Das Landesmuseum Zürich, bis 2009 Schweizerisches Landesmuseum, ist das meistbesuchte historische Museum der Schweiz. Es wurde 1898 eröffnet.Die Einweihung des Schweizerischen Landesmuseums, doi:10.5169/seals-572466#220 Seit Januar 2010 ist es Teil der Dachorganisation Schweizerisches Nationalmuseum SNM des Bundes. Der Zusammenschluss umfasst drei kulturgeschichtliche Museen und ein Sammlungszentrum. Sie untersteht dem Eidgenössischen Departement des Innern und wird von der Kulturwissenschaftlerin Denise Tonella geleitet.
Geschichte und Architektur Gründung und Standortentscheid
mini|Historische Stereofotografie von Johannes Meiner Nach der Bundesstaatsgründung von 1848 entwickelte sich das Bedürfnis nach einem Nationalmuseum nur langsam : Es gab weder eine Sammlung zum jungen Staat noch eine grosse patriotische Bewegung. So wurde 1880 eine erste Motion von Nationalrat Friedrich Salomon Vögelin, Professor für Kunstgeschichte am Eidgenössischen Polytechnikum, unter Verweis auf die vielen kantonalen Sammlungen zurückgewiesen. Manch einer vertrat die Ansicht, . Allmählich setzte ein Wandel ein: Nach der Schweizerischen Landesausstellung von 1883 war das Nationalgefühl gewachsen. Vögelin reichte eine weitere Motion ein. Darüber hinaus erwarb die Eidgenossenschaft 1884 die Funde der Pfahlbauersiedlung Auvernier und erhielt mehrere Kunstdenkmäler (Interieur aus der Rosenburg StansAndrej Abplanalp: Schauen Sie her, ich bin wer! Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 27. Dezember 2017, spätgotische Ratsstube aus dem Rathaus von Mellingen, Zimmerdecke aus Arbon). In Basel, Bern, Zürich und Luzern entstanden Initiativen, die sich für ein künftiges Nationalmuseum bewarben. Zwischen den vier Städten entbrannte ein Streit, wo idealerweise dieses prestigeträchtige Museum errichtet werden sollte. Die Einrichtung eines Nationalmuseums war ganz dem Zeitgeist geschuldet und eine Frage des Selbstverständnisses vieler der noch jungen Nationalstaaten.Tommy Sturzenegger: Der grosse Streit. Wie das Landesmuseum nach Zürich kam. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 66, Hans Rohr, Zürich 1999.
Während der Landesausstellung präsentierte die von Vögelin initiierte, sogenannte «Gruppe 38» im Pavillon «Alte Kunst» ein Kleines Nationalmuseum. Damit war beabsichtigt, die Bürgerschaft auf das Thema zu sensibilisieren und ihr zu zeigen, welche Schätze die Schweiz besässe, Es fand aktuell ein Ausverkauf nationaler Kulturgüter statt. Umfangreiche Sammlungen von Kulturgütern wechselten den Besitzer, weil es noch keinen Kulturgüterschutz gab und wohlhabene Bürger, dem Zeitgeschmack folgend, mit sportlicher Attitüde Altertümer sammelten. Für Grossindustrielle schien dies «die einzige Möglichkeit, innerhalb des auf Bescheidenheit und Sparsamkeit getrimmten bürgerlichen Lebensideals ihr Geld loszuwerden. … Ganze Landstriche, Klöster, Burgen und Schlösser wurden leergefegt. Gewiefte Händler verscherbelten Kunstgüter auch ohne Hemmungen ins Ausland.»Carola Jäggi: Schweizer Kunst als Programm: Vögelin und Rahn als Forscher und Kulturpolitiker. In: 150 Jahre Kunstgeschichte an der UZH, Zürich 2022
Im Sommer 1890 verabschiedeten die eidgenössischen Räte eine Gesetzesänderung, wodurch die Voraussetzungen für das Landesmuseum geschaffen wurden. Die Vorschläge für einen Neubau von Zürich und Bern spalteten National- und Ständerat über Monate. Am 18. Juni 1891 setzte sich der ständerätliche Favorit Zürich durch. Das neue Museum sollte den Zweck haben, . Auch die Verbindung mit der neu gegründeten ETH Zürich wurde als Argument für den Standort Zürich herangezogen: Das Landesmuseum gehöre dahin, wo es am gewinnbringendsten eingesetzt werden könne, ein pragmatischer Ansatz, der schliesslich zum schlagenden Argument wurde.
