Abū l-Amāna Dschibrīl ibn ʿUmar al-Aqdasī (; gestorben nach 1786 in der Nähe von Madaoua) war ein Usūl-Gelehrter aus der Agadès-Region, der zu den bedeutendsten islamischen Gelehrten der zentralen Sudanzone im 18. Jahrhundert gehörte. In seinen Predigten und Schriften erklärte er die muslimischen Herrscher der Sudanländer zu Ungläubigen. Mit dieser Lehre und seinem rigorosen Vorgehen gegen unislamische Bräuche übte er einen starken Einfluss auf die Bewegung von Uthman dan Fodio aus, die 1804 einen Dschihad gegen die Könige der Hausastaaten begann und wenige Jahre später das Kalifat von Sokoto begründete.
Leben Dschibrīls ethnischer Hintergrund ist nicht geklärt.Vgl. Reichmuth: Murtaḍā az-Zabīdī (1732-1791) and the Africans. 2004, S. 138. Während die mündliche Überlieferung besagt, dass er den Hausa angehörte,Vgl. Bivar/Hiskett: The Arabic Literature of Nigeria to 1804. 1962, S. 140. beschreibt er sich in einem seiner Werke mit der Nisba al-Fallātī, was darauf hinweist, dass er zu den Fulānī gehörte.Vgl. Reichmuth: Murtaḍā az-Zabīdī (1732-1791) and the Africans. 2004, S. 138. Seine Nisba al-Aqdasī weist darauf hin, dass er aus Agadès stammt. Seine Ausbildung erhielt er bei ʿAlī Dschobbo, Abū Bakr ibn al-Hāddsch ʿUthmān und seinem eigenen Bruder ʿAlī.Vgl. Hunwick: Arabic Literature of Africa. 1995, S. 47. Zu unbekanntem Zeitpunkt begab sich Dschibrīl zusammen mit seinem Lehrer Muhammad ibn al-Hāddsch zur Wallfahrt nach Mekka.Vgl. Bello: Infāq al-maisūr Abschnitt 9.
Nach der Hausa-Chronik hielt sich Dschibrīl insgesamt zwölf Jahre in Mekka auf.Vgl. Last: The Sokoto Caliphate. 1967, S. 6. Einer anderen Quelle zufolge verbrachte er 18 Jahre in Ägypten und nur zwei Jahre in Mekka.Vgl. Bivar/Hiskett: The Arabic Literature of Nigeria to 1804. 1962, S. 141. In Ägypten hatte er Kontakt zu verschiedenen Chalwatīya-Gelehrten, so zu dem schafiitischen Rechtsgelehrten Yūsuf ibn Sālim al-Hifnī (gest. 1763)Vgl. Hunwick: Arabic Literature of Africa. 1995, S. 47. und zu Ahmad ad-Dardīr (gest. 1786), einem Schüler und Chalīfa von Muhammad ibn Sālim al-Hifnī (gest. 1768), der zur Erneuerung der Chalwatīya in Ägypten beigetragen hatte. Ahmad ad-Dardīr lehrte ihn um 1763Vgl. Reichmuth: Murtaḍā az-Zabīdī (1732-1791) and the Africans. 2004, S. 138. den wird der Chalwatīya und führte ihn damit in den Orden ein.Vgl. Martin: Muslim Brotherhoods in Nineteenth-Century Africa. 1976, S. 24.
Nach seiner Rückkehr nach Agadès predigte Dschibrīl bei den Tuareg. In seinen Predigten erklärte er diejenigen Bewohner des Sudan, die mehr als vier Frauen nahmen, ihre Frauen nicht verschleierten, zuließen, dass sich die Frauen unter die Männer mischten, Frauen bei der tribalen Auseinandersetzung raubten, oder die Güter der Waisen unterschlugen, für Ungläubige.Vgl. Hiskett: An Islamic Tradition of Reform in the Western Sudan. 1962, S. 489. Damit stand er der Auffassung nahe, die frühere Tuareg Mudschāhidūn von den Ait-Awari genutzt hatten, um ihre Überfälle auf Sufi-Zentren in den Dörfern von Azawagh und Ayar zu rechtfertigen.Vgl. Hunwick: Arabic Literature of Africa. 1995, S. 47. Mit seinen Predigten stieß Dschibrīl auf große Resonanz in den Städten, die von Habe, also Nicht-Fulanis bewohnt waren.Vgl. Bivar/Hiskett: The Arabic Literature of Nigeria to 1804. 1962, S. 143. Als Dschibrīl auf der Grundlage seiner Lehren im Aïr-Gebiet einen Dschihad ausrief, erzürnte das die Tuareg so sehr, dass er fliehen musste.Vgl. Last: The Sokoto Caliphate. 1967, S. 5.
