Unterrichtsprinzipien (auch: Didaktische Prinzipien oder Pädagogische Prinzipien) sind allgemeine Grundsätze zur Gestaltung von Erziehung und Unterricht. Als Regelsetzungen beanspruchen sie Gültigkeit für jedes organisierte Lehren und Lernen nach dem Erkenntnisstand der Zeit. Dabei ist zwischen weitestgehend anerkannten formalen und teilweise umstrittenen, inhaltlich ausgerichteten Prinzipien zu unterscheiden. mini|Unterricht in Deutschland (Berlin) mini|Unterricht in Island (Reykjavík)
Begriff und Bedeutung Wie der Begriff „Unterrichts-Prinzipien“ schon ausdrückt, handelt es sich um Grundsätze des Lehrens und Lernens, die für jegliches Unterrichten, unabhängig von einer Fächergliederung der Bildungsinhalte oder fächerübergreifender Erziehung, von Bedeutung sind. Sie gehören zum Basiswissen des wissenschaftlich ausgebildeten Lehrers aller Schulstufen und spielen entsprechend eine zentrale Rolle in der praktischen wie theoretischen Ausbildung der Lehramtsanwärter und ihren entsprechenden Qualifikationsnachweisen.
In der didaktischen Literatur finden sich, gleichbedeutend für den Fachausdruck „Unterrichtsprinzipien“Werner Wiater: Unterrichtsprinzipien, Donauwörth, 2001, oft bei denselben Autoren, auch die Begriffe „Pädagogische Prinzipien“Annemarie Seybold-Brunnhuber: Die Prinzipien der modernen Pädagogik in der Leibeserziehung, Band 1 der Beiträge zur Lehre und Forschung der Leibeserziehung, Verlag Hofmann, Schorndorf 1959 oder „Didaktische Prinzipien“.Annemarie Seybold-Brunnhuber: Didaktische Prinzipien der Leibeserziehung. Band 48 der Beiträge zur Lehre und Forschung der Leibeserziehung, Verlag Hofmann, Schorndorf 1972Edmund Kösel: Didaktische Prinzipien und Postulate, in: Die Modellierung von Lernwelten, Bd. I. Die Theorie der Subjektiven Didaktik, 4. Auflage, Balingen 2002
Die traditionellen „Theoriefächer“ Mathematik- oder Deutschunterricht sind bereits seit Jahrzehnten keine reinen „Sitzfächer“,Johannes Kühnel: Neubau des Rechenunterrichts. Ein Handbuch der Pädagogik für ein Sondergebiet. Klinkhardt, Leipzig 1916. (Eugen Koller (Hrsg.), 10. Auflage, Klinkhardt, Bad Heilbrunn/Oberbayern 1959) die als handlungsintensiv bekannten Fächer Technik- oder Sportunterricht schon längst keine reinen „Bewegungsfächer“ mehr.Siegbert Warwitz: Zur kognitiven Komponente im Sozialisationsprozeß. In: ADL (Hrsg.): Sozialisation im Sport. Schorndorf (Hofmann) 1974. S. 366–370
Zeitgemäßer moderner Unterricht verbindet Theorie und Praxis, Handeln und Nachdenken, Individualisierung und Sozialisierung, Aktivität und Muße („Schule“ bedeutet griechisch ursprünglich „Muße“), Spiel und Ernst, Schonraumlernen und Realraumlernen, Lehrziele und Schülerinteresse in Form eines Mehrdimensionalen Lehrens und Lernens miteinander. Insofern haben viele ältere Prinzipien einer noch polarisierenden Didaktikdiskussion heute keine kontrastierende, sondern eine einander ergänzende Bedeutung. Moderner Unterricht vermeidet ideologische Einseitigkeiten und passt die allgemein gültigen Grundsätze flexibel den jeweiligen Zielsetzungen an. Das heißt, dass Unterrichtsprinzipien nicht auf bestimmte Fächer bezogen sind, dass ihre Anwendung vielmehr von curricularen Vorgaben, wechselnden Unterrichtszielen, unterschiedlichen methodischen Schwerpunktsetzungen, speziellen Bildungsabsichten, von der gewählten Thematik und vom Reifegrad und Entwicklungsstand der Lernenden abhängen und entsprechend flexibel zu handhaben sind. Es bedeutet, dass die Grundsätze nicht alle gleichzeitig zum Tragen kommen, sondern durch die verwendete Unterrichtsform (lehrerzentriertes oder projektorientiertes, fachliches oder interdisziplinäres Arbeiten etc.) bestimmt werden. Dies setzt didaktisch gut ausgebildete Lehrkräfte voraus, die das Spektrum didaktischer Möglichkeiten überschauen und professionell anzuwenden gelernt haben.
