Die Brandgans (Tadorna tadorna) ist eine Art aus der Familie der Entenvögel, die zur Tribus der Halbgänse (Tadornini) gehört. Halbgänse ähneln in ihrem Habitus Gänsen, sie haben jedoch auch Merkmale, wie sie für Eigentliche Enten charakteristisch sind. Vor allem in älterer Literatur findet man daher für diese Art die Bezeichnung Brandente.
Die Brandgans kommt in zwei voneinander getrennten Populationen vor, die etwas unterschiedliche Lebensräume nutzen. In Europa ist die Brandgans eine Art, die sich vor allem an der Küste aufhält. Die asiatische Population lebt überwiegend an salzigen und brackigen Steppengewässern. Es werden trotzdem keine Unterarten für diese Art unterschieden.Janet Kear (Hrsg.): Ducks, Geese and Swans. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-854645-9, S. 420
Name Die wissenschaftliche Artbezeichnung tadorna ist die latinisierte Form der französischen Bezeichnung für diesen Entenvogel. Die Bezeichnung Brandgans leitet sich möglicherweise von einem der charakteristischen Merkmale dieser Art ab, nämlich dem rostbraunen Brustband. Dies wäre dann ähnlich wie bei der inzwischen veralteten Bezeichnung Brandfink für den Karmingimpel.Die Silbe Brand taucht bei einigen Tier- und Pflanzennamen auch im Sinne von „angebrannt“ auf und weist darauf hin, dass das Erscheinungsbild schwarz gefleckt oder ein Körperteil schwarz ist. Aus solch einem Grund tragen Brandknabenkraut und Brandfuchs ihren Namen. Carl von Linné sah in der deutschen Bezeichnung einen Hinweis auf ein Leben dieses Entenvogels in der Brandung. In diesem Falle wäre der Name jedoch nicht treffend, denn Brandgänse meiden die Brandung. Vgl. Viktor Wember: Die Namen der Vögel Europas – Bedeutung der deutschen und wissenschaftlichen Namen, Aula-Verlag, Wiebelsheim 2007, ISBN 978-3-89104-709-5, S. 81 In älterer Literatur findet man gelegentlich auch noch die Bezeichnung Fuchsgans für diese Art, da die Brandgans gelegentlich in Fuchsbauen brütet.Viktor Wember: Die Namen der Vögel Europas – Bedeutung der deutschen und wissenschaftlichen Namen, Aula-Verlag, Wiebelsheim 2007, ISBN 978-3-89104-709-5, S. 82Kosmos, Band 69, 1973
Beschreibung Adulte Vögel mini|Männchen im Ruhekleid mini|Ein Weibchen plustert seine Federn auf zum Putzen.
Brandgänse erreichen ausgewachsen eine Körperlänge von 58 bis 67 Zentimetern und haben eine Flügelspannweite von 110 bis 133 Zentimetern. Das Gewicht schwankt sehr stark. Bei einer Untersuchung im Südwesten des Kaspischen Meeres wogen die Männchen im Februar zwischen 830 und 1500 Gramm. Das durchschnittliche Gewicht betrug 1180 Gramm. Weibchen waren mit durchschnittlich 813 Gramm und einer Gewichtsspannbreite von 562 bis 1085 Gramm deutlich leichter. Die Art hat eine gänseartige Gestalt und ist auf Grund der auffallend kontrastreichen Färbung des Gefieders unverwechselbar. Durch die Gefiederfärbung besteht zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit der Löffelente, die Größe der Brandgans, ihre Langbeinigkeit sowie ihre Körperhaltung und ihr kurzer Schnabel schließen jedoch aus, dass sie mit dieser Ente verwechselt werden kann.
Im Prachtkleid sind beim Männchen der Kopf und der Vorderhals leicht schillernd schwarzgrün. Von den Schultern ausgehend verläuft je Körperseite ein grünschwarzes Längsband nach hinten. Rund um die vordere Brust und den vorderen Rücken zieht sich ein breites rotbraunes Band. Ausgehend von der braunen Brust verläuft ein weiteres schwarzes Band zum Bauch. Das Körpergefieder ist ansonsten überwiegend weiß.
Die Federn der Handschwingen sowie die Innenfahnen der Armschwingen sind an ihrer Basis weiß. Ansonsten sind die Handschwingenfedern sowie die Innenfahnen der Armschwingenfedern schwarz, während die Außenfahnen der Armschwingenfedern stark bronzegrün schillern.Roy Brown, John Ferguson, Michael Lawrence, David Lees: Federn, Spuren und Zeichen der Vögel Europas, 3. Auflage, Aula-Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-89104-666-9, S. 248 Am Unterschwanz und am Ellenbogen finden sich rotbraune Abzeichen. Das Unterschwanzgefieder ist ocker, und der weiße Schwanz hat eine schmale schwarze Endbinde. Das eindeutigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden Geschlechtern ist während der Fortpflanzungszeit der rot gefärbte Schnabelhöcker, der sich nur beim Männchen ausbildet. Seine Größe variiert in Abhängigkeit von der Größe der Hoden. Der Schnabelhöcker bildet sich zurück, noch während das Weibchen brütet, und der Schnabel wird wieder dunkel rotbraun.