Dschibrīl unternahm daraufhin eine zweite Wallfahrt nach Mekka, bei der ihn sein Sohn ʿUmar begleitete. Auf dieser Reise traf er in Kairo mit dem Gelehrten Murtadā az-Zabīdī (gest. 1791) zusammen, der ihm am 10. Rabīʿ II 1198 (= 3. März 1784) eine Idschāza für die Übermittlung all seiner Kommentare und Schriften ausstellte. Diese Idschāza ist in einem Werk seines Schülers Uthman dan Fodio überliefert.Vgl. al-Nagar: "The Asānīd of Shehu Dan Fodio" 1984/85, S. 27, 32f. Murtadā az-Zabīdī übermittelte Dschibrīl auch eine Tradition über die Herkunft des Fulānī-Volkes. Demnach gehen die Fulānī auf Dschaʿfar ibn Abī Tālib, den Cousin des Propheten Mohammed, zurück.Vgl. Reichmuth: Murtaḍā az-Zabīdī (1732-1791) and the Africans. 2004, S. 140. Um 1786 kehrte Dschibrīl in die Sudanzone zurück. Er lebte zuerst in dem Ort Kude und zog dann in ein Tal um, das Madschi (Madaoua?) genannt wurde.Vgl. ʿAbdallāh ibn Muḥammad: Tazyīn al-waraqāt. 1963, S. 31, 90. Er starb zu unbekanntem Zeitpunkt in der Nähe von MadaouaVgl. Last: The Sokoto Caliphate. 1967, S. 5f. im nordwestlichen Gobir.Vgl. Hunwick: Arabic Literature of Africa. 1995, S. 47.
Werke al-Bulūġ an-nāfiʿ ʿalā uṣūl al-Kaukab as-sātiʿ, Superkommentar zu al-Kaukab as-sātiʿ, einem Kommentar von Dschalāl ad-Dīn as-Suyūtī zu dem Usūl-al-fiqh-Handbuch Ǧamʿ al-ǧawāmiʿ von Tādsch ad-Dīn as-Subkī.Vgl. Hunwick: Arabic Literature of Africa. 1995, S. 47f. Dies war der erste Text eines Gelehrten aus der Sudanzone zu den Usūl al-fiqh.Vgl. Reichmuth: Murtaḍā az-Zabīdī (1732-1791) and the Africans. 2004, S. 139. Kitāb fī t-takfīr bi-l-maʿāṣī, Traktat über den Takfīr auf Grund von Sünden. Muhammad Bello zitiert aus diesem Werk die folgende Passage: „Was die Ereignisse in den Sudan-Ländern anlangt und diejenigen, die die Werke des Unglaubens und die Werke des Islams miteinander vermischen, nämlich die Mehrzahl der Könige und Soldaten dieser Länder, so handelt es sich hierbei nicht um eine unrechtmäßige Neuerung, eine Verfälschung, eine Veränderung oder Annahme einer Sunna. Nein, es ist vielmehr ein Unglaube, in dem sie verharren. Es ist nämlich von keinem von ihnen überliefert, dass er ihn aufgegeben hat. [...] Dadurch, dass sie ihrer Unterdrückung die Lichter des Gebets und des Fastens und das Aussprechen des 'Es gibt keinen Gott außer Gott' beigemischt haben, denkt der Unwissende von ihnen, dass sie Muslime seien, doch nein, sie sind keine Muslime.“Muhammad Bello: Infāq al-maisūr, zit. in Martin: Muslim Brotherhoods in Nineteenth-Century Africa. 1976, S. 18f. Naẓm fī t-takfīr bi-l-maʿāṣī, Gedicht im einfachen Radschaz-Stil über dasselbe Thema in 26 Versen.Vgl. El-Masri: The Life of Shehu Usuman dan Fodio before the Jihād. 1963, S. 438. In diesem Gedicht, das in zwei Werken seines Schülers Uthman dan Fodio überliefert ist, wirft Dschibrīl den Menschen im Sudan vor, an dem Gesetz der Dschāhilīya festzuhalten, das Gott durch die Scharia abgelöst hat.Für den Text und Übersetzung des Gedichtes vgl. Bivar/Hiskett: The Arabic Literature of Nigeria to 1804. 1962, S. 141–143.
Bedeutung für die Anführer des Fulani-Dschihad Dschibrīl hatte zahlreiche Schüler, zu denen auch die Anführer des Fulani-Dschihad Uthman dan Fodio (1754–1817) und sein Bruder Abdullahi dan Fodio (1765–1829) gehörten. Auch deren Cousins Muhammad al-Firabrī und al-Mustafā ibn ʿUthmān studierten bei ihm.Vgl. Last: The Sokoto Caliphate. 1967, S. 6.
