mini|hochkant|Joseph II. in Paris, 1777 (Louis-Simon Boizot).

Mit seinen Inspektionsreisen im Inland folgte Kaiser Joseph II. dem Beispiel Friedrichs II. von Preußen, mit seinen Auslandsreisen jenem Peters I. von Russland. Laut Derek BealesDerek Beales: Joseph II. Band 1, Cambridge 1987, S. 242 f. war er während eines Viertels seiner Regierungszeit (1765–1790) unterwegs und legte dabei in der Pferdekutsche eine Strecke zurück, die den Umfang der Erde übertrifft.Karten: Österreich zur Zeit Kaiser Josephs II. (…) Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Melk, Wien 1980, S. 712 f. (Reisen außerhalb der Monarchie), 714 f. (Reisen innerhalb der Monarchie); Derek Beales: Joseph II, Band 1, Cambridge 1987, S. 244 f. (Reisen von 1764 bis 1780), Band 2, Cambridge 2009, S. 134 f. (Reisen von 1781 bis 1787).

Über die Reisen des Kaisers in den Staaten des Hauses ÖsterreichKönigreich Ungarn (mit Slowakei, Karpatenukraine, Kroatien, Siebenbürgen und Banat), Königreich Böhmen (Tschechien), Königreich Galizien (einschließlich der Bukowina Teile der Ukraine, Polens und Rumäniens), Erzherzogtum Österreich (mit Slowenien, Teilen Deutschlands, der Schweiz und Italiens), Großherzogtum Toskana, Herzogtum Burgund (Österreichische Niederlande mit Luxemburg und dem Großteil Belgiens), Herzogtum Mailand, Gefürstete Grafschaft Tirol etc. schrieb Paul von Mitrofanov: Павел Петрович Митрофановъ: Политическая деятельность Иосифа II, ея сторонники и ея враги (1780–1790), С.-Петербургъ 1907, S. 84 f.; zit. nach Paul von Mitrofanov: Joseph II., seine politische und kulturelle Tätigkeit, übersetzt von Vera von Demelic, Wien/Leipzig 1910, 1. Teil, S. 93 f. Gemäß Beales legte kein anderer Herrscher so viel Wert darauf, dass seine Untertanen freien Zugang zu ihm hatten.Derek Beales: Joseph II, Band 2, Cambridge 2009, S. 148. Wie im der Hofburg gewährte er auf seinen Reisen im Inland jedermann Audienz und nahm eine große Zahl Bittschriften entgegen. Neben seinen heterogenen eigenen Besitzungen bereiste der kosmopolitische und polyglotte Kaiser auch Staaten Deutschlands und Italiens, Frankreich, Spanien, die Schweiz, Polen, Russland und die Vereinigten Niederlande. Auffällig ist sein geringes Interesse für die Staaten des zusammengeschrumpften Heiligen Römischen Reiches, dessen Oberhaupt er auf dem Papier war.Derek Beales: Joseph II. Band 1, Cambridge 1987, S. 133. Nach anderen Erdteilen, deren Besuch ihm selber verwehrt war, entsandte er Forschungsreisende.Vgl. den Wikipedia-Artikel Märter-Expedition.

Allgemeines Der Graf von Falkenstein

mini|hochkant|, 1777. mini|hochkant|, 1780 (Carl Leberecht).

Die Reisen scheinen für den vereinsamten, arbeitssüchtigen Monarchen geradezu eine Lebensnotwendigkeit dargestellt zu haben.Eleonore von Liechtenstein schrieb, Joseph sei nur auf Reisen glücklich. (Derek Beales: Joseph II, Band 2, Cambridge 2009, S. 34/Anm. 53.) Wegen seines unersättlichen Appetits auf Realitätswahrnehmung waren sie nichts weniger als erholsam. Als seine Maximen auf Reisen nannte Joseph 1769: auf Bequemlichkeiten und Vergnügungen verzichten, nur das Nützliche und das Nötige tun, jede Etikette, jede Gesellschaft, Festlichkeiten und Gastmähler meiden, einfachste Equipage, kleinstes Gefolge und tägliche Niederschrift der gemachten Beobachtungen.Österreichisches Staatsarchiv, Abteilung Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Hofreisen 1, Nr. 4, fol. 3.

Um die Fesseln des Zeremoniells abzuschütteln und den Aufwand für Repräsentation zu vermindern, reiste Joseph inkognito, wie dies Angehörige des Hochadels und auch regierende Fürsten damals häufig taten. Außerhalb der Staaten des Hauses Österreich führte er dabei den Titel , nach einer Grafschaft in der Pfalz, die er von seinem Vater Kaiser Franz I. von Lothringen geerbt hatte und ohne deren Besitz er zu Lebzeiten seiner Mutter Maria Theresia von ÖsterreichKönigin von Ungarn, Böhmen etc. nicht Römischer König und Kaiser hätte sein können.Der Kuriosität halber sei erwähnt, dass eine Abenteurerin als durch Europa reiste und sich als Tochter des Kaisers ausgab. (Alfred Ritter von Arneth: Joseph II. und Leopold von Toscana. Ihr Briefwechsel von 1781 bis 1790, 2. Band, Wien 1872, S. 168, 191–193, 197; Alfred Ritter von Vivenot: Vertrauliche Briefe des Freiherrn von Thugut, 1. Band, Wien 1872, S. 44/Anm. 31.)

