Die Etrusker (, „Tusker“; Eigenbezeichnung möglicherweise Rasenna) waren ein antikes Volk in Etrurien, das im nördlichen Mittelitalien im Raum der heutigen Regionen Toskana, Umbrien und Latium lebte. Die etruskische Kultur ist in diesem Gebiet zwischen 800 v. Chr. und der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. nachweisbar. Nach der Eroberung durch die Römer (300 bis 90 v. Chr.) gingen die Etrusker weitgehend in der Kultur des Römischen Reichs auf. Doch berichtet noch Prokop im 6. Jahrhundert n. Chr. von Etruskern unter seinen Zeitgenossen. Mit der Erforschung der etruskischen Geschichte, Sprache und Kultur beschäftigt sich die Etruskologie.
Bezeichnungen Erwähnungen der Volksbezeichnung „Etrusker“ finden sich am häufigsten in den zwei Hauptsprachen der antiken Geschichtsschreibung, dem Lateinischen und dem Altgriechischen. Im Lateinischen existieren die beiden Varianten Etrusci („Etrusker“) und Tusci („Tusker“). Im Griechischen finden sich die Varianten („Tyrsener“) und („Tyrrhener“).
Der griechische Geschichtsschreiber Dionysios von Halikarnassos überliefert in seinem Werk über die römische Frühgeschichte die Information, dass sich die Etrusker selbst als Rasenna bezeichneten.Dionysios von Halikarnassos: Ῥωμαϊκὴ ἀρχαιολογία (Antiquitates Romanae), 1,30 (englische Übersetzung); siehe Friedhelm Prayon: Die Etrusker. Geschichte – Religion – Kunst. 5., überarbeitete Auflage. C. H. Beck, München 2010, S. 31. Allerdings existiert in der modernen Forschung auch die Vermutung, dass Dionysios die Bedeutung dieses Begriffs missverstanden habe und es sich in Wirklichkeit um ein etruskisches Wort für „Volk“ oder „Staatsgemeinschaft“ handele, ähnlich den lateinischen Begriffen populus oder res publica.Helmut Rix: Etr. meχ rasnal = lat. res publica. In: Maria Grazi Marzi Costagli (Hrsg.): Studi di antichità in onore di Guglielmo Maetzke. Band 2, Rom 1984, S. 455–468; Dirk Steuernagel: Rezension zu Luciana Aigner-Foresti, Geschichte und Erbe der Etrusker. Bryn Mawr Classical Review 2025.02.22.
Statt der heutigen deutschen Standardbezeichnung „Etrusker“ findet sich in älterer Literatur teilweise auch die veraltete Form Etrurier.Siehe Brockhaus Conversations-Lexikon, Band 1, Amsterdam 1809, S. 395.
Die Villanovakultur mini|Urne und Fibeln der Villanovakultur (Museo Etrusco Guarnacci, Volterra)
Seit etwa 1000 v. Chr. blühte im Raum um Bologna die eisenzeitliche Villanovakultur, die vor allem durch ihre Friedhöfe bekannt ist. Die Menschen, die ihr angehörten, verbrannten ihre Toten und bestatteten die Asche in hohen Urnen, die oftmals einen helmartigen Deckel hatten. Die Urnen waren mit geometrischen Motiven dekoriert, daneben gab es Hausurnen, die Wohnbauten kopierten. Typische Grabbeigaben waren Fibeln und Waffen. Im Laufe der Zeit griff diese Kultur auch in den Raum der Toskana über. Zu beobachten sind starke Veränderungen ab etwa 750 v. Chr.: Es gab immer mehr Nekropolen, was auf Bevölkerungswachstum schließen lässt. In den Gräbern dieser Zeit finden sich vermehrt Importe, vor allem auch aus Griechenland; außerdem wurden die Gräber zunehmend reicher ausgestattet, was auf wachsenden Wohlstand hindeutet. Eine weitere bemerkenswerte Veränderung war die Einführung der Körperbestattung, die die Urnen verdrängte. Mit diesen Veränderungen ist das Aufblühen der Kultur der Etrusker zu verbinden, wobei ihre Herkunft in der Forschung heftig diskutiert wird.
Theorien über die Herkunft mini|Ehegatten-Sarkophag, Banditaccia-Nekropole, Cerveteri, spätes 6. Jh. v. Chr. (heute im Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia Rom) mini|Etruskerin, Terrakottafigur aus Chiusi, 150–120 v. Chr., Badisches Landesmuseum mini|hochkant|links|Herrschaftsgebiet der Etrusker Die etruskische Kultur hat sich wohl erst auf dem Boden Etruriens entwickelt. Jedoch ist unklar, ob die Bevölkerungsmehrheit erst unmittelbar vor Entstehen dieser Kultur eingewandert ist. Ebenso wenig konnte sicher geklärt werden, woher die etruskische Sprache stammt. Schon im Altertum wurden zu diesen Fragen zwei Hypothesen vertreten.