Historisches Johann Amos Comenius (1592–1670) gilt als Vater der modernen Didaktik. In seinem berühmten pädagogischen Standardwerk, der Didactica magna oder Großen Didaktik, verfasst in den Jahren 1627 bis 1638 und im Jahre 1657 erstmals veröffentlicht, formulierte Comenius bereits Grundsätze für den lehrenden Umgang mit Heranwachsenden, die weitestgehend bis in die heutige Unterrichtslehre Bestand haben:
Lernen soll vor allem über das eigene Tun erfolgen. Lehren geschieht durch sinnliche und natürliche Veranschaulichung. Der Lehrer soll Dinge in der Natur nicht abstrakt vermitteln, sondern die Sache selbst zeigen. Der Anschauung ist Vorrang zu geben vor der sprachlichen Vermittlung. Das lebendige Beispiel und Vorbild muss vor Worten und Vorschriften rangieren. Neu Erlerntes ist durch Üben zu festigen. Es ist beim Gegenstand zu verweilen, bis dieser gänzlich begriffen ist. Der Lehrer weist den Weg, „auf dem sich alles leicht und sicher erreichen lässt.“ Zur Verifizierung von Thesen sind Vergleichsbeispiele heranzuziehen. Es gilt, einen Lehrplan zu entwickeln und vom Leichten zum Schweren, vom Allgemeinen zum Speziellen vorzugehen. Der Muttersprache gilt Priorität vor einer Fremdsprache.
Nach Comenius haben sich im 18. Jahrhundert Philanthropen wie Basedow, Salzmann und GutsMuths sowie Pädagogen wie Pestalozzi schwerpunktmäßig mit dem Herausarbeiten eines kindgemäßen Lernbetriebs und entsprechender Regeln auseinandergesetzt.
Im 20. Jahrhundert befasste sich die Reformpädagogik erneut mit der Thematik. Die Ärztin und Kinderpädagogin Maria Montessori machte mit ihrem Unterrichtsprinzip „Vom Kinde aus“ die Persönlichkeit des Kindes zum Ausgangspunkt und Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens.
Konsensgetragene didaktische Prinzipien Die Sportwissenschaftlerin Annemarie Seybold-Brunnhuber hat in mehreren auflagenstarken Publikationen zwischen den 1950er und 1970er Jahren die wichtigsten Prinzipien der sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu orientierenden Pädagogik gesammelt und für ihr Fach, das damals noch „Leibeserziehung“ hieß, aufgearbeitet.Annemarie Seybold: Pädagogische Prinzipien der Leibeserziehung. Hrsg. Ausschuss deutscher Leibeserzieher. Beiträge zur Lehre und Forschung der Leibeserziehung. Heft 1, Schorndorf 1954 Sie wurden seither immer wieder aufgegriffen und modifiziert.Edmund Kösel: Didaktische Prinzipien und Postulate, in: Die Modellierung von Lernwelten, Bd. I. Die Theorie der Subjektiven Didaktik, 4. Aufl. Bahlingen 2002
In einer neuerlichen Zusammenschau beschreibt der Didaktiker Siegbert A. Warwitz elf „Didaktische Prinzipien“, die er in der heutigen Didaktik als allgemein anerkannt sieht und auf denen ein zeitgemäßer Unterricht basieren sollte. Es handelt sich um auf die Gestaltung des Unterrichtsgeschehens bezogene formale Vorgaben, die einen Rahmen für das Lehren und Lernen nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der heutigen Unterrichtslehre abgeben. Dabei werden umstrittene inhaltliche oder ideologische Einseitigkeiten ausgeklammert:Siegbert A. Warwitz: Didaktische Prinzipien, In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln, Verlag Schneider, 6. Auflage, Baltmannsweiler 2009, S. 69–72
Prinzip der Alters- und Entwicklungsgerechtheit Das Unterrichten von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen erfordert unterschiedliche didaktische Maßnahmen. Der Lehrende muss sich in der Sprachgebung und Sprachgeschwindigkeit, in Mimik und Gestik, in Methodik und Unterrichtsorganisation auf die jeweiligen Adressaten einstellen. Das Unterrichten erfordert in Vorschule und Grundschule etwa ein höheres Maß an sinnenfälliger Anschauung, erlaubt mit den Lern- und Entwicklungsfortschritten in Gymnasium und Hochschule auch ein abstraktes, wissenschaftsbezogenes Lehren und Lernen, etwa in Vorlesungen, Seminaren und Praktika.
Das Prinzip der Alters- und Entwicklungsgerechtheit postuliert, dass die Lernenden auf ihrem jeweiligen Kompetenz- und Interessenniveau abgeholt werden müssen, um effektives Lernen zu ermöglichen.
