mini|Mineralölwerk Lützkendorf, 1969 Das Mineralölwerk Lützkendorf war ein Chemiewerk in Krumpa, heute ein Ortsteil von Braunsbedra (Sachsen-Anhalt). Von der Wintershall AG zwischen 1936 und 1939 erbaut, produzierte es synthetische sowie konventionelle Kraftstoffe aus Braunkohle und Erdöl. Als volkseigener Betrieb entwickelte sich das Werk nach dem Zweiten Weltkrieg zum größten Schmierstoffhersteller der DDR. Zu den bekanntesten Produkten zählten die Motorenöle mit dem Markennamen Addinol.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Werk 1994 privatisiert, ab 1996 zurückgebaut und 1998 vollständig stillgelegt. Auf dem ehemals 25 km² großen Betriebsgelände befinden sich erhebliche Altlasten, deren Beseitigung bis heute andauert.

Kriegswichtiger Betrieb mini|Schema Werk Lützkendorf, 1939 mini|Motoröl Vitamol der Wintershall AG

Das Mineralölwerk Lützkendorf entstand im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht. Von der Wintershall AG beauftragt und von der Mitteldeutschen Treibstoff- und Oelwerke A.G. Kassel in Auftrag genommen, begann am 26. Oktober 1936 der Aufbau des Werkes. Die offizielle Firmierung lautete Wintershall A.G. Werk Lützkendorf. 1938 wurde der Ort Lützkendorf ein Gemeindeteil von Krumpa. Zunächst entstand eine Fischer-Tropsch-Anlage. Mit einer Kapazität von 75.000 Jato (Tonne pro Jahr) sollte dieses Hydrierwerk ab Dezember 1938 aus Braunkohle verschiedene synthetische Ölfertig- und Halbprodukte sowie Diesel als anfallendes Nebenprodukt herstellen.Wintershall A.G. Werk Lützkendorf Geiseltal, abgerufen am 28. März 2021.

Zusätzlich ging im Februar 1939 eine Destillation und Schmierölfabrik zur Verarbeitung von geförderten Rohöl aus den Erdölfeldern bei Nienhagen und Zistersdorf in Betrieb. Im gleichen Jahr erfolgte die Inbetriebnahme einer nachgeschalteten weiteren großtechnischen Hydrieranlage, die mit einem Durchsatz von 50.000 Jato im Bergius-Pier-Verfahren verschiedene Treibgase und Benzine (Fahrbenzine, Flugbenzine) produzierte. Die erforderliche Rohkohle zur Verflüssigung lieferten überwiegend die Anhaltischen Kohlenwerke aus ihren in unmittelbarer Nähe zu Lützkendorf gelegenen Tagebauen. Bis Ende 1939 war das Werk in seiner Grundfunktion errichtet.

In den vier folgenden Jahren kamen noch zusätzliche Anlagen oder Erweiterungen hinzu, unter anderem der 1941 fertiggestellte sogenannte Europatank, mit einem Fassungsvermögen von 20.000 Kubikmetern damals der größte Treibstofftank Europas. Insgesamt erstreckte sich das Betriebsgelände über eine immense Fläche von 25 km². Der Abschluss des Gesamtaufbaus des Werks war erst im Frühjahr 1944 erreicht und kostete 112 Millionen Reichsmark (nach heutiger Kaufkraft  Millionen Euro).Heinz-Gerhard Franck, Jürgen Walter Stadelhofer: Industrielle Aromatenchemie. Rohstoffe, Verfahren, Produkte. Verlag Springer, 1987, S. 48.

Ab Beginn der 1940er Jahre war die Wintershall AG nach der IG Farben AG der zweitgrößte deutsche Chemiekonzern. Das Unternehmen besaß zahlreiche Kaliwerke und neben Lützkendorf noch ein kleineres Mineralölwerk mit einer Kapazität von 40.000 Jato in Salzbergen. Darüber hinaus hielt die Gesellschaft hohe Beteiligungen an der Gewerkschaft Victor Stickstoff- und Benzinwerke in Castrop-Rauxel sowie an der Kontinentale Öl AG und der Karpaten-Öl AG. Eigene, teilweise sehr ergiebige Ölfelder besaß die Wintershall AG in Nienhagen und Zistersdorf. Den wesentlichen Teil des Absatzes der Mineralölprodukte aus Lützkendorf und Salzbergen übernahm die NITAG, ebenfalls ein Tochterunternehmen der Wintershall. Die NITAG verfügte über eigene Kesselwagen, Tanklaster und über ein Netz von 650 Tankstellen. Zu den bekanntesten Handelsmarken zählten Nitalin (Fahrbenzin), Nital (Benzin-Benzol-Gemisch) und Vitamol (Motoröl).Geschäftsberichte und Zeitungsartikel der Wintershall AG! HWWA, abgerufen am 6. April 2021.

