mini|Braunbär für Vorführungen in Sankt Petersburg
Ein Tanzbär ist ein Bär, der dressiert wurde, auf Kommando tanzähnliche Bewegungen auszuführen. Vorführungen mit abgerichteten Braunbären auf öffentlichen Plätzen und für geschlossene Gesellschaften waren in Europa vom Mittelalter bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts üblich. Die nahezu überall als Tierquälerei verbotene Praxis gibt es heute noch vereinzelt in Südost- und Osteuropa und mit Lippenbären in Indien.
Geschichte mini|Tanzbärenhalter spielt Gadulka. Sofia 1994 Seit der Mittelsteinzeit sind Bären in Jagdritualen verehrt und gezähmt worden. Ihre magische Bedeutung kommt in zahlreichen nordeuropäischen und nordasiatischen Mythen zum Ausdruck. In Finnland gab es die Vorstellung, dass der Bär nur deshalb angreift, weil in ihn die Seele eines bösen Menschen gefahren ist. In Sibirien wurde die Klugheit des Bären damit erklärt, dass ein Mensch sich in ihn verwandelt habe. Jakuten und andere sibirische Jägervölker betrachteten den Bären als Waldgeist. Trommelnde Schamanen bereiteten die Jagd auf ihn vor. Nur Männer durften sein Fleisch verzehren, wobei seine Knochen sorgfältig gesammelt und hoch an einem Baum oder auf einem Holzgestell im Wald abgelegt werden mussten.Uno Harva: Die religiösen Vorstellungen der altaischen Völker. FF Communications N:o 125. Suomalainen Tiedeakatemia, Helsinki 1938, S. 444f Es gab zahlreiche Völker um das nördliche Polargebiet, die einen Bärentanz aufführten: in Nordamerika etwa die Algonkin, Tlingit und Kwakiutl, im Norden Fennoskandinaviens die Samen und in Sibirien die Jakuten, Tschuktschen und Jukagiren. Beim Bärentanz kleideten sich die Männer in das Bärenfell oder zogen sich zumindest die Bärenkopfhaut über, um eine Einheit von Mensch und Tier herzustellen. Manche nordamerikanische Indianer führten Bärentänze mit Bärenfellmasken bis in die Zeit der Kolonisierung auf.Egon Wamers, 2009, S. 14f
In der mittelalterlichen christlichen Kunst galten Bären als mit dem Teufel verbundene Bestien.Wilhelm Molsdorf: Christliche Symbolik der mittelalterlichen Kunst. Karl W. Hiersemann, Leipzig 1926, S. 133 Die in Europa seit der Antike überlieferte und im gesamten Mittelalter durch schriftliche Quellen und Abbildungen belegte Zurschaustellung von dressierten Bären lebt aus der Vorstellung von der Gefährlichkeit des wilden Tieres, das durch etwas so Sanftes wie Musik bezwungen wird und eine Transformation von einem magisch-animalischen zu einem kulturellen Wesen mitmacht. Tatsächlich beruht der vermeintliche Tanz des Bären zur Musik auf einer Täuschung des Publikums, auf die es ebenso der indische Schlangenbeschwörer anlegt, der einer tauben Kobra auf dem Blasinstrument Pungi vorspielt.
Auf Konsulardiptychen der oströmischen Konsuln Areobindus (506) und Anastasius (517) sind Bären zu sehen, die von Gauklern und Akrobaten gereizt werden. Mit langen Stangen überspringen die Akrobaten die angreifenden Bären.Egon Wamers, 2009, S. 37f Eine Zeichnung von Hans Burgkmair von 1493 zeigt einen aufrecht stehenden Tanzbären, der sich mit seiner linken Tatze auf einen Stock stützt, an den er mit seinem Maulkorb gekettet ist, während die rechte Tatze schlaff herunterhängt. Das Wappen des Malers zierten zwei Bärenköpfe. Sein Werk ist typisch für die damalige Vorliebe für Genreszenen. Burgkmairs Motiv wiederholte der Graphiker Hans Weiditz, der 1513 einem Holzschnitt den Titel „Fahrendes Volk mit Tanzbär“ gab und 1521 den Buchstaben K aus dem Kinderalphabet von Augsburg mit einem Tanzbären illustrierte. Dieser auf einen Stock gestützte Tanzbär taucht noch um 1650 auf einem anonymen Kupferstich auf, der in Iohannes Ionstonus, Historia Naturalis de Quadrupedibus, enthalten ist. Hier dirigiert ein Tanzbärenführer in einem römischen Gewand zwei Bären an Ketten: einen stehenden mit Stock und einen sitzenden, der einen Hut zwischen seinen angewinkelten Vorderpranken hält.Tilman Falk: Zu Burgkmairs Zeichnung des Tanzbären: In: Berliner Museen, 12. Jahrgang, Heft 1, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, 1962, S. 1–3 Sogenannte Zuchtstäbe, die mit dem Nasenring oder der Halskette des Bären verbunden sind, gehörten zu einer vermutlich alten Tradition der Bärenführer, die im Mittelalter und in Osteuropa bis in die heutige Zeit verbreitet war. Ein Holzschnitt in einem Werk des schwedischen Bischofs Olaus Magnus von 1555 zeigt litauische Tanzbären, die mit „Zuchtstäben“ an Nasenringen geführt werden.Egon Wamers, 2009, S. 39