Prinzip der Ganzheit Höhere Bildung unter wissenschaftlichen Ansprüchen folgt dem „Prinzip der Wissenschaftsorientierung“ und dem „Prinzip der Mehrperspektivität“. Dies hatte eine Aufgliederung der Wirklichkeit in sich spezialisierende Fächer und Disziplinen und einen Verlust der Ganzheit zur Folge, die sich nur in der Gesamtschau der Fächer wieder zusammenfügte. Diese zu leisten, ist jedoch nur sehr wenigen Lernenden gegeben. Zudem erfolgt das natürliche Lernen außerhalb der Schule nicht in künstlich gebildeten Kategorien und Disziplinen. Das Prinzip der Ganzheit soll dieser Zersplitterung des Weltbildes entgegenwirken.
Ganzheit oder Ganzheitlichkeit bedeutet im Gegensatz zum zufälligen Nebeneinander oder zur additiven Anhäufung von Lerninhalten eine urtümliche Geschlossenheit, aus der sich die Bedeutung der integrierten Bereiche ableitet und die sich durch einen unauflösbaren Wirkzusammenhang („Das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile“) auszeichnet.
Das Prinzip der Ganzheit bezieht sich aber auch auf die Person des Lernenden, der nicht nur mit seinem Intellekt lernt und als Mensch mit vielfältigen Anlagen und Interessen wahrgenommen werden soll. Bereits Pestalozzi forderte in seiner Idee der Elementarbildung die Beteiligung von „Kopf, Herz und Hand“, also die nicht isolierte Tätigkeit im kognitiven, emotionalen und praktischen Bereich.Johann Heinrich Pestalozzi: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. Literarische Tradition. 2006 In der Form des Mehrdimensionalen Lernens hat das Prinzip Ganzheit eine zeitgemäße Ausgestaltung gefunden.
Prinzip der Anschaulichkeit Das Prinzip Anschaulichkeit verdeutlicht, dass Lernen weniger auf abstrakter als auf bildhafter Ebene erfolgen sollte. Der Lerngegenstand soll für die Lernenden sinnlich fassbar werden. Von der Aufgabe des Lehrenden her gesehen wird daher auch vom „Prinzip der Veranschaulichung“ gesprochen.
Veranschaulichung heißt, den Unterrichtsstoff so darzubieten, dass die Schüler ihn mit Hilfe ihrer Sinnesorgane und entsprechend ihrer Auffassungsgabe aufnehmen können. Eine Anschauung liegt dann vor, wenn das Erkannte in seinen Details in sich schlüssig und als Ganzes den Vorerfahrungen zugeordnet werden kann. Vor allem junge Kinder sind auf Veranschaulichung angewiesen, denn sie steigert Lerneffektivität und Gedächtnishaftung.
In der Reformpädagogik wurde das Prinzip von vielen Seiten propagiert: Rousseau sprach von der „Erfahrung an den Dingen“, während Pestalozzi die „Anschauung als Bildungskraft“ einforderte.
Prinzip der Vorbildwirkung Schon Comenius räumte in seiner Didactica magna der Vorbildwirkung des Lehrers einen herausragenden Rang in der Erziehung ein. Dabei leitete ihn die Erkenntnis, dass das lebendige Beispiel mehr auslöst als viele Worte und Vorschriften. Umgekehrt konterkariert ein schlechtes Vorbild die wohlmeinenden Erziehungsratschläge des Erziehers und macht sie in den Augen des Zöglings unglaubwürdig. Da die Glaubwürdigkeit des Lehrers von großer Bedeutung für den Erziehungserfolg ist, müssen Worte und Taten, gefordertes und eigenes Verhalten des Lehrers, in Übereinstimmung gebracht werden.
Prinzip der Strukturierung und Progression Professionelles Unterrichten ist nicht verspielt und ergeht sich nicht in bloßer Beschäftigung, sondern arbeitet einer bestimmten Zielvorgabe zu. Die Didaktik spricht daher auch von dem „Prinzip der Zielorientierung“. Eine gut geplante Unterrichtsstunde hat einen sogenannten „Stundenaufbau“, der die Stoffvermittlung und das Lernverhalten methodisch und organisatorisch gliedert. Es besteht aus einem Einleitungs-, einem Haupt- und einem Schlussteil. Umfangreichere Unterrichtseinheiten benötigen eine Inhaltsstrukturierung und eine Ablaufstrukturierung, basierend auf einer vorausgehenden „Lernstrukturanalyse“.
Der anspruchsvolle, interdisziplinär angelegte Projektunterricht folgt einer sechsstufigen „Phasenstruktur“ von der Sondierungs- über die Motivations-, die Planungs-, die Vorbereitungs- und die Realisations- bis zur Rückbesinnungsphase.Siegbert Warwitz, Anita Rudolf: Projekte. Basisartikel. In: Sportpädagogik. 6(1982)16-23, S. 19/20