Doktor Schiwago (, wissenschaftliche Transliteration: Doktor Živago, andere von deutschen Verlagen verwendete Transkriptionsweisen: Doktor Shiwago, Doktor Zhivago) ist ein Roman von Boris Pasternak.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des russischen Arztes und Dichters Juri Andrejewitsch Schiwago, der sich vom sensiblen Kind zum Sozialisten und schließlich zum Dissidenten entwickelt. Breiten Raum nimmt in der Handlung das Verhältnis zu seiner Geliebten Larissa (Lara) Antipowa, geb. Guichard ein. Der Roman verknüpft zahlreiche Handlungsstränge, an denen Hunderte von Personen beteiligt sind, zu einer komplexen Gesamterzählung. Charakteristisch für diese Handlungsführung sind vielfache Überkreuzungen: Immer wieder erscheinen Personen rein zufällig in solchen Handlungssträngen, in denen sie unter Gesichtspunkten der Wahrscheinlichkeit eigentlich gar nicht vorkommen dürften. Eine der zentralen Botschaften des Romans ist die, dass die Welt nicht einfach in zwei Lager gespalten ist, sondern dass die scheinbaren Abgründe immer durch die überraschendsten Verbindungen überbrückt sind.
Der 1956 fertiggestellte Roman durfte wegen seiner scheinbar kritischen Darstellung der Oktoberrevolution in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden. Er erschien erstmals in italienischer Übersetzung beim Mailänder Verlag Feltrinelli im November 1957. Eine von der CIA finanziell geförderte russische Originalausgabe wurde im August 1958 beim Den Haager Mouton Verlag veröffentlicht. Die Publikation in der Originalsprache war die Voraussetzung dafür, dass der Autor für einen Literaturnobelpreis in Betracht gezogen werden konnte. Pasternak war schon in den Jahren 1947 bis 1950 insgesamt fünfmal nominiert worden und erhielt auch 1957 eine Nominierung. Im Jahr 1958 gingen drei Nominierungen für ihn ein.Eintrag zu Boris Pasternak in der Nominierungsdatenbank der Nobelstiftung Die Schwedische Akademie sprach ihm am 23. Oktober 1958 den Literaturnobelpreis für das Jahr 1958 zu. In der Sowjetunion erschien Doktor Schiwago erstmals im Jahre 1988, nach Beginn der Perestroika.
Handlung Teil 1 Ort der Handlung ist zunächst Moskau, die Zeit das Jahr 1901. Die Handlung setzt mit der Beerdigung der Mutter des zu diesem Zeitpunkt zehnjährigen Juri Schiwago ein. Da der Vater das Vermögen verschleudert und die Familie verlassen hat, nimmt ihn ein Bruder der Mutter, Nikolai Wedenjapin, als Halbwaise zu sich und lebt mit ihm in einer Provinzstadt an der Wolga.
mini|Siwzew-Wraschek-Gasse, Moskau. Die Gromekos leben in dieser Straße in einem zweistöckigen Haus.
1902. Wedenjapin, der als Schriftsteller später Berühmtheit erlangen wird, bietet Juri ein intellektuell anregendes Umfeld. Auf dem Landgut der Familie Kologriwowa, wo Wedenjapin den Pädagogen Woskoboinikow besucht, schließt Juri Freundschaft mit Nika Dudorow. Wedenjapin zieht schließlich nach Sankt Petersburg, wohin er Juri nicht mitnehmen kann. Dieser wird in Moskau bei einem Verwandten, Fedka Ostromyslenski, untergebracht. Da dieses Arrangement nicht funktioniert, zieht Juri 1905 schließlich ins Haus weiterer Verwandter ein, der Gromekos. Dort wächst er gemeinsam mit der gleichaltrigen Tonja auf. Ein weiteres Ziehkind, das bei den Gromekos lebt, ist Mischa Gordon.
mini|Henryk Siemiradzki: Das Mädchen oder die Vase? In dem Séparée, in dem Komarowski zum ersten Mal mit Lara geschlechtlich verkehrt, hängt eine Reproduktion dieses Gemäldes.
1905. Parallel zur Geschichte Juri Schiwagos wird die Geschichte der Familie Guichard erzählt. Die Witwe Amalia Guichard hat zwei Kinder: Rodion und Larissa, genannt Lara. Ihr Wohltäter ist Viktor Ippolitowitsch Komarowski, ein verschlagener Rechtsanwalt, der schon ihren Mann beraten hatte und mit ihr ein Verhältnis beginnt. Bald macht er auch die 17-jährige Lara zu seiner Geliebten. Dass dieser wichtige und attraktive Mann sich für sie interessiert, schmeichelt Lara erst, dann überkommt sie Ekel.
