L’Argenore oder Argenore (1740),Zitiert meist Argenore ohne Artikel. laut Libretto-Titel eine Tragedia, ist eine fatalistisch konzipierte Opera seria von Wilhelmine von Bayreuth. Von mehreren Opern,Weitere sind brieflich angedeutet, z. B. im Brief vom August 1740 (Volz Briefe I), die Wilhelmine während ihrer 20-jährigen, offiziellen Leitung der Hofmusik (1737–1758) in der fränkischen Residenzstadt Bayreuth schuf, ist Argenore die einzige überlieferte mit ihrer eigenen Musik.Wilhelmines persönliche Notensammlung ist verschollen, sodass von ihren musikalischen Werken bisher nur wenige Einzelfunde auftauchten: 1957 Oper Argenore (Staatsbib. Ansbach), Cembalokonzert HAB-(Katalog 1890, darin auch zwei Cavatinen zu L’Huomo), Flötensonate (durch Nikolaus Delius. Erstveröffentlichung 2006). Auch das (vermutlich französische) Sujet von Argenore, die (verschollene) Textvorlage, stammt von der Komponistin,Siehe Vill 1993, Hegen 1993, Müller-Lindenberg 2005. womit sie Richard Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk aus einer Hand vorgriff. Das tat sie in einer Zeit, als in Deutschland die traditionsreichsten barocken Opern-Bühnen geschlossen waren.Ansbach, Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart. Siehe Reinhard Strohm: Die Epochenkrise der deutschen Opernpflege. In: Johann Sebastian Bachs Spätwerk und dessen Umfeld. Bericht über das wissenschaftliche Symposion anlässlich des 61. Bachfestes der Neuen Bachgesellschaft, Duisburg 1986, hg. von H. C. Wolff, Kassel usw. 1988, S. 155–166. Zwar in italienischer Sprache komponiert (italienisches Libretto: Giovanni Andrea Galletti), wurde Argenore vom Schott-Musik-Verlag International in die Serie Das Erbe deutscher Musik aufgenommen. Nach der späten Wiederentdeckung der autographen Partitur im Jahr 1957, insbesondere erst seit der Erst/Uraufführung 1993 durch die Universität Erlangen ist diese Oper Gegenstand musikwissenschaftlicher Forschung und Diskussion.

Autographe Partitur Die Musik, bzw.  die autographe Partitur der Oper Argenore in „braunem, mit Kibitzmarmor bezogenem Halbledereinband“Quellenbeschreibung in: Wolfgang Hirschmann (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth, Argenore (1740). Schott Musik International, Mainz 1996, Abteilung Oper und Sologesang, Bd. 13, S. 293. Wann die Partitur gebunden wurde, ist nicht bekannt. Laut Hirschmann stammt das „Vorsatzblatt aus der Entstehungszeit der Handschrift“. war bis Mitte des 20. Jahrhunderts unbekannt.Musik in Geschichte und Gegenwart1, Bd. I, 1949–1951, Artikel Bayreuth, Sp. 1455. 1957 wurde sie in der Staatlichen Bibliothek Ansbach als Werk der Komponistin Wilhelmine von Bayreuth identifiziert. Ohne Titelblatt und persönliche Signatur stand sie bis dahin bei den Anonyma.Siehe alter Katalog Ansbach. Dass es sich bei der Partitur um Wilhelmines persönliche Handschrift handelt, erkannte in den 1980er Jahren Joachim Bauer. S. Hans-Joachim Bauer: Rokoko-Oper in Bayreuth. „Argenore“ Faksimile der Markgräfin Wilhelmine. Laaber 1983, S. 24. Seit man Wilhelmines Notenschrift kennt, besteht die Chance, weitere Kompositionen von ihr aufzuspüren. So wurde 2002 von Nikolaus Delius eine Flötensonate im westfälischen Schloss Herdringen wiederentdeckt. Die Partitur-Handschrift ist in vollständigem Zustand, enthält aber weder Ouvertüre noch Prolog. Wolfgang Hirschmann, der Herausgeber der modernen kritischen Ausgabe,Schott-Verlag, Mainz 1996 (Das Erbe Deutscher Musik) beschreibt die Partitur als ein Konzept-Autograph, das noch nicht die endgültige Fassung darstellt.Hirschmann 1996, S. 293. Anderes musikalisches Material der Oper ist nicht überliefert. Laut Brief wollte Wilhelmine ihrem Bruder Friedrich dem Großen Abschriften von Arien ihrer Oper schicken, solche sind bisher nicht aufgetaucht. Hirschmann entdeckte, dass eine Arie in Carl Heinrich Grauns Oper Montezuma (Berlin 1755, Libretto: Friedrich der Große) ein musikalisches Arienthemen-Zitat aus Argenore enthält, was bedeuten könnte, dass Wilhelmines Opernmusik im musikalischen Kreis des Berliner Hofes bekannt war.Arie B-Dur des Tezeugo im 1. Akt Montezuma von C. H. Graun. S. Wolfgang Hirschmann: Bemerkungen zur affektischen Dramaturgie in Argenore. In: Argenore, Begleitheft zur Aufführung Okt./Nov. 1993 der Erlanger Universität, S. 22–25, S. 25.

