mini|Luftaufnahme der Waldsiedlung, 2014 mini|Eichenweg

Die Waldsiedlung Hakenfelde ist ein Wohngebiet im Berliner Ortsteil Hakenfelde im Norden des Bezirks Spandau. Sie entstand ab 1914 in Anlehnung an das Gartenstadtmodell, um die Wohnungsnot unter den Arbeitern der Spandauer Rüstungs- und Industriebetriebe zu lindern. Bis 1919 wurden 250 Häuser fertiggestellt.

Gebaut wurden unterschiedliche Typen von Häusern für eine, zwei oder mehrere Familien mit variabler Fassadengliederung und in der Regel einem Gartenanteil. Der älteste Bauabschnitt ist seit 1986 als Wohnanlage und Siedlung denkmal- bzw. gartendenkmalgeschützt.

In den ersten Jahrzehnten konnte die Nahversorgung mit Handwerk, Lebensmitteln und Arztpraxen in der Siedlung selbst erfolgen. Heute besteht davon lediglich noch ein kleines Hotel. Öffentliche Einrichtungen in der Waldsiedlung sind mehrere Kindertagesstätten, die evangelische Wichernkirche mit Gemeindezentrum und ein Seniorenheim in römisch-katholischer Trägerschaft; unmittelbar angrenzend befindet sich eine Justizvollzugsanstalt. Die Siedlung war von Anfang an durch eine Straßenbahn mit dem Zentrum von Spandau verbunden, die inzwischen durch Buslinien abgelöst wurde.

Lage Die Waldsiedlung liegt am Rande des Spandauer Forstes, mit Abstand nördlich von der Wohnbebauung im Ortsteil Hakenfelde. Sie hat im Kern einen nahezu dreieckigen Grundriss und wird östlich begrenzt von der Niederneuendorfer Allee, nordwestlich von der stillgelegten Bötzowbahn und dem 1907–1910 erbauten Evangelischen Johannesstift und südwestlich von der Wichernstraße und der Trasse eines ehemaligen Industriegleises. Eine Zufahrt ist von der Niederneuendorfer Allee nur über die Wichernstraße und den Eschenweg – gegenüber dem 1912 erbauten Schützenhof – möglich, über die Wichernstraße kann das Johannesstift erreicht werden. Wegen der Anordnung der gekrümmten schmalen Straßen, die der Siedlung einen dörflichen, „gewachsenen“ Charakter geben sollten,Bezirksamt Spandau. Untere Denkmalbehörde (Hrsg.): Spandau. Bau- und Gartendenkmale. o. O., o. J., S. 72. ist in der Siedlung selbst kein Durchgangsverkehr möglich.

Infolge der deutschen Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Waldsiedlung den Zugang zum westlichen und nördlichen Hinterland, den Orten Schönwalde, Nieder Neuendorf und Hennigsdorf, und geriet bis zur deutschen Wiedervereinigung in eine Randlage.

Entstehung mini|Karte mit Bauphasen mini|Luftbild, 1920

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war in Spandau ein großer Mangel an bezahlbaren Wohnungen für die Arbeiter der Rüstungsindustrie und von Industriebetrieben wie Siemens & Halske entstanden, der sich während des Ersten Weltkriegs durch Ausweitung der Rüstungsfabriken noch verschärfte. Die Zahl der Beschäftigten in den Rüstungsbetrieben stieg von knapp 14.000 im Jahr 1914 auf rund 65.000 im Jahr 1917. Über die Lösung der Probleme kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Spandau, den Haus- und Grundbesitzern und den Vertretern der Arbeiterschaft.Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. (Hrsg.): Festschrift 1916–2006. Berlin 2006, S. 13 ff., S. 16.

Als eine Maßnahme zur Überwindung der Wohnungsnot gründete der Magistrat der Stadt Spandau nach längerem Zögern im April 1914 die Waldsiedlung Spandau AG zur „Beschaffung gesunder und zweckmäßig eingerichteter Wohnungen an minderbemittelte Personen in eigens gebauten, erbauten oder angekauften Häusern zu billigen Preisen“, in die die Stadt als Gründungskapital 16.000 Mark einbrachte, weitere 4.000 Mark kamen von privaten Investoren: dem Gutsbesitzer Otto Schulze, dem Architekten Karl Tilgner, dem Techniker Gustav Neubauer und dem Kaufmann Ernst Mende.Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 19. Ausgabe 1914/1915, Band 1, S. 531.Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. (Hrsg.): Festschrift 1916–2006. Berlin 2006, S. 16, S. 18. Das Baugelände erwarb die Aktiengesellschaft von der Stadt Spandau.Gunther Jahn (Bearb.): Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Teil: Stadt und Bezirk Spandau. Berlin 1971, S. 295.

