedergeschossen. Nach preußischen Aussagen trafen diese vier Kugeln einer Mitrailleuse aus einer Entfernung von 600 m. Die französische Artillerie löste das Problem, indem eine spezielle Munition mit drei Kugeln, die aus einer Patrone abgefeuert werden, für kurze Schussdistanzen verwendet wurde.
Entwicklung Die Mitrailleuse wurde durch den Einsatz in der französischen Armee bekannt, war jedoch bereits in den 1850er-Jahren in Belgien entwickelt und eingesetzt worden. Konstruiert wurde die Waffe von Hauptmann T.H.J. Fafschamps im Jahr 1851 und hergestellt durch Joseph Montigny von Fontaine-l’Évêque in der Nähe von Brüssel. Die Waffe wurde anscheinend nur als Defensivwaffe zum Schutz belgischer Festungen verwendet.
Das französische Militär begann, sich für die Mitrailleuse zu interessieren, und beauftragte 1860 eine Kommission der französischen Artillerie, die Waffe für die eigene Verwendung zu prüfen. Im Mai 1864 sandte der General Edmond Lebœuf einen Vorbericht mit dem Titel Note sur le Canon á Balles an den Oberbefehlshaber der französischen Armee, Napoléon III. Die Serienproduktion begann im September 1865 unter größter Geheimhaltung unter der Leitung von Oberstleutnant Jean-Baptiste Verchère de Reffye. Die Montage und die Herstellung einiger Teile erfolgte in Meudon, die meisten Teile wurden jedoch von der Industrie geliefert. Die Produktion verlief schleppend, da der Großteil des Fünf-Jahres-Budgets für das Chassepotgewehr ausgegeben wurde. Dadurch war Napoleon III. gezwungen, die Entwicklung und Herstellung der Mitrailleuse mit geheimen Mitteln zu finanzieren.S. Shann, L. Delperier: French Army of Franco-Prussian War. Imperial Troops. Osprey Publishing, 1991, S. 35–36.
Die Waffe wurde 1868 ausgiebig in der Satory „Polygon“ Anlage nahe Versailles unter größter Geheimhaltung getestet. Aus Angst vor Spionen wurde die Waffe in einem Zelt abgefeuert, während auf entfernte Ziele geschossen wurde. Die Mitrailleuse, von den Deutschen später auch etwas abfällig „Kugelspritze“ genanntJ. v. Pflugk-Harttung: Krieg und Sieg 1870–1871. Verlag Schall & Grund, Verein der Bücherfreunde, Berlin 1896, S. 78., zeigte eine beeindruckende Effizienz und wäre auf dem Schlachtfeld zweifellos erfolgreicher gewesen, hätten nicht Gewicht, Lafette und Bespannung eine organisatorische Zuordnung zur Artillerie erfordert.
Insgesamt wurden bis Juli 1870 215 Mitrailleusen sowie fünf Millionen Schuss Munition gefertigt, jedoch waren davon, als der Krieg gegen Preußen losbrach, nur 190 Mitrailleusen einsatzbereit.
Einsatzweise Die französische Armee sah die Mitrailleuse als Artilleriewaffe (und nicht als Infanteriewaffe, wie es später die Maschinengewehre waren), darum wurde die Reffye-Mitrailleuse in der französischen Armee „Canon à Balles“ (frei übersetzt: Kugelkanone) genannt. Die Mitrailleusen wurden auch von Artilleriepersonal bedient und neben regulären Vier-Pfünder-Geschützen eingesetzt.David Nicolle: Gravelotte-St. Privat 1870. Osprey Publishing, 1993, S. 25. Jede Mitrailleusen-Batterie bestand aus sechs Waffen mit einer jeweils sechsköpfigen Mannschaft. Ein Mann stand vorn rechts und feuerte die Waffe ab, ein zweiter vorn links richtete die Waffe. Die anderen vier Mann waren für das Zielen, Laden und Entladen zuständig.
Die militärische Nutzung als Artilleriewaffe war ein schwerwiegender taktischer Fehler. Um gegnerischem Gewehrfeuer zu entgehen, wurden die Mitrailleusen-Batterien üblicherweise 1.400 m hinter der Front aufgestellt. Obwohl die maximale Reichweite der Mitrailleuse 3.400 m betrug, wurden praktisch selten mehr als 2.000 m erreicht. Dies war weitaus weniger als die Reichweite der konventionellen französischen Artillerie, mit der die Mitrailleuse zusammen operierte. Die Entfernung war zu groß, um Ziele durch die zwei einfachen Zielvorrichtungen auffassen und anvisieren zu können. Auch war es auf diese Entfernung nicht möglich, den Einschlag der Kugeln zu beobachten, es sei denn, es wurden Gegner getroffen. Es sei erwähnt, dass moderne Maschinengewehre weit unter ihrer maximalen Reichweite benutzt werden; das M60-Maschinengewehr z. B. wird normalerweise auf Entfernungen bis 1.100 m bei einer maximalen Schussweite von 3.725 m benutzt. Die Mitrailleuse wurde im Gegensatz dazu meist bis zur maximalen Schussreichweite eingesetzt. Dieser Mangel im taktischen Einsatz der Mitrailleuse zeigte sich in fataler Weise im Krieg gegen Preußen.
Die Mitrailleuse im Krieg Deutsch-Französischer Krieg (1870–1871)