Die Speyrer Kirche ist eine ehemalige Pfarrkirche in Ditzingen im Landkreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Sie liegt auf dem Ditzinger Friedhof und wird heute als Aussegnungskirche und für kirchenmusikalische Veranstaltungen genutzt. Der Bau ist Kulturdenkmal gemäß § 28 DSchG BW.
Geschichte Bis zur Reformation mini|Die Kirche von Süden Die Gemeinde Ditzingen wird durch die Glems in zwei Hälften geschieden, deren westliche in vorreformatorischer Zeit zum Landkapitel Grüningen der Diözese Speyer gehörte, während die östliche dem Landkapitel Cannstatt der Diözese Konstanz unterstand (siehe Konstanzer Kirche). Nach den Forschungen von Wolfgang Irtenkauf war die Speyrer Kirche die ältere der beidenWolfgang Irtenkauf: Das Problem zweier Diözesangrenzen: Speyrer Kirche Ditzingen. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 63 (1963), S. 138–151 und wurde wohl Ende des 8. Jahrhunderts als Eigenkirche eines fränkischen Grundherrn errichtet. Da die Glems ihren Verlauf ursprünglich wohl weiter südlich entlang der jetzigen Marktstraße nahm, umfasste ihr Pfarrsprengel auch den Herrenhof und damit den Kern der Ditzinger Wohnsiedlung im Bereich des heutigen Hirsauer Pfleghofs. 1347 wurde die Kirche durch den Speyrer Bischof Gerhard von Ehrenberg dem Dominikanerinnenkloster Pforzheim inkorporiertUrkunde gedruckt bei: Wolfgang Irtenkauf: Das Problem zweier Diözesangrenzen: Speyrer Kirche Ditzingen. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 63 (1963), S. 145., das noch 1524/29 das Pfarrbestellungsrecht besaß.Thomas Schulz: Altwürttembergische Lagerbücher aus der österreichischen Zeit 1520-1534. Band V: Ämter Asperg, Bietigheim, Besigheim, Markgröningen, Leonberg und Vaihingen. Stuttgart 1989, S. 326. Unter den Pfründen des Klosters war Ditzingen die am weitesten entfernte. Möglicherweise traten die Dominikanerinnen hier in die älteren Rechte des Klosters Hirsau ein, das – teils durch Kauf, teils durch Schenkung – den wirtschaftlichen Grundstock für das Pforzheimer Kloster zur Verfügung stellte. In einer Hirsauer Urkunde aus dem Jahr 1375 liegt der früheste Nachweis über die Existenz der Kirchen Constanzer und Spirer bistums vor.Wolfgang Irtenkauf: Das Problem zweier Diözesangrenzen: Speyrer Kirche Ditzingen. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 63 (1963), S. 143.
Das Kirchengebäude wurde Ende des 15. Jahrhunderts in gotischen Formen neu aufgeführt. Die genaue Bauzeit und das Weihedatum sind unbekannt. Das früher genannte Jahr 1477 ist nicht belegt.Wolfgang Irtenkauf: Wanderungen in die Vergangenheit (17): Speyrer Kirche Ditzingen. In: Schwäbische Heimat 3/1984, S. 240. Als Initiator des Neubaus ist vielleicht Friedrich von Nippenburg anzusprechen, der einem in der Region begüterten Adelsgeschlecht entstammte und als Propst der Speyrer Dreifaltigkeitskirche und damit Archidiakon für das Landkapitel Grüningen fungierte.
