mini|hochkant=1.2|Kinder- und Jugenddorf Rankenheim mini|Ortsansicht Rankenheim ist ein Landhaus am Zemminsee in Groß Köris in Brandenburg. Es wurde als NS-Lehrerlagerstätte und seit 1945 als Kinderheim genutzt. Zudem bezeichnet Rankenheim den umliegenden Ortsteil von Groß Köris.

Gründung mini|Rankenheim auf der Karte aus dem Brockhaus von 1894 Friedrich Wilhelm Ranke war ein preußischer Regierungsrat, Bruder des Historikers Leopold von Ranke. Er kaufte ab 1843 im brandenburgischen Schwerin, Groß Köris und den Nachbargemeinden Land, wo er u. a. eine Ziegelei und Bäckerei errichtete und Torfstich betrieb. Im Wissen um die Planung der Bahnstrecke Berlin–Görlitz kaufte Ranke ab 1857 in der Gegend nördlich vom Zemminsee über 100 Hektar Land.Friedmar John: Groß Köriser Geschichte(n), Teupitzer Nachrichten 06-08/2012, S. 22–23, hier: S. 23 . 1865 errichtete er am Ufer des Zemminsees ein Landhaus. Auf dem Gelände entstanden weitere große Stallungen und Nebengebäude.Markus Vette: Wilhelm Ranke, 2014, S. 62 ff. Groß Köris war um 1860 selbst ein kleines Dorf mit 2 öffentlichen Gebäuden und 41 Wohnhäusern.Enders, Lieselott (Bearb.): Historisches Ortslexikon für Brandenburg Teil IV. Teltow. Reprint 2012, S. 41. ISBN 978-3-941919-81-5. Mit der Eröffnung der Eisenbahn stieg ab 1866 die Attraktivität der Region – am angrenzenden Schulzensee wurde ein Haltepunkt eingerichtet.

Ranke nutzte seinen Landsitz anfangs als Sommerresidenz, 1867 zog er ganz hierhin. In einem Brief an seinen Bruder Heinrich schrieb er: „Auf einem Hügel am See mein Haus, am Fuß des Hügels die Wirtschaftsgebäude, neben dem Haus mündet in den See ein schiffbarer Kanal von 1/2 Stunden Länge, welchen ich gezogen habe, auf dem glatten Dach des Hauses ein eisernes Belvedere, von welchem man 10 Seen, viele Städte und Dörfer, viele reich bewaldete Hügel, meine Ziegelöfen und Torfsichte und die Eisenbahn mit einer Haltestelle am See übersieht.“ Er war ein Kunstliebhaber und besaß eine umfangreiche Sammlung – er selbst gab an, 150 wertvolle Ölgemälde, 400 Kupferstiche und 3000 Miniaturen zu besitzen. Mit diesen Schätzen plante er, in Rankenheim eine Galerie einzurichten.Markus Vette: Wilhelm Ranke, 2014, S. 62 ff.

Nach Rankes Tod am 16. Juni 1871 ging das Anwesen auf eine Erbengemeinschaft über, die es verkaufte. Es gab mehrere Besitzerwechsel. Im Jahr 1897 übernahmen zwei Lungenärzte Rankenheim und planten, dort ein Sanatorium einzurichten. Diesen Plan setzten sie nicht um und verkauften im Jahr 1901 Rankenheim an einen Berliner Kaufmann. Nach weiteren Besitzerwechseln fiel Rankenheim um 1930 an die Dresdner Bank. Diese unterteilte das Land von Ranke in 160 einzelne Parzellen, um sie zu verkaufen.Friedmar John: Groß Köriser Geschichte(n), Teupitzer Nachrichten 04-06/2011, S. 17–18, hier: S. 17

Nationalsozialismus Die Dresdner Bank übertrug Rankenheim während der NS-Zeit im Jahr 1935 der staatlichen „Jubiläumsstiftung für Erziehung und Unterricht“. Am 24. Juli 1935 gab der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Einrichtung der „Schulungsstätte am Zemmin-See“ bekannt, die für Schulungslager genutzt werden soll. Rankenheim sollte aber auch für weitere Zwecke genutzt werden können. Rankenheim war nach der Vorstellung des Instituts sowohl von der ländlichen Lage in der Nähe von Berlin als auch von der Ausgestaltung ein idealer Ort. „Ein schöneres Fleckchen märkischer Erde lässt sich wohl kaum denken als dies Gutshaus aus leuchtenden Ziegeln in einem schönen alten Parke direkt am Zemminsee, der die Verbindung herstellt zwischen dem Teupitzsee und all den Seen um Köris herum. In dem modern und freundlich eingerichteten Herrenhause hat das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht seine ständige Schulungsstätte eingerichtet, das Rankenheim.“Paul Troll: Multos castra iuvant, in: Askanische Blätter, Nr. 26, Dezember 1937, S. 4

