Die Evolution des Denkens oder im weiteren Sinn Evolution der Kognition beschreibt einen Weg des Denkens von den Vorfahren der heutigen Menschenaffen über die Frühmenschen zum Menschen.
Das Thema wurde bereits von Charles Darwin 1871 behandelt. Er betont die graduellen, nicht prinzipiellen Unterschiede zwischen den intellektuellen Fähigkeiten von Mensch und Tier. Heute ist unbestritten, dass das Denken einen evolutionären, von verschiedenen Disziplinen erforschbaren Ursprung hat. Die Evolution des Denkens verläuft nach Michael Tomasello über weitgehend individualistisches, konkurrenzbestimmtes Denken bei den Menschenaffen zu ausgeprägt kooperativen Denkformen beim Menschen. Die Theorie des sozialen Gehirns weist auf einen Zusammenhang der Gehirngröße und maximalen Gruppengröße sozial lebender Arten. Die mit der Gruppengröße wachsenden sozialen Anforderungen treiben das Gehirnwachstum an.
Neben Erkenntnissen zur kognitiven Evolution des Menschen werden zunehmend neue Erkenntnisse über evolutionär entstandene Denkfähigkeiten bei Tieren gewonnen. Vögel zeichnen sich durch eine von anderen Wirbeltieren unterschiedliche Gehirnarchitektur aus. Insbesondere ihr Vorderhirn mit höherwertigen Funktionen ist bei ihnen konvergent, also unabhängig evolviert. Obwohl sie keinen Neocortex besitzen, entwickelten sie mit einer alternativen Struktur des Vorderhirns früher nicht für möglich gehaltene, hoch entwickelte kognitive Fähigkeiten. Dazu gehören vielfältiger Werkzeuggebrauch, kausale und analoge Gedankengänge, Selbsterkennung und andere Fähigkeiten. Das gilt vor allem für Rabenvögel, Tauben und Papageienvögel. Die in der Klasse der Insekten spät evolvierten eusozialen Bienen sind zu individuellem Denken befähigt, wie vor allem Randolf Menzel analysierte. Ihr großer Pilzkörper, ein analoges Teil zum Neocortex der Wirbeltiere, ist involviert in das Farbgedächtnis, Duftkarte, Lernen zweiter Ordnung, kontextuelles Lernen und symbolisches Lernen mit einem „quasi-episodischen“ Gedächtnis. Oktopusse zeigen ebenfalls eine im Vergleich zu den Wirbeltieren konvergente Gehirnentwicklung mit ähnlichen Strukturen, die für das Lernen fundamental sind. Ihre mentalen Fähigkeiten sind mit denen vieler Säugetiere vergleichbar.
Wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund Überlegungen Darwins zur Herkunft des Denkens Charles Darwin äußert sich in seinem Buch Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl (1871) ausführlich zur evolutionären Herkunft der geistigen Fähigkeiten des Menschen und der Tiere.Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen. Nach d. dt. Übersetzung v. Heinrich Schmidt 1908. Fischer Taschenbuch Verlag, 2009, ISBN 978-3-596-90145-6, S. 80ff. Er sagt darin, wir könnten keine Überzeugung davon haben, dass sich unsere hohen geistigen Fähigkeiten stufenweise entwickelt hätten, wenn unsere geistigen Kräfte grundverschieden von denen der Tiere wären.Darwin 2009, S. 81. Er sieht in den geistigen Fähigkeiten „kein(en) fundamentalen Unterschied zwischen den Menschen und den höheren Säugetieren“.Darwin 2009, S. 81f. Im Folgenden bespricht er eine Vielzahl von Beispielen aus der Tierwelt. Im Einzelnen geht er ein auf Aufmerksamkeit,Darwin 2009, S. 91f. Gedächtnis,Darwin 2009, S. 82f. PhantasieDarwin 2009, S. 93. und Verstand.Darwin 2009, S. 93f. Im Weiteren nimmt er auch zu Nachahmung, Vergleichung und Wahl Stellung und betont ihre verschiedensten Abstufungen. Er führt an, dass wir aus den Begleiterscheinungen einer Handlung darauf schließen können, ob sie aus dem Instinkt, aus dem Verstand oder aus einer bloßen Ideenassoziation