Argiope ist eine Gattung aus der Familie der Echten Radnetzspinnen (Araneidae) mit beinahe weltweiter Verbreitung und umfasst 81 Arten. (Stand: August 2016)
Verbreitung Arten der Gattung Argiope sind beinahe weltweit verbreitet, wobei die meisten Arten in den Tropen leben. Mannigfaltigkeitszentrum für die Gattung ist die indomalayische Region Südostasiens und Neuguinea, mit 44 Arten. Vom australischen Festland sind 15 Arten bekannt. In den afrikanischen Tropen (äthiopische Region) leben 11 Arten, in Amerika 7. Die Fauna der Paläarktis umfasst 13 Arten, von denen 9 auf die ostasiatischen Subtropen beschränkt bleiben. Wenige Arten sind weit verbreitet, Argiope bruennichi von Europa bis Japan, Argiope lobata von Europa bis Java. Argiope trifasciata kommt in Nord- und Südamerika, Hawaii, Australien, der Mittelmeerregion, großen Teilen Asiens und in Afrika vor.
In Europa kommen drei weit verbreitete Arten vor: Argiope bruennichi (, 1772), die Wespenspinne – fast ganz Europa, ohne Irland. (Syn.: Argiope acuminata , 1920) Argiope lobata (, 1772) – Mittelmeer- und Schwarzmeerregion. Argiope trifasciata (, 1775) – zerstreut in der südlichen Mittelmeerregion.
Merkmale Argiope unterscheidet sich von anderen Gattungen der Echten Radnetzspinnen in der Gestalt und Anordnung der Augen. Bei den Echten Radnetzspinnen sind die acht Augen in zwei Reihen zu je vier angeordnet. Bei Argiope ist die hintere (posteriore) Augenreihe bei Ansicht von oben nach vorn gebogen. Die hinteren Augen differieren dabei auch strukturell: das Tapetum ist zu einem Band reduziert, die inneren Rhabdome der Augen besitzen kein Tapetum. Beide Paare Seitenaugen sitzen auf einem Vorsprung, die vorderen Seitenaugen auf dessen Vorderseite, so dass sie bei Ansicht genau von oben nicht erkennbar sind. Das Prosoma ist relativ breit, oft beinahe kreisförmig, der die Augen tragende vordere Teil im Verhältnis klein und schmal. Sein Peltidium trägt normalerweise zwei kommaförmige Einsenkungen. Bei fast allen Arten ist er von einer feinen, silbrigen oder weißen, anliegenden Behaarung bedeckt. Von den relativ langen Beinpaaren sind das erste und zweite nahezu gleich lang (das erste ein wenig länger), das vierte etwas, das dritte deutlich kürzer als diese. Der Hinterleib (Opisthosoma) ist manchmal zylindrisch, oft ist er ungewöhnlich geformt, er kann abgeplattet oder fünfeckig sein, bei manchen Arten trägt er an den Seiten zusätzlich lappenartige Auswüchse. Fast immer ist er leuchtend gefärbt, oben oft silbrigweiß oder goldgelb mit abgesetzten schwarzen Streifen, auf der Unterseite oft schwarz mit zwei weißen Längsbändern. Einige Arten können willkürlich und spontan die Farbe ändern, wenn sie vor Räubern aus dem Netz flüchten.
Die Epigyne der Weibchen besitzt normalerweise ein Paar Einsenkungen mit den Öffnungen an deren Grund, die mittig durch ein Septum getrennt sind, dieses ist of nach hinten hin plattenartig verbreitert (ein Septum fehlt z. B. bei der Wespenspinne). Ein Scapus, wie bei den meisten Echten Radnetzspinnen, fehlt. Der männliche Bulbus ist komplex gebaut. Er besitzt einen langen Embolus mit großem Konduktor und eine kleine, mediane Apophyse.
Die sehr ähnlichen Gattungen Gea und Neogea, die gemeinsam mit Argiope die Unterfamilie Argiopinae bilden, unterscheiden sich von ihr durch die Anordnung der Augen: Bei Argiope liegen die hinteren Mittelaugen näher beieinander als jeweils zu den hinteren Seitenaugen. Bei den anderen Gattungen sind sie gleich weit entfernt. Diese beiden Gattungen kommen jedoch nur in Australien und der pazifischen Region vor (eine Gea-Art auch in Amerika, möglicherweise hier eingeschleppt).
Bei allen Arten sind die Männchen kleiner und oft weitaus kleiner als die Weibchen. Meist ist auch die Färbung verschieden, sodass es nicht leicht ist, beide Geschlechter einer Art zuzuordnen.
