mini|hochkant|Martin Sellner (2019) Martin Michael Sellner (* 8. Jänner 1989 in Wien) ist ein österreichischer rechtsextremer Aktivist und Autor. Von 2015 bis 2023 war er Sprecher der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ). Er ist auch als Akteur der Neuen Rechten bekannt und propagiert rassistische, völkische und antisemitische Positionen. Mehrere Staaten haben gegen Sellner unbefristete oder temporäre Einreiseverbote verhängt, darunter Deutschland, die Schweiz, die USA und das Vereinigte Königreich. Diese Verbote erwiesen sich später teilweise als rechtswidrig.

Leben Sellner wuchs als Sohn eines HomöopathenChristian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten: Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt, Leipzig 2019, ISBN 978-3-499-63451-2, S. 12 f. und einer Englischlehrerin in Baden bei Wien auf.Andrea Röpke: 2018 Jahrbuch rechte Gewalt. Droemer Knaur, München 2018, ISBN 978-3-426-78913-1, S. 53. Sellner leistete Präsenzdienst (Grundwehrdienst) beim österreichischen Bundesheer.Julian Bruns, Kathrin Glösel, Natascha Strobl: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Unrast, Münster 2014, ISBN 978-3-89771-549-3, S. 79 f. In Wien studierte er PhilosophieAndreas Speit: Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue rechte Mitte – von AfD bis Pegida. Orell Füssli, Zürich 2016, ISBN 978-3-280-05632-5, S. 169. und schloss sein Studium mit dem Bachelor ab.Andreas Speit: Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue rechte Mitte – von AfD bis Pegida. Orell Füssli, Zürich 2016, ISBN 978-3-280-05632-5, S. 169. Das Studium der Rechtswissenschaft brach er ab.Daniel Erk: Martin Sellner hört Hip-Hop und hasst den Islam. In: Zeit Campus, Nr. 5/2017, 5. Oktober 2017. Er ist mit der US-amerikanischen Vloggerin der Alt-Right-Bewegung Brittany Pettibone seit August 2019 verheiratet und hat seit 2021 einen Sohn mit ihr.Florian Schroeder: Extrem rechts und extrem gefährlich: Die unheimliche Gedankenwelt des Martin Sellner. In: Tagesspiegel, 13. Jänner 2024.

Als Jugendlicher schloss er sich der Neonazi-Szene an.Daniel Erk: Martin Sellner hört Hip-Hop und hasst den Islam. In: Zeit Campus, Nr. 5/2017, 1. August 2017. Sein Mentor war der verurteilte Holocaustleugner Gottfried Küssel.Simon Cox, Anna Meisel: Martin Sellner: The new face of the far right in Europe. In: BBC.com, 20. September 2018. Sellner hat einen Onlineshop, der T-Shirts vertreibt. Nach einem Bericht in der Zeitschrift Profil wird er teilweise von Sympathisanten über ein Spendenportal finanziert.

Soziale Medien Zur Verbreitung seiner politischen Botschaften nutzte Sellner einen YouTube-Kanal. Von 2017 bis 2019 lud er 411 Videos hoch. Seit 13. Juli 2020 ist der YouTube-Kanal gesperrt.Karolin Schwarz: Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus. Herder, Freiburg 2020, S. 197. Wegen mehrmaliger Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen wurde er auch auf Instagram und Twitter gesperrt und auf Facebook blockiert. Seither versucht seine Frau Brittany Pettibone, ihn über die sozialen Medien in den USA populär zu machen.Martin Fabian Schmidt: Sellner, der rechtsextreme Influencer. In: Der Standard, 30. März 2019. Er wich auf einen Telegram-Kanal aus, der im Jänner 2024 rund 65.400 Abonnenten hatte, und veröffentlicht seine Gesprächsvideos auch auf Rumble (1030 Follower im Februar 2024). Auf X (vormals Twitter) wurde Sellners Konto im März 2024 entsperrt.

Einreiseverbote mini|Einreiseverbot publiziert im Schweizer Bundesblatt (2024) Im Jahr 2018 verweigerten ihm britische Behörden mehrfach die Einreise nach Großbritannien und verwiesen ihn des Landes;Einreisesperre für Sellner? In: taz.de, 23. Jänner 2024, abgerufen am 24. Jänner 2024. im Juni 2019 verhängte das britische Innenministerium schließlich zum Schutz der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ein unbefristetes Einreiseverbot gegen Sellner.Ben Quinn, Jason Wilson: Anti-Islamic extremist permanently excluded from entering UK. In: The Guardian, 26. Juni 2019, abgerufen am 1. Juni 2024.