Bauphasen Der erste Spatenstich für den ersten Bauabschnitt erfolgte am 4. Mai 1914. Zunächst musste Grundwasser abgepumpt werden. Am 2. Juli 1914 konnte der Rohbau abgenommen werden, und bereits am 1. Oktober 1914 waren die ersten Wohnungen bezugsfertig, obwohl bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 am Bau beschäftigte Arbeiter eingezogen worden waren. Es gab drei Typen von Einfamilienhäusern, für die 35, 45 oder 55 Mark Miete zu zahlen waren. Zu diesem ersten Siedlungskern, dem „Baublock A“, gehörten – ausgehend vom nur nördlich bebauten Eschenweg – der Buchenweg, der Eichenweg, der nur westlich bebaute Fichtenweg und der Tannenweg.

mini|hochkant|Aspenweg 11/12

Ein zweiter Baublock wurde 1915 fertiggestellt, und trotz kriegsbedingten Arbeiter- und Materialmangels wurde ein dritter Baublock nördlich und westlich des Buchenwegs mit 100 Häusern in zwölf Häusergruppen in Angriff genommen und bis 1. April bzw. 1. Oktober 1916 fertiggestellt. Hier wurden nicht mehr nur Einfamilienhäuser, sondern auch einige Zweifamilienhäuser mit Zwei-Zimmer-Wohnungen errichtet. In dieser Bauphase entstanden die Häuser am Akazienweg, Aspenweg (Südseite; bis 1931: Ahornweg), Birkenweg, Erlenweg (bis 1923: Weidenweg), Kastanienweg und Lindenweg. Der „Baublock B“ kostete 755.747,65 Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund  Millionen Euro).

Als letzter Baublock war Baublock D mit sechs Einfamilienhäusern und 38 Wohnungen in Zwei- und Vierfamilienhäusern bis zum 1. Oktober 1917 bezugsfertig, hinzu kam ein Geschäftshaus. Die Waldsiedlung hatte eine Größe von 40.340 m² ohne Straßenland. Sie bestand aus 154 Reihen- und acht Doppelhäusern.Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. (Hrsg.): Festschrift 1916–2006. Berlin 2006, S. 18 ff., S. 22, S. 28 ff. Die Prinzipien einer Gartenstadt wurden nicht durchgängig eingehalten, sodass auch in der Benennung der Siedlung auf diesen Begriff verzichtet werden konnte.Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Reihenhäuser. (= Berlin und seine Bauten, Teil 4, Band D.) Berlin 2002, S. 48.

Ein weiterer Bauabschnitt wurde von 1919 bis etwa 1926 ausgeführt, und bis etwa 1938 kamen einige ergänzende Bauten im Randbereich hinzu. Die am 2. April 1918 gegründete Baugenossenschaft Eigenheim Spandau eGmbH errichtete westlich um die bestehende Siedlung, am Birkenweg und Ahornweg (jetzt: Aspenweg), Reihenhäuser für vier, einzelne auch nur für zwei Familien, die mit Kaufanwartschaft vermietet wurden; bei „ehrlosem Lebenswandel oder Trunksucht“ eines Käufers fiel der Besitz an die Genossenschaft zurück. Teilweise wurden die Häuser unter den Kaufinteressenten verlost. Im September 1919 standen 225 Häuser.Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Hrsg.): Reihenhäuser. (= Berlin und seine Bauten, Teil 4, Band D.) Berlin 2002, S. 48 f. Zu dem ursprünglich geplanten und im Bebauungsplan vorgesehenen Umfang der Siedlung von 600 Reihenhäusern kam es allerdings nicht.Friedrich Wolff: Gartenstädte in und um Berlin. Berlin 2012, S. 65.

Einige Bürger schlossen sich 1926 zur Gruppe der Gartenfreunde in der Baugenossenschaft Eigenheim Spandau eGmbH Spandau-Hakenfelde zusammen, die bis heute als Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. besteht und am 5. September 2026 das hundertjährige Bestehen feiern wird. Die Hausbewohner hielten teilweise Vieh: Hühner, eine Ziege oder ein Schwein, und zu jeder Wohneinheit gehörte ein Stall und ein Garten.Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. (Hrsg.): Festschrift 1916–2006. Berlin 2006, S. 23 ff., S. 28.

