Die Akten des Paulus und der Thekla (auch Thekla-Akten, , ) sind eine pseudepigraphische oder apokrypheAls neutestamentliche Apokryphen werden christliche Schriften der ersten Jahrhunderte nach Christus bezeichnet, die in Inhalt und Form den Schriften des Neuen Testaments ähneln, aber nicht in den Kanon aufgenommen wurden, deshalb auch neutraler „außerkanonische Schriften“. Häufig wurde der Anspruch dieser Schriften, von Aposteln verfasst worden zu sein oder über das Wirken von Aposteln zu berichten, von der Kirche oder ihren maßgeblichen Theologen bestritten, weshalb diese Schriften den Ruf des Gefälschten erhielten, deshalb auch als pseudoepigraphisch bezeichnet. Bei den Apokryphen des Neuen Testaments sind sich die heutigen christlichen Konfessionen weitgehend darüber einig, dass sie nicht zur Bibel gehören. Dabei definieren die einzelnen Kirchen, etwa Orthodoxe Kirchen, Alte Kirche etc. in unterschiedlichen Verständnis, was als außerkananonisch angesehen wird., besser außerkanonische Schrift aus dem 2. Jahrhundert.Anne Jensen: Thekla – Die Apostolin. Ein apokrypher Text neu entdeckt. Chr. Kaiser, Gütersloh 1999, ISBN 3-579-05172-5, S. 72. Sie erzählen Ereignisse, die die heilige Thekla gemeinsam mit dem Apostel Paulus erlebte. Ob es dabei ursprünglich eigenständige Akten der Thekla, , gab und damit als eigenständiges Werk verfasst worden sind, bleibt unklar. Sie treten dann als gemeinsame Akte, Akten des Paulus und der Thekla auf. Dabei wurden höchstwahrscheinlich ältere Traditionen verarbeitet, da die Person der „Thekla“ als die Hauptfigur in der Erzählung auftritt.Siegmar Döpp, Wilhelm Geerlings: Lexikon der antiken christlichen Literatur. Herder, Freiburg/Basel/Wien, ISBN 3-451-27776-X, S. 675.

mini|450px|Ausschnitt des Freskos von „Paulus und Thekla“ aus dem 6. Jahrhundert. (1906 in der Paulus- und Theklagrotte am Nordhang des Bülbül Dağı (deutsch „Nachtigallenberg“) oberhalb der Ruinen des antiken Ephesus entdeckt.) Wiedergabe als Schwarzweißfotografie.Lecturas en cuarentena (2): La Tecla de Pablo. 14. April 2020 Inspiriert durch die „“ aus dem 2. Jahrhundert; Paulus ist im Bild mit beschriftet, Thekla in der Variante . Die Mutter befindet sich (nicht abgebildet) links neben Paulus, aus dem Fenster eines Hauses auf die beiden blickend.

Autor, Datierung und Abfassungsort Die wurden erstmals bezeugt und verschriftlicht erwähnt bei Tertullian.Tertullian: De baptismo. 17 Er beschrieb sie als fälschlich geschrieben. Hippolyt von Rom und Origenes hingegen nutzen sie unkritisch, während Eusebius sie als häretisch verwirft. Die drei Komplexe der haben eine eigenständige Überlieferungsgeschichte: , 3. Korintherbrief, .Siegmar Döpp, Wilhelm Geerlings: Lexikon der antiken christlichen Literatur. Herder, Freiburg/Basel/Wien, ISBN 3-451-27776-X, S. 554

Der Autor der Schrift ist unbekannt. Sie stammt wahrscheinlich aus dem südanatolischen Raum (Pisidien und Lykaonien) rund um Ikonion und Antiochia. Der Text ist in verschiedenen Handschriften in griechischer (Schøyen MS 2634/1, P. Antinoopolis 13, Papyrus Oxyrhynchus 6), syrischer, koptischer, armenischer und äthiopischer Sprache überliefert. Er war ursprünglich Teil der umfangreicheren Paulusakten (, ).Elisabeth Esch-Wermeling: Paulus lehrt – Thekla lauscht? Annäherungen an textstrategische Phänomene in den Theklaakten. lectio difficilior 2/2008, ISSN 1661-3317. ( auf lectio.unibe.ch)

