mini|Arthur Szyk, Visual History of Nations, Israel (1948), New Canaan

Die Geschichte der Juden (auch: Geschichte des Judentums, Geschichte des jüdischen Volkes, Jüdische Geschichte) umfasst von den Anfängen ab ~1200 v. Chr. bis zur Gegenwart rund 3200 Jahre. Sie begann mit einem Stämmebund der Israeliten, die später mehrere antike Staatswesen in der Levante bildeten und nach deren Untergang zahlreiche Fremdherrschaften durchliefen, bis die Römer die jüdische Aufstandsbewegung niederschlugen. Die Jahre 70 (Zerstörung Jerusalems und des zweiten Jerusalemer Tempels) und 136 (Vertreibung aus Palästina, Ansiedlungsverbot in Jerusalem) markierten einen tiefen Einschnitt: Seit dem Land- und Tempelverlust entwickelte sich das rabbinische Judentum. Trotz Staatenlosigkeit, Zerstreuung und häufiger Verfolgung kam es in manchen Zeiträumen und Regionen zu Blütezeiten der jüdischen Kultur.

Dieser Artikel fasst Grundlinien der Geschichte des Judentums von 136 bis zur Gründung des Staates Israel 1948 zusammen. Einen Überblick über die zahlreichen Artikel zu Einzelepochen und Einzelthemen dieser Geschichte bietet das Portal:Judentum.

Spätantike

mini|Jüdische Sklaven sowie römische Kriegsbeute aus dem zerstörten Jerusalemer Tempel werden nach der Eroberung von Jerusalem (70 n. Chr.) im Triumphzug nach Rom gebracht (Originaldarstellung auf dem Titusbogen in Rom, errichtet Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr.)

Um die Zeitenwende lebten weltweit um die acht Millionen Juden, davon ein Viertel in Judäa und jeweils eine Million in Babylonien, Ägypten, Syrien und Kleinasien.Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte. Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), Bonn 2007, ISBN 3-89331-501-2, S. 77 Auch in Mittel- und Süditalien und in europäischen Garnisonsstädten wie Corduba (Córdoba), Massilia (Marseille), Londinium (London), Augusta Treverorum (Trier) oder Colonia Agrippina (Köln) bildeten sich um diese Zeit bedeutende jüdische Gemeinschaften. Die Geschichte der Juden in der Spätantike dauert vom Ende des 1. Jahrhunderts bis zur arabischen Eroberung der Levante im 7. Jahrhundert. Spätestens seit der Umwandlung des jüdischen Königreichs in eine römische Provinz im 1. Jahrhundert nach Christus unter Tiberius, der Zerstörung Jerusalems durch Titus unter Kaiser Vespasian und den hadrianischen Neugründungen der Stadt Aelia Capitolina und der Provinz Syria Palaestina zerstreuten sich die Juden als regional greifbares und geschlossenes Volk endgültig und siedelten zu einem großen Teil innerhalb des Römischen Reiches.

Der Tanach, die jüdische Bibel, war spätestens um 90 n. Chr. genau abgegrenzt. Ab dem 2. Jahrhundert erfolgte die Sammlung und Verschriftung der jüdischen Lehrtraditionen in beiden Talmudim und in zahlreichen Responsen. In dieser von den Rabbinen geführten „klassischen“ Epoche der jüdischen Geschichte zerstreuten sich die Juden im Perserreich und im Römischen Reich. Durch Gesetze von Theodosius I. erhielt um 390 die trinitarische Richtung des Christentums die Stellung einer Staatsreligion dieses Reiches.

In Alexandria in Ägypten sollen Juden bereits zur Zeit der Gründung durch Alexander gelebt haben, ab dem 3. Jahrhundert wurde es zu einem Zentrum hellenistischen Judentums. Für Juden, die des Hebräischen nicht mehr hinreichend mächtig waren, wurde die Bibel ins Griechische übersetzt.Michael Borgolte: Die Welten des Mittelalters. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-78446-0, S. 377

Ein weiterer bedeutender Anteil der Juden lebte im Perserreich, wo in der Spätantike und dem frühen Mittelalter mit den Akademien von Sura und Pumbedita in Babylonien, damals Teil des Sassanidenreichs, der intellektuelle Schwerpunkt lag.Julius Höxter: Quellentexte zur jüdischen Geschichte und Literatur. Marix, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-86539-198-8 Die Al-Yahudu-Tafeln sind eine Sammlung von etwa 200 Tontafeln aus dem 6. und 5. Jahrhundert v. Chr., die über die im Exil lebende judäische Gemeinschaft in Babylonien nach der Zerstörung des ersten Tempels berichten.

