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mini|Münzporträt des Hadrian mini|Diorama des Kastells, Zustand im 2. Jahrhundert n. Chr.

Vercovicium oder Borcovicium war ein römisches Hilfstruppenkastell in Northumbria, im Nordosten von England, Parish Bardon Mill (Housesteads Farm, Haydon Bridge), einem Ortsteil der Stadt Hexham.

Es gehörte zu der aus insgesamt 16 Kastellen bestehenden Festungskette des Hadrianswalls (per lineam valli) und sicherte dessen mittleren Abschnitt. Das Lager wurde etwa 300 Jahre, vermutlich von 122 bis 400 n. Chr., vom Militär genutzt. Vercovicium wurde über dem dort schon bestehenden Wall und einem Wachturm errichtet. Das Kastell wurde mehrmals repariert und umgebaut. Die heute sichtbaren Mauerreste stammen zum überwiegenden Teil aus der späten Regierungszeit des Hadrian (um 138) und dem 3. Jahrhundert n. Chr. In der provinzialrömischen Archäologie ist Housesteads vor allem für die am besten erhaltene Gemeinschaftslatrine des römischen Britanniens bekannt. Südlich und östlich des Lagers breitete sich eine Zivilsiedlung aus. Aus poströmischer Zeit ist ein Gebäude mit Apsis nachweisbar. Am Südtor sind noch die Reste eines befestigten Farmhauses (bastle) aus dem Spätmittelalter zu sehen. Aufgrund seiner hervorragend erhaltenen Wehranlagen, der Zivilsiedlung sowie einiger romano-britischer Kultstätten zählt Housesteads zu den sehenswertesten archäologischen Stätten in Großbritannien.

Name Der antike Ortsname bezog sich wohl in erster Linie auf die Zivilsiedlung südlich des Kastells. Eine beim Kastell aufgefundene Altarinschrift, gewidmet von der friesischen Kohorte dem Mars Thincsus und den Alaisiagae, enthält die Buchstaben „VER“.RIB 1594 Er bedeutet wohl „Die Siedlung auf dem Abhang“ (lateinisch: vergere = Neigung + vicus = Dorf/Siedlung). Auch das Kastell scheint von den Römern als Vercovicium bezeichnet worden zu sein. In der Notitia dignitatum, einem Verzeichnis der höchsten römischen Staatsämter aus dem frühen fünften Jahrhundert, ist es als Borcovicium oder Borcovicus eingetragen. In der Kosmografie des Geographen von Ravenna ist der Ort als Velurtion verzeichnet. Durch den Inschriftenbeleg ist die Verschreibung Bor- aus Ver- offenkundig. Die früheste Erwähnung des heutigen Ortsnamens House Steads (das feste Haus) stammt aus dem 16. Jahrhundert, damals errichtete Nicholas Crane of Bradley innerhalb der Ruine des Südtores ein befestigtes Farmgebäude, ein sogenanntes Bastle house.Alan Rushworth, 2009, S. 329, Frank Graham, 1979, S. 101.

Lage Housesteads ist das achte Glied in der Festungskette des Hadrianswalls (vallum aelium) und sicherte dessen mittleren Abschnitt. Das Kastell stand direkt auf einem Grat der Whin Sills, am östlichen Ende des ca. 1,6 km langen Whinstone Crag zwischen dem Tal des Knag Burn im Osten und dem des Bradley Burn im Westen, etwa 8,5 km westlich von Carrawburgh. Sein Areal fällt nach Süden und Westen leicht ab. Von dort aus hatte man eine hervorragende Sicht auf das Umland. Im späten 2. Jahrhundert gehörte die Region um Vercovicium zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda.Guy de la Bedoyere, 1998, S. 74.

Forschungsgeschichte Housesteads ist für die Archäologie das bedeutendste Kastell am Hadrianswall. Sein Areal wird seit dem 18. Jahrhundert erforscht. Im Jahre 1708 notierte ein – namentlich heute nicht mehr bekannter – Besucher des Kastells, dass sich die Zivilsiedlung 700 Yards von Ost nach West und 400 Yards von Nord nach Süd erstreckte. Der Antiquar Alexander Gordon beschrieb im Jahre 1724 die Überreste von Straßen des Vicus. Von Housesteads existieren mehr frühe Abbildungen (Aquarelle und Zeichnungen) als von jedem anderen Lager des Walls. Besonders der Historiker William Stukeley, der Housesteads im Jahre 1725 besuchte, erweckte mit seinen Skizzen und der Beschreibung der Stätte das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit für die Kastellruine (veröffentlicht 1776 im Itinerarium Curiosum) und bezeichnete sie auch als das „Tadmor Britanniens“.Alan Rushworth, 2009, S. IX