mini|links|Tanzbär. Deutsche Schulbuchillustration von 1810 mini|Friedrich Preller d. Ä.: Bärentreiber in Antwerpen. (1824). Begleitet von Musiker mit Tabor und Einhandflöte. Museum Weimarer Stadtschloss Die mittelalterlichen Tanzbärenhalter waren fahrende Schausteller, die mit ehrlosen Trickspielern, Seiltänzern und Spaßmachern eine kaum geachtete bunte Truppe bildeten und für wenige Tage in einer Stadt auftauchten. Dressierte Hunde, Affen oder Kaninchen wurden in derselben Weise vorgeführt. Neben der Unterhaltungsbettelei vor einfachen Leuten durften Aufführungen auch in Rathäusern und vor Adligen am Hof stattfinden. Dies geht aus dem altfranzösischen, Ende des 11. Jahrhunderts entstandenen Rolandslied hervor, wie aus der altschwedischen Thidrekssaga aus dem 13. Jahrhundert. In letzterer Erzählung näht der Spielmann Isung den Helden Vildiver, der einen Bären erlegt hat und nun dessen Fell mit sich trägt, in ebendieses Fell ein. So treten sie als Tanzbärengespann auf, damit sie unerkannt zum Wilzenkönig Osantrix vorgelassen werden und ihn töten können.Otto Höfler: Kleine Schriften: Ausgewählte Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Religionsgeschichte, zur Literatur des Mittelalters, zur germanischen Sprachwissenschaft sowie zur Kulturphilosophie und Morphologie. Helmut Buske, Hamburg 1992, S. 29
In Russland traten die Skomorochen als Gaukler und Bärenführer seit dem 11. Jahrhundert auf. Genaueres über sie ist seit dem 16. Jahrhundert aus Erlebnisberichten westeuropäischer Reisender zu erfahren, die sich in Moskau aufhielten. Der österreichische Gesandte Siegmund Freiherr von Herberstein (1486–1566) sah 1526 auf einer seiner Reisen, wie in einem besonders kalten Winter Bärenführer mit ihren Tieren erfroren waren und am Wegesrand liegen blieben. Am Hof des russischen Großfürsten wurde er mit anderen Botschaftern zu einem Haus eingeladen, in dem mehrere Bären eingesperrt waren, die einzeln herausgelassen und vorgeführt wurden. Adam Olearius (1599–1671) schreibt in seiner 1656 veröffentlichten Vermehrte Newe Beschreibung Der Muscowitischen und Persischen Reyse über „Bärendäntzer“, die mit „Comedianten“ und „Bierfidlern“ unterwegs waren. Im 16. Jahrhundert reisten in Deutschland besonders Polen als Tanzbärenhalter umher. In den Ratserlässen mehrerer Städte, darunter Nürnberg, wird darüber berichtet. Festgehalten ist, welche Entlohnung die Polen in den Trinkstuben von Leipzig (1585) und Rothenburg ob der Tauber (1597) und im kaiserlichen Schloss in Linz (1732, 1735) erhielten. Eine Konkurrenz zu den umherziehenden Polen und Ungarn stellten seit Anfang des 15. Jahrhunderts die aus dem Balkan kommenden Roma dar. Im 19. Jahrhundert kamen viele Tanzbärenführer aus der Gegend von Jakobstadt im Herzogtum Kurland und Semgallen.Theophil Friedrich Ehrmann: Neueste Kunde vom Russischen Reiche in Europa und Asien, nach dessen gegenwärtigem Zustande aus Quellen dargestellt (Neueste Länder- und Völkerkunde, Band 3). Diesbach, Prag 1808, S. 439 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek). Jakobstadt war damals für das Trainieren von Bärenführern bekannt.Karl Friedrich Vollrath Hoffmann, Fedor Possart: Europa und seine Bewohner. Achter Band, enthält: Die Königreiche Schweden und Norwegen, das Kaiserthum Russland und das Königreich Polen, und den Freistaat Krakau. Stuttgart, 1838–1841, Kapitel: XI. Das Das Gouvernement Kurland, S. 392–416, hier S. 408 In der historischen Landschaft Samogitien (heute in Litauen) galten Bärenführer und Juden als mit magischen Kräften begabt. Um das Vieh zu verzaubern, legten dort Bärenführer Bärenhaare unter die Türschwelle, heißt es in einer Beschreibung von 1902.Franz Oskar Tetzner: Die Slawen in Deutschland. Beiträge zur Volkskunde der Preussen, Litaurer und Letten, der Masuren und Philipponen, der Tschechen, Mägrer und Sorben, Polaben und Slowinzen, Kaschuben und Polen. Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, Braunschweig 1902, S. 92