Bau und Eröffnung Heinrich Angst und Salomon Vögelin waren die treibenden Kräfte für das Zürcher Projekt. Sie konnten Gustav Gull, der Zürich mit zahlreichen Bauten prägen sollte, als Architekten gewinnen. Gull vertiefte sich in Schweizer Burgen- und Kirchenarchitektur. . Der Bau umschloss einen grossen Hof, der durch ein Portal im hohen Turm betreten wurde. Der im Osten angebaute Flügel beherbergte die Kunstgewerbeschule – das Museum sollte nicht nur , sondern auch werden.
mini|Einweihungsschrift, Juni 1898 Das Landesmuseum wurde ab Herbst 1892 nordwestlich der Haupthalle des Hauptbahnhofs im Süden des Platzspitzparks gebaut. Die Stadt Zürich hatte 1,88 Millionen Franken für die Erstellung bewilligt. In verschiedenen Ausführungen wurde beim Bau mit der neuen Betongusstechnik experimentiert. Mehrere historische Räume aus Patrizierhäusern und Klöstern sowie eine Tessiner Loggia wurden in den Neubau integriert. Harte Winter, Planänderungen wie die Verwendung von inländischem Stein, Baumängel aufgrund der neuen Techniken, die Berufung von Gustav Gull zum zweiten Stadtbaumeister von Zürich und ein fehlendes Detailkonzept für die Ausstellung verzögerten die Ausführung. Museumsleitung und Bauleitung, die bei der Stadt lag, machten sich gegenseitig Vorwürfe.
Mit fast dreijähriger Verspätung wurde am 25. Juni 1898 das Museum eröffnet. Es gab mehrtägige Festlichkeiten, zu denen Bundesrat, Bundesrichter und Parlamentarier geladen waren. Stadtpräsident Hans Konrad Pestalozzi und Bundesrat Eugène Ruffy hielten Reden, ein Trachtenumzug feierte das Brauchtum aus der ganzen Schweiz: In 20 Bildern, vergleichbar mit den Zünften des heutigen Sechseläutens, wurden die Kantone dargestellt. Jeder Kanton führte einen «allegorischen Wagen» mit sich, durch den eine Besonderheit des Kantons dargestellt wurde. Angeführt wurde der Zug von einem «Prachtwagen der Helvetia», den Abschluss bildete ein Wagen mit «Turica, der Beschützerin der Kunst».Programm der Eröffnung, Offizielle Ausgabe, Verlag des Organisations-Comités.
Würdigung Zürich hatte mit dem Projekt «Märchenschloss» einen Wettbewerb gegen andere Schweizer Städte gewonnen. Das Gebäude kombiniert verschiedene Architekturstile und ist daher seit seiner Entstehung auch umstritten. Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege äusserte sich in einem Gutachten vom 27. November 1997 mit folgenden Worten:
«Mit dem Landesmuseum als Einzelbau reagiert Gustav Gull architektonisch genau auf die gestellte Aufgabe. Die gewählte Form einer «mittelalterlichen Schlossanlage» reflektiert Geschichte und macht den Komplex leicht als Museumsbau erkennbar. Der Bau für die nationale Geschichte bildet ein wesentliches Gegengewicht zum Hauptbahnhof, damals wie heute Knotenpunkt des fortschrittlichen, in die Zukunft weisenden öffentlichen Verkehrs. Mit ihrem Haupthof öffnet sich die Anlage zur Parkanlage des Platzspitz, die sie markant zur Stadt hin abschliesst. Mit konsequentem Aufbau um den Haupthof und den Eingangshof, mit einer straffen Grundrisskonzeption, welche bewusst Ausnahmesituationen einsetzt, und mit markanten vertikalen Akzenten wird das Museum kraftvoll verwirklicht, Ausdruck des selbstbewussten Bundesstaats.», abgerufen am 12. März 2008. Der für den Bau verwendete Tuffstein stammt aus Libingen (SG).
Das im Grundriss erkennbare «G» könnte sich auf den ersten Buchstaben des Namens des Architekten beziehen,G-rundriss des Schweizerischen Landesmuseum, doi:10.5169/seals-572466#143 war aber in ursprünglichen Plänen Gulls gar nicht so vorgesehen, weshalb die These als widerlegt gilt.
Anfangsjahre Heinrich Angst war von 1892 bis 1903 der erste Direktor des Schweizerischen Landesmuseums. Sein Nachfolger wurde sein Vizedirektor Hans Lehmann. Dieser war von 1904 bis 1936 Direktor. Sein Vizedirektor wurde Josef Zemp.