Nachdem Sellner eine Spende des Christchurch-Attentäters Brenton Tarrant angenommen hatte, verhängten die Vereinigten Staaten im März 2019 ein EinreiseverbotEinreiseverbot in die USA für „Identitären“ Martin Sellner. In: stern.de, 28. März 2019, abgerufen am 24. Jänner 2024. gegen ihn und entzogen ihm sein Langzeitvisum.Österreichs „Identitären“-Chef wird US-Visum aberkannt. In: Handelsblatt, 29. März 2019, abgerufen am 1. Juni 2024.

Im März 2024 erhielt Sellner nach einem Entscheid der Stadt Potsdam ein Einreiseverbot nach Deutschland. Der Entscheid erging unter Verweis auf Abs. 1 FreizügG/EU „aus Gründen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit“. Dem Einreiseverbot vorausgegangen waren deutschlandweite Proteste gegen Rechtsextremismus, die sich auf einen in Potsdam gehaltenen Vortrag Sellners zur Remigration bezogen. Infolge eines Eilantrags Sellners gegen dieses Einreiseverbot wurde dessen Vollzug von der Stadt Potsdam im April 2024 ausgesetzt.Einreiseverbot gegen Sellner wird noch nicht vollstreckt. In: lto.de, 9. April 2024, abgerufen am 31. Mai 2024. Das Verwaltungsgericht Potsdam gab dem Eilantrag Ende Mai 2024 mit aufschiebender Wirkung statt; das Einreiseverbot darf somit vorerst nicht vollzogen werden. Laut Gericht erfüllte die Begründung der Stadt Potsdam für das Verbot nicht die „tatbestandlichen Voraussetzungen“ für einen solchen schwerwiegenden Eingriff. Die Verfügung sei nach der im Eilverfahren möglichen Prüfung erwiesen rechtswidrig.dpa: Rechtsextremist Sellner darf vorerst weiter einreisen. In: Sueddeutsche.de, 31. Mai 2024, abgerufen am 31. Mai 2024.

Die Schweiz untersagte ihm im Oktober 2024 temporärMartin Sellner nach Deutschland abgeschoben, Tages-Anzeiger, 19. Oktober 2024. die Einreise, nachdem Sellner eine Veranstaltung im Kanton Zürich geplant hatte.Schweizer Polizei verbietet Rechtsextremist Sellner die Einreise. Der Standard, 11. Oktober 2024. Sellner hielt sich nicht an das Verbot und wurde am 19. Oktober 2024 an der Schweizer Grenze festgenommen.Rechtsextremist Martin Sellner in Kreuzlingen TG verhaftet! nau.ch, 19. Oktober 2024. Im Dezember 2025 entschied das Bundesverwaltungsgericht rechtskräftig, dass das Einreiseverbot widerrechtlich verhängt wurde und sprach Sellner eine Entschädigung in Höhe von 3.000 Franken zu. Während des Verfahrens stellte sich heraus, dass sowohl die Kantonspolizei Zürich als auch die Fedpol um die Rechtswidrigkeit des Einreiseverbots wussten. Die damalige Fedpol-Chefin Nicoletta della Valle bestand dennoch auf der Umsetzung des Verbots. Medienberichten zufolge war diese Intervention polizeiintern äußerst umstritten.

Politische Aktivitäten Sellner bezeichnet Götz Kubitschek als wegweisend für seine politischen Aktivitäten. Schon vor seiner Begegnung mit Kubitschek im Jahr 2012 anlässlich eines Kongresses der französischen Identitären hatte er eine Karriere im rechtsextremen Milieu durchlaufen und war ab Mitte der 2000er Jahre in einem neonationalsozialistischen Umfeld aktiv. So kam er u. a. mit dem österreichischen Rechtsextremisten Gottfried Küssel in Kontakt.Steven Schäller: Biographisches Porträt: Martin Sellner. In: Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Nomos, Baden-Baden 2019, ISBN 978-3-8487-6408-2, S. 194.

Sellner fiel im Jahre 2006 polizeilich auf, als er gemeinsam mit einer anderen Person Hakenkreuz-Aufkleber an der Synagoge im niederösterreichischen Baden anbrachte. Auch Sticker mit einem Hakenkreuz und der Aufschrift „Legalisiert es“ sowie Aufkleber mit einem Wappen und den Buchstaben AJ (für „Arische Jugend“) wurden verwendet. Der Mittäter gab später in einer Vernehmung an, man habe „irgendetwas machen“ wollen, als man von der Verurteilung des britischen Holocaustleugners David Irving gehört habe.Identitären-Chef klebte Hakenkreuze auf Synagoge. oe24.at, 4. April 2019. Im Rahmen einer Diversion hatte Sellner 100 Stunden gemeinnützige Arbeit am jüdischen Friedhof in Baden abzuleisten.Thomas Götz: Martin Sellner klebte Hakenkreuze auf Synagoge: „Wollte provozieren“. kleinezeitung.at, 5. April 2019.. heute.at, 4. April 2019.