Die üblichen Begleitinstrumente des Bärentanzes waren Trommeln wie die Rahmentrommel Daira in Rumänien und Pfeifen. Daneben bliesen die Musikanten gebogene „trumeten“ (Trompeten) und das Platerspiel, eine einfache Form der Sackpfeife ohne Bordunrohr, aber mit schrillem Klang. Der mit einer Schnur an einem Nasenring geführte Bär musste dazu mit einer Peitsche angetrieben werden. Nach einem Flugblatt aus dem 16. Jahrhundert gab es damals schon einige Zeitgenossen, die einen solcherart vorgeführten Bärentanz als zwangvoll kritisierten. Neben Flugblättern, in denen die Ausnutzung abgerichteter Bären kritisiert wurde, erschienen bis ins 20. Jahrhundert auch die Tierquälerei verniedlichende Veröffentlichungen. So gehört etwa zu Robert Schumanns Zwölf vierhändigen Klavierstücken für kleine und große Kinder, Op. 85 ein Bärentanz und in der 1882 uraufgeführten Operette Der Bettelstudent von Carl Millöcker soll in einer in Krakau spielenden Marktszene ein Tanzbär auftreten.Walter Salmen: Zur Geschichte der Bärentreiber und der Tanzbären. In: Gustaf Hilleström (Hrsg.): Studia instrumentorum musicae popularis III. (Musikhistoriska museets skrifter 5. Festschrift für Ernst Emsheimer) Musikhistoriska museet, Stockholm 1974, S. 203–205
Dressur mini|Zwei Bären am Nasenring. Camargue, 1921 Der Bär wird nach dem verhaltenspsychologischen Muster der Konditionierung dressiert: Während dem Bären Musik dargeboten wird, wird er mit einer erhitzten Eisenplatte, Stichen und anderen Qualen dazu gezwungen, einem vorgegebenen Bewegungsschema zu folgen. Nach abgeschlossener Dressur („Akquisitionsphase“) dient die Musik als „konditionierter Reiz“ der klassischen Konditionierung und löst das schmerzvermeidende Bewegungsschema aus, das durch die positive und negative Verstärkung mit der Eisenplatte konditioniert wurde. Zudem umkreisen in Gefangenschaft lebende Bären im Stand häufig die eigene Körperachse mit der Kopf- und Schulterpartie.
Tierquälerei und Tierschutz Zu den volkstümlichen Vergleichen mit Tierarten gehört: „Er bekommt Prügel wie ein Tanzbär.“Oskar Weise: Die volkstümlichen Vergleiche in den deutschen Mundarten. In: Zeitschrift für Deutsche Mundarten, 16. Jahrgang, 1921, S. 169–179, hier S. 175 Die Dressur wird wegen des Einsatzes intensiver Schmerzreize und der Verletzungsgefahr als Quälerei betrachtet. Da Tanzbären darüber hinaus einen für sie schmerzhaften Nasenring tragen müssen und nicht art- und verhaltensgerecht untergebracht, ernährt und gepflegt werden, ist häufig der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt. Tierschützer setzen sich daher für ein Verbot der Tanzbärhaltung und -dressur ein und versuchen, die oft kranken oder extrem verhaltensgestörten Tiere freizukaufen..
In Bulgarien ist die Dressurmethode seit 1998 verboten, es gibt sie aber immer noch, insbesondere bei den Roma-Familien; dort hat die Tanzbärenhaltung eine lange Tradition. Die Tierschutzvereinigung Vier Pfoten gründete 2000 den Tanzbärenpark Belitsa, der heute Bärenwald Belitsa heißt, in Beliza, in dem ehemalige Tanzbären und andere gerettete Braunbären auf bewaldeten Hügeln leben.Bärenwald Belitsa. Vier Pfoten, 27. April 2022 Eine Auswilderung von Tanzbären ist nicht mehr möglich, weil die Bären zu wenig Scheu vor Menschen zeigen und nicht gelernt haben, sich in der Natur zu behaupten.Katrin Langhans: reporterreisen.com
Verbreitung hochkant|mini|Ein Tanzbär um 1970 in Samsun. Sein Halter schlägt die Rahmentrommel Def.