mini|300px|Colt Model 1873 Single Action, Werksgravur 1893 von Cuno Helfricht

Der Revolver (umgangssprachlich auch Colt als generischer Markenname) gehört zur Kategorie der mehrschüssigen Handfeuerwaffen und wird durch das deutsche Waffengesetz (WaffG) bzw. österreichische Waffenrecht (WaffG) als Kurzwaffe klassifiziert. Im Unterschied zu Selbstladepistolen sind bei Revolvern die Patronen nicht im Magazin, sondern in der hinter dem Lauf drehbar angebrachten Trommel geladen, welche durch Betätigen des Abzugs oder Spannen des Hahns gedreht und wieder in Schussposition gebracht wird.

Etymologie Für die in Deutschland ursprüngliche Bezeichnung Drehpistole setzte sich bereits im 19. Jahrhundert der anglo-amerikanische Begriff Revolver durch.Pierer’s Universal-Lexikon (1857), Eintrag: Revolver, Drehpistole (eingesehen am 21. Juni 2010) Im Lateinischen bedeutet revolvere zurück- oder umwälzen.Oscar Ludwig Bernhard Wolff: Neues elegantestes Conversations-Lexicon für Gebildete aus allen Ständen. Leipzig, Ch. E. Kollmann, 1834–1837 (Erstausgabe), Band IV, Seite 28, Revolution 1.) (eingesehen am 21. Juni 2010)

Verwendung Revolver werden im Sport, zur Selbstverteidigung und für die Nachsuche bei der Jagd eingesetzt. Der Vorteil eines Revolvers gegenüber der Selbstladepistole besteht darin, dass er auch bei seltenem Gebrauch zuverlässig funktioniert. In der Vergangenheit waren Revolver oft die Standardwaffe im Polizeidienst; im militärischen Bereich wurden sie vor allem von Offizieren, berittenen Truppen und der Militärpolizei verwendet. In beiden Rollen wurden sie weitgehend, in Deutschland sogar vollständig, durch modernere Selbstladepistolen ersetzt. Kompakte (oft fünfschüssige) Revolver werden teilweise in den USA von Polizisten als Zweitwaffe (engl.: back-up gun) oder außerhalb des regulären Dienstes (off duty gun) getragen.http://www.policeone.com/chiefs-sheriffs/articles/1997266-Backup-gun-strategies-for-the-police-professional/ In einigen Staaten werden Revolver noch heute als Standardwaffen für Angehörige der Polizei eingesetzt.

Entwicklungsgeschichte Frühe Revolver mini|Detail eines achtschüssigen Luntenschlossrevolvers von 1580 mini|Früher Radschlossrevolver (Deutschland ca. 1590) mini|Frühe Radschlosspistole mit 3 Radschlössern (Italien ca. 1570) mini|Revolvergewehr mit drehbaren (Teil-)Steinschlössern (Frankreich 18. Jahrhundert) Die ersten Waffen wichen noch von der gebräuchlichen Definition eines Revolvers ab. Es waren ausnahmslos Vorderlader, bei denen jede Kammer das hintere Ende eines Laufs bildete. Es drehte sich also nicht nur eine Trommel mit Treibladung und Geschoss, sondern das gesamte Laufbündel.

Überlegungen zu mehrläufigen Waffen mit drehbaren Laufbündeln gab es in Mitteleuropa bereits im 15. Jahrhundert, so zeigt eine Nürnberger Handschrift aus dem späten 15. Jahrhundert eine dreischüssige Luntenschlossbüchse mit drehbarem Lauf.Hans Formschneider: Büchsenmeisterbuch. Nürnberg [spätes 15. Jahrhundert] Fol. 7v, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart Cod.milit.qt.31 Erste praktische Experimente mit mehrläufigen Luntenschlosswaffen gab es bereits um 1500.Edward Clinton Ezell: Handguns Of The World – Military Revolvers and Self-Loaders from 1870 to 1945. Barnes & Noble Books Inc., 1993, ISBN 0-88029-618-6, S. 15 u. 21. Von deutschen Büchsenmachern wurden zwischen 1595 und 1600 in geringer Anzahl die ersten Waffen mit Radschloss gefertigt. Es existierten zu dieser Zeit einige Revolver mit Schnapphahnschloss aus deutscher Produktion.Edward C. Ezell: Handguns Of The World – Military Revolvers and Self-Loaders from 1870 to 1945. Barnes & Noble Books Inc., 1993, ISBN 0-88029-618-6, S. 21. Seit 1600 wurden vermehrt Steinschlossrevolver gebaut. Im Vergleich zu einschüssigen Pistolen war ihre Anzahl jedoch gering. Dies lag an ihrer Größe (bis 550 mm), dem Gewicht (bis 2,85 kg) und dem Problem, das Zündpulver für jedes Patronenlager zuverlässig aufzubewahren.