Die erfolgreiche Ausdehnung des Konzerns in der Mineralölbranche war im Wesentlichen eine Folge der guten Beziehungen zum NS-Regime. August Rosterg und andere Direktoren der Wintershall unterstützten die Autarkiebestrebungen und betrachteten diese als „Grundlage für die Wiedergesundung Deutschlands“. Der nationalsozialistischen Rassenpolitik folgte die Unternehmensleitung allerdings widerwillig. Beispielsweise wurden erst ab April 1936 auf Druck des Landes Thüringen, das Großaktionär der Wintershall AG war, die jüdischen Aufsichtsratsmitglieder bei ihrer turnusmäßig anstehenden Wiederwahl ersetzt. Ausdrücklich hielt der Geschäftsbericht 1937 dazu fest, dass dies „allein auf die Forderung des Landes Thüringen“ zurückzuführen sei.Joachim Scholtyseck: Der Aufstieg der Quandts. Eine deutsche Unternehmerdynastie. C.H.Beck, 2011, S. 100 f.

1943, dem höchsten Produktionsjahr des Mineralölwerks Lützkendorf während der NS-Zeit, konnten insgesamt 111.700 Tonnen Rohstoffe (inklusive Erdöl, Braunkohle, Schwelteer und Grudekoks) verarbeitet werden. Die Sparte Schmierstoffe erzielte 1943 einen Gewinn von 6 Millionen Reichsmark. Dagegen erreichte das Synthesewerk nur 40 Prozent der geplanten 75.000 Jato Gesamtausstoß an Primärprodukten. Faktisch war die Anlage infolge permanenter Wartungs- und Reparaturarbeiten zu jeder Zeit unwirtschaftlich. Im Vergleich zu allen anderen deutschen Hydrierwerken erzielte das Mineralölwerk Lützkendorf stets die schlechtesten Produktionswerte.Die Chemie stimmt nicht! Geiseltal, abgerufen am 28. März 2021.

Bereits in den Anfangsjahren stellte sich die Standortwahl als nicht optimal heraus. Zwar waren die Anfahrtswege der Kohle gering, jedoch konnten die in der Umgebung vorhandenen Tiefbrunnen nicht die benötigte Schöpfmenge Frischwasser erbringen. Zudem war das im Geiseltal gewonnene Wasser extrem kalkhaltig. Daraus resultierten Zusetzungsprozesse in den Rohren und Konflikte bei der Hydrierung. Ein weiteres Problem war die mit zunehmendem Abbau immer sandiger und schwefelhaltiger werdende Kohle. Dies verunreinigte das Synthesegas und wirkte sich negativ auf die Katalysatoren sowie deren Lebensdauer aus. In der Folge wurde mehrfach eine vollständige Stilllegung der Fischer-Tropsch-Synthese diskutiert. Dazu kamen ungünstige Konstruktionen, schlechte Bauausführungen, fehlende Ersatzteile und ein permanenter Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

Die Kapazitätsfaktoren Personal und Leistung (Ausbringungsmenge) wiesen ein deutliches Missverhältnis auf. Als Vergleich diente oft das viel größere Brabag-Werk Zeitz mit einer Kapazität von 320.000 Jato. So arbeiteten im April 1944 im Mineralölwerk Lützkendorf rund 5000 Menschen im Dreischichtbetrieb, darunter 1000 Montagearbeiter anderer Firmen und zahlreiche freiwillige Fremdarbeiter aus verschiedenen Ländern.Heinz Rehmann: Die Bombenangriffe auf das Mineralölwerk Lützkendorf der Wintershall AG. In: Heinz Rehmann, Reinhart A.O. Roesch: Bomben auf die Chemieregion – Die anglo-amerikanischen Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges auf Ziele im Raum Merseburg und die deutschen Abwehrmaßnahmen. Verein Sachzeugen der chemischen Industrie (SCI) e. V., 2002. S. 27–33. Hingegen waren zur gleichen Zeit im Brabag-Werk Zeitz ebenfalls im Schichtdienst 2991 Personen, davon 755 zivile Ausländer, beschäftigt.Ralf Bierod: Das Anlernen von Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeitern in deutschen Betrieben während des Zweiten Weltkriegs. Ibidem-Verlag, 2012, S. 19–25.