Im Mittelpunkt der dritten Linie der Erzählung stehen die Eisenbahnerfamilie Tiwersin und der Junge Pascha Antipow, der bei den Tiwersins lebt. Die Eisenbahnarbeiter sind heimlich organisiert und arbeiten auf radikale gesellschaftliche Veränderungen hin. Kurz nach dem Oktobermanifest im Herbst 1905 nehmen Marja Tiwersina und Pascha an einer Demonstration teil, die von Dragonern blutig niedergeschlagen wird. Lara lernt den etwas jüngeren Pascha kennen. Er verliebt sich in sie.
Januar 1906. Amalia Guichard unternimmt einen Selbstmordversuch, indem sie Jod schluckt. Pasternak lässt offen, ob sie von Komarowskis Verhältnis mit Lara weiß oder ob ihr Suizidversuch andere Gründe hat. Sie übersteht die Vergiftung, durch einen Zufall gelangen am selben Abend aber auch Juri und Mischa an den Ort des Geschehens; der Anblick, der sich dem Jungen hier bietet – die halbnackte, in Tränen aufgelöste Amalia Guichard –, ziemt sich für die beiden Teenager nicht. Überdies werden sie Zeugen einer Interaktion zwischen Lara und Komarowski, die einander wortlos ihre Erleichterung darüber mitteilen, dass Amalia von ihrem Verhältnis doch nichts weiß. Die unsittlichen Implikationen dieser Szene verstehen sie nicht, ahnen sie aber. Mischa, der als Kind Zeuge davon war, wie Komarowski Mitschuld am Tode von Juris Vater getragen hat, erkennt Komarowski wieder und kann Juri von diesen Zusammenhängen jetzt berichten.
Lara, die es zu Hause nicht mehr aushält, wird Erzieherin im Hause der Kologriwowas, besucht bis 1907 aber weiter das Gymnasium und studiert anschließend an der Universität. Gut drei Jahre lang hat sie Ruhe vor Komarowski, da erscheint unerwartet Rodion und fleht Lara an, Komarowski für ihn um 700 Rubel zu bitten. Er hat in der Militärakademie Geld veruntreut und befindet sich in Schwierigkeiten. Lara fordert als Gegenleistung seinen Revolver, bittet aber nicht Komarowski um Geld, sondern die Kologriwowas. Diese geben das Geld gern, Lara fällt es aber schwer, ihre Schulden abzuzahlen, denn sie hat begonnen, Paschas Familie finanziell zu unterstützen. Sie besorgt Pascha auch ein Zimmer. Lara träumt davon, mit Pascha in den Ural zu gehen, wo sie beide als Schullehrer arbeiten und sich eine Existenz aufbauen sollen. Auf ihren Wunsch hin studiert Pascha ebenfalls. Lara erkennt früh seine außerordentliche Größe und sittliche Reinheit, die ihn von Komarowski maximal unterscheidet.
Ende 1911. Auf sanftes Drängen von Anna Iwanowna verloben Tonja und Juri sich miteinander. Bisher hatten sie füreinander nur geschwisterliche Liebe empfunden, die nun einer scheuen Romanze weicht.
Lara glaubt, für die Kologriwows eine Belastung zu sein, und will sich möglichst schnell unabhängig machen. Nach allem, was Komarowski ihr angetan hat, meint Lara, er sei ihr Hilfe und Wiedergutmachung schuldig. Falls er sich weigert, ihr Geld zu geben, will sie ihn mit Rodions Revolver erschießen. Sie findet ihn nicht zu Hause vor, sondern auf dem Weihnachtsball der Swentizkis, wo sich auch Juri und die Gromekos aufhalten. Allerdings ergibt sich für Lara keine Gelegenheit zu einem Vieraugengespräch, und statt auf Komarowski schießt sie schließlich auf den Staatsanwalt Borja Kornakow. Kornakow hatte nach dem Eisenbahnerstreik von 1905 Kiprian Tiwersin und Paschas Vater ins Gefängnis gebracht. Kornakows Verletzung erweist sich als Lappalie; Juri, der als Arzt sogleich zur Hilfe kommt, braucht sich kaum darum zu kümmern. Umso mehr zieht ihn allerdings Lara in seinen Bann, an die er sich noch gut erinnert. Es sind immer höchst bemerkenswerte Umstände, unter denen er sie sieht. Komarowski, der inzwischen große Angst davor hat, dass sein Verhältnis zu ihr zu einem Skandal führen könnte, verhindert nicht nur, dass Lara verhaftet wird, sondern gibt ihr auch Geld und mietet für sie ein Zimmer.