Es war eines der fünf Wallkastelle, die im 18. Jahrhundert in den Besitz des Altertumsforschers John Clayton gelangten. Als Teil seines Roman Wall Estate war das Kastell eines der frühesten Versuche in Großbritannien, römische Baudenkmäler nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten auszugraben, zu konservieren und sie damit auch für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Clayton, nebenbei auch erfolgreicher Anwalt und Stadtschreiber von Newcastle u. T., begann nach und nach Ländereien rund um den Wall aufzukaufen, um dort dem ständigen Steinraub ein Ende zu setzen. Später ließ er römische Bausubstanz teilweise wiederherstellen. Er war damit auch einer der Begründer der modernen Archäologie am Hadrianswall. Besonders machte er sich um die Erhaltung der römischen Baudenkmäler im Mittelteil des Walls verdient. Dieser am besten erhaltene Abschnitt des Walls wird heute noch als „Clayton Wall“ bezeichnet. Das Kastell avancierte zu einem Fixpunkt im Besuchsprogramm der bedeutendsten Antiquare Englands. Im Jahre 1801 berichtete William Hutton u. a. von „zwanzig Straßen eines sehr großen Vorortes“, die er am Gelände des vicus zählte. Gemeint waren damit die künstlich aufgeschütteten Terrassen, auf denen die Wohnbauten einst errichtet worden waren. Erste Probegrabungen am Kastell fanden zwischen 1822 und 1831 auf Initiative des Pfarrers John Hodgson statt. Seine Eindrücke hielt er in zahlreichen Illustrationen in seinen Notizbüchern fest. 1886 entstanden die ersten Fotografien des Lagers (Westtor). Weitere Grabungen wurden von 1898 bis 1910 durchgeführt. Im Jahre 1904 erstellte R. C. Bosanquet den ersten Gesamtplan des Kastells.J. Collingwood-Bruce, 1966, S. 112.

Die einzige größere Ausgrabungskampagne im Vicus wurde in den frühen 1930er Jahren von Eric Birley in Angriff genommen. Von den 27 bekannten Gebäuden wurden aber nur sechs vollständig ausgegraben. Im Jahre 1930 erwarb G. M. Trevelyan das Kastellareal und übergab es anschließend in die Obhut des National Trusts, der ein Museum zur Aufbewahrung und Ausstellung der Funde gründete. 1945 führten Frank Simpson und Ian Richmond eine Ausgrabung am Nordwall durch und entdeckten dabei u. a. die Fundamente des Walls und die des Wachturms 36B. 1951 wurde das Museum eröffnet und zunächst vom Ministry of Works betrieben. Im gleichen Jahr wurde ein Konservierungsprogramm für die bestehenden Mauern initiiert. Charles Anderson, Vorarbeiter des Grabungsteams von den späten 1950er Jahren bis Anfang der 1970er Jahre fertigte hierfür zahlreiche Fotografien an. 1954 erforschte D. Smith die Principia des Lagers. Von 1974 bis 1981 wurde das Lager von Charles Daniels, John Gilliam und James Crow (Newcastle University) untersucht. Dabei konnte die Nordost-Umwehrung des Kastells fast vollständig freigelegt werden. James Crow entdeckte 1976 eine römische Wasserleitung, die von einem Brunnen am Fuß des Chapel Hill ihren Ausgang nahm. Im Jahre 1987 untersuchte Crow die Terrassen zwischen der Housesteads Farm und dem Museumsgebäude, ein Jahr später das Walltor am Knag Burn. Die Ergebnisse dieser Ausgrabungen wurden mit den zwischen 1959 und 1961 durchgeführten Grabungen von Mitarbeitern der Durham University (Leitung John Wilkes) ausgewertet. Damit konnte ein nahezu vollständiger Plan des nordöstlichen Teils des Lagers erstellt werden. Die Untersuchungen konzentrierten sich hauptsächlich auf die Gebäude XIII (Kommandantenhaus), XIV und XV (Mannschaftsbaracken und Lagerhaus im Nordost-Sektor) sowie Abschnitte der Lagerumwehrung zwischen dem Nord- und Osttor. 1995 konnte Peter Hill anhand von Mauerputzanalysen von den Kastelltoren nachweisen, dass der Bau des Kastells zweimal unterbrochen werden musste. Zahlreiche dort geborgene Inschriften und Skulpturen boten einen umfangreichen Einblick in die Lebens- und Glaubenswelt der römischen Besatzung. Auch einige Gebäude der Zivilsiedlung und Tempel außerhalb der Kastellmauern wurden genauer untersucht. Bei den Ausgrabungen wurde im Laufe der Jahre auch eine große Anzahl von Tierknochen freigelegt. Sie stammten von Ochsen, Schafen, Schweinen und Rotwild. Eine geophysikalische Untersuchung des Vicus wurde im April 2003 durchgeführt.Guy de la Bedoyere, 1998, S. 74, Alan Rushworth, 2009, S. XVIII.