Obzwar Leucius Charinus () von einigen Autoren in verschiedenen alten Schriften genannt wurde, so vor allem als Verfasser der Johannesakten und bei einigen der alten Autoren auch als Verfasser der übrigen vier apokryphen Apostelakten, die zusammen die manichäischen Apostelakten darstellen, ist die aktuelle wissenschaftliche Meinung, dass „Leucius Charinus“ als Pseudonym eines anonymen Schriftstellers anzusehen sei, der die Johannesakten verfasst habe, dessen Name später dann auf die gesamte Sammlung der manichäischen Apostelakten übertragen wurde. Die Überlieferung des eigentlichen Textes der kann sich auf einen umfangreichen Bestand an Quellen, d. h. Handschriften und Papyri, lehnen. Der textuale Inhalt dieser Überlieferung weist aber auf eine große Anzahl unterschiedlicher Versionen des Textes hin, so dass ein „originärer Text“, schwer zu rekonstruieren ist. Die wurden schon in der Spätantike in andere Sprachen übersetzt. Es existiert eine alte syrische Textüberlieferung, sodann eine alte auf Papyrus geschriebene koptische Übersetzung, die als unabhängig von der lateinischen Version anzusehen ist, und mehrere voneinander unabhängige Übersetzungen aus dem Griechischen.Bernd Linke: Acta Pauli et Theclae. Pegasus-Onlinezeitschrift V/2+3 (2005), 41 ( auf journals.ub.uni-heidelberg.de)Erik Peterson: Einige Bemerkungen zum Hamburger Papyrus-Fragment der Acta Pauli. In: Vigiliae Christianae 3 (1949), 142–162. Im Papyrus Hamburgensis bilinguis 1 (etwa 300 n. Chr., griechisch) wurden aber nur Teile der Paulusakten in griechischer Sprache gefunden. Während im Papyrus Heidelberg Kopt. 300 + 301 und Papyrus Heidelberg Kopt. 6–28.5 (im 4. Jahrhundert, koptisch)Carl Schmidt: Acta Pauli aus der Heidelberger koptischen Papyrushandschrift. J. C. Hinrichs, Leipzig 1904. nicht nur die Paulusakte vollständig wiedergegeben ist, sondern auch die Theklaakte.Glenn E. Snyder Acts of Paul. The Formation of a Pauline Corpus. Mohr Siebeck, Tübingen, ISBN 978-3-16-152773-9, S. 1–16 (Digitalisat) Textauszug: „Introduction“, hier S. 4–5

Die Akten entstanden vermutlich um 150 n. Chr. in Kleinasien, sie weisen einige Besonderheiten auf: Es ist Thekla selbst und nicht Paulus, die zum Martyrium verurteilt wurde. Thekla ist ebenso wie Paulus eine aktive Apostolin, die selbst das Wort Gottes verkündet. Thekla ist eine der wenigen Frauen aus den Apostelakten, um deren Wirken sich ein Kult entwickelt hatte. Die „Akten des Paulus und der Thekla“ waren über einen langen Zeitraum sehr verbreitet und äußerst populär (siehe Kloster der Heiligen Thekla). Der griechische Ursprungstext fand vielfältige Übersetzungen etwa in das Syrisch-Aramäische, Latein und Koptische.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Sammlung der neutestamentlichen Schriften im 2. Jahrhundert noch nicht klar abgegrenzt war, so dass die Grenze zwischen „kanonischen“ und „apokryphen“ Schriften weniger eindeutig war. Die Überschrift der kanonischen Apostelgeschichte ( „Taten der Apostel“) könnte auch auf das 2. Jahrhundert zurückgehen.Klaus-Michael Bull: Bibelkunde des Neuen Testaments. Die kanonischen Schriften und die Apostolischen Väter. Überblicke – Themakapitel – Glossar. 8. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, Textauszug: Die Apostelgeschichte (Apg). ( auf bibelwissenschaft.de)