Lehrerlager In erster Linie diente Rankenheim als „Reichsschulungsstätte“ des Zentralinstituts für Lehrerlager im Auftrag des NS-Erziehungsministeriums. Das erste dieser Lager fand im Oktober 1935 unter der Leitung von Hans Reinerth und Alfred Pudelko statt.Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung – 1.1935, S. 160 f . In den weiteren Lagern trugen u. a. Rudolf Benze und Bernhard Kummer ihre rassistischen Ideen vor,Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. 2, 1936, S. 78 aber auch andere bekannte Dozenten wie der Indogermanist Kurt Stegmann von Pritzwald oder der Musikpädagoge Dietrich Stoverock hielten in Rankenheim Vorträge.zu Pritzwald: Anastasia Antipova, Gerd Simon: Chronologie Stegmann, Kurt (von Pritzwald), 2011 , zu Reinerth: Der Ostpreußische Erzieher, 31. August 1935, S. 503 , und zu Stoverock „Lehrgang 'Musik' des Deutschen Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht in Rankenheim bei Berlin“, in: Die Mittelschule – Jg. 55 (1941) Heft 23, S. 163 f .

Anfangs fanden diese Lager auch in der ehemaligen Fichteschule in Essen-Kettwig statt. Ab dem Krieg war Rankenheim die alleinige Stelle für die Lehrerlager. Ziel dieser Lager war es, alle Lehrer im Sinne der Nationalsozialistischen Erziehungsideologie umzuschulen und damit eine Neuordnung des Schulwesens zu betreiben. Dabei wurden anfangs ca. 80–100 Lehrer aus Deutschland in mehrtägigen (meist achttägigen) Veranstaltungen mit Appellen, Arbeitseinsätzen, Sport, Märschen (oder auch Ausflügen) und (relativ kurzen) inhaltlichen Vorträgen geschult. Dieser Aufbau entspricht der anti-intellektuellen Ausrichtung der NS-Erziehung: „Diese neue Form der Fortbildung, körperliche Betätigung und beruflich-wissenschaftliche Aussprache und Förderung, beides auf der Grundlage der Kameradschaft, weckte auch bei uns mancherlei Bedenken und ernste Sorgen um Gesundheit von Geist und Körper. Als acht Tage vergangen waren, da hatten wir alle die Gewissheit, eine Woche körperlicher und geistiger Erfrischung hinter uns zu haben, deren Nachwirkung wir noch lange verspüren werden.“Dr. Paul Troll: Multos castra iuvant. in: Askanische Blätter, Nr. 26 (Dez. 1937), hier Seite 4

Themen waren beispielsweise „Wehrerziehung im mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht“ dessen Ziel wie folgt zusammengefasst wurde: „Immer kommt es darauf an, den Blick der Schüler – ihrem Lebensalter und ihrer Art gemäß – auf die für das Leben und die Selbstbehauptung des deutschen Volkes in seinem engen Lebensraum wichtigen Dinge zu richten und dadurch die freudige Bereitschaft zum ganzem Einsatz für die Erhaltung deutschen Bodens und Lebens wachzurufen.“Kupsch: Bericht über den Lehrgang „Wehrerziehung im mathem. und naturwissenschaftlichen Unterricht“ in der Schulungsstätte Rankenheim des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht, Berlin. Unterrichtsblätter 1936, S. 367f. Zitiert nach: Armin Kremer: Naturwissenschaftlicher Unterricht und Standesinteresse. Zur Professionalisierungsgeschichte der Naturwissenschaftslehrer an höheren Schulen. Teil 2 – Dokumentation. Marburg: Redaktionsgemeinschaft Soznat, 1985, S. 339.. Mit diesen Schulungslagern wurde eine sehr große Zahl an Lehrern indoktriniert: allein bis 1941 wurden in über 150 Lagern 10.000 Lehrer umgeschult.Andreas Kraas: Lehrerlager 1932–1945. Politische Funktion und pädagogische Gestaltung., S. 219.