Mittelalter

mini|Judensau-Skulptur am Regensburger Dom mini|Darstellung der Vernichtung der Deggendorfer Juden in der Schedel’schen Weltchronik von 1493

Die Periodisierung des Jüdischen Mittelalters deckt sich nicht mit der sonst in der abendländischen Geschichtsschreibung üblichen zeitlichen Abgrenzung des Mittelalters von der Völkerwanderung bis zu Kolumbus. Der Judaist Kurt Schubert grenzt das Jüdische Mittelalter folgendermaßen ab:

Der Judaist Karl Erich Grözinger setzt einen ähnlichen zeitlichen Rahmen:

In der Zeit vom 8. bis 10. Jahrhundert entstanden die jüdischen Gemeinden Mitteleuropas. In Österreich ist dieser Prozess erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts anzusetzen, obwohl das Land schon Jahrhunderte vorher von jüdischen Kaufleuten bereist worden war. Im 10. Jahrhundert setzte in Spanien und Deutschland eine eigene Talmudrezeption ein. Die Juden lebten als Schutzbefohlene der Landesherren isoliert in eigenen Wohngebieten, umgeben von einer ihnen durch das Christentum feindlich geprägten Bevölkerung. Die Radhaniten waren jüdische Kaufleute, die vom 8. bis ins 11. Jahrhundert die Handelsbeziehungen zwischen den verfeindeten christlichen Ländern des Abendlandes und der islamischen Welt und darüber hinaus bis nach Indien und China gewährleisteten. Sie trugen damit zu einem wirtschaftlichen Aufschwung des Abendlandes bei, das seit dem Untergang des weströmischen Reiches wirtschaftlich zurückgefallen war.

Zur Lebenszeit von Ibn Chordadhbeh im 9./10. Jahrhundert war Bagdad als Hauptstadt des Kalifats ein Zentrum des Judentums. Zum ersten Mal engagierten sich Juden hier in der großen Finanzwirtschaft. Über jüdische Gemeinden in Chorasan in Persien und an der Malabarküste in Indien organisierten sie den Handel mit China, in der Provinz Henan gab es ebenfalls jüdische Gemeinden.Michael Borgolte: Die Welten des Mittelalters. München 2022, S. 679

Besonders die Zeit der Karolinger war durch eine Aufgeschlossenheit christlicher Kreise gegenüber dem Judentum geprägt. Juden konnten durch Privilegienbriefe im Fern- und auch Sklavenhandel tätig sein. Die königlichen und kaiserlichen Privilegien wurden von einem „Judenmeister“ überwacht, der für die strikte Einhaltung der den Juden ausgestellten Schutzbriefe zu sorgen hatte; Zuwiderhandlungen wurden mit hohen Geldstrafen geahndet. Dieser Status änderte sich mit der wachsenden Eigenständigkeit vieler Städte und der Herausbildung städtischer Verfassungen, die das (christliche) zünftische Prinzip betonten.

Die Tiermetapher „Judensau“ bezeichnet ein im Hochmittelalter entstandenes häufiges Bildmotiv der antijudaistischen christlichen Kunst. Es sollte Juden verhöhnen, ausgrenzen und demütigen, da das Schwein im Judentum als unrein ( tame) gilt und einem religiösen Nahrungstabu unterliegt. Spottbilder mit dem Judensaumotiv sind seit dem frühen 13. Jahrhundert belegt und auf Steinreliefs und Skulpturen an etwa 30 Kirchen und anderen Gebäuden vor allem in Deutschland bis heute zu sehen.

