Insgesamt 21 Schweizer Truppen in päpstlichen Diensten unterstützten seit 1506 die weltliche Politik des Papstes und waren am Ausbau des Kirchenstaates beteiligt. Sie konnten 1870 als Teil und zusammen mit dessen Armee seine Integration in den entstehenden italienischen Nationalstaat jedoch nicht verhindern.

Sie stellten auch persönliche Leibgarden für das Kirchenoberhaupt und seine Legaten. Diejenige des Papstes ist als Päpstliche Schweizergarde mit einer Sonderbewilligung des schweizerischen Bundesrates noch heute im Einsatz.

Schweizer Truppen in fremden Diensten hiess der von Behörden der Schweizer Eidgenossenschaft mit Staatsverträgen geregelte Solddienst von geführten, ganzen Truppenkörpern im Ausland.

Diese Verträge enthielten ein Kapitel, das die militärischen Angelegenheiten regelte: die sogenannte Kapitulation (oder Privatkapitulation, wenn einer der Vertragspartner ein privater Militärunternehmer war).

Übersicht der Schweizer Truppen in päpstlichen Diensten Papst Gregor XI. 1370–1378Papst Sixtus IV. 1471–1484Papst Julius II. 1503–1513#vat Bezeichnung Jahr1 PäpstlicheSchweizergarde 1505–15271548–17981800–18481849–heute2 Chiasserzug 15103 kalter Winterzug 15114 Pavierzug 1512Papst Leo X. 1513–15215 Freikorps Urbino 15176 Hilfskorps Leinlackenkrieg 15217 Hilfskorps Romagna 1521

Papst Hadrian VI. 1522–1523Papst Clemens VII. 1523–1534#vat Bezeichnung Jahr8 Regiment Troger 1526Papst Paul III. 1534–15499 Schweizergarde Bologna 1542–1849Papst Julius III. 1550–155510 Schweizergarde Ravenna 1550–179611 Schweizergarde Perugia 1550–1556Papst Paul IV. 1555–155912 Regiment Lussi 1557Papst Gregor XIII. 1572–158513 Schweizergarde Avignon 1573–1790Papst Clemens VIII. 1592–160514 Schweizergarde Ferrara 1598–1796

Papst Urban VIII. 1623–1644#vat Bezeichnung Jahr15 Schweizergarde Urbino 1631–1796Papst Alexander VII. 1655–1667weitere Päpste ?16 Weitere Schweizergarden ?Papst Gregor XVI. 1831–184617 1. Fremden-Regiment 1832–184918 2. Fremden-Regiment 1832–1849Papst Pius IX. 1846–187819 1. Fremden-Regiment 1852–186120 2. Fremden-Regiment 1855–186121 Fremden-JägerbataillonFremden-Jägerregiment 1860–18681868–1870

Erste Spuren von Schweizer Söldnern im Dienst der Römischen Kurie Als 1354 der Basler Hüglin von Schönegg als «serviens armorum» (eine Art Palastwache, die auch für wichtige politische und finanzielle Missionen eingesetzt wurde) aktenkundig wurdeEduard Achilles Gessler: Hüglin von Schöneggs Leben, Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 21, 1923., befand sich die Römische Kurie noch im Exil in Avignon. Hüglin begleitete Papst Gregor XI. bei seinem Wiedereinzug in Rom und machte Karriere als erfolgreicher Söldnerführer in päpstlichen DienstenRobert Durrer: Die Schweizergarde in Rom und Die Schweizer in päpstlichen Diensten, Salzwasser-Verlag, Bremen 2015.. Sein Wappen und sein steinernes Abbild zieren heute die reformierte Leonhardskirche in BaselEduard Achilles Gessler: Hüglin von Schöneggs Grabkapelle, Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 21, 1923.. Auf den päpstlichen Soldlisten tauchten im 14. Jahrhundert weitere Geschlechter auf aus dem Gebiet der heutigen Schweiz, darunter beispielsweise die von Toggenburg, von Landenberg und von Moos aus Uri. Dem Trend der Mächtigen der Zeit, sich die Kampfkraft der als unbesiegbar geltenden Schweizer Söldner mit Pensionszahlungen zu sichern, folgte im 15. Jahrhundert auch der Papst mit der Ausrichtung von jährlichen «Gnadengeldern» an die Kantone und an einflussreiche Eidgenossen. Dieses weitverbreitete Pensionenwesen korrumpierte die Tagsatzung derart, dass sie 1503 im «Pensionenbrief» diese Zahlungen, allerdings praktisch wirkungslos, untersagte. Er wurde 1508, da die meisten Kantone ihn nicht ratifizierten, offiziell wieder ausser Kraft gesetzt.