Während er im Ausland wie ein Privatmann gekleidet war, trug er im Inland statt des weißen Uniformrocks der Generalität den grünen des mährischen Chevau-légers-Regiments Kaiser Nr. 1. Um besser gesehen zu werden, durchfuhr er Ortschaften im Stehen, weshalb sein Wagen mit Halteriemen versehen war.Rudolf Theil (Hrsg.): Michael Conrad von Heidendorf, eine Selbstbiographie. In: Archiv des Vereines für siebenbürgische Landeskunde (Hermannstadt), Neue Folge, 13/1876 f.–18/1883, hier: 16/1880 f., S. 457, 465, 486. Mit leutseligem Verhalten gegenüber Geringen und schroffer Abweisung von Großen gab er zu verstehen, dass für ihn alle Menschen gleich seien.

Nachtstationen, Distanzen, Dauer

mini|Reisen im Zeitalter der Aufklärung: Englische Kutsche mit aufklappbarem Verdeck, 1776 (Moreau). Von seinen Übernachtungen außerhalb Wiens entfielen 157 auf Prag und den Truppenübungsplatz Hloubětín (Tiefenbach), 98 auf Pest und Buda (Ofen), 93 auf Brünn (tschechisch Brno) und den Truppenübungsplatz Turany (Turas), 63 auf Florenz, 50 auf Paris und Versailles, 47 auf Lwiw (Lemberg), 45 auf Mailand, 43 auf Innsbruck und Umgebung, 28 auf Neapel und Umgebung, 27 auf Hermannstadt (rumänisch Sibiu), 26 auf Rom, 24 auf den Truppenübungsplatz Lužice u Mostu (Luschitz bei Brüx), je 22 auf Königgrätz (tschechisch Hradec Králové) sowie auf Sankt Petersburg und Umgebung, 21 auf Brüssel sowie 20 auf Frankfurt am Main und Umgebung. Hinzu kamen die Hauptquartiere während des Bayerischen Erbfolgekriegs 1778 – Rtyně v Podkrkonoší (Ertina) mit 33, Jičín (Jitschin) mit 31 sowie Oleśnica (Oels) mit 28 – und während des Türkenkriegs 1788 – Zemun (Semlin) mit 138 sowie Lugoj (Lugosch) mit 21 Übernachtungen.Franz Ludwig de Selliers: Verzeichnis deren von (…) Joseph dem IIten auf Allerhöchstdero Reisen genommenen Nachtstationen (…) Österreichische Nationalbibliothek, Sammlung von Handschriften und alten Drucken, Bibl. Pal. Vind. Cod. 7427; Peter von Radics: Die Reisen Kaiser Joseph (sic) II. und die Volkswirthschaft in Österreich-Ungarn. (…) Wien 1890.

Am längsten dauerten mit je 4 ½ Monaten Josephs Reisen nach Italien 1769 und nach Siebenbürgen/Galizien 1773 sowie mit je 4 Monaten jene nach Frankreich 1777, nach Russland 1780 und nach Italien 1783/84. Die größten Distanzen legte der Kaiser auf den Reisen nach Frankreich 1777 sowie nach Russland 1780 und 1787 zurück, die bis nach San Sebastián, nach Moskau und auf die Krim führten.1500, 1700 beziehungsweise 2000 Kilometer Luftlinie.

Am längsten von Wien abwesend war Joseph im Bayerischen Erbfolgekrieg (7 ½ Monate) und im Türkenkrieg (9 ½ Monate).

Quellen

Unterwegs diktierte der Kaiser bis zum Antritt der Alleinherrschaft jeden Abend, was und wen er gesehen hatte. Eine wichtigere Geschichtsquelle als Josephs Tagebücher, die mehr den äußeren Rahmen der Reisen dokumentieren, sind seine (von den Herausgebern des 19. Jahrhunderts zensurierten) Briefe an die Mutter, an Staatskanzler Kaunitz, Feldmarschall Lacy, die Fünf FürstinnenVgl. Rebecca Gates-Coon: The Charmed Circle, Joseph II and the „Five Princesses,“ 1765–1790, Purdue University Press, West Lafayette, Indiana 2015. usw. Solange er noch Mitregent war, verfasste er nach Reisen innerhalb der Monarchie auch ausführliche Berichte, in denen er die zum Teil noch mittelalterlichen Zustände anprangerte und Reformen vorschlug.