Uthman dan Fodio schloss sich Dschibrīl an, nachdem er zwei Jahre bei seinem Onkel ʿUthmān Bindūrī studiert hatte.Vgl. El-Masri: The Life of Shehu Usuman dan Fodio before the Jihād. 1963, S. 437. Er blieb bei ihm ein Jahr und begleitete ihn nach Agadès.Vgl. Hiskett: Material relating to the state of learning. 1957, S. 564. Unter Dschibrīls Einfluss begann Uthman selbst über den Unglauben der Sünder zu predigen.Vgl. Martin: Muslim Brotherhoods in Nineteenth-Century Africa. 1976, S. 19. Er kopierte auch Dschibrīls Werk über den Unglauben des großen Sünders und diskutierte darüber mit ihm.Vgl. El-Masri: The Life of Shehu Usuman dan Fodio before the Jihād. 1963, S. 439. Dschibrīl wollte ihn auf seine zweite Wallfahrt mitnehmen, doch lehnte Uthmans Vater dies wegen seines zarten Alters ab. Nachdem Dschibrīl von der Wallfahrt zurückgekehrt war, besuchte ihn 1787 Uthman zusammen mit seinem Bruder Abdullahi in Gudi.Vgl. Last: The Sokoto Caliphate. 1967, S. 6 und El-Masri: The Life of Shehu Usuman dan Fodio before the Jihād. 1963, S. 439. Dschibrīl führte sie in die Silsilas der Qādirīya, der Schādhilīya und der Chalwatīya einVgl. Martin: Muslim Brotherhoods in Nineteenth-Century Africa. 1976, S. 18. und erteilte ihnen verschiedene Idschāzas. Uthmān blieb bei Dschibrīl nur einige Tage und zog dann nach Zamfara weiter.Vgl. El-Masri: The Life of Shehu Usuman dan Fodio before the Jihād. 1963, S. 438.
Abdullahi dan Fodio hielt sich etwas länger bei Dschibrīl auf. Er berichtet, dass er bei ihm mehrere Bücher zu den Usūl al-fiqh studierte, darunter das Kitāb Anwār al-burūq von Schihāb ad-Dīn al-Qarāfī und den Ǧamʿ al-ǧawāmiʿ von Tādsch ad-Dīn as-Subkī mit dem Kommentar al-Kaukab as-sātiʿ von as-Suyūtī, zu dem Dschibrīl einen Superkommentar geschrieben hatte. Dschibrīl erteilte ihm auch eine Idschāza für die von ihm übermittelten Überlieferungen sowie für das Gedicht Alfīyat as-sanad von Murtadā az-Zabīdī.Vgl. Hiskett: Material relating to the state of learning. 1957, S. 566. Abdullahi dan Fodio hatte den Wunsch, Dschibrīl noch ein zweites Mal zu treffen, allerdings ist nicht klar, ob diese zweite Begegnung zustande kam. Er berichtet, dass er Dschibrīl an seinen neuen Wohnort in dem Tal Madschi eine auf den Buchstaben Dschīm reimende Qasīda schickte, in der er ihn und seine Anhänger rühmte.Vgl. ʿAbdallāh ibn Muḥammad: Tazyīn al-waraqāt. 1963, S. 32–37, 90–94.
Uthman hat die Überlieferketten, die er von seinen Lehrern erhalten hat, in zwei Werken zusammengestellt, den Asānīd aḍ-ḍaʿīf und den Asānīd al-faqīr. Dschibrīl ibn ʿUmar nimmt als Übermittler von Überlieferungsketten die wichtigste Stellung ein.Vgl. al-Nagar: "The Asānīd of Shehu Dan Fodio" 1984/85, S. 25, 27. Allerdings stand Uthman der besonderen Sündenlehre seines Lehrers etwas distanziert gegenüber. In seinem Werk Naṣaʾiḥ al-umma al-Muḥammadīya ("Ratschläge für die muhammadanische Gemeinschaft") zitierte er sein Gedicht über den Unglauben des großen Sünders und wies dieses mit dem Argument zurück, dass nach dem Konsens der Sunniten Ungehorsam gegenüber Gott nur eine Freveltat (fisq) darstelle, diese jedoch nicht den Glauben einer Person ungültig mache. Er warnte, dass sich Menschen, die diese Lehre vertreten, in eine gefährliche Nähe zu den ketzerischen Charidschiten begeben.Vgl. Hiskett: An Islamic Tradition of Reform in the Western Sudan. 1962, S. 489. Außerdem warf er Dschibrīl Inkonsistenzen in seiner Lehre vor: Das eine Mal erkläre er, dass die Bewohner des Sudans deshalb zu Ungläubigen geworden seien, weil sie implizit die Begehung von Sünden erlaubten, das andere Mal deshalb, weil sie Taten begingen, die durch keine Deutung des Korans gerechtfertigt werden könnten. Die Inkonsistenzen in seiner Lehre entschuldigte er mit Dschibrīls Sorge um diese muhammadanische Gemeinschaft (šafaqatu-hū ʿalā hāḏihi al-umma al-Muḥammadīya).Vgl. Hiskett: An Islamic Tradition of Reform in the Western Sudan. 1962, S. 490.