Im Ruhekleid sind die Farben etwas stumpfer. Die Übergänge vom weißen Körpergefieder zum rostbraunen Brustband sind dann fließender. Der Kopf wirkt mehr braunschwarz als schwarzgrün. Am Gesicht und an der Kehle sind vereinzelt weiße Federn erkennbar, die fleckförmig wirken können. Der schwarze Bauchstreif ist in dieser Zeit nur angedeutet oder kann ganz fehlen.Hartmut Kolbe: Die Entenvögel der Welt. Ulmer Verlag 1999, ISBN 3-8001-7442-1, S. 142Einhard Bezzel: BLV Handbuch Vögel, BLV Verlagsgesellschaft, München 1996, ISBN 3-405-14736-0, S. 112Rutschke, S. 322 und 323
Anders als bei den meisten Enten besteht bei der Brandgans nur ein gering ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus. Die Weibchen sind lediglich bis zu einem Drittel kleiner als die Männchen, und während der Fortpflanzungszeit ist das Gefieder des Männchens etwas kontrastreicher als das des Weibchens. Auch beim Weibchen schimmern Kopf und Vorderhals während der Fortpflanzungszeit schwarzgrün. Beim Weibchen sind allerdings das rotbraune Brustband und der schwarze Bauchstreif etwas schmaler als beim Männchen und etwas farbschwächer ausgebildet. Im Ruhekleid wirkt sein Kopf brauner als der des Männchens. Bei einzelnen Weibchen ist die Schnabelbasis schwärzlich.
Die Bewegungen der Brandgänse im Flug ähneln denen der Gänse. Brandgänse fliegen gewöhnlich niedrig. Große Scharen fliegen meist in unregelmäßigen Linien- oder Bogenformationen; die durchschnittliche Fluggeschwindigkeit über Grund ziehender Brandgänse beträgt 95 km/h und kann bei günstigen Windverhältnissen bis 195 km/h betragen. Fliegende Brandgänse sind wegen ihrer weißen Flügel mit dem grünen Spiegel sowie ihres auffällig kontrastreichen Körpergefieders einfach zu identifizieren. mini|Brandgans-Weibchen mit zwei Jungvögeln mini|Brandgans auf Salzwiese mini|Junge Brandgans. Das Alter ist unter anderem am weißen Fleck im Gesicht zu erkennen.
Dunen- und Jugendkleid Die Dunenküken haben ein sehr kontrastreiches schwarzbraun-weißes Gefieder. Die Kopfplatte, ein über den Hals und den Rücken bis zum Bürzel verlaufender Streifen, sowie die Schultern und die Schenkelseiten sind schwarzbraun. Ein dunkler Fleck jeweils hinter und unter dem Auge unterscheidet die Dunenküken von denen der Rostgans. Bei frisch geschlüpften Dunenküken ist der Schnabel blass blaugrau mit einer rosafarbenen Farbschattierung unmittelbar an der Schnabelbasis und einem gelbbraunen Nagel. Füße, Beine und Schwimmhäute sind olivgrau. Zu dem Zeitpunkt, zu dem junge Brandgänse flügge werden, hat sich der Schnabel zu hellrosa umgefärbt. Der Oberschnabel ist im Bereich der Schnabelspitze noch hellgrau. Die Beine sind graurosa, die Färbung der Füße und Schwimmhäute ist etwas intensiver rosa.Collin Harrison und Peter Castell: Field Guide Bird Nests, Eggs and Nestlings, HarperCollins Publisher, überarbeitete Auflage von 2002, ISBN 0-00-713039-2, S. 68
Noch nicht ausgewachsene Brandgänse sind am Oberhals, am Oberkopf und am Rücken graubraun. Die Stirn, Teile des Gesichts sowie die Körperunterseite sind weiß. Von den Ellenbogenfedern sind die Außenfahnen schwarzgrau. Bei den weiblichen Jungvögeln sind sie schwach und bei den männlichen Tieren stärker rotbraun übertönt. Im ersten Alterskleid ähneln die Jungvögel bereits weitgehend den adulten Brandgänsen. Allerdings haben die Flügel noch graue Decken, und der Stirnhöcker ist bei jungen Männchen nur schwach ausgebildet.