Lebensweise und Netzbau Alle Arten bauen Radnetze, meist sitzen sie in deren Mitte, wobei der Kopf nach unten weist. Sie sind tagaktiv. Weibchen legen ihre Eier in Eisäckchen festgesponnen in der Vegetation in der Nähe ihres Radnetzes ab, die manchmal artspezifische Form aufweisen.
Viele Argiope-Arten bauen Netze, die zusätzlich zum normalen Aufbau mit Fangspirale noch auffallend weiß gefärbte Streifen aufweisen, die „Stabiliment“ genannt werden. Die Anzahl und Anordnung der Stabilimente ist zwischen den Arten verschieden, aber dabei hochgradig variabel, einige Arten bauen je nach Umständen Netze mit oder ohne Stabiliment, oder deren Form wechselt zwischen Jungtieren und Adulti. Viele Arten bauen zwei Streifen in einem fortlaufenden Band, andere vier davon, die dann eine x-förmige Struktur ergeben. Stabilimente bestehen meist aus breiten, zickzackförmig angeordneten Seidenbändern, mit oder ohne eine plattenförmige Verbreiterung in der Nabe des Netzes. Über die Funktion der Stabilimente besteht seit Jahrzehnten eine wissenschaftliche Kontroverse. Die wichtigsten Hypothesen zu ihrer Funktion sind: a) mechanische Netzverstärkungen, b) Strukturen, die den Körperumriss der Spinne im Netzzentrum auflösen und sie so gegen optisch jagende Prädatoren schützen, c) Sonnensegel, die das Tier gegen Überhitzung schützen, d) Hilfskonstruktionen beim Beutefang, die speziell durch UV-Reflexion blütenbesuchende Insekten anlocken können e) optische Leiteinrichtungen, die das Radnetz für Vögel besser sichtbat machen und so Beschädigungen durch Hineinfliegen verhindern sollen. Einige Arachnologen bestreiten aber auch jegliche bisher vorgeschlagene Funktion. Obwohl Stabilimente als besonders typisch für Argiope gelten, kommen sie auch bei anderen radnetzbauenden Spinnen, etwa der Familien Uloboridae und Tetragnathidae vor.
Sexueller Kannibalismus Argiope-Arten sind bekannt für sexuellen Kannibalismus. Die viel kleineren Männchen werden sehr häufig vom Weibchen, während oder im Anschluss an die Kopulation, als Beute behandelt und verspeist. Obwohl vorgeschlagen worden ist, dass dies für die Männchen unter Umständen auch evolutiv vorteilhaft sein könnte, weil das besser ernährte Weibchen mehr Nachkommen produzieren könnte, wird es allgemein für die Männchen als nachteilig angesehen. Auch der Größenunterschied selbst wurde so schon als aus sexueller Selektion resultierender Vorteil interpretiert. Männchen versuchen durch vorsichtige Annäherung und rechtzeitige Flucht Attacken des Weibchens zu entgehen. Bei der Art Argiope aurantia wurden mehr als 80 Prozent der Männchen während der Paarung vom Weibchen attackiert. Erfolgreich waren vor allem Attacken, wenn das Männchen schon seinen Bulbus in die weibliche Epigyne eingeführt hatte. Fast alle Männchen, die die erste Begattung überlebten, versuchten unmittelbar danach eine zweite. Bei den bisher untersuchten Arten scheinen die Männchen eine zweite Kopulation nie zu überleben. Wenn sie nicht gefressen werden, sterben sie zeitnah. Der Embolus (ein Teil des Bulbus) des Männchens bricht regelmäßig an einer vorgebildeten Bruchstelle ab und bleibt in der Epigyne des Weibchens stecken; möglicherweise erschwert es damit anderen, später kommenden Männchen die Paarung. In einigen Fällen ermöglichten es erst diese Emboli, Männchen und Weibchen bestimmter Arten einander zuzuordnen.
Systematik mini|Argiope bruennichi, Weibchen Taxonomie Der Gattungsname wurde von Victor Audouin ursprünglich Argyope geschrieben, die Originalschreibweise wurde später durch einen Beschluss der ICZN unterdrückt. Typusart der Gattung ist Argiope lobata. Die Aufteilung der Gattung in die Gattungen Austrargiope, Chaetargiope, Coganargiope, und Heterargiope durch den japanischen Arachnologen Kyukichi Kishida hat sich nicht durchgesetzt. Ein weiteres Synonym ist Brachygea , 1947.
