Als Überforderungseinwand bezeichnet man Einwände gegen verschiedene ethische Theorien und Prinzipien, dass eine kritisierte Theorie oder ein kritisiertes Prinzip zu viel verlangt, mehr Opfer von einem fordert als vernünftigerweise gefordert werden können, und daher nicht akzeptabel ist. Der Einwand wird häufig im Zusammenhang mit konsequentalistischen Theorien und Forderungen globaler Hilfspflichten, wie sie etwa Peter Singer vertritt, diskutiert. Er wurde auch gegen viele weitere Theorien und Prinzipien vorgebracht.

Geschichte

Der Überforderungseinwand gilt als ein zentraler Einwand gegen konsequentialistische Theorien und besonders gegen den klassischen Utilitarismus, der verlangt, unvoreingenommen stets das Wohlergehen aller von einer Handlung Betroffenen zu berücksichtigen und es zu maximieren. Es wird häufig angenommen, dass der Überforderungseinwand als Reaktion auf den Konsequentialismus entstand. Marcel van Ackeren und Michael Kühler weisen jedoch darauf hin, dass Überforderung schon vorher diskutiert wurde. So kritisierte Immanuel Kant den Grad der Tugend, die die Stoa für erforderlich und erreichbar hielt, als überfordernd. Dadurch hätten sie Im Zusammenhang mit dem Utilitarismus war William Godwin, 1793, einer der ersten, die über zu hohe Forderungen nachdachten.

John Stuart Mill behandelte in seinem Werk Der Utilitarismus Überforderungseinwände. Der erste Einwand zielt auf die begrenzten kognitiven Fähigkeiten von Menschen. Er besagt, dass es zu viel verlangt sei, in jeder Handlung alle möglichen Konsequenzen für alle Menschen zu berechnen und abzuwägen. Der Standard des Utilitarismus wäre zu hoch für die Menschheit; es wäre zu viel verlangt, dass Menschen stets aus dem Antrieb handeln sollten, die allgemeinen Interessen der Gesellschaft zu fördern, so gibt Mill den Einwand wider. Mill entgegnet, dass bei Weitem nicht jede Handlung aus diesem Motiv getan werden muss. Er nennt es ein Missverständnis, die utilitaristische Denkweise aufzufassen als eine, die beinhalten würde, dass Menschen ihre Überlegungen an einer so weit gefassten Allgemeinheit wie der Welt oder der gesamten Gesellschaft festmachen sollten. In den meisten Fällen genügt es, nach Mills Auffassung, sich auf die direkt betroffenen Personen zu konzentrieren und zusätzlich sicherzustellen, nicht die Rechte weiterer Personen zu verletzen. Dem zweiten Einwand, der auf die Unparteilichkeit zielt und besagt, dass fortwährende unvoreingenommene, unparteiische Nutzenmaximierung zu sehr in private Entscheidungen, Projekte und die Lebensgestaltung eingreift, hält Mill seine Auffassung entgegen, dass das unparteiische Anstreben von Nutzenmaximierung nicht Pflicht ist, sondern mehr als die Pflicht verlangt.

Peter Singer fachte 1972 mit seinem Aufsatz Famine, Affluence and Morality Deutsche Übersetzung: anhand der Frage der Weltarmut die Debatte um zu hohe Forderungen konsequentialistischer Theorien erneut an. Singer entwickelte das Gedankenexperiment eines ertrinkenden Kindes. Er nahm an, dass jeder eine Pflicht von Passanten, das Kind bei vergleichsweise kleineren eigenen Opfern retten zu müssen, bejahen würde. Er folgerte:

Der Überforderungseinwand wurde bis heute gegen eine Vielzahl weiterer ethischer Theorien und Prinzipien angeführt, zum Beispiel die Tugendethik, den Kontraktualismus oder Kantianische Positionen. In den vergangenen Jahren wurde der Überforderungseinwand auch zu Themen der angewandten Ethik wie der Tierethik, der Generationengerechtigkeit und dem Klimawandel diskutiert. Auch der Idee einer weitgehenden Rolle ethischer Theorien im Leben und ethischen Theorien überhaupt wurde, beeinflusst durch Bernard Williams, der Überforderungseinwand entgegengehalten und sogar die Position eingenommen, dass man Überforderung nur vermeiden kann, indem man ethische Theorien ganz vermeidet.

Definition Formulierungen Moralische Theorien und Prinzipien fordern von moralischen Agenten etwas zu berücksichtigen, zu tun oder zu unterlassen. Dabei kann es Konflikte zwischen den eigenen Zielen, Interessen und dem Wohlergehen des Agenten und den moralischen Forderungen an ihn kommen. Würde der Adressat, indem er dem moralisch Geforderten nachkommt, seine persönlichen Projekte und Ziele nicht mehr ausreichend verfolgen können, so eine Formulierung des Einwands, dann fordert die moralische Theorie oder das moralische Prinzip zu viel. Es könnte sogar die persönliche Integrität des Adressaten verletzt werden. Die moralischen Forderungen überschreiten eine Grenze des Zumutbaren.