hervorgeht. Kritischen Ansichten seiner Zeitgenossen zur Evolution des Denkens begegnet er einzeln. Dazu gehören die Anschauung, dass kein Tier die Fähigkeit zur Abstraktion besäße, allgemeine Begriffe bilden könne, Selbstbewusstsein habe,Darwin 2009, S. 99. Werkzeuge benutzeDarwin 2009, S. 101. oder über Sprache verfüge.Darwin 2009, S. 108ff. Alle diese Ansichten entkräftet Darwin. Er schließt mit der Bemerkung: Wenn die genannten Fähigkeiten, die er bei den Tieren sehr unterschiedlich ausgeprägt sieht, einer Ausbildung (Evolution) fähig sind, dann sei es nicht unwahrscheinlich, dass die kompliziertesten Fähigkeiten wie Abstraktion und Selbstbewusstsein und andere sich aus den einfacheren entwickelt haben.Darwin 2009, S. 105. Auf die Frage, warum der Intellekt des Affen nicht so weit entwickelt ist wie beim Menschen, antwortet er, dass es lediglich die Unwissenheit über die aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen sei, die verhindere, exaktere Antworten hierzu geben zu können.Darwin 2009, S. 112. Zusammengefasst ist es Darwins Absicht, die Unterschiede der intellektuellen Fähigkeiten zwischen Mensch und Tier als graduell und nicht prinzipiell darzulegen.Darwin 2009, S. 156ff.
Wissenschaftliche Standpunkte zu Beginn des 21. Jahrhunderts Nach Darwin beginnen gegen Ende des 19. Jahrhunderts Psychologen Konzepte zu entwickeln, dass der Mensch nicht nur hinsichtlich seiner körperlichen Form, sondern auch im Hinblick auf sein Verhalten und seine Kultur ein Produkt seiner evolutionären Vergangenheit ist. Der Behaviorismus unterbricht neben anderen Konzepten diese Denkrichtung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Danach konnte der Geist kein Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion sein, da er nicht unmittelbar beobachtet werden konnte. Die Archäologie war lange diesem Grundsatz verhaftet und schloss viele Fragen zur Erforschung der Evolution des Menschen aus, etwa Gefühle und Absichten.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts existieren kaum noch Zweifel daran, dass der Mensch nicht nur in seinem Handeln und seiner kulturellen Einbettung, sondern auch in seinem Denken ein legitimes Forschungsinteresse für Anthropologen, Biologen und Psychologen ist, die heute überwiegend von der Überzeugung geleitet sind, dass sich neben unseren kulturellen Leistungen auch unsere geistigen Fähigkeiten auf der Grundlage unserer Phylogenese erklären lassen.Evolutionäre Psychologie. In: Achim Stephan, Sven Walter (Hrsg.): Handbuch Kognitionswissenschaft. J.M. Metzler 2013, S. 119–124. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei zentrale evolutionsbezogene Thesen. Erstens: Evolution durch natürliche Selektion und Adaptation ist der einzige bekannte natürliche Prozess, der eine komplexe Struktur wie den menschlichen Geist hervorbringen kann. Die Merkmale des Denkens, die wir heute besitzen, sind adaptiv, weil sie für unsere Vorfahren im natürlichen Ausleseprozess vorteilhaft waren (Evolutionäre Erkenntnistheorie). Zweitens: Evolution ist langfristig. Unser Geist ist daher durch die Herausforderungen geformt, denen der Mensch in seiner natürlichen Umgebung ausgesetzt war. Während der größten evolutionären Zeitstrecke waren unsere homininen Vorfahren Jäger und Sammler. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Einbeziehung der menschlichen Kultur und der Kooperationsgedanke zunehmend zu wichtigen Säulen bei der Erforschung der Evolution des menschlichen Verhaltens. Der Rahmen der Synthetischen Evolutionstheorie, die lange auf das Survival of the Fittest begrenzt war, wurde dadurch erweitert.