Leibwächter des Papstes Vier Jahre nach dem französischen König Ludwig XI. vereinbarte 1478 auch Papst Sixtus IV. (der Auftraggeber der Sixtinischen Kapelle) ein Offensiv- und DefensivbündnisHeinrich Türler, Viktor Attinger, Marcel Godet: Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz. Vierter Band. Neuenburg 1927. mit den Eidgenossen. Eine Militärkapitulation schlossen diese aber dann nicht mit ihm, sondern 1480 mit Frankreich ab. Papst Julius II., dem Beispiel der französischen Hundertschweizer folgend, stellte 1505 ein Gesuch an die Tagsatzung, ihm die Anwerbung einer Garde – in Kenntnis der Bestimmungen des «Pensionenbriefes» von 1503 wohlweislich – zu seinem persönlichen Schutz zu erlauben. Er setzte die Truppe dann aber sogleich zur Wiedereroberung der abgefallenen Städte Perugia und Bologna ein. Es waren die Anfänge der heute noch bestehenden Päpstlichen Schweizergarde. Bezeichnung, Einsatzdauer (1vat) Päpstliche SchweizergardePaul de Vallière, Henry Guisan, Ulrich Wille: Treue und Ehre, Geschichte der Schweizer in fremden Diensten (übersetzt von Walter Sandoz). Les Editions d’art ancien, Lausanne 1940. 1505–1527, 1548–1798, 1800–1848, 1852–heute Jahr, Vertragspartner 1505: Die Tagsatzung in Baden entsprach dem Gesuch von Papst Julius II. und bewilligte ihm die Anwerbung von Söldnern «zum Schutze seiner Person und seines Palastes». Bestand,Formation Eine Kompanie von 150 Mann, an Stelle der geforderten 200. mini|Petersplatz in Rom(Originalprojekt Gian Lorenzo Bernini) Herkunft Kader, Truppe Aus der Eidgenossenschaft (vor allem Luzern und Zürich), Süddeutschland und angrenzenden Gebieten, angeworben im Auftrage des Papstes vom Kleriker Peter von Hertenstein aus Buonas und von Jakob und Ulrich Fugger aus Augsburg finanziert.

(Das Bankhaus Fugger wird 1515 vom Nachfolger Julius’ II., Papst Leo X. aus dem Hause Medici, in den Ländern nördlich und östlich der Alpen mit der Abwicklung des päpstlichen Ablasshandels zur Finanzierung für den Neubau des Petersdoms (1506–1633) in Rom betraut und dafür mit der Hälfte der Einnahmen entschädigt werden.) Besitzer, Kommandant, Namensgeber Erster Kommandant wurde der Söldnerführer Kaspar von Silenen. Einsatz, Ereignisse In Konkurrenz zur Werbung der seit 1497 bereits bestehenden französischen Hundertschweizer war es nur durch Kompromisse möglich, einigermassen genügend Freiwillige für den päpstlichen Dienst zu finden. Die Ansprüche an Herkunft und Charakter der Bewerber wurden gelockert. Landesfremde, Zeitgenossen mit zweifelhafter Lebensführung und Kriminelle (darunter ein Raubmörder) fanden Zugang. Selbst der Hauptmann, Kaspar von Silenen, war kein unbeschriebenes BlattFranz Wyrsch: Die Landschaft Küssnacht am Rigi im Kräftefeld von Schwyz und Luzern, Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 53, S. 35, 1959.. Er war wegen illegaler Söldnerwerbung gegen den ausdrücklichen Willen der Obrigkeit aus dem Luzerner Rat ausgeschlossen und in Schwyz (in Abwesenheit) sogar zum Tod verurteilt worden. Das neue Kommando verschaffte ihm nun Straferlass und Rehabilitation. Er war damit nicht allein.

Im Hochwinter überquerte Silenen mit Gardeleutnant Albrecht Gugelberg aus Arth und 150 Mann die Alpen und betrat zusammen mit Peter von Hertenstein am 22. Januar 1506 durch die Porta del Popolo den Vatikan. Als Gardisten der ersten Stunde sind bekannt: Rudolf Röstli aus Wollerau, die vier St. Galler Ambros Aigen, Matthäus Girtanner, Mathias Becker und Ambros Heggen, Rudolf Grave aus Appenzell, Andreas Schach aus Bischofszell, die drei Gardisten Jakob Rotgerber, Leonhard Stegemann und Gratian Caspar aus Zürich, Jost Stuck aus Glarus, Hans und Jakob Locher aus Basel, Jakob Wyntze aus Freiburg, dann der erste Walliser, Gilli Switzer, sowie Rudolf Rosaby aus Schwyz.