Inhalt Die Akte gliedert sich in zwei Hauptteile, den Ikonium-Zyklus (ActThecl. 1–25) und den Antiochia-Zyklus (ActThecl. 36–39), und in einen dritten finalen Erzählrahmen (ActThecl. 40–43). Die Erzählung setzt bei Paulus’ erster Missionsreise ein, in Ikonium , wo er predigte. Sein Äußeres wird detailliert beschrieben. Auf seiner Flucht aus Antiochia kommend, begleitet von zwei Mitreisenden, Demas und Hermogenes, gelangten sie nach Ikonium. Dort wird er von Onesiphorus und dessen Familie herzlich empfangen und eingeladen. Im Haus seines Gastgebers predigte Paulus die Selbstbeherrschung, Zurückhaltung, Enthaltsamkeit (griechisch ). Seine Worte über die Reinheit begeisterten vor allem eine junge Frau, die vom Nachbarfenster den Worten des Paulus lauschte. Thekla, die gebannt seinen Reden zuhörte und daraufhin tagelang nicht ihr Zimmer verließ und in einer weiteren Folge sich der Ehe mit ihrem Verlobten Thamyris verweigerte, rief nun einen Konflikt hervor. Der Verlobte bestand auf der Ehe, die Thekla ihm versprochen hatte. Demas und Hermogenes, der Verlobte und Theklas Mutter Theoklia verklagten Paulus beim römischen Statthalter. Dort wurde er gezwungen, über seine Lehre Auskunft zu geben, da sie von der Stadtbevölkerung als Eheverbot interpretiert wurde. Ein Urteil gegen ihn wurde aber zunächst aufgeschoben, dennoch inhaftierten sie Paulus. Thekla gelang es, durch Bestechung ins Gefängnis zu gelangen, wo sie zu seinen Füßen saß. Beiden wurde nun der Prozess gemacht und Thekla daraufhin zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Aber Starkregen löschte die Flammen.

Paulus und Thekla konnten Ikonium verlassen und gingen nach Antiochia in Pisidien. Dort warb ein in der römischen Provinz Syria lebender Adliger namens Alexandros () um ihre Hand. Aber Thekla weigerte sich. Eine Anklage denunzierte sie als „Tempelschänderin“. Dies sei, so Jensen (1995/1999)Anne Jensen: Thekla – Die Apostolin. Ein apokrypher Text neu entdeckt. Chr. Kaiser, Gütersloh 1999, ISBN 3-579-05172-5, S. 84–85., vor dem Hintergrund der Christenverfolgungen im Römischen Reich zu deuten, so sei eine römische Bürgerin, die ein Eheversprechen ausflöste oder ihre Ehre verteidigte, nicht eines Sakrilegs bezichtbar gewesen, hingegen aber eine Frau, die sich der neuen Religion des Christentums aktiv zuwandte. Was Thekla in der Aussage zusammenbrachte, vergewaltige keine Fremde, vergewaltige nicht die Dienerin Gottes.

Paulus bleibt bezüglich dieses Vorwurfs äußerst zurückhaltend und ließ seine Begleiterin in dieser Situation ohne Unterstützung zurück. Aber die Frauen der Stadt verteidigten sie. Insbesondere Antonia Tryphaina nahm sich ihrer an, die als Königin von Pontos eine reiche und einflussreiche Frau und Verwandte des römischen Kaisers Claudius war, denn Thekla betete für Tryphainas verstorbene Tochter. Obgleich den wilden Tieren vorgesetzt (), wurde sie mehrere Male von einer Löwin geschützt. Thekla, noch ungetauft, spendete sich nun selbst die Nottaufe, indem sie sich mit den Worten: „Im Namen Jesu Christi taufe ich mich selbst am letzten Tag“ in ein Wasserbecken stürzte. Tryphaina rettete sie schließlich.

Hiernach suchte Thekla in Myra den Apostel Paulus auf, um danach zu ihrer Mutter nach Ikonium zu gehen. Schließlich ging sie nach Seleukia am Kalykadnos, wo sie viele Menschen „erleuchtete“ und eines friedlichen Todes starb (von den letzten Jahren sind fünf verschiedene Fassungen überliefert).

Rezeption Antike Der Kirchenvater Tertullian erwähnt Thekla im 17. Kapitel von , seinem Traktat über die Taufe, das um 200 n. Chr. in Karthago entstand. Den Thekla-Akten, die zu seiner Zeit populär waren und als Legitimation für das Lehren von Frauen herangezogen wurden, wirft er Fälschung durch einen Priester aus Asien vor. Dieser Priester sei schließlich überführt worden und hätte gestanden, aus Liebe zum Apostel Paulus dessen Namen gebraucht zu haben. Außerdem würde der Inhalt den authentischen Paulusbriefen widersprechen. Indem Tertullian die Apostolizität der Thekla-Akten und damit ihre Autorität widerlegt, schließt er aus, dass weibliche Christinnen selbst in Notfällen taufen dürften.

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