Die zahllosen Anekdoten über den inkognito reisenden Kaiser sind keine Geschichtsquellen im eigentlichen Sinn. Bei viel zitierten Briefen Josephs II.Neu gesammelte Briefe von Joseph dem II., Kaiser der Deutschen. Konstantinopel o. J. (Klagenfurt 1790). handelt es sich um Fälschungen, die ein gewisser Joseph Grossing fabriziert haben dürfteDerek Beales: The false Joseph II. In: The Historical Journal, 18/1975, S. 467–495; überarbeitete Version in Derek Beales: Enlightenment and Reform in Eighteenth-century Europe, London/New York 2005, S. 117–154.. Die volkstümliche Literatur, welche sich um die Reisen des Herrschers rankteIhr verdankt man das Oxymoron: , wurde von Fritz von Herzmanovsky-Orlando in Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter parodiert. In dem Stück fährt der Graf von Falkenstein mit den . Ebenso ahistorisch ist, dass ein Attentat auf ihn verübt wird – obwohl Joseph auf Leibwachen verzichtete, wurde er nie angegriffen.

Verzeichnis der Reisen Nachstehend in chronologischer Reihenfolge die wichtigeren Reisen, einschließlich der Feldzüge (wo nichts weiter angegeben ist, handelt es sich in der Regel um den Besuch von Truppenübungen):

Als Kronprinz Bis 1765 fanden Josephs Reisen im Stil seiner Eltern statt, mit barockem Pomp, ermüdenden Festivitäten und hohen Kosten.

Krönung Maria Theresias in Pressburg 1741

Bei seiner ersten Reise war Joseph gerade einmal drei Monate alt: Seine Mutter Maria Theresia nahm den Stammhalter im Juni nach Pressburg (1536–1783 Hauptstadt von Ungarn, seit 1919 Bratislava) mit, wo sie sich zur Königin von Ungarn krönen ließ.

Krönung in Frankfurt am Main 1764 (42 Tage)

mini|Barocker Pomp beim Einzugin Frankfurt am Main. Rechts Franz I. (Johann Dallinger) Wahl und Krönung zum Römischen König (im März beziehungsweise April) sicherten Joseph die Nachfolge seines Vaters Franz I. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Auf der Fahrt nach Frankfurt am Main hatten Franz, Joseph und dessen Bruder Leopold (II.) so viel Gefolge, dass an jeder Poststation 450 Pferde bereitgestellt werden mussten.Derek Beales: Joseph II. Band 1, Cambridge 1987, S. 111. Die Rückreise erfolgte ab Donauwörth mit dem Schiff.

Bergwerke Ungarns 1764

mini|hochkant|Joseph und Leopoldin den Bergstädten Ungarns, 1764 (Anton Widemann). Im Juli besuchten Franz, Joseph und Leopold die Gold- und Silberbergwerke UngarnsWohl Kremnica (Kremnitz), Banská Štiavnica (Schemnitz) und Smolník (Schmöllnitz) in der heutigen Slowakei..

Böhmen 1764

Im Oktober waren Joseph und Leopold in Prag.

Steiermark, Kärnten, Tirol 1765 (65 Tage)

Im Juli fuhr die ganze Kaiserfamilie zu Leopolds Hochzeit mit Maria Luisa von Spanien nach Innsbruck, wo auf diesen Anlass hin die Triumphpforte errichtet wurde. Joseph unternahm einen kurzen Ausflug an den Gardasee. Der Aufenthalt in der Hauptstadt Tirols endete tragisch, indem Franz I. während einer Theatervorführung starb. Damit wurde sein Ältester Kaiser, Mitregent Maria Theresias in den Staaten des Hauses Österreich und Oberbefehlshaber der k. k. Armee. Zurückgefahren wurde im September auf Inn und Donau.

Als Mitregent 1765–1770 Böhmen, Sachsen, Österreichisch Schlesien, Mähren 1766 (43Peter von Radics: Die Reisen Kaiser Joseph (sic) II. und die Volkswirthschaft in Österreich-Ungarn. (…) Wien 1890, S. 17–20. beziehungsweise 50Franz Ludwig de Selliers: Verzeichnis deren von (…) Joseph dem IIten auf Allerhöchstdero Reisen genommenen Nachtstationen (…) Österreichische Nationalbibliothek, Sammlung von Handschriften und alten Drucken, Bibl. Pal. Vind. Cod. 7427, fol. 3 recto. Tage)

Bei dieser ersten größeren Reise, die Joseph allein unternahm, musste er sich noch auf die Besichtigung von Militärischem – von Schlachtfeldern des Siebenjährigen Kriegs und von Festungen – beschränken.

Ungarn, Banat, Slawonien 1768 (57 Tage)