Im Dezember 2012 gründete er als Student der Philosophie und Rechtswissenschaften zusammen mit Patrick Lenart die Identitäre Bewegung Österreichs (IBÖ).Steven Schäller: Biographisches Porträt: Martin Sellner. In: Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Nomos, Baden-Baden 2019, ISBN 978-3-8487-6408-2, S. 196. Er wirkte unter Rückgriff auf Alain de Benoist, Armin Mohler und Renaud Camus laut Steven Schäller an der allgemeinen metapolitischen Ausrichtung der Identitären sowie an „der konkreten Ausgestaltung der Begriffe des Ethnopluralismus, der Identität und der Heimat“ mit und trug dazu bei, die ideologischen Feindbilder der IBÖ zu umreißen. Der „Große Austausch“ wurde unter seiner Leitung zum Gegenstand einer Kampagne der IBÖ.Steven Schäller: Biographisches Porträt: Martin Sellner. In: Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Nomos, Baden-Baden 2019, ISBN 978-3-8487-6408-2, S. 198.

Seit 2015 ist er in dem vom Verleger Götz Kubitschek initiierten rechtsextremen Institut für Staatspolitik und als Autor im dazugehörigen Hausverlag Antaios aktiv.Helmut Kellershohn: „Es geht um Einfluss auf die Köpfe“ – Das Institut für Staatspolitik. Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Rechtsextremismus, 7. Juli 2016, Fn. 28. Außerdem betrieb Sellner einen Kanal auf der Videoplattform YouTube mit über 100.000 Abonnenten, welcher im Jahr 2020 ebenso wie sein Twitter-Account vom Betreiber aufgrund anhaltender Verstöße gegen das in den Nutzungsbedingungen geregelte Verbot von Hassreden gelöscht wurde.Youtube sperrt Konten der Identitären Bewegung. In: Zeit Online, 14. Juli 2020, abgerufen am 7. Oktober 2021. Das seit 2023 als X benannte soziale Netzwerk hob im März 2024 die Sperre gegen Sellner auf, der seither wieder twittert.Martin Sellner wurde auf „X“ entsperrt und postet schon wieder. In: Kleine Zeitung, 10. März 2024, abgerufen am 20. März 2024.

Bis Anfang 2023 war Sellner Co-Chef der rechtsextremen Identitären Bewegung Österreich und war 2017 maßgeblich an deren Aktion Defend Europe beteiligt.Schiff der „Identitären“ auf Zypern festgehalten. Tagesschau.de, 27. Juli 2017 (Archiv). Ferner ist er Mitbegründer des rechten Trollservers Infokrieg und war bei dessen Nachfolger Reconquista Germanica prominentes Mitglied.Patrick Stegemann, Sören Musyal: Die rechte Mobilmachung. Woe radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen. Econ, Berlin 2020, ISBN 978-3-430-21022-5, S. 212.

Am 25. November 2023 nahm Sellner mit weiteren Rechtsextremisten am Treffen in Potsdam teil. Dort geladen waren u. a. Mitglieder der AfD (so wohl auch Roland Hartwig, damals persönlicher Referent Alice Weidels) sowie Mitglieder der CDU und des Vereins Werteunion. Laut Recherchen von Correctiv trug Sellner dort seinen „Masterplan zur Remigration“ vor, dessen Ziel es sei, „die Ansiedlung von Ausländern rückabzuwickeln“. Zu den drei Zielgruppen, die Deutschland verlassen sollen, gehören Asylbewerber, Ausländer mit Bleiberecht und auch „nicht assimilierte Staatsbürger“.

Wie Recherchen der Augsburger Allgemeinen ergaben, hatte Sellner laut dem Präsidenten des bayerischen Verfassungsschutzes Burkhard Körner bereits zwei Wochen zuvor in Dasing sein „Remigrations“-Konzept vor eigenen Anhängern und AfD-Mitgliedern (darunter laut Augsburger Allgemeine die Mitglieder des Bayerischen Landtags Franz Schmid und Daniel Halemba) vorgestellt.Auch in Dasing sprachen Rechtsextreme über „Remigration“. In: augsburger-allgemeine.de, 1. Februar 2024. In der Folge hat die Stadt Potsdam „[…] das rechtsstaatliche Verfahren zum Entzug der Freizügigkeit gegen den österreichischen Staatsbürger Martin Sellner begonnen“, zu dem Sellner schon im Vorhinein bekanntgab, dass er es bekämpfen werde.Potsdam will Einreiseverbot für Rechtsextremisten Sellner. In: ORF.at, 4. Februar 2024, abgerufen am 4. Februar 2024.