Mauser Beim Ganter bildet sich der auffällige rote Schnabelhöcker bereits zurück, während das Weibchen noch dem Brutgeschäft nachgeht. Der Schnabel verfärbt sich dann dunkel-rotbraun. Bei nicht brütenden Vögeln beginnt bereits im Juni die Mauser des Kleingefieders. Bei brütenden Brandgänsen erfolgt sie einen Monat später. Kurz nach dem Beginn der Kleingefiedermauser werfen die Brandgänse ihre Schwingen ab. Sie sind dann für eine Zeitdauer von 25 bis 31 Tagen flugunfähig. Bei Brutvögeln fällt diese Zeit etwa in den Monat August. Die Teilmauser des Kleingefieders dauert bis Dezember fort. Im März bildet sich beim geschlechtsreifen Ganter der karminrote Stirnhöcker erneut.
Bei jungen Brandgänsen beginnt die Jugendmauser 10 Wochen nach dem Schlupf. Dabei wird neben dem Kleingefieder auch der größte Teil der Flügeldecken gemausert. Im Dezember tragen die jungen Brandgänse dann ihr erstes Alterskleid. Zu diesem Zeitpunkt sind sowohl der Schnabel als auch die Füße leuchtend rot.
Stimme und Instrumentallaute Zu den Instrumentallauten der Brandgans gehört ein pfeifend-schwirrendes Fluggeräusch. Ähnlich wie bei Enten gehört zur Balz ein Scheinputzen des Gefieders, bei dem der Schnabel ein Rattern auf den Kielen der Flügelfedern erzeugt.
Im Brutgebiet sind die Brandgänse sehr ruffreudige Vögel. Die Stimmen der beiden Geschlechter unterscheiden sich deutlich. Die Weibchen rufen sehr tief und sonor. Die lange, weit zu hörende nasale Rufreihe „gagagaga“ ist der Ruf des Weibchens nach dem Männchen. Sie wird sowohl von laufenden als auch fliegenden Weibchen gerufen. Die Ruffolge dieser „gagaga“-Laute ist sehr schnell, bis zu zwölf Silben pro Sekunde, so dass der Ruf nahezu trillerförmig wirkt. Auffliegende oder nach einer Störung wegschwimmende Weibchen rufen auch „ak-ak“ oder erregter „egegeg“. Die Rufe des Männchens sind dagegen hoch, pfeifend und nicht weit vernehmbar. Der Ruf des Männchens ist ein „tiju-tiju-tirrr-tiju“, das sowohl im Flug als auch am Boden gerufen wird. Der „tirrr“-Teil ist dabei ein weicher Triller, die anderen Bestandteile des Rufes werden langsam und betont gerufen oder auch sich steigernd und schnell gereiht.Hans-Heiner Bergmann; Hans-Wolfgang Helb; Sabine Baumann; Die Stimmen der Vögel Europas – 474 Vogelporträts mit 914 Rufen und Gesängen auf 2.200 Sonogrammen, Aula-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-89104-710-1; S. 73. Für die lautmalerische Umschreibung der Stimmen ist diese Quelle verwendet worden. Besonders häufig sind die Rufe während der Balz zu hören, wenn das Männchen das Weibchen vor sich hertreibt.
Verbreitung Brutgebiet Brandgänse brüten an den europäischen Atlantikküsten bis hinunter in die Biskaya, darüber hinaus an den Küsten der westlichen Ostsee sowie im Bereich des Kaspischen Meeres. Weitere, kleinere Ansiedlungen gibt es im Westen des Mittelmeerraums. Bauer et al., S. 74 Die asiatischen Populationen bewohnen auch Flüsse und insbesondere Sumpfgebiete und Seen in Halbwüsten und Steppen. Das asiatische Verbreitungsgebiet reicht von der Türkei und dem Norden des Schwarzen Meeres über Zentralasien bis in die Mongolei und den Norden Chinas. Die Südgrenze des Verbreitungsgebietes verläuft durch den Iran und Afghanistan.Janet Kear (Hrsg.): Ducks, Geese and Swans. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-854645-9, S. 421
In Deutschland ist die Brandgans vorwiegend Brutvogel im Küstengebiet und auf den Inseln der Nordsee und der westlichen Ostsee. Als Brutvogel hält sie sich im Wesentlichen an die Meeresküste, dringt aber auf der Suche nach geeigneten Bruthöhlen auch weit landeinwärts vor. Die Ausdehnung in das Binnenland hängt in West- und Mitteleuropa sowie in Schweden mit der allgemeinen Bestandsentwicklung dieser Tierart zusammen. Regelmäßige Brutvorkommen im Binnenland gibt es zum Beispiel in den Rieselfeldern bei Münster (seit 1985) und vor allem am Niederrhein (seit 1961). Sie hat außerdem die Elbe aufwärts bis Dessau besiedelt.
Außerhalb der Brutzeit trifft man vor allem junge Vögel hin und wieder auf den größeren Gewässern in ganz Deutschland an.