Einwanderungstheorie Laut der durch vielfältige Gen-Analysen belegten Einwanderungstheorie kamen die Etrusker vom kleinasiatischen Lydien (Herodot) um 1000 v. Chr. in die heutige Toskana. Als Indiz dafür galt die Verwandtschaft des Etruskischen mit einer auf Lemnos gefundenen, dem Frühetruskischen nahestehenden Inschrift in lemnischer Sprache sowie Parallelen zum Lydischen.Guido Barbujani: Die Etrusker – eine populationsgenetische Studie. In: Günter Hauska (Hrsg.): Gene, Sprachen und ihre Evolution. Universitätsverlag, Regensburg 2005, ISBN 3-930480-46-8, S. 185 ff. Auch die künstlerische Entwicklung im frühen ersten Jahrtausend im orientalisierenden Stil zeigt erstaunliche Parallelen zum lydischen Raum. Eine Studie des Erbguts toskanischer Rinder zeigte, dass sie einst aus Kleinasien eingeführt wurden.Marco Pellecchia: The mystery of Etruscan origins – novel clues from Bos taurus mitochondrial DNA. In: Proceedings of the Royal Society of London B. Nr. 274, London 2007, doi:10.1098/rspb.2006.0258, , S. 1175–1179.
Auch Genforschungen der Universität Turin legten eine Herkunft aus dem antiken Lydien nahe (Alberto Piazza u. a., 2007). Nach Guido Barbujani sollen Erbgut-Vergleiche ergeben haben, dass ein Drittel der mitochondrialen Allele denen der anatolischen Bevölkerung entspreche und nicht der italischen.„Genetic tests: Italians were from Turkey. DNA of men whose forebears probably were Etruscans show they weren’t local, but migrated, study says.“, Los Angeles Times, Juni 2007C. Vernesi, D. Caramelli, I. Dupanloup, G. Bertorelle, M. Lari, E. Cappellini, J. Moggi-Cecchi, B. Chiarelli, L. Castrì, A. Casoli, F. Mallegni, C. Lalueza-Fox, G. Barbujani: The Etruscans: a population-genetic study. In: The American Journal of Human Genetics. Band 74, Nummer 4, April 2004, S. 694–704, , PMID 15015132, . Zitat:
„Die kürzesten genetischen Distanzen der Etrusker bestehen zu modernen Toskanern (FST=0,036; P=.0017) und Türken (FST=0,037; P=.0001); […]. Mutmaßliche Beiträge der einzelnen Ursprungsvölker bzw. die Vermischungskoeffizienten sind für die drei modernen italienischen Populationen ähnlich, doch unterscheiden sich Etrusker in zweierlei Hinsicht: Sie zeigen engere Beziehungen zu Nordafrikanern als auch zu Türken als jede andere zeitgenössische Population. Insbesondere ist die türkische Komponente in ihrem Genpool dreimal so groß wie in den anderen Populationen.[…] die Ähnlichkeit zwischen dem etruskischen und dem türkischen Genpool könnte einen gewissen Genfluss widerspiegeln.“ Zudem bestehe ein homogenes Gen-Kontinuum in der geografischen Verteilung und im Zeitverlauf vom 7. zum 2. Jahrhundert v. Chr. Dieses sei einheitlicher als das der heutigen italienischen oder europäischen Bevölkerung, so dass es zumindest in der sozialen Oberschicht kaum zu Vermischungen kam.
Autochthone Theorie Die autochthone Theorie sieht die etruskische Kultur in Mittelitalien als Nachfolger der Villanovakultur.Barker, Rasmussen: The Etruscans, 83-84 Die etruskische Sprache wäre als vorindogermanische Sprache durch die recht späte Einwanderung indogermanischer Italiker auf die Apenninhalbinsel isoliert worden. Die kulturelle Blüte der Etrusker sei Folge der Einbindung der Toskana in den Handel im Mittelmeerraum durch Phönizier und Griechen im frühen 8. Jahrhundert v. Chr. Der Abbau reicher Erzvorkommen ermöglichte einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Theorie wird durch den nahtlosen Übergang der Villanovakultur in die etruskische Kultur vor allem im Norden, zum Beispiel in Felsina (heute Bologna), unterstützt. Um die Zeitenwende vertrat Dionysios von Halikarnassos jene Theorie.