Als möglicher Baumeister für den heutigen spätgotischen Kirchenbau wurde früher Hieronymus Mager aus Schwäbisch Gmünd genannt.Die "Speyrer Kirche" in Ditzingen. In: Für Bauplatz u. Werkstatt. Mitteilungen der Beratungsstelle für das Baugewerbe. Herausgegeben vom Württ. Landesgewerbeamt, April 1925. Die Oberamtsbeschreibung für das Oberamt Leonberg von 1930 rechnet die Baumeister zum Umkreis von Albrecht Georg und Peter von Koblenz.Beschreibung des Oberamts Leonberg. Hrsg. vom Württ. Statistischen Landesamt. Zweite Bearbeitung. 1. Band. Stuttgart 1930, S. 675.Friedrich Piel: Baden-Württemberg (Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler). [München] 1964, S. 91. Jüngere Untersuchungen schreiben den Kirchenbau anhand der an den Gewölbekonsolen im Chor angebrachten Meisterschilde dem Meister von Schwieberdingen, wohl einem Verwandten des Heidelberger Hofbaumeisters Caspar Lechler, zu.Adolf Schahl: Ditzingen in der Kunstgeschichte. In: Heimatbuch Ditzingen. Herausgegeben von der Gemeinde Ditzingen zur Stadterhebung 1966. Ditzingen 1966, S. 142.Wolfgang Irtenkauf: Wanderungen in die Vergangenheit (17): Speyrer Kirche Ditzingen. In: Schwäbische Heimat 3/1984, S. 240f. Er ist mit seinem Meisterzeichen erstmals nach 1463 auf den Mittelschiffspfeilern der Alexanderkirche in Marbach am Neckar zu finden, wo er offenbar noch im Verbund mit anderen Baumeistern tätig war. Unter der Leitung des Stuttgarter Meisters Aberlin Jörg war er um und nach 1470 beim Bau der Cannstatter Stadtkirche und der Hospitalkirche in Stuttgart beschäftigt, dann beim Bau der Speyrer Kirche und später an der Kirche in Schwieberdingen, an der Peterskirche in Weilheim an der Teck und zuletzt an Turm und Turmanbau der Spitalkirche von Markgröningen. Der zweite Baumeister war Hans von UrachAdolf Schahl: Ditzingen in der Kunstgeschichte. In: Heimatbuch Ditzingen. Herausgegeben von der Gemeinde Ditzingen zur Stadterhebung 1966. Ditzingen 1966, S. 142., der zuvor – ebenfalls als Mitarbeiter von Aberlin Jörg – an der Einwölbung des Heilig-Kreuz-Münsters in Schwäbisch Gmünd und beim Bau des Langhauses der Öhringer Stiftskirche durch Bernhard Sporer mitwirkte (beides um 1491).
Aufhebung als Pfarrkirche und Nachnutzung mini|Ditzingen 1682 im Forstlagerbuch von Andreas Kieser: links die Konstanzer, rechts die Speyrer Kirche Schon wenige Jahre nach Vollendung des Kirchenbaus wurde die Speyrer Kirche als eigenständige Pfarrkirche aufgehoben. Mit Einführung der Reformation in Württemberg und dem Wegfall der Diözesangrenze war die zweite Pfarre in Ditzingen überflüssig. Als einer der letzten Pfarrer ist Peter Knöpfler bekannt, der damals in einen Mordprozess verwickelt war. Nach seinem Weggang wurde die Speyrer Kirche durch den Pfarrer der Konstanzer Kirche, den Hirsauer Konventual Rudolf Heim mit versehen. Er ist noch 1537 in Ditzingen bezeugt. 1540 wurde das Pfarrhaus der Speyrer Kirche verkauft und der Erlös zwischen der Herrschaft in Pforzheim und dem Pfarrer aufgeteilt. 1551 versah der in Hirschlanden amtierende Interimspriester Johann Stöffler aus Blaubeuren die Pfarrei.Anton Gast: Historische Kirchen in Ditzingen. Ein Wegweiser durch die Konstanzer und Speyrer Kirche. Ditzingen 1985, S. 30. Eine Vereinbarung zwischen Herzog Christoph von Württemberg und den Pforzheimer Dominikanerinnen von 1552 besiegelte ihre endgültige Aufgabe. Die Kirche wurde profaniert und diente wohl vorübergehend den Ditzinger Bauern als Scheuer, Vorratsspeichern und Wäschetrockenplatz.
1656 erwarb der württembergische Staat die Kirche. Sie wurde der Stiftungspflege Ditzingen und bei der Trennung des Kirchenstiftungsvermögens Ende des 19. Jahrhunderts der bürgerlichen Gemeinde Ditzingen überwiesen. Genutzt wurde sie in erster Linie als Aussegnungskirche. 1924 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt.
Katholische Kirche und Ehrenmal Mit dem wachsenden Anteil an katholischen Einwohnern – die Oberamtsbeschreibung von 1930 nennt 2259 evangelische, 59 katholische Einwohner und 17 „von anderen Bekenntnissen“Beschreibung des Oberamts Leonberg. Herausgegeben vom Württ. Statistischen Landesamt. Zweite Bearbeitung. 1. Band, Stuttgart 1930, S. 673. – rückte die Speyrer Kirche in den Blick der katholischen Pfarrgemeinde St. Antonius in Zuffenhausen, in die bis 1963 auch die Ditzinger Katholiken eingepfarrt warenKarl Habrik: Katholische Kirchengemeinde. In: Heimatbuch Ditzingen. Herausgegeben von der Gemeinde Ditzingen zur Stadterhebung 1966. Ditzingen 1966, S. 118.. 1932 wurde ihr die Nutzung vertraglich eingeräumt. Am Rosenkranzfest 1933 wurde in der Speyrer Kirche erstmals seit der Reformation wieder eine Heilige Messe gefeiert. Seither zelebrierte ein Hilfsgeistlicher die Messe regelmäßig, zunächst monatlich, dann zweimal im Monat, ehe die politische Gemeinde unter dem nationalsozialistischen Bürgermeister Gottlob Diez den Vertrag mit den Katholiken im Februar 1939 aufkündigte.