Die Tendenz zu mehrschüssigen Waffen kam wahrscheinlich mit dem Einsatz von Pistolen in Kriegen auf. Schoss der Jäger daneben, hatte er nur seine Beute verloren, schoss der Soldat aber daneben, war er wehrlos und verlor eventuell sein Leben.Frederick Wilson: Das große illustrierte Buch der Pistolen. Optimum, ISBN 0-600-37218-9, S. 54. Aus diesem Grund wurden Pistolen oft paarweise verkauft, so dass man zumindest einen zweiten Schuss hatte. Während es für die Jagd schon früh Doppelbüchsen und Büchsflinten gab, gab es die erste wirklich doppelläufige Pistole mit Radschloss erst gegen 1530.Frederick Wilson: Das große illustrierte Buch der Pistolen. Optimum, ISBN 0-600-37218-9, S. 56. Im 18. Jahrhundert kam das tap action-System auf, bei dem ein Schloss für mehrere Läufe genutzt wurde. Das Schloss wurde jeweils auf den abzuschießenden Lauf ausgerichtet.Frederick Wilson: Das große illustrierte Buch der Pistolen. Optimum, ISBN 0-600-37218-9, S. 56–58 Es gab Waffen, bei denen als Umkehrung dazu mehrere Läufe auf ein Schloss ausgerichtet werden konnten. Diese Waffen wurden Wender genannt. Die erste Pistole dieser Art stammt aus dem Jahr 1540. Die in Venedig ausgestellte Waffe besitzt drei Läufe. Nach jedem Schuss wurde die Arretierung gelöst, das Laufbündel um 120° gedreht und wieder arretiert.Frederick Wilson: Das große illustrierte Buch der Pistolen. Optimum, ISBN 0-600-37218-9, S. 58. Allerdings gerieten diese frühen Vorläufer der Revolver bald wieder in Vergessenheit.

Bündelrevolver

mini|Bündelrevolver von Allen & Thurber (Worcester (Massachusetts)) mini|Revolver System Mariette 1855 Ab 1770 wurden in England Bündelrevolver hergestellt. Es waren Steinschlosswaffen. Das Laufbündel musste von Hand gedreht werden. Diese Bündelrevolver waren zu fragil, um gebrauchstauglich zu sein.Gerald Prenderghast: Repeating and Multi-Fire Weapons: A History from the Zhuge Crossbow Through the AK-47. McFarland, 2018, ISBN 978-1-4766-6666-2, S. 53–55 (online).

1837 ließ sich der US-Amerikaner Ethan Allen aus Massachusetts einen Double-Action-Bündelrevolver patentieren. Dabei wirkte der Abzug auf einen Zahnkranz, der die Trommel bewegte. Es handelte sich um die Waffe mit der damals größten Feuergeschwindigkeit weltweit.Frederick Wilson: Das große illustrierte Buch der Pistolen. Optimum, ISBN 0-600-37218-9, S. 111. Insgesamt war der Bündelrevolver durch seine in der Regel sechs Läufe jedoch zu schwer und hatte eine ungünstige Schwerpunktlage.Frederick Wilson: Das große illustrierte Buch der Pistolen. Optimum, ISBN 0-600-37218-9, S. 113.

Collier-Revolver mini|Steinschlossrevolver von Collier 1818 wurden von Captain Artemas Wheeler, Elisha Haydon Collier und Cornelius Coolidge verbesserte einläufige Steinschlossrevolver vorgestellt. Neben Revolvern wurden auch Büchsen und Flinten nach diesem System gefertigt. Die Waffen basierten auf einem auf Wheeler lautenden US-Patent vom 10. Juni 1818,Im Jahr 1818 wurden noch keine Patentnummern vergeben. Colliers britischem Patent Nr. 4.315 vom 24. November 1818 und dem französischen Patent 969 vom 5. August 1819.Edward C. Ezell: Handguns Of The World – Military Revolvers and Self-Loaders from 1870 to 1945. Barnes & Noble Books Inc., 1993, ISBN 0-88029-618-6, S. 22.Charles Edward Chapel: Guns of the Old West – An Illustrated Guide. Courier Dover Publications, 2002, ISBN 0-486-42161-9, S. 87–88 () Die Angaben darüber, wie die drei Erfinder zusammengearbeitet haben, oder ob sie Konkurrenten gewesen sind, gehen in der Literatur auseinander.