Liam Murphy definiert den Überforderungseinwand so: Der Überforderungseinwand behauptet, dass es eine Grenze gibt, in welcher Höhe die Moral oder jedenfalls ein Wohltätigkeitsprinzip legitimerweise Opfer von Agenten verlangen kann.Liam Murphy The demands of beneficence. In: Philosophy and Public Affairs. 1993, S. 268. Nach: Sonderholm World poverty, positive duties, and the overdemandingness objection. 2013.

Häufig wird der Einwand auf Basis von Kosten bzw. allgemeiner Belastungen formuliert, die eine Pflicht verlangen würde. McElwee formuliert Überforderungseinwände so:

Beispiel: Eine moralische Theorie besagt, dass Jones, der bergsteigt, moralisch verpflichtet ist, Alice zu helfen, die in Lebensgefahr schwebt, obwohl er es nur unter Verlust eines seiner Gliedmaßen tun kann. Jemand kritisiert die Theorie. Er gesteht zu, dass es richtig wäre Alice zu helfen, aber meint zugleich, dass Jones nicht dazu moralisch verpflichtet ist, weil es ihm zu viel abverlangen würde, ein Bein oder einen Arm zu verlieren. Der Kritisierende erhebt damit den Überforderungseinwand.

Der Einwand, eine moralische Theorie oder Pflicht sei überfordernd, ist bei positiven Pflichten, also Pflichten, anderen etwas zu verschaffen, ihr Wohlergehen zu fördern, besonders bedeutsam. Negative Pflichten hingegen, also Pflichten, anderen nicht den Zugang zu einem Gut zu verwehren, ihnen nicht zu schaden, gelten hingegen als weniger anfällig für den Einwand. Des Weiteren gilt strikte Unparteilichkeit, also die Forderung, nicht seine eigenen Interessen und die nahestehender Menschen höher zu bewerten als die entfernter Menschen, als wichtiger Grund für Überforderung.

Abgrenzung Der Überforderungseinwand setzt immer eine Abwägung voraus, die ein Missverhältnis zwischen hohen moralischen Forderungen, denen altruistische Überlegungen zugrunde liegen, auf der einen Seite und dem, meist nicht-moralischen, Eigeninteresse auf der anderen Seite ergibt. Das ist zu unterscheiden von Einwänden, die auf die moralischen Forderungen allein zielen: dass das moralische Geforderte, die vorgeblich moralische Pflicht, nicht besteht oder unbedeutend ist. Und er ist abzugrenzen von Einwänden, die auf die der Abwägung zugrunde liegende Bewertung der Güter zielen: dass eine moralische Theorie oder moralische Pflicht den moralischen oder außermoralischen Gütern, deren Berücksichtigung sie fordert, eine falsche Wertigkeit beimisst oder sie in eine falsche Rangfolge bringt.

Das Prinzip Sollen setzt Können voraus, das eine Pflicht an die Voraussetzung bindet, dass der Verpflichtete ihr überhaupt gerecht werden kann, verweist ebenfalls auf eine Grenze moralischer Pflicht. Diese Grenze ist jedoch noch enger gefasst als beim Überforderungseinwand.

Tut jemand mehr als es die moralische Pflicht verlangt, spricht man von supererogatorischen Handlungen. Statt von einer moralisch gebotenen Hilfspflicht würde man von einem lobenswerten Akt der Barmherzigkeit sprechen.

Der Überforderungseinwand, eine moralische Forderung greife zu sehr in das eigene Leben ein, ist zu unterscheiden von dem Einwand, dass ihre Berücksichtigung die kognitiven Fähigkeiten oder das Wissen, das ein moralischer Agent haben kann, übersteigt. So wäre es, im Beispiel des klassischen Handlungsutilitarismus, zu viel verlangt vor jeder Entscheidung ein Hedonistisches Kalkül auszuführen und darin alle Menschen gleichermaßen zu berücksichtigen, um diejenige Alternative zu finden, die das größte Glück der größten Zahl herbeiführt. Weber-Guskar nennt dies, im Zusammenhang mit indirekten Wirkungen individueller Handlungen globaler Reichweite, die epistemische Überforderung; es ist zum Beispiel unmöglich, die bestehenden Kausalketten einer jeden einzelnen Handlung, etwa beim Kauf eines T-Shirts, nachzuvollziehen.Weber-Guskar hält dies für eine Verantwortungszuschreibung auch nicht für erforderlich, man muss die geteilte Verantwortung für die Strukturen mit übernehmen, in deren Rahmen die Handlungen wirken und deren Wirkungen insgesamt man besser übersehen kann.

Daneben wird eine psychologische Überforderung genannt: Scheffler zufolge nehmen wir Unterlassungen nur unter besonderen Umständen als Unterlassung wahr, so in Singers Beispiel des direkt vor unseren Augen ertrinkenden Kindes, aber nicht bei weltweit Millionen verhungernder Kinder. Örtliche und zeitliche Distanz und unübersehbare indirekte Kausalketten lassen negative Wirkungen unseres Handelns irreal erscheinen. Ähnlich irreal erscheinen positive Wirkungen von Hilfsleistungen, die eine Vielzahl von Vermittlungsschritten erfordern. Wir erleben uns nicht mehr als Handelnde. Hinzu kommt, dass eine größere Zahl von Menschen, die ebenfalls handeln könnte, dazu verleitet, keinen eigenen Beitrag zu leisten.Scheffler Individual