Libretto Immer bekannt war das spätestens 1740 zweisprachig (italienisch/deutsch) in Bayreuth gedruckte Textbuch der Oper (italienischer Gesangstext von Giovanni Andrea Galletti), das im Titel Wilhelmine als Komponistin nennt: „La compositione della musica e di Sua Altezza Reale Federica Sofia Guglielmina“. Dagegen geht daraus nicht hervor, dass sie auch die Handlung erfand, jedoch stellt die Widmung des Italieners Galletti (1710?–1784),Hier aus der zeitgenössischen deutschen Übersetzung zitiert. an den „Durchlauchtigsten Markgrafen“ klar, dass ihm der „Innhalt“ so „aufgegeben“ war.Der Sänger und Librettist Galletti war in Bayreuth als Hofsänger bis 1744 engagiert. Weitere Libretti Gallettis für die Bayreuther Hofoper sind Lucidoro (1743), Sirace (1744) und L’Orfeo (Ms., o. J.). Später arbeitete er am Gothaer Hof mit den Opernkomponisten Anton Schweitzer und Georg Benda zusammen. Über ihn berichtet Rashid-S. Pegah in: Ungedruckte Libretti – handschriftliche Texte zur Musik aus dem Umfeld der Markgäfin Friederike Sophie Wilhelmine. In: Günter Berger (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth heute. Das kulturelle Erbe der Markgräfin. Archiv für Geschichte von Oberfranken, Sonderband 2009, , S. 231–240, S. 233 ff. Seit der Wiederaufführung 1993 besteht kein Zweifel, dass nur Wilhelmine als Autorin der verschollenen, wohl französischen Vorlage in Frage kommt, die von Galletti dann in die italienische Gesangssprache übersetzt wurde. Mit seiner Erklärung, dass die Vorgabe „keine andere Einrichtung und Ausführung“ duldete, entschuldigt er sich für den „Fehler“, ein „Trauer=Spiel“ zum Geburtstagsfest des Bayreuther Markgrafen zu setzen,Galletti: (Vorwort). nach Hirschmann einem „Stoff von extremer Tragizität, von nachgerade antiker Wucht, ein[em] ‚Trauerspiel‘ im emphatischen Sinne, in das Gefäß einer Opera seria […] gepresst“.So Wolfgang Hirschmann in: Opernkonzeptionen 2016, S. 51. Über den Verbleib der schriftlichen Vorlage Wilhelmines (bzw. ihrer eigenen) ist nichts überliefert.

12 der 26 Arientexte sind als Entlehnungen aus Operntexten anderer Autoren, insbesondere Metastasios, durch Asteriscus (Sternchen) markiert, damals gängige Praxis. Der Text-Übersetzer ins Deutsche blieb anonym. Ihre Librettosammlung, darunter L’Argenore, hat die Bayreuther Markgräfin mit ihrer Bibliothek der Friedrichs-Universität Erlangen vermacht, wo sie seit 1759 verwahrt wird.Link Exemplare des Librettos L’Argenore befinden sich darüber hinaus auch in anderen Bibliotheken.Z. B. UB Bayreuth, Gymnasiumsbibliothek Hof.