Die herausragende Neuerung war, dass bei der Schussauslösung durch eine Feder die Kammeröffnung über das konische Ende des Laufes gedrückt wurde. Dadurch wurde sichergestellt, dass die Achsen von Kammer und Lauf auf einer Linie lagen. Somit konnte sich das Geschoss nicht am hinteren Laufende verkanten und zu einer Störung oder zur Waffensprengung führen.Edward C. Ezell: Handguns Of The World – Military Revolvers and Self-Loaders from 1870 to 1945. Barnes & Noble Books Inc., 1993, ISBN 0-88029-618-6, S. 23–24. Gleichzeitig wurde verhindert, dass zwischen Kammer und Lauf Gas entweichen konnte, wodurch ein höherer Gasdruck erreicht wurde. Das ermöglichte eine höhere Geschossgeschwindigkeit und damit eine höhere Geschossenergie. Außerdem konnten keine Funken und heißen Gase auf andere Kammern überspringen, in denen sich loses Schießpulver befand.Edward C. Ezell: Handguns Of The World Military Revolvers and Self-Loaders from 1870 to 1945. Barnes & Noble Books Inc., 1993, ISBN 0-88029-618-6, S. 24. Die Batterie des Schlosses war zudem als Hohlraum ausgebildet. Wurde sie heruntergeklappt, rieselte Zündpulver in die Pfanne. Es musste dadurch nicht schon vorher hineingeschüttet oder dort aufbewahrt werden.Klaus-Peter König: Faustfeuerwaffen heute, Band 1: Europa. Motorbuch Verlag, Stuttgart, 1997, ISBN 3-613-01791-1, S. 27.

Allerdings wurde der Revolver in der Übergangszeit mit Perkussionszündung erdacht. Mit Steinschloss, einer von Hand zu drehenden Trommel und relativ hohen Fertigungskosten konnten bis 1827 nur rund 300 Revolver abgesetzt werden. Die zwischenzeitlich angedachte Umstellung auf eine beim Spannen des Hahns mechanisch ausgelöste Trommelbewegung wurde aus Gründen der Vereinfachung 1824 fallen gelassen, und nur wenige Waffen wurden mit einer Perkussionszündung ausgestattet. Später wurde der Collier-Revolver von Francis Edwards und Mill in Großbritannien weiterentwickelt.

Perkussionsrevolver

Im Jahr 1835 beantragte der erst 21 Jahre alte US-Amerikaner Samuel Colt in Großbritannien ein Patent für einen Revolver mit Perkussionszündung, der als Colt Paterson bekannt wurde. Durch die Anmeldung hielt er sich die Möglichkeit offen, das gleiche Patent auch in Frankreich und den USA anzumelden. Umgekehrt wäre dieses aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen. Da andere Erfinder dieser Zeit selten Patente in mehreren Ländern anmeldeten, ist davon auszugehen, dass Colt seine Erfindung international, auch bei den Militärs, vermarkten wollte. Das britische Patent Nr. 6.906 vom 22. Oktober 1835 und das US-amerikanische Patent Nr. 9.430x vom 25. Februar 1836 sicherten ihm bis 1856 die alleinige Umsetzung einer Reihe von Ideen. Diese betrafen vor allem die Positionierung, Trennung und den Schutz der Zündhütchen, das Abzugssystem, die Bewegung und Festsetzung der Trommel und die Trommelachse.

Eine Legende zu dieser Erfindung besagt, dass Samuel Colt 1834 per Schiff von England in die USA reiste. Er beobachtete, wie der Steuermann sein Ruder mit Hilfe eines Holzbolzens von unten arretierte. Somit blieb das Ruder gerade und das Schiff auf Kurs. Colt war von dieser Mechanik begeistert und schnitzte sofort ein Modell seiner Idee. Noch im selben Jahr ließ er vom Büchsenmacher John Pearson ein Modell anfertigen. Eine andere Legende besagt, dass Colt im Royal United Service Museum in Whitehall einen Schnappschlossrevolver aus der Zeit vor 1650 gesehen haben könnte. Die Trommelarretierung dieser Waffe im Kaliber .500 weist viele Gemeinsamkeiten mit dem später von Colt entwickelten Revolver auf.Walter Harold B. Smith, Joseph E. Smith: Small Arms Of The World – a basic manual of small arms. 10. Auflage, Stackpoole Books, Harrisburg 1973, ISBN 0-88365-155-6, S. 159.