Der nordöstliche Begrenzungsweg wurde ab 1923 Pappelweg genannt, der westliche ab 1955 Lichtwarkweg. Die Verbindungsstraßen zur Wichernstraße erhielten 1925 die Namen Holunderweg und Schlehenweg, der Verbindungsweg zwischen Aspenweg und Pappelweg, zunächst als Straße 634 bezeichnet, hieß ab 1955 Merianweg.

Am 19. März 1928 wurden die Häuser der Waldsiedlung Spandau AG Eigentum der Baugesellschaft Adamstraße mbH, die AG wurde wenige Tage später aufgelöst. Ende der 1930er Jahre ging das Eigentum an der Siedlung an die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin mbH (GSW) über.

Einzelne Bauten am Rand der Waldsiedlung wurden als Individualbauten unabhängig von den großen Bauträgern errichtet, so einige Häuser für Kriegsblinde des Ersten Weltkriegs im Bereich Doehlweg / Aspenweg / Fichtenweg; 1941/1942 baute die Deutsche Arbeitsfront zwei Häuser am Pappelweg.Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. (Hrsg.): Festschrift 1916–2006. Berlin 2006, S. VIII. 28

Seit den 1930er Jahren bestanden am Rand der Siedlung Arbeitslager und Baracken für Zwangsarbeiter, die größten auf dem Gelände der heutigen Justizvollzugsanstalt an der Niederneuendorfer Allee. Zwangsarbeit mussten ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene leisten, viele von ihnen bei den Siemens-Schuckertwerken. Im Zweiten Weltkrieg wurden mehrere Häuser der Waldsiedlung bei alliierten Luftangriffen von Bomben oder Luftminen getroffen, und es gab Granaten-Einschläge mit Toten und Verletzten. Die vorrückende Rote Armee besetzte bei Kriegsende für kurze Zeit mehrere Häuser, am Fichtenweg wurden einige Häuser niedergebrannt. Nach Kriegsende kam es zu Plünderungen durch freigelassene Zwangsarbeiter. An der Niederneuendorfer Allee wurden 1945 einige gefallene sowjetische Soldaten beerdigt, die später zum Ehrenmal im Treptower Park umgebettet wurden.Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. (Hrsg.): Festschrift 1916–2006. Berlin 2006, S. 33, S. 35 f., S. XI f.

Der älteste Kern der Siedlung, umgrenzt von Aspen-, Eschen- und Fichtenweg, sowie einige Häuser am Doehlweg wurden 1986 auf Betreiben der GSW als Gartendenkmal unter Denkmalschutz gestellt, dazu wurde ein Bauhandbuch für die denkmalpflegerische Instandsetzung und Modernisierung erstellt. Bauliche Veränderungen am Äußeren der Gebäude und bei der Gartengestaltung durften seitdem nicht mehr vorgenommen werden. Fassadengliederung, Hauseingänge und Freitreppen, Loggien, Dächer, Dachgauben und Schmuckdetails waren in einem „Informationsheft“ der GSW festgelegt, das auch Vorgaben für Instandsetzungs- und Veränderungsmaßnahmen machte, die den Charakter der Siedlung aus denkmalpflegerischer Sicht nicht nachteilig veränderten. In den folgenden Jahren wurde rund die Hälfte der Häuser verkauft, die meisten an die Mieter, es war von einem Kaufpreis von 100.000 Mark die Rede.Verein der Gartenfreunde Spandau-Hakenfelde 1926 e. V. (Hrsg.): Festschrift 1916–2006. Berlin 2006, S. 22.Anna Maria Odenthal: Denkmalpflegerische Projekte und Probleme. In: Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Dorfkern – Altstadt – Denkmalpflege. Traditionsorte in der Metropole. Berlin 1999, S. 68. Einige Familien bewohnen heute zwei benachbarte Häuser, die sie durch Mauerdurchbrüche miteinander verbunden haben.

Architekturmerkmale mini|Buchenweg mini|Tannenweg 66/67 mini|Doehlweg 2

Die Häuser der ersten Bauabschnitte wurden maßgeblich geplant von den Architekten Arthur Wolff (160 Wohnungen in Reihenhäusern) und Otto Weber (96 Wohnungen in Doppel- und Mietshäusern). Arthur Wolff wurde 1916 als Soldat eingezogen und durch Adolf Steil vertreten, der ab 1919 weitere Häuser architektonisch plante und 1931 die Erweiterung der Siedlung nordöstlich des Aspenwegs konzipierte.Friedrich Wolff: Gartenstädte in und um Berlin. Berlin 2012, S. 63.