Seit dem Auftreten der Pestpandemie 1348/49 überschatteten die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes ihr Leben. Sie begannen 1348 in der Schweiz unter dem Vorwurf der Brunnenvergiftung durch die Juden. In 85 von 350 Städten mit jüdischen Einwohnern wurde gemordet, wie beim Judenpogrom in Straßburg 1349, fast überall wurden Juden ausgewiesen. Im Elsass wurde mit 29 Orten die Hälfte aller jüdischen Siedlungen ausgelöscht, am Mittelrhein rund 85 von 133 Siedlungen. Die übrigen Anhänger des Judentums verteilten sich im Hochmittelalter auch in andere Teile Europas, im Spätmittelalter, im Zuge der Pestpogrome und der Ausweisung beispielsweise aus Frankreich, besonders nach Osteuropa, ferner in die islamische Welt und im Anschluss bei der Vertreibung aus Spanien 1492 nach Eretz Israel. In Spanien wurden seit 1391 die Juden offiziell verfolgt und mussten zwischen Hinrichtung und Zwangstaufe wählen. Eine besondere Schärfe erhielten die Verfolgungen, als mit Einführung der Inquisition in Spanien 1480 unter Ferdinand II. von Aragon und Isabella I. von Kastilien nicht mehr nur die Juden Ziel der Nachstellungen wurden, sondern auch jene, die zwar rein äußerlich zum Christentum konvertiert waren, um ihr Leben zu retten, die aber im Geheimen weiterhin an ihrem alten Glauben festhielten. Nach dem Vertreibungsedikt emigrierten 50.000 bis 100.000 Juden nach Portugal, um der Zwangsbekehrung zu entgehen.

Ab dem beginnenden 15. Jahrhundert machte sich verstärkt die sich in den folgenden Jahrhunderten zunehmend vertiefende Trennung in sephardisches und aschkenasisches Judentum deutlich bemerkbar.Norman Roth: Daily Life of the Jews in the Middle Ages. Greenwood Press, 2005, ISBN 0-313-32865-X, S. 3

Über die Zahl der Juden im Mittelalter gibt es nur grobe Schätzungen, man nimmt an, dass am Ende des 12. Jahrhunderts insgesamt etwas mehr als eine Million Juden lebten, von denen 80 % in Asien und in muslimischen Reichen lebten. Gegen Ende des Mittelalters verschob sich diese Relation zugunsten Europas und der christlichen Reiche.Michael Borgolte: Die Welten des Mittelalters. München 2022, S. 591

Neuzeit

mini|Napoleon Bonaparte stellt den Kult der Israeliten wieder her. 30. Mai 1806.

Die Geschichte der Juden in der Neuzeit reicht von der Jüdischen Aufklärung bis zur Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Nach der protestantischen Reformation wurden manche Länder Europas toleranter gegenüber den Juden. Erste Anzeichen gab es in England, wo das Commonwealth unter Oliver Cromwell den Juden ab 1650 die Einwanderung anbot. Im 18. Jahrhundert entwickelten europäische Denker aus dem Naturrecht die Menschenrechte. Seit der Französischen Revolution im Jahre 1789 wurden die Juden in Europa dadurch nach und nach rechtlich gleichgestellt.

Die Haskala war eine Bewegung, die in den 1770er und 1780er Jahren in Berlin und Königsberg entstand und sich von dort nach Osteuropa ausbreitete. Sie beruhte auf den Ideen der europäischen Aufklärung und trat für Toleranz und eine gleichberechtigte Stellung der Juden in den europäischen Gesellschaften ein. Die letzte Phase der Haskalah endete in Russland um 1881 mit dem Aufstieg des jüdischen Nationalismus.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verschlechterte sich die Lage der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa rapide. In Russland kam es zu zahlreichen Pogromen, die ihren Höhepunkt gegen Ende des Jahrhunderts erreichten und bis zur Russischen Revolution 1917 immer wieder aufflammten. Zwischen 1890 und dem Ende des Ersten Weltkriegs emigrierten als Folge der Pogrome rund zwei Millionen Juden aus Russland in die Vereinigten Staaten. Die Vertreibung von Juden aus arabischen und islamischen Ländern umfasste über 1,1 Millionen Juden,Warren Hoge: Group seeks justice for 'forgotten' Jews. New York Times, 5. November 2007 hauptsächlich sephardischer und mizrachischer Herkunft aus arabischen und muslimischen Ländern von 1948 bis in die 1970er Jahre, die abgeschwächt bis heute anhält.

Juden als Mitgestalter der modernen Welt mini|Promenade der 205 jüdischen Nobelpreisgewinner in Rischon LeZion (Israel, Stand 2020), darunter zwölf israelische Nobelpreisträger mini|Albert Einstein, 1921, Fotografie von Ferdinand Schmutzer