Der Verein sozialistischer Ärzte (VSAe) (1918–1933) war ein Zusammenschluss linker, sozialistischer Ärzte und Zahnärzte. Er ging aus dem Sozialdemokratischen Ärzteverein (1913–1926) hervor. Von 1925 bis 1933 gab der VSAe die Zeitschrift Der sozialistische Arzt heraus.

Sozialdemokratischer Ärzteverein – Sozialdemokratischer Ärztebund – Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Ärzte Ökonomische Auseinandersetzungen zwischen Ärzten und Krankenkassen führten 1900 zur Gründung des Verbandes der Ärzte Deutschlands. Hauptstreitpunkte waren: Kollektiv- oder Einzelvertrag, freie Arztwahl oder beschränkte Arztauswahl, Pauschale oder Bezahlung nach Einzelleistungen und schließlich die Höhe des Arzteinkommens.

Die der Arbeiterbewegung verpflichteten Ärzte brachte diese Situation in einen Zwiespalt. Einerseits fühlten sie sich der Krankenversicherung verpflichtet, insbesondere den sozialdemokratisch-freigewerkschaftlich orientierten Ortskrankenkassen und ihrer Selbstverwaltung, andererseits aber wollten und konnten sie deren teilweise demütigende und wenig sachliche Praktiken gegenüber den Ärzten ebenso wenig zustimmen wie der offiziellen Politik der Ärzte. Sie waren vielmehr der Meinung, dass Ärzte und Krankenkassen im Interesse der Arbeiter zusammenarbeiten sollten. 1913, als der Kampf zwischen Krankenkassen und Ärzten einen Höhepunkt erreichte, gründeten die sozialistischen Ärzte Ignaz Zadek, Raphael Silberstein, Karl Kollwitz und Ernst Simmel in Berlin den Sozialdemokratischen Ärzteverein.Karl Kollwitz. Ärzte und Krankenkassen. In: Sozialistische Monatshefte. 1913, Heft 4 S. 222–232 (Digitalisat) Friedrich Ebert StiftungErnst Simmel. Der sozialistische Arzt. In: Der sozialistische Arzt, 1. Jg. (1925), Heft 1 (März), S. 2–5; Ernst Simmel. Ignaz Zadek zum 70. Geburtstag. In: Der sozialistische Arzt, 3. Jg. (1928), Heft 4 (April), S. 44;

Als sich 1917/18 aus der Sozialdemokratie heraus andere Parteien (USPD und KPD) entwickelten, stand der Sozialdemokratische Ärzteverein vor einer Zerreißprobe. Der Großteil der Mitglieder einigte sich auf eine linke Ärztevereinigung (statt drei oder mehr) unter dem Namen Verein sozialistischer Ärzte (VSAe) mit dem neuen Vorsitzenden Raphael Silberstein. Im VSAe war die Mitgliedschaft prinzipiell unabhängig von der Parteibindung.

Der Sozialdemokratische Ärzteverein hatte fortan geringere Bedeutung. 1926 schloss er sich mit dem Sozialdemokratischen Ärztebund zu der einzigen vom Parteivorstand der SPD anerkannten Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Ärzte zusammen, die meist stark auf Abgrenzung bestand, obwohl Doppelmitgliedschaften in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Ärzte und im Verein sozialistischer Ärzte existierten.Aus der sozialistischen Ärztebewegung. Zur Richtigstellung. In: Der sozialistische Arzt, 4. Jg. (1928), Heft 3–4 (Dezember), S. 39; Zusammenschluss der sozialistischen Ärzte in Dresden. In: Der sozialistische Arzt, 7. Jg. (1931), Heft 3 (März), S. 91–92; In der Arbeitsgemeinschaft wirkten vor allem Benno Chajes, Alfred Grotjahn, Felix Königsberger, Alfred Korach, Franz Karl Meyer-Brodnitz, Julius Moses und Raphael Silberstein.

In den 1920er und frühen 1930er Jahren stellte sich der Verein sozialistischer Ärzte (VSAe) als legitimer Nachfolger des 1913 gegründeten Sozialdemokratischen Ärztevereins dar.

Verein sozialistischer Ärzte (VSAe) Parteibindung mini|310px|Aus den Statuten des Vereins sozialistischer Ärzte. In: Der sozialistische Arzt, August 1928Satzungen des Vereins Sozialistischer Ärzte. [August 1928] In: Der sozialistische Arzt, 4. Jg. (1928), Heft 1–2 (August), S. 47–49; Im VSAe war die Mitgliedschaft prinzipiell unabhängig von der Parteibindung. Er war bald die einzige Berufsorganisation, in der sowohl sozialdemokratische als auch kommunistische Mitglieder aktiv waren.