Argomento und „deus ex machina“ Das Argomento im Libretto („Innhalt“ [sic]) erzählt eine Vorgeschichte der Handlung im familiären Herrscher-Milieu, die auf der Bühne erst im Finale bekannt wird und den Grundstein für schreckliche Konsequenzen bildet. Dieses Finale, das dazu führt, dass sich König Argenore, die Titelfigur, auf offener Bühne erdolcht, bedeutet das Gegenteil eines Lieto fine – des guten Endes, das im Absolutismus an höfischen Theatern Usus war. Damit verwandelt sich in Argenore der Terminus Deus ex machina – ein seit der Antike gebräuchliches Coup de theatre zur Konfliktlösung  der Handlung – ins Gegenteil.

Gestaltung Partitur mini|400px|Markgräfin Wilhelmine und ihr Orchester, Herbst 1739. Sie am Cembalo, zu ihrer linken Seite ein offizieller Gast (Sänger Carestini?). Zur Rechten Umblätterer, hinter ihr zwei Hofdamen. In der hinteren Reihe Markgraf Friedrich mit der Flöte, neben ihm Sängerin in Aktion. Eine andere ganz rechts vor ihren Noten wartend. Sechs hohe Streicher und als Bassgruppe drei Fagotte, ein riesiger Kontrabass, ein Cello. Ganz links zwei männliche Beobachter. Das Bild war ein Geschenk an Bruder Friedrich in Berlin.Friedrichs Dankesbrief 1. November 1739. Die Opernpartitur weist eine Flöte, zwei Trompeten, zwei Oboen, Streicher und Basso continuo auf. Die Flöte wird als solistisches Instrument bei zwei Arien eingesetzt: Arien der beiden Kontrahenten Ormondo und Leonida. Nach Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters wurden angeblich sämtliche Gesangspartien für Kastraten konzipiert.Hans-Joachim Bauer: L’Argenore. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 6: Werke. Spontini – Zumsteeg. Piper, München/Zürich 1997, ISBN 3-492-02421-1, S. 740–742. Allerdings ist in einem Brief Wilhelmines bewiesen, dass die beiden weiblichen Rollen Palmida und Martesia von Frauen gesungen wurden.Irene Hegen: Wilhelmines Oper L’Argenore. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken, 83. Band, Bayreuth 2003, , S. 329 f, hier S. 331/332: Brief vom 30. April 1740 über Querelen der Sänger: „(…) nos 2 Chantteuses sont le seules qui sont sa“ (unsere beiden Sängerinnen sind als einzige vernünftig), siehe Brandenburg-Preußisches Hausarchiv Rep. 46 W Nr. 9, 17 vol. 5, 15.

Bühne Das für Argenore errichtete bzw. umgebaute „théatre de l'opéra“ – so Wilhelmines Ausdruck (noch vor dem Bibiena-Opernhaus, das heute Weltkulturerbe ist) – im mittleren Stock des Bayreuther Redoutenhauses schuf der venezianische Theatermann Giovanni Paolo Gaspari, von dem auch die Bühnenbilder dieser Oper „von erstaunlichem szenischen Aufwandt“ stammten, von denen heute nichts erhalten ist. Das schreibt Eckehart Nölle sowie auch, dass die Bühne „ohne Kulissen, Soffitten und Prospekt“ nicht auskommen konnte.Eckehart Nölle: Die Theatermaler Gaspari. Ein Beitrag zur Geschichte des Bühnenbildes und des Theaterbaus im 18. Jahrhundert. Diss. München 1966, S. 32 und 33. Nölle beschreibt auch die Szenerie, die dem Libretto zu Argenore zu entnehmen ist: „Platz, Vorhof, königliche Gemächer, Hafen, Kerker und Tempel.“

Dramaturgie Auf den Tod des Herrschers hin ist die Handlung konzipiert. Die „tragedia“ L’Argenore folgt zunächst formal dem italienischen Dramma per musica, der in Europa erfolgreichen dreiaktigen sogenannten Opera seria, wie sie der kaiserliche Hofdichter in Wien, der Italiener Pietro Trapassi – genannt Metastasio – schuf.Über Opera seria siehe Albert Gier: Das Libretto – Theorie und Geschichte. Insel Taschenbuch 2666, Frankfurt a. M. 2000, ISBN 3-458-34366-0, S. 112–133. Sie beginnt mit einem Oboen- und Trompeten-verzierten Anfangschor in der strahlenden Bläsertonart D-Dur, wird von ausgedehnten Rezitativen und 26 (25) Da-capo-Arien erzählt und endet in fahlem c-Moll mit einem Accompagnato-Rezitativ des sich tötenden Argenore.