1937–1939 wurde die Kirche durch den Bildhauer Fritz von Graevenitz zu einer Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgestaltet. Das von ihm geschaffene Ehrenmal (sog. Sarkophag) wurde 1945 an den Künstler zurückverkauft und befindet sich heute auf dem Solitude-Friedhof in Stuttgart.Bild in: Fritz von Graevenitz. Plastik, Malerei, Graphik. 2. Auflage. Stuttgart 1980, S. 64.
Da mit dem Zuzug von Ostflüchtlingen und Heimatvertriebenen die Zahl der katholischen Einwohner Ditzingens nach dem Zweiten Weltkrieg stark anstieg, wurde die Speyrer Kirche zunächst wieder der römisch-katholischen Gemeinde überlassen, die dort bis zum Bau der Kirche St. Maria Königin des Heiligen Rosenkranzes ihre Messen feierte.Heinrich Singer: Geschichte der jüngeren Zeit. In: Erbe und Aufgabe. Die katholische Kirchengemeinde Ditzingen in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart 1962, S. 26–29.
Patrozinium Die Kirche war ursprünglich dem heiligen Lambert von Maastricht geweiht. Vermutlich wurde die Verehrung des Heiligen durch das Kloster Lorsch vermittelt, das in Ditzingen umfangreichen Besitz hatte und ein Zentrum des Lambertuskults östlich des Rheins war.Wolfgang Irtenkauf: Das Problem zweier Diözesangrenzen: Speyrer Kirche Ditzingen. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 63 (1963), S. 140f. In der Zeit des Kirchenneubaus wurde Lambert von der heiligen Margaretha abgelöst. 1424 erscheint hinder Sant Lamprechts Kirchen noch als Lagebezeichnung im Leonberger Amtslagerbuch. 1427 bezieht das Priorat Reichenbach einen jährlichen Zins von Gütern der hayligenpfleger zu sanct Lambrecht.Regina Keyler (bearb.): Das älteste Urbar des Priorats Reichenbach von 1427 (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe A, Band 51). Stuttgart 1999, S. 114. 1514 ist das Doppelpatrozinium Sant Lampertus und Sant Margarethen nachgewiesen. Lambert wurde als Patron jedoch bald verdrängt. 1551 ist nur noch von der St. Margarethen Pfarr die Rede. Mit Einführung der Reformation war die Heiligenverehrung ohnehin obsolet.
Baubeschreibung mini|hochkant|Fensterrosette über dem Westportal mini|hochkant|Detail an der Kanzel (Engelskopf) Das rechteckige, im Kern spätgotische Kirchenschiff (Laienhaus) misst 14,75 × 8,4 Meter und wird nach oben von einer Balkendecke abgeschlossen, die früher vermutlich mit einer Tafeldecke verkleidet war. Das Mauerwerk besteht aus Rot- und Buntsandstein aus Steinbrüchen der Region. Die Ecken wurden außen mit behauenen Steinen akzentuiert, der übrige Bau besteht aus gewöhnlichem Bruchsteinmauerwerk mit einem Schwarzkalkbewurf. Der Haupteingang befindet sich an der Westseite, ein zweiter Zugang an der Südseite, der ursprünglichen bewohnten Siedlung zugewandt. Dem Südportal gegenüber ragt aus der Nordwand eine fünfseitige schmale Erkerkanzel, deren bauzeitlicher Zugang über eine Außentreppe und Nordwandtür nicht erhalten ist.Karl Halbauer: Predigstül - Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation; in der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132; Stuttgart 1997, S. 124–127 Sie weist auf den kurzzeitigen Raumcharakter einer Querkirche hin,Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Ubstadt 2025, S. 235, 277 - ISBN 978-3-95505-592-9. ist aber wohl bereits seit kurz nach Einführung der Reformation in Württemberg durch die Nutzungsänderung der Kirche funktionslos. Der Innenraum wird im Wesentlichen durch zwei dreiachsige Spitzbogen-Maßwerkfenster erhellt. Ein Rundfenster mit Maßwerk befindet sich über dem Westportal. Die Balkenkonstruktion der Westempore stammt noch aus der Bauzeit um 1490. Lediglich Bretterboden und Treppenaufgang wurden um 1950 erneuert.