Heute werden Museum und Kastell vom English Heritage betreut. Weitere Funde aus den Grabungen in Housesteads befinden sich in den Sammlungen des Museums in Chesters und im Museum of Antiquities in Newcastle upon Tyne. Die Befestigungen und einige Innengebäude wurden komplett ausgegraben und konserviert. Die Fundamente der meisten Gebäude des vicus wurden wieder zugeschüttet.Siehe hierzu auch den Artikel: R. W. Davies, The Roman Military Diet. Britannia II, 1971, S. 122–142, A. Rushworth English Heritage, 2009.

Entwicklung 2. Jahrhundert 122 befahl Kaiser Hadrian, im Norden Britanniens eine Sperrmauer, verstärkt durch Wachtürme und Kastelle, vom Tyne bis zum Solway Firth zu errichten, um die britischen Provinzen vor den ständigen Einfällen der Pikten aus dem Norden zu schützen. Der Wall wurde größtenteils durch Soldaten der drei in Britannien stationierten Legionen und Seeleuten der Classis Britannica errichtet.

Auch das Kastell wurde wohl gleichzeitig mit dem Wall oder kurz danach erbaut und zählt zu den ersten Kastellen am vallum aelium. Es gibt Anzeichen für eine vorrömische Siedlungsaktivität bei Housesteads. Unter dem Gebäude XIII wurden Spuren landwirtschaftlicher Tätigkeit (sogenannte Cord Rig-Kultivierung, eine Anbaumethode im prähistorischen Britannien) entdeckt. Die ersten römischen Bauten, die an diesem Standort fertiggestellt wurden, waren die des Hadrianswalls entlang dem nördlichen Rand am Grat der Whin Sills. Die Felskante bei Housteads begünstigte besonders die Verteidigung der Nordflanke des Kastells. Seine Ausrichtung legt nahe, dass das Lager in erster Linie Einfälle nordbritischer Stämme am Taleinschnitt des Knag Burn verhindern sollte. Weiters sollte es eines der alten Stanegatelager, Vindolanda, als Grenzfestung ersetzen, das etwa drei Kilometer entfernt lag. Ein Vorteil dieses Standortes waren auch die ergiebigen Sand- und Kalksteinvorkommen, die in unmittelbarer Nähe abgebaut werden konnten (Spuren von mehreren römischen Steinbrüchen und Kalkbrennöfen).Alan Rushworth, 2009, XVIII

Der Bau der Festung begann, bevor die Mauer bei Housesteads bzw. Meilenkastell 37 nach Westen weitergeführt wurde. Eine Brandgrab in der Nordwestecke lässt vermuten, dass dazwischen wohl mehr als ein Jahr verging. Verstorbene wurden immer außerhalb der Kastelle und Siedlungen bestattet. Das Brandgrab muss also schon vor ihrem Bau angelegt worden sein. Die Arbeiten an der Mauer bei Housesteads wurden erst wieder aufgenommen, als die Kastellmauern vollständig aufgebaut waren. Um 138, am Ende der Regierungszeit Hadrians, waren am Wall rund 10.000 Mann stationiert. Die archäologischen Beweise deuten auf einen relativ friedlichen Grenzabschnitt hin. Vier Jahre nach seinem Tod ordnete sein Nachfolger, Antoninus Pius (138–161), den Bau eines zweiten Walls (vallum antonini), am Forth-Clyde-Isthmus in Schottland an. Fast die gesamte Besatzung des Hadrianswalls wurde daraufhin an den Antoninuswall verlegt. Die meisten Soldaten der Tungrerkohorte wurden weiter nach Norden in das Kastell Castlecary abkommandiert. Die Ausgrabungen in Housesteads lieferten aber keine Beweise dafür, dass es vollständig aufgegeben wurde. Das Lager war weiterhin von Soldaten besetzt. Eine dem Gott Cocidius geweihte Inschrift, vermutlich aus dem späten 2. Jahrhundert, berichtet, dass dort u. a. Legionäre ihren „Garnisonsdienst“ verrichteten. Ab 160 wurde der Antoninuswall Zug um Zug aufgegeben. Die Grenztruppen wurden wieder zurück an den Hadrianswall verlegt. In Housesteads stand nun wieder die Tungrerkohorte und blieb dort bis zum Ende der römischen Herrschaft über Britannien.

3. Jahrhundert