Die Kostüm- und Trachtenabteilung wurde an Ostern 1903 eröffnet. In der Folge wurde die Ausstellung immer wieder umgebaut und Bauschäden wurden behoben. Mit dem Neubau der Schule für Gestaltung konnten die frei werdenden Räume der Kunstgewerbeschule zu Beginn der 1930er Jahre vom Bund übernommen werden. Über die Kosten für einen Erweiterungsbau konnten sich Stadt Zürich und die Eidgenossenschaft damals aber nicht einigen, so dass es nur zu baulichen Anpassungen kam.
Im Beisein zahlreicher Prominenz wurde die 50-Jahr-Feier begangen.
Per 1973 ging das Museum in das Eigentum und die bauliche Verantwortung des Bundes über. Der Bundesrat akzeptierte das Geschenk 1975 offiziell.
Sanierung und Erweiterungsbau Aufgrund zunehmender Platznot sollte das Landesmuseum Zürich nach mehreren vergeblichen AnläufenFrühere Ausbaupläne für das Landesmuseum, doi:10.5169/seals-79823#3267 erstmals erweitert werden.Alexander Rechsteiner: Der lange Weg zur Erweiterung Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 29. Juni 2018 Das Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein wurde 2002 nach einem zweistufigen Architekturwettbewerb vom Bundesamt für Bauten und Logistik mit der Sanierung des bestehenden Gull-Baus sowie der Planung eines modern gestalteten Erweiterungsbaus beauftragt.Zürcher Architekten gewinnen Wettbewerb für Erweiterung. Ein neues Gesicht für das Landesmuseum. NZZ vom 17. Juli 2002, abgerufen am 9. Oktober 2015.
Der Erweiterungsbau mit seinen spitzen Winkeln, dem zickzackförmigen Grundriss, der langen Treppe und seiner zum Altbau kontrastierenden geschlossenen Fassade vereint diesen mit dem Altbau. Der Grundriss des Neubaus, der an zwei Stellen an den Altbau anschliesst, ermöglicht erstmals einen Rundgang durch das gesamte Museum.
2006 begannen die Sanierungsarbeiten des Bahnhofflügels im Kostenumfang von 45 Millionen Franken und wurden im Februar 2009 abgeschlossen. Der Bahnhofflügel wurde am 1. August 2009 mit zwei neuen Dauerausstellungen eingeweiht.
Für den Erweiterungsbau erteilte das Hochbaudepartement der Stadt Zürich am 3. Juni 2008 die Baugenehmigung. Landesmuseum Zürich: Planung des neuen Landesmuseums, abgerufen am 13. Oktober 2009. Gegen die Abtretung des notwendigen Landes und die gesprochenen Gelder durch die Stadt Zürich wurde im Dezember 2009 das Referendum ergriffen. Die Abstimmung darüber fand am 13. Juni 2010 statt. Referendums-Komitee NEIN zur Zerstörung des Parks beim Landesmuseum Das Stimmvolk bewilligte das Bauvorhaben. Über den geplanten Erweiterungsbau kam es zu einer kantonalen Abstimmung. Gegen den Kantonsratsbeschluss hatte das Komitee «Standpunkt Landesmuseum» im Juni 2010 das Referendum ergriffen.Referendum gegen Landesmuseumerweiterung eingereicht. NZZ vom 22. Juni 2010. Am 13. Februar 2011 votierte der Kanton Zürich für einen Kantonsbeitrag von 20 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds.Landesmuseum in Zürich wird erweitert. blick.ch, 22. Februar 2011, abgerufen am 12. Oktober 2015. Der Spatenstich für den Erweiterungsbau erfolgte am 2. März 2012Schweizerisches Landesmuseum Zürich, Erweiterung 2021-2016. S. 119. Der Grundstein wurde am 30. April 2013 gelegt. Am 31. Juli 2016 wurden die neuen und sanierten Teile des Landesmuseums mit Platz für Ausstellungen, einer Bibliothek, einem Auditorium, einem Studienzentrum, einem Shop und einer Gastrozone eröffnet.Landesmuseum Zahlen und Fakten zur Erweiterung in Neue Zürcher Zeitung vom 28. Juli 2016. Die Gesamtkosten für den Erweiterungsbau und die Sanierung des Flügels, wo sich die Kunstgewerbeschule befunden hatte, beliefen sich auf 111 Millionen Franken. Davon bezahlte der Bund 76 Millionen. Der Kanton Zürich steuerte 20 Millionen, die Stadt Zürich 10 Millionen und private Gönner 5 Millionen Franken bei.Schweizerisches Landesmuseum Zürich, Erweiterung 2021-2016. S. 119.