Lager für tschechische Lehrer Ab Herbst 1941 organisierte die Prager Außenstelle des Zentralinstituts die Umschulung der tschechischen Lehrer, die ebenfalls in Lehrerlagern (mit einem höheren Anteil an völkisch-rassistischen Vorträgen) in Rankenheim durchgeführt wurden. Das Ziel war, an eine völkische Gemeinsamkeit der„böhmisch-mährischen“ mit den reichsdeutschen Lehrern zu appellieren und sie für die Zielstellung des Nationalsozialismus zu gewinnen. Josef Hanika bringt dabei zentrale Elemente der NS-Ideologie wie Antisemitismus und Antikommunismus in seinem Vortrag in Rankenheim auf den Punkt: „Ein uraltes Heilszeichen ist das Hakenkreuz, ein Sinnbild der sich bewegenden Sonne. Es war einst auch am tschechischen Bauernhaus angebracht, die tschechischen Bauern haben dieses Sinnbild der siegenden Sonne und des mit ihr ewig sich erneuenden Lebens aus der Urzeit herauf also ebenso verehrt wie die Germanen, die baltischen Völker, die Finnen usw. Es wäre Ent-Artung, Entfremdung von der Weltanschauung, der eigenen Vorfahren, wenn sich die Tschechen von den zerstörenden Mächten – heute Judentum, Marxismus usw. – auf die Dauer gegen dieses Zeichen, unter dem heute für die völkische Ordnung gekämpft wird, aufbringen ließen.“Josef Hanika: Der Aufbau der volkstümlichen Kultur im böhmisch-mährischen Raum. Unpubliziertes Manuskript des Vortrages aus dem Jahr 1942 vor tschechischen Geschichtslehrern in Rankenheim, veröffentlicht in: Petr Lozoviuk: Interethnik im Wissenschaftsprozess: Deutschsprachige Volkskunde in Böhmen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde) Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2008, ISBN 978-3-86583-288-7, S. 378

Sonstige Nutzung Im Jahr 1935 führte das Institut sogenannte „Nationalpolitische Lehrgänge“ für Schülerinnen und Schüler durch, wie sie an vielen Stellen in Deutschland in Schullandheimen zur Indoktrinierung und Disziplinierung der Jugend stattfanden. Der Alltag in den Lagern „war streng reglementiert und folgte – wie bei allen Formen der NS-Lagererziehung – einem ausführlichen Dienstplan, in dem Wehrerziehung und ideologische Indoktrination eine herausragende Rolle spielten.“„Lager und Kolonne bilden die neue Erziehungsform“. Nationalpolitische Lehrgänge.

Rankenheim diente außerdem vereinzelt auch als Austragungsort für Fachtagungen wie z. B. der Arbeitstagung der Amtsgruppe Kriegsmarine-Rüstung zu „Schallausbreitung im Wasser“ am 20./21. Mai 1943, an der u. a. der Physiker Erwin Meyer mitwirkte. Es gab Exkursionen von Zoologen unter der Leitung von Heinrich Jacob FeuerbornLebensdaten 1883–1979 an denen auch Konrad Herter und Günter Tembrock teilnahmen. Herter beschreibt in seinen Memoiren Rankenheim wie folgt: „Herrliche Villa in altem Park am Zemmin-See... Bei uns sind unten sehr schöne Aufenthaltsräume mit Terrasse. Sogar ein Musiksaal.“Konrad Herter: Begegnungen mit Menschen und Tieren. Erinnerungen eines Zoologen 1891–1978. Duncker & Humblot, Berlin 1979, ISBN 978-3-428-04549-5

Im August 1943 wurde kriegsbedingt die Bibliothek und das Archiv des Zentralinstituts nach Rankenheim verlegt, dazu gehörte auch der gesamte Bestand des Heilpädagogischen Archivs Berlin. Ab dem 13. Februar 1945 war Rankenheim offiziell die „Hauptdienststelle“ des Instituts, auch wenn der Betrieb weitgehend zum Erliegen gekommen war und an sich aus der Potsdamer Wohnung von Rudolf Benze geleitet wurde.Andreas Kraas: Lehrerlager 1932–1945. Politische Funktion und pädagogische Gestaltung. S. 199.

Gegner des Nationalsozialismus in der Nachbarschaft Der Filmproduzent bei Tobis, Herbert Engelsing erbaute in der Zemminerseestraße ein Ferienhaus kaum 150 Meter von dem Herrenhaus in Rankenheim entfernt, um einen Rückzugsort für seine von den Nazis aufgrund der Nürnberger Gesetze bedrohte Familie zu schaffen – seine Frau Ingeborg, geb. Cahn, stammte aus einer jüdischen Familie. Dieses Haus überließ er auch anderen Verfolgten und Widerständlern. Die NS-Gegner Libertas Schulze-Boysen und ihr Mann Harro lebten zeitweise in der Zemminerseestraße. Dort trafen sie sich auch mit den Mitgliedern der Roten Kapelle.

Ebenfalls benachbart waren Mitglieder einer kommunistischen Gruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Ernst Thälmann zu befreien. Sie hatten den Plan, ihm zur Flucht zu verhelfen, wobei sie ihn für eine Zeit in einem Herrenhaus am Zemminsee verstecken wollten. Diese beiden Gruppen standen auch in Kontakt miteinander.Silke Kettelhake: „Erzähl allen, allen von mir!“ Das schöne kurze Leben der Libertas Schulze-Boysen. Droemer Knaur, 2008, ISBN 3-426-27437-X.

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