Die Schweizergarde hatte den Papst auf Reisen zu begleiten, die Eingänge zu seiner Residenz zu kontrollieren sowie Ehren- und Ordnungsdienste zu leisten. Bereits nach sechs Monaten wurde sie, entgegen dem Versprechen von Julius, zum Kampfeinsatz bei der Wiedereroberung der abgefallenen Städte Perugia und Bologna eingesetzt. Silenen fiel 1517 bei Rimini in einem ähnlichen Kampfeinsatz der Garde.

mini|Castello Sant’Angelo (Engelsburg)im 17. Jahrhundert

Nach seinem Tod ging das Kommando an den Zürcher Bürgermeister Marx Röist, der sich durch seinen Sohn Kaspar vertreten liess. Der inzwischen protestantische Kaspar Röist hatte 1527 bereits sein Dienstverhältnis aufgelöst, als er durch den Sacco di Roma überrascht wurde. Er deckte erfolgreich den Rückzug von Papst Clemens VII. in die Engelsburg, liess aber, zusammen mit 3/4 seiner Mannschaft (147 von 189 Mann), vor der zügellosen Zerstörungswut der kaiserlichen Landsknechte sein Leben. Die Reste der Garde wurden entlassen oder gingen in der neu gebildeten deutschen Garde auf.

1541 trat Papst Paul III. wieder an die fünf katholischen Innerschweizer Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug heran mit dem Vorschlag, je einen Hauptmann zu ernennen, mit ihnen und 800 Mann in den Städten Piacenza, Parma, Bologna, Ravenna, Ancona und Perugia päpstliche Garnisonen zu errichten sowie die Schweizergarde in Rom wieder aufleben zu lassenUrban Fink, Hervé de Weck, Christian Schweizer: Hirtenstab und Hellebarde, Die päpstliche Schweizergarde in Rom 1506–2006; Schweizerische Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaft, Organisationskomitee «500 Jahre Schweizergarde» und Eidgenössische Militärbibliothek, Theologischer Verlag, Zürich 2006.. Ersteres wurde vorläufig, mit Ausnahme von Bologna 1542 (siehe unten), nicht realisiert. Die Schweizergarde hingegen entstand 1548 neu unter dem Luzerner Patrizier Jost von Meggen, nicht ohne Verstimmung der anderen katholischen Kantone, die in die Verhandlungen nicht einbezogen wurden. Meggen beruhigte die Situation durch die Einteilung der neuen Schweizergarde in je eine Luzerner-, Urner-, Unterwaldner-, Zuger-, Glarner- und Solothurnerwacht. Luzern konnte, trotz wiederholtem Anspruch der anderen Kantone und einmal sogar durch den Papst selber, die Gardehauptmannsstelle für Luzerner Bürger hartnäckig behaupten. Seine Dominanz auch bei den übrigen Vorgesetzten- und Gardistenstellen blieb aber ein Dauerthema mit den übrigen Kantonen. 1798 wurde Papst Pius VI. durch französische Truppen aus Rom vertrieben und die Schweizergarde zum zweiten Mal aufgelöst.

mini|Die Galauniform der Päpstlichen Schweizergarde entstand 1914

1800 stellte Karl Leodegar Pfyffer von Altishofen für Papst Pius VII. zum dritten Mal die Päpstliche Schweizergarde neu auf. Sie existiert seither, mit einer Sonderbewilligung des BundesratesProtokoll der Sitzung des Bundesrates vom 15. Februar 1929, 297. Le nouveau statut du St. Siège, Verbal: , der sie vom Militärstrafgesetz Militärstrafgesetz vom 13. Juni 1927: ausnahm, und mit einem kurzen Unterbruch 1849–1852 durch die kurzlebige Römische Republik, als Hauspolizei des Papstes bis heute. Seit 1970 ist sie die einzige militärische Formation des Heiligen Stuhls.

Sie wird inzwischen durch zwei Stiftungen aus der Schweiz finanziell unterstützt: seit 2000 die Schweizergarde und ihre Angehörigen. und seit 2006 die Renovation ihrer Kaserne..

Im Gegensatz zu den Anfängen werden heute ausschliesslich Privatpersonen mit Schweizer Bürgerrecht und tadellosem Leumund als Gardisten aufgenommen. Sie müssen zudem mindestens 1,74 m gross, sportlich, unverheiratet, katholisch, männlich, 19- bis 30-jährig sein und die Berufs- oder Mittelschule sowie die Rekrutenschule der Schweizer Armee abgeschlossen habenRoland Huber: Die Schweizergarde im Vatikan, Hellebardier im Dienste des Papstes, Reportage für SRF Dok, YouTube-Video, 2013..

Ihre Galauniform, mit den blau-rot-gelben Farben der Medici der Renaissancezeit nachempfunden, stammt von 1914, der Helm mit hinten und vorne nach oben gezogener Krempe, der Morion, seit 2019 aus dem 3D-DruckerTradition aus dem 3D-Drucker, In: Neue Zürcher Zeitung vom 22. Januar 2019..

1510, bei der Erneuerung des Bündnisses mit der Eidgenossenschaft, ging es Julius II. um den Erhalt und Ausbau seiner politischen Stellung unter den Mächten Europas, um die Position als Kirchenstaat in den Italienischen Kriegen.