Das Spatzennest war eine evangelische Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe an der Hauptstraße 44 in Ramsen. Träger war die Jugendhilfe Einrichtungen Südwest gGmbH, kurz JES. Die Einrichtung selbst musste 2007 aufgrund von Vorfällen von Misshandlung und sexuellen Missbrauchs geschlossen werden. Zu den Betroffenen gehörten auch Kinder, die während und nach den Wormser Prozessen (1993 bis 1997) im Spatzennest untergebracht waren.
Wormser Prozesse
Sechs Kinder, die im Rahmen der Wormser Vorgänge ab 1993 im Kinderheim Spatzennest untergebracht waren, wurden vom Jugendamt nicht zurück zu ihren Eltern gebracht. Zwar waren alle 25 Beschuldigten freigesprochen worden, doch entschied sich das Jugendamt Worms bei diesen Kindern für die Fortsetzung der Fremdunterbringung. Die Kinder wiesen unter anderem eine Eltern-Kind-Entfremdung auf.
Das Jugendamt Worms ging noch 1997 trotz des Freispruchs von einer Schuld der Eltern aus:
Dem Heimleiter Stefan Sch. wurde später vorgeworfen, die Kinder bewusst gegen die Eltern aufgestachelt zu haben. Einige dieser Kinder glaubten weiterhin (Stand 2005), dass ihre Eltern sie sexuell missbraucht hätten.
Stefan Sch. fungierte auch als Hauptbelastungszeuge gegen die Eltern.
Missbrauch im Spatzennest
Am 8. November 1993 wurden bei einem Mädchen, das sich fünf Tage im Spatzennest aufhielt, vaginale und anale Missbrauchsspuren von Mainzer Rechtsmedizinern festgestellt, 1994 erneut. Die Spuren waren so frisch, dass sie nicht von den beschuldigten Eltern stammen konnten. Das Gericht ging diesen Hinweisen nicht nach.
2002 wurde von den Bielefelder Psychologen Katharina Behrend und Uwe Jopt im Auftrag des Amtsgerichts Worms ein Gutachten über das Heim erstellt; sie kritisierten das Heim und waren über die Empathielosigkeit der Kinder erschüttert. Jopt schrieb: Er beschrieb: Das jüngste Kind antwortete auf Jopts Frage, was denn damals geschehen sei, mit: Der älteste Jugendliche reagierte auf Jopts Vorschlag eines unverbindlichen Treffens mit den Eltern: Er litt an Diabetes und verstarb am 27. September 2004 im Alter von 18 Jahren wenige Tage nach seiner Entlassung vom Alltag überfordert.
Über die Ursachen sagte Jopt: Er verlangte, die zu beenden und schätzte die betroffenen Heimkinder als ein.
Jopt beschwerte sich auch über Behinderungen seiner Arbeit durch das Jugendamt Worms: Verdacht auf sexuellen Missbrauch – Schwere Vorwürfe gegen Jugendämter. PANORAMA Nr. 693, NDR, 14. Februar 2008
Noch 2005 wehrte sich das Jugendamt gegen die Rückführung der Kinder, da . Jopt erhob den Vorwurf, das Jugendamt Worms habe .Missbrauchsprozess: Wie viel Schuld hat das Jugendamt?. In: NDR, 20. Mai 2011 Das Jugendamt Worms verwies auf ein Gutachten, die Kinder zeigten
Das Spatzennest wurde im November 2007 aufgelöst und die Insassen in andere Einrichtungen gebracht. Zu diesem Zeitpunkt war dessen Heimleiter, von Beruf Sozialpädagoge, wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener von seinem Arbeitgeber entlassen worden. 2007 hatte ein Herbergsvater, bei dem sich S. in Österreich mit den Kindern aus seinem Heim zu einer Ferienfreizeit aufgehalten hatte, Strafanzeige gestellt.
Es war zu diversen sexuellen Handlungen gekommen, darunter Einläufe und Eincremen der Scheide. Hierfür hatte sich Stefan Sch. sogar unter anderem ein eigenes Zimmer eingerichtet. Um die Taten geheim zu halten, soll der Heimleiter damit gedroht haben, dass die Kinder ihre ebenfalls in Heimen untergebrachten Geschwister nicht mehr sehen dürften, wenn sie etwas verrieten.Heimleiter wegen Missbrauchs erneut vor Gericht. In: Welt, 4. Mai 2011
Wolfgang Scherer, Chef des Trägers JES, erklärte Ende 2007: Er erklärte weiter: Der zuständige Sozialdezernent Georg Büttler sagte, dass es keinen Grund gegeben habe, die „bestehende, hervorragende Betreuung der Kinder aufzugeben“.Frank Fischer: Über Gerichtsurteil hinweggesetzt. In: Wormser Stadtmagazin, 5. Dezember 2013 Die Chefin des Landesjugendamts Rheinland-Pfalz, Birgit Zeller, betonte: Der Fall Spatzennest - GAU für den Kinderschutz?. In: Allgemeine Zeitung (Rhein-Main-Presse), 19. Dezember 2007 Der Amtsgerichtsdirektor Jean Frank erklärte: Reinhard Breidenbach: "Entscheidend ist das Wohl der Kinder". Sozialdezernent Büttler und Amtsgerichtsdirektor Frank weisen Anwürfe im Fall Spatzennest zurück. In: Wormser Zeitung, 20. Februar 2008 Jopt kritisierte: Heimleiter soll acht Mädchen missbraucht haben. In: Welt, 9. März 2008
Am 8. Februar 2008 kam der vierzigjährige Ex-Heimleiter Stefan Sch. in Untersuchungshaft, am 29. Juli 2008 begann der Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Kaiserslautern.Ehemaliger Leiter des Spatzennestes vor Gericht, Panorama, DasErste.de, 14. Februar 2008 Am 22. August 2008 wurde er des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen in zwei Fällen für schuldig befunden und zu einem Jahr Haft auf Bewährung und dreijährigem Berufsverbot verurteilt.Markus Fadl: Erzieher erhält Berufsverbot wegen Kindesmissbrauchs. In: Der Tagesspiegel, 22. August 2008
Im April 2011 klagte die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern den ehemaligen Heimleiter Stefan Sch. wegen noch schwerwiegenderer Vorwürfe für den Zeitraum von 1994 bis 2006 erneut an.Verurteilter Ex-Kinderheimleiter erneut vor Gericht, Spiegel Online, 12. April 2011 Der Vorwurf lautete auf sexuellen Missbrauch in 22 Fällen. Dabei ging es um sechs Mädchen, darunter drei von den sechs Kindern aus den Wormser Prozessen, die vom Jugendamt Worms hier untergebracht worden waren. Tatort waren das Heim und eine Ferienfreizeit. Stefan Sch. wurde im November 2011 wegen schweren sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und acht Monaten verurteilt. In: Wormser Zeitung, 15. November 2011 In: Wormser Zeitung, 23. November 2011
Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil verwarf der Bundesgerichtshof mit Beschluss vom 28. Februar 2013.
Das Rechtsmittel der Staatsanwaltschaft, um zusätzlich ein lebenslanges Berufsverbot des Angeklagten zu erreichen, wurde vom Bundesgerichtshof am 25. April 2013 zurückgewiesen.Bundesgerichtshof Urteil vom 25. April 2013, Az. 4StR 296/12
Siehe auch Montessori-Prozess Missbrauchsvorwürfe an der McMartin-Vorschule
Einzelnachweise
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