Phylogenie Gemeinsam mit den Gattungen Gea und Neogea bildet Argiope die Unterfamilie Argiopinae (diese war von früheren Taxonomen, insbesondere Eugène Simon, erheblich weiter gefasst worden). Nach einer Analyse morphologischer Merkmale ist die Unterfamilie monophyletisch, ihre Schwestergruppe könnte danach die Unterfamilie Cyrtophorinae sein. Eine phylogenomische Analyse der Verwandtschaftsverhältnisse der Argiopinae anhand des Vergleichs homologer DNA-Sequenzen bestätigte im Wesentlichen frühere Ergebnisse, allerdings erwies sich die Gattung Argiope gegenüber Gea und Neogea als paraphyletisch (dies war bereits früher im Prinzip von Herbert Levi vermutet worden, der aber eine Aufspaltung der markanten Gattung Argiope vermeiden wollte). Die Analyse bestätigte weder einen evolutionären Trend bezüglich der Körpergröße innerhalb der Gattung, noch einen solchen bezogen auf den Größen-Dimorphismus zwischen Männchen und Weibchen.
Arten Der World Spider Catalog listet für die Gattung Argiope aktuell 81 Arten. (Stand: August 2016) Argiope aemula , 1841) Argiope aetherea , 1841) Argiope aetheroides , 1989 Argiope ahngeri , 1932 Argiope amoena , 1878 Argiope anasuja , 1887 Argiope anomalopalpis , 1997 Argiope appensa , 1841) Argiope argentata , 1775) Argiope aurantia , 1833 Argiope aurocincta , 1898 Argiope australis , 1805) Argiope bivittigera , 1911 Argiope blanda , 1898 Argiope boesenbergi , 1983 Argiope bougainvilla , 1847) Argiope bruennichi , 1772) Argiope brunnescentia , 1911 Argiope buehleri , 1944 Argiope bullocki , 1908 Argiope caesarea , 1897 Argiope caledonia , 1983 Argiope cameloides , 1994 Argiope catenulata , 1859) Argiope chloreis , 1877 Argiope comorica , 1997 Argiope coquereli , 1863) Argiope dang , 2009 Argiope dietrichae , 1983 Argiope doboensis , 1911 Argiope doleschalli , 1873 Argiope ericae , 2004 Argiope flavipalpis , 1858) Argiope florida , 1944 Argiope halmaherensis , 1907 Argiope hinderlichi , 2012 Argiope intricata , 1877 Argiope jinghongensis , 1994 Argiope kaingang , 2015 Argiope katherina , 1983 Argiope keyserlingi , 1878 Argiope kochi , 1983 Argiope legionis , 2009 Argiope levii , 1997 Argiope lobata , 1772) Argiope luzona , 1841) Argiope macrochoera , 1891 Argiope madang , 1984 Argiope magnifica , 1871 Argiope mangal , 1991 Argiope manila , 1983 Argiope mascordi , 1983 Argiope minuta , 1879 Argiope modesta , 1881 Argiope niasensis , 1907 Argiope ocula , 1938 Argiope ocyaloides , 1871 Argiope pentagona , 1871 Argiope perforata , 1963 Argiope picta , 1871 Argiope pictula , 1911 Argiope ponape , 1983 Argiope possoica , 1911 Argiope probata , 1916 Argiope protensa , 1872 Argiope pulchella , 1881 Argiope pulchelloides , 1989 Argiope radon , 1983 Argiope ranomafanensis , 1997 Argiope reinwardti , 1859) Argiope reinwardti reinwardti , 1859) Argiope reinwardti sumatrana , 1882) Argiope sapoa , 1995 Argiope sector , 1776) Argiope squallica , 1915 Argiope submaronica , 1916 Argiope takum , 1971 Argiope tapinolobata , 1997 Argiope taprobanica , 1887 Argiope trifasciata , 1775) Argiope trifasciata deserticola , 1906 Argiope trifasciata kauaiensis , 1900 Argiope trifasciata trifasciata , 1775) Argiope truk , 1983 Argiope versicolor , 1859) Argiope vietnamensis , 2010
Einzelnachweise Herbert W. Levi (1983): The orb weaver genera Argiope, Gea, and Neogea from the Western Pacific region (Araneae, Araeneidae, Argiopinae). Bulletin of the Museum of Comparative Zoology 150(5): 247-338. Herbert W. Levi (2004): Comments and new records for the American genera Gea and Argiope with the description of a new species (Araneae, Araneidae). Bulletin of the Museum of Comparative Zoology 158(2): 47–66. M.E. Herberstein, C.L. Craig, J.A. Coddington, M.A. Elgar (2000): The functional significance of silk decorations of orb-web spiders: a critical review of the empirical evidence. Biological Revues 75: 649-669. M.J. Bruce (2006): Silk decorations: controversy and consensus. Journal of Zoology 269: 89–97. Matthias W. Foellmer & Daphne J. Fairbairn (2004): Males under attack: sexual cannibalism and its consequences for male morphology and behaviour in an orb-weaving spider. Evolutionary Ecology Research 6: 163–181.