Vormenschliche, frühmenschliche und menschliche Denkentwicklung Verhältnis der Entwicklung moderner Gehirnstruktur zur menschlichen Entwicklung Die Frontallappen der Gehirne früher Homo aus Afrika und einer Fundstelle in Georgien zeigten, laut einer Studie, bis vor etwa 1,5 Millionen Jahren eine Großaffen-ähnliche Struktur auf. Die Homo-Linie evolvierte also nicht nur (~2,5 Mya), sondern breitete sich auch erstmals außerhalb Afrikas aus und entwickelte den aufrechten Gang, bevor die entsprechende Reorganisation des Gehirns stattfand.
Genetische Faktoren
Wichtige Unterschiede hängen von der Entwicklung nicht-kodierender genomischer Regionen ab, die an der Regulation der Genexpression beteiligt sind. Dies führt zu einer unterschiedlichen Expression von Genen während der Entwicklung des menschlichen Gehirns im Vergleich zu anderen Arten, einschließlich Schimpansen. Einige dieser Regionen evolvierten schnell im menschlichen Genom („human accelerated regions“). Die neuen Gene, die während der humanen Neurogenese exprimiert werden, sind insbesondere mit den NOTCH-, WNT- und mTOR-Signalwegen verbunden, sind aber auch an ZEB2, PDGFD und seinem Rezeptor PDGFRβ beteiligt. Die menschliche Hirnrinde ist auch durch einen höheren Gradienten der Retinsäure in der präfrontalen Kortex gekennzeichnet, was zu einem höheren präfrontalen Cortexvolumen führt. All diese differentielle Genexpression führt zu einer höheren Proliferation der neuronalen Vorläuferzellen, die zu mehr Neuronen in der menschlichen Großhirnrinde führt.
ZEB2 Eine Studie mit Organoiden zeigt auf, dass Gene – oder Genexpression – insbesondere ZEB2, für eine verzögerte Formveränderung der frühen Gehirnzellen das – im Vergleich zu anderen Affen – relativ große menschliche Vorderhirn verursachen.
MCPH1 Chinesische Wissenschaftler berichteten, dass sie das menschliche MCPH1-Gen in Laborrhesusaffen einfügten, was dazu führte, dass die transgenen Affen besser abschneiden und bei „Kurzzeitgedächtnistests die das Verbinden von Farben und Formen beinhalten“ schneller antworten, verglichen mit der Kontrollgruppe nicht-transgener Affen.
Hypothese der Intentionalitätsentwicklung Das Konzept der geteilten Intentionalität von Tomasello Der Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello stellt die Evolution des Denkens als Weg von den nicht menschlichen Menschenaffen über die Frühmenschen zum heutigen Menschen dar. Dabei werden drei Stufen der Evolution des Denkens unterschieden: Individuelle Intentionalität bei den Menschenaffen sowie unter dem Überbegriff geteilte Intentionalität die beiden Formen gemeinsame Intentionalität bei den Frühmenschen und kollektive Intentionalität beim modernen Menschen. Intentionalität bedeutet die selbstregulierende, kognitive Art und Weise des Umgangs mit Dingen.Michael Tomasello Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens. Suhrkamp, 2014. Original: A Natural History of Human Thinking. Harvard University Press. ISBN 978-3-518-58615-0, S. 23. Zusammenfassend lässt sich nach Tomasello sagen: Der moderne Mensch denkt mittels geteilter Intentionalität, um zu kooperieren,Michael Tomasello 2014, S. 186. während sich Menschenaffen größtenteils individualistisch verhalten.Tomasello, Michael. 2014, S. 60. Hierbei ist die seines Erachtens auf dem Weg über symbolische Zeigegesten entstandene SpracheMichael Tomasello 2014, S. 84. der Schlussstein der menschlichen Kognition und des Denkens und nicht ihr Fundament.Michael Tomasello 2014, S. 186.
Individuelle Intentionalität der Menschenaffen mini|Schimpansen können denken.