Eine populationsgenetische Studie (Posth et al. 2021) analysierte alte DNA versteinerter Knochen und Zähne von 82 Individuen aus zwölf archäologischen Stätten im Gebiet der Etrusker über einen Zeitraum von 800 v. Chr. bis 1000 n. Chr. Von den 48 Individuen der etruskischen Zeit über acht Jahrhunderte konnten dabei 40 einem gemeinsamen genetischen Cluster zugeordnet werden, das deutliche Übereinstimmungen mit dem Erbgut heutiger Spanier aufweist. Die Forscher folgern daraus, dass der etruskische Genpool nicht durch Bevölkerungsbewegungen aus dem Nahen Osten entstanden zu sein scheint. Die Etrusker besäßen eher ein lokales genetisches Profil, das sie mit anderen benachbarten Populationen wie den Latinern aus Rom und Umgebung teilen; zum besseren Verständnis seien weitere Untersuchungen alter DNA aus ganz Italien nötig.Neue Hinweise zum Ursprung der Etrusker auf wissenschaft.de vom 24. September 2021; abgerufen am 10. Juni 2022.
Synthese Die heutige Etruskologie geht von einer altmediterranen Volksschicht aus, die bis um 1000 v. Chr. eine sesshafte Bauernkultur entwickelte und in die Fremde vom Osten (phönizische Seefahrer) sowie indogermanische Italiker eindrangen. Dadurch entstand die Villanovakultur. Hinzu kam eine sehr dünne Schicht von Einwanderern aus Kleinasien (Tyrrhener). Aus der Vermischung mit der lokalen Bevölkerung entwickelte sich die etruskische Kultur.
Geschichte mini|Etruskische Nekropole in Norchia Überblick Die ersten Grabfunde stammen aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. Es sind steinerne Urnenbehälter in Pozzo-Gräbern (kleinen Erdeintiefungen), die belegen, dass die Protoetrusker ursprünglich die Feuerbestattung pflegten. Ab dem 8. Jahrhundert entstand das sogenannte Fossagrab, eine Mulde, in die der intakte Körper gelegt und die mit einer Platte verschlossen wurde. Um 750 v. Chr. entwickelte sich die etruskische Seeherrschaft über das Tyrrhenische Meer. Dabei ging die Entwicklung vor allem von den Städten im südlichen Etrurien aus. Um 600 v. Chr. standen die Etrusker auf der Höhe ihrer Macht. Sie beherrschten zusammen mit den verbündeten Karthagern das westliche Mittelmeer und expandierten sowohl nach Süden bis in die Gegend des heutigen Kampanien (Salerno) wie nach Norden in die Po-Ebene (Bologna).
Die Städte waren in einem losen Städtebund (Zwölfstädtebund) zusammengeschlossen, der vor allem religiösen, weniger politischen Charakter hatte. Religiöses Zentrum war das bei Orvieto oder Bolsena gelegene Fanum Voltumnae. Einen etruskischen Zentralstaat gab es nicht. Zwischen den Etruskern und der latialen Kultur im Süden bestand ein intensives Verhältnis, das sich durch große Mengen an Prestigegütern aus Südetrurien in Latium zeigte und besonders durch die Könige Roms, die einem etruskischen Geschlecht entsprangen. Auch in der Architektur gab es wechselseitige Beeinflussung. Von einer etruskischen Herrschaft über Latium ist keinesfalls zu sprechenBentz, Martin, “2.3.5. Etrurien, Etrusker”, in: Der Neue Pauly Supplemente II Online - Band 10 : Frühgeschichte der Mittelmeerkulturen, Herausgegeben von Anne-Maria Wittke. Serie: Der Neue Pauly – Supplemente, 2. Staffel, herausgegeben von Manfred Landfester und Helmuth Schneider, Band 10. Stuttgart. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (2015). . Die Herrschaftsform in den Städten war monarchisch. In lateinischer Umschrift bezeichnete lucumo den etruskischen König einer Stadt. Ansonsten ist nur wenig über die inneren Verhältnisse bekannt, auch wenn viele etruskische Elemente von den Römern übernommen wurden. Dazu zählen unter anderem die Purpurtunika und der Purpurmantel, die Rutenbündel mit Beil (fasces) und die Vorzeichenschau (Auspizien, vor allem durch Deutung des Vogelflugs). Wahrscheinlich lebte der Großteil der Bevölkerung in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zum Adel. Außergewöhnlich war die Stellung der Frau, der ein recht hohes Maß an Prestige zukam. + Ref