1912. Lara und Pascha bestehen ihre Prüfungen mit Bravour und heiraten. Die volle Wahrheit über ihre Vergangenheit sagt Lara ihm erst nach der Trauung. Pascha verzeiht ihr und sie reisen in den Ural in Laras Geburtsort Jurjatin.
Herbst 1915. Juri ist in Moskau inzwischen mit Tonja verheiratet und als Krankenhausarzt vielbeschäftigt. Tonja bringt einen Sohn Alexander („Saschenka“) zur Welt. Wenige Tage nach der Geburt wird Juri als Militärarzt verpflichtet.
In Jurjatin haben Lara und Pascha eine dreijährige Tochter Katenka (auch: Katja). Lara opfert sich für ihren Mann zwar auf, dieser zweifelt jedoch, ob sie ihn liebt. Aus Enttäuschung und weil er die Enge der Provinz nicht aushält, verlässt er Jurjatin, besucht die Militärschule in Omsk, wird zum Fähnrich befördert und 1915 an die Front entsandt. Dort führt er seine Einheit in einen tollkühnen Angriff, in deren Verlauf er gefangen genommen wird. Yusup Galiullin, der in seiner Einheit dient, meint, dass Pascha dabei ums Leben gekommen ist.
Um ihrem Mann hinterherreisen zu können, absolviert Lara eine Ausbildung zur Krankenschwester. Ihre Suche führt sie zunächst nach Moskau. Dann fährt sie – nun als Krankenschwester auf einem Militärzug – nach Medzilaborce, weil von dort Paschas letzter Brief gekommen war. Katenka bleibt in Moskau zurück.
Herbst 1916. Juri dient in einem Militärlazarett in einem Dorf in Galizien. Auch Lara tut in dem großen Lazarett Dienst, begegnet Juri aber nicht. Als das Dorf unter feindlichen Beschuss kommt, wird Juri von einer Schrapnellkugel verwundet.
Ende Februar 1917. Das Lazarett wurde nach Meliuzejewo verlegt, eine (fiktive) Kleinstadt in der Westregion, in die Villa der internierten Gräfin Schabrinskaja. Juri ist auf dem Wege der Genesung und teilt sich ein Krankenzimmer mit dem ebenfalls verwundeten Galiullin. Lara übernimmt die Pflege der beiden Männer. Galiullin berichtet ihr, dass er mit Pascha gemeinsam gekämpft hat, verschweigt aber, dass er ihn für tot hält. Juri ist Lara gegenüber befangen, sodass sie ihn anfangs als abweisend empfindet. In Moskau bricht die Februarrevolution aus.
Teil 2 Nach zwei Kriegsjahren befindet die russische Armee sich im Zustand der Anomie. In dem (fiktiven) Ort Zybushino ruft im Juni 1917 der örtliche Müller Blascheiko mit Unterstützung desertierter Soldaten eine unabhängige Republik aus, die aber schon nach zwei Wochen wieder zusammenbricht; die Rebellen fliehen nach Biriuchi, einen Nachbarort von Meliuzejewo. Während die lokale Militärführung die Männer durch Kosaken entwaffnen lassen will, kommt aus der Hauptstadt ein neuer Frontkommissar nach Meliuzejewo, der blutjunge und überaus naive Ginz, der die Meuterer mit idealistischen Phrasen dafür zu gewinnen sucht, den Kampf gegen die Deutschen wieder aufzunehmen. Noch während Ginz eine seiner Reden hält, wird er erschossen.
Sommer 1917. Juri ist wieder geheilt und geht seiner Arbeit im Lazarett mit Laras Hilfe nach. Mlle Fleuri, eine ehemalige Gouvernante, die quasi zum lebenden Inventar der Villa gehört, erfühlt als erste die Romanze, die zwischen ihnen entsteht. Als Juri in einem Brief an Tonja beiläufig Lara erwähnt, reagiert diese überaus stark und glaubt, ihn bereits ganz an die andere Frau verloren zu haben. Fast gegen seinen Willen gesteht er Lara wenig später, wie viel sie ihm bedeutet, und sie entgegnet, sie habe befürchtet, dass es so kommen werde. Am folgenden Tag reist sie nach Moskau ab, um ihre Tochter wieder zu sich zu nehmen. Sie bleibt dort einige Monate und kehrt mit Katenka dann nach Jurjatin zurück.