Durch politischen Druck und im eigenen Interesse der Wintershall entstanden für die Werksangehörigen zwischen 1937 und 1943 vier Arbeitersiedlungen. Das Eigenheim für Arbeiter war ein Kernziel der nationalsozialistischen Innenpolitik. Besonders propagiert wurde die Kleinsiedlung, bestehend aus Heimstätten oder Kleinsiedlerstellen. Zunächst erfolgte in Krumpa der Bau einer Siedlung mit Einfamilienhäusern und sogenannten Volkswohnungen in zweigeschossigen Wohnblöcken. Zu jeder Wohneinheit gehörten 150 m² Gartenland. Um den anschwellenden Bedarf an Wohnungen und Einfamilienhäusern für die Belegschaft zu decken, wurden in Mücheln drei weitere Werkssiedlungen errichtet. Dazu kamen eine Volksschule, mehrere Einkaufsläden, ein neuer Bahnhof und Freizeitanlagen für die Betriebssportgemeinschaft.Arbeiterwohnungsbau, Wintershall AG, Werk Lützkendorf Landesarchiv Sachsen-Anhalt, abgerufen am 7. April 2021.

Zwangsarbeiter Zwei Wochen vor der alliierten Invasion in der Normandie begannen die anglo-amerikanischen Luftangriffe auf das Mineralölwerk Lützkendorf. Zwischen dem 12. und 29. Mai 1944 flogen 1000 schwere US-Bomber konzentrierte Angriffe gegen alle Raffinerien und Treibstoffwerke im deutschen Einflussbereich. Sämtliche Anlagen waren danach erheblich, meist total zerstört. Die schwersten Schäden erlitten gleich am ersten Tag die Werke in Leuna, Böhlen, Tröglitz und Lützkendorf.Karlheinz Hottes: Wege der Forschung. Band 329. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1976, S. 400. Vor diesem Hintergrund ordnete Adolf Hitler am 30. Mai 1944 „Sofortmaßnahmen zur Wiederinbetriebnahme und zum Schutz der Hydrierwerke“ an. Es entstand der sogenannte Mineralölsicherungsplan, ein Geheimprojekt, für dessen Umsetzung rund 350.000 Menschen, darunter Schätzungen zufolge mindestens 50.000 KZ-Häftlinge, zum Einsatz kamen.Marc Buggeln: Das System der KZ-Aussenlager. Krieg, Sklavenarbeit und Massengewalt. Friedrich-Ebert-Stiftung, 2012, S. 130.

Das Programm erstreckte sich auf den Wiederaufbau und ab Mitte Juni 1944 verstärkt auf die Untertage-Verlagerung der Treibstoffindustrie. Für die Mineralölwerke der Wintershall waren primär die Geheimobjekte Ofen 5/6 in Messinghausen und Ofen 7/8 in Mühlenbein bei Brilon vorgesehen. Am 7. Juli 1944 erfolgte ein weiterer schwerer alliierter Luftangriff auf Lützkendorf. Das Werk brannte 33 Stunden. Die Synthese und Hydrierung konnte danach nicht wieder in Betrieb genommen werden, nur die Schmierölfabrik produzierte in begrenztem Umfang weiter. Damit begannen die Demontagen von Anlageteilen und die Auslagerung der Verwaltungsabteilungen. Die Buchhaltung fand Unterkünfte in Mücheln, der Einkauf in Stöbnitz, die Registratur in Gröst, das Lohnbüro in Zeuchfeld und die technische Leitung in Leiha. Wichtige Ersatzteile sowie Handelswaren gelangten zur Lagerung ebenfalls nach Gröst und Stöbnitz.Auslagerung Krackanlage Mineralölwerk Lützkendorf Geiseltal, abgerufen am 30. März 2021.

Wie alle Betreiber der zerstörten Hydrier- und Treibstoffwerke erhielt auch die Wintershall nach den Luftangriffen für Aufräumarbeiten und die Untertage-Verlagerung KZ-Häftlinge zugewiesen. Ab dem 14. Juli 1944 bestand in unmittelbarer Nähe zum Werk ein Außenlager des KZ Buchenwald mit anfangs 924 Zwangsarbeitern. Darunter befanden sich Belgier, Deutsche, Franzosen, Polen und Russen. Das Lager wurde von der SS betrieben. 15 Häftlinge starben bei einem Luftangriff am 20. Juli 1944 und zwei an Wundstarrkrampf. Zugeordnet waren die Zwangsarbeiter beispielsweise der Demontage und Untertage-Verlagerung der Krackanlage, die am 19. September 1944 in Ofen 9/10 im Mühlental bei Rübeland in Betrieb ging. Danach wurde weit über die Hälfte der Häftlinge nach Buchenwald zurückgeführt. Bis Ende November 1944 sank in Lützkendorf die Anzahl der Zwangsarbeiter auf 360. Am 21. Januar 1945 erfolgte die Räumung des Lagers. Die restlichen Häftlinge wurden ins KZ Mittelbau-Dora deportiert.Zwangsarbeit Wintershall A.G. Werk Lützkendorf Geiseltal, abgerufen am 30. März 2021.Bauvorhaben Ofen IX/X, Mühlental bei Rübeland/Harz Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 30. März 2021.