Im November 1927 nahm der VSAe an der Ärztekammerwahl in Berlin mit einer eigenen Liste teil, die sich aus Mitgliedern aller sozialistischen Richtungen zusammensetzte.Der sozialistische Arzt, 3. Jg. (1927), Heft 1–2 (August), S. 7–8; Diese Liste erzielte 169 Stimmen, sodass vier Mitglieder (Ignaz Zadek, Leo Klauber, Ernst Simmel, Minna Flake) und vier Stellvertreter (Otto Juliusburger, Richard Schmincke, Georg Loewenstein, Max Hodann) in das Ärzteparlament gewählt wurden.Der sozialistische Arzt, 3. Jg. (1927), Heft 3 (Dezember), S. 7–8;

Im Februar 1928 verteilte sich die Parteizugehörigkeit der Mitglieder des VSAe nach folgendem Schlüssel: 50 % SPD, 20 % KPD, 30 % Parteilose.Generalversammlung des VSAe am 12. Februar 1928. In: Der sozialistische Arzt, 3. Jg. (1928), Heft 4 (April), S. 51;

Am 27. Mai 1928, auf der Dresdener Reichstagung des VSAe, wandten sich die Mitglieder Andreas Knack, Karl Eskuchen, Salo Drucker und Kurt Glaser (1892–1982) gegen die Aufnahme von parteilosen Kollegen als ordentliche Mitglieder. Sie konnten sich aber mit dieser Forderung nicht durchsetzen. Als Kompromiss wurde von den Delegierten folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Verein Sozialistischer Ärzte erkennt im Interesse der Stoßkraft der sozialistischen Bewegung in vollstem Maße die Bedeutung der Parteizugehörigkeit an. Er legt den Mitgliedern ernstlich nahe, sich einer der bestehenden sozialistischen Parteiorganisationen anzuschließen und sich in ihnen aktiv zu beteiligen.“Der sozialistische Arzt, 4. Jg. (1928), Heft 1–2 (August), S. 41–42;

Im Rahmen der sich 1929 zuspitzenden Konflikte zwischen SPD und KPD wurden auf der 3. Reichstagung des VSAe im Dezember 1929 in Chemnitz Ausschlussverfahren gegen die Mitglieder Richard Schmincke, Martha Ruben-Wolf und Leo Klauber eingeleitet. Ihnen wurde vorgeworfen, als KPD-Mitglieder und Vertreter des VSAe aggressive Positionen gegen die Sozialdemokratie bezogen zu haben und damit den vom VSAe nach außen vertretenen Ideen und Anliegen geschadet zu haben. Nach ausführlicher Diskussion kam es zur Abstimmung. Schmincke und Ruben-Wolf wurden ausgeschlossen. Der Ausschlussantrag gegen Klauber wurde abgelehnt.Rundschau. Gewerbesteuer und Ärztekammer. In: Der sozialistische Arzt, 5. Jg. (1929), Heft 2 (Juni), S. 79:; An unsere Mitglieder! In: Der sozialistische Arzt, 5. Jg. (1929), Heft 2 (Juni), S. 85; Gegen Störversuche im V.S.Ae. In: Der sozialistische Arzt, 5. Jg. (1929), Heft 3, (September), S. 143–144; 3. Reichstagung im Dezember 1929 in Chemnitz. In: Der sozialistische Arzt, 6. Jg. (1930), Heft 1 (Februar), S. 20–27; Sitzungen der Ortsgruppe Groß-Berlin. In: Der sozialistische Arzt, 6. Jg. (1930), Heft 2 (Mai), S. 88–89;

Gewerkschaftliche Orientierung mini|310px|Graphik zur „Reichssektion Gesundheitswesen.“ In: Der sozialistische Arzt, Mai 1930 Graphik zur „Reichssektion Gesundheitswesen.“ In: Der sozialistische Arzt, Mai 1930, S. 67 (Digitalisat) Ab 1929 bemühten sich zunächst die Ortsgruppe Berlin, bald auch die übrigen Ortsgruppen des VSAe um eine gewerkschaftliche Anbindung. Auf der 3. Reichstagung in Chemnitz am 7. Dezember 1929 wurde der Vorstand beauftragt, mit der Reichssektion Gesundheitswesen im Gesamtverband der öffentlichen Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs, der Vorläuferorganisation der heutigen ÖTV, Verhandlungen aufzunehmen.Die Reichstagung in Chemnitz. … Zur Gewerkschaftsfrage … In: Der sozialistische Arzt, 6. Jg. (1930), Heft 1 (Februar), S. 31; Anfang 1930 machte der Allgemeine freie Angestelltenbund (AfA-Bund) dem VSAe das Angebot, dass er sich ihm zu äußerst günstigen Bedingungen anschließen könne. Da der AfA-Bund sich nur auf die Organisierung von Angestellten beschränkte, der Gesamtverband der öffentlichen Betriebe hingegen Arbeiter, Angestellte und Beamte umfasste, blieb dieser Favorit für den VSAe.Sitzungen der Ortsgruppe Groß-Berlin. … Mitgliederversammlung am 5. April 1930. In: Der sozialistische Arzt, 6. Jg. (1930), Heft 2 (Mai), S. 90; Im Herbst 1930 schließlich, konnte der VSAe dem Gesamtverband beitreten.Georg Loewenstein. Kommunale Gesundheitsfürsorge und sozialistische Ärztepolitik zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. Autobiographische, biographische und gesundheitspolitische Anmerkungen. (Arbeitsberichte zu verschütteten Alternativen in der Gesundheitspolitik 3) Univ. Bremen, Bremen 1980, S. 217

Zur Berliner Ärztekammerwahl im November 1931 kandidierten VSAe-Mitglieder auf der Liste der Freigewerkschaftlichen Bewegung. Die Kandidaten der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Ärzte und die Kandidaten der KPD schlossen sich diesem Vorgehen nicht an. Sie kandidierten auf eigenen Listen. Von den 119 zu vergebenden Sitzen in der Berliner Ärztekammer entfielen: 69 auf die „Liste zur Erhaltung des freien Berufsstandes“, 17 auf die nationalsozialistische Liste „Bund der Heilberufe für soziale Erneuerung,“ 10 auf die Liste der Jungärzte, 7 auf die Liste der Assistenten, 6 auf die Liste der Freigewerkschaftlichen Bewegung, 5 auf die Liste der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Ärzte, 3 auf die Liste der Ambulatoriumsärzte und 2 auf die Liste der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO).Die Ärztekammerwahl. In: Der sozialistische Arzt, 7. Jg. (1931), Heft 11 (November), S. 293–294;

Vorstandsmitglieder In Vorstandspositionen des VSAe tätig waren Salo Drucker (Februar 1926 – Oktober 1930), Ewald Fabian (Februar 1925 – Januar 1933), Minna Flake (Februar 1925 – Januar 1933), Käte Frankenthal (April 1932 – Januar 1933), Güterbrock (Februar 1925 – Februar 1926), Ernst Haase (Februar 1930 – Januar 1933), Max Hodann (Februar 1930 – Januar 1933), Leo Klauber (Februar 1925 – Januar 1933), Georg Loewenstein (November 1928 – April 1932), Franz E. Rosenthal (Februar 1925 – April 1932), Schönberger (Februar 1930 – Januar 1933), Raphael Silberstein (1913(1918)-1924),Ernst Simmel. Raphael Silberstein †. In: Der sozialistische Arzt, 2. Jg. (1926). Heft 2–3 (November), S. 51–52; Ernst Simmel (1913(1925) – Januar 1933), Laura Turnau (Februar 1925 – November 1928), F. Weiß (April 1932 – Januar 1933), Günther Wolf (Oktober 1930 – Januar 1933).

Prominente Vereinsmitglieder waren u. a. Alfred Döblin, Friedrich Wolf, Max Levy-Suhl und Otto Fenichel.

Ortsgruppen – Mitgliedszahlen

Der VSAe entstand in Berlin. Das Gros seiner Mitglieder lebte und praktizierte in der Hauptstadt, weshalb der Verein gelegentlich auch als eine Berliner Institution mit einigen Ablegern im Reichsgebiet betrachtet wurde. Innerhalb der mehrheitlich konservativ eingestellten über 52 000 Ärzte Deutschlands (1932) vereinigte der VSAe selbst in seiner Blütezeit nur 700 (Mai 1931)Die Karlsbader Tagung der sozialistischen Ärzte. In. Der sozialistische Arzt, 7. Jg. (1931), Heft 7 (Juli), S. 190 bis maximal 850 (1932) Mitglieder. Demnach betrug der Anteil der VSAe-Mitglieder an der Gesamtzahl der Ärzte und Zahnärzte in der Weimarer Republik lediglich ca. 1,33 %.

Die erste Organisation sozialistischer Ärzte außerhalb Berlins, die auf der gleichen Grundlage wie der VSAe aufgebaut war, wurde am 18. Januar 1927 in Leipzig von acht Mitgliedern gegründet. Breslau. Gegründet am 11. November 1929. – 20 Mitglieder (November 1929). – Vorstand: Kleemann, Neufeld.Neue Ortsgruppe des VSAe in Breslau. In. Der sozialistische Arzt, 5. Jg. (1929), Heft 4 (Dezember), S. 190; Chemnitz. Gegründet 1927. – 27 Mitglieder (Juni 1929). – Vorstand: Geis, Hannemann, Kurt Glaser (1892–1982), Ida Schönberger.Landesverband Sachsen des VSAe … Ortgruppe Chemnitz. In: Der sozialistische Arzt, 3. Jg. (1927), Heft 3 (Dezember), S. 38; Dresden. Gegründet am 15. Februar 1931. – 14 Mitglieder (Februar 1931). – Vorstand: Freund, Anna Stegmann, Weiner-Meißen.Zusammenschluss der sozialistischen Ärzte in Dresden. In: Der sozialistische Arzt, 7. Jg. (1931), Heft 3 (März), S. 91–92; Düsseldorf. Gegründet am 20. Februar 1931. – 12 Mitglieder (Februar 1931). – Vorstand: Franz Zimmermann, Wilhelm Wadler, Karl Levi.Neue Ortsgruppe in Düsseldorf. In: Der sozialistische Arzt, 7. Jg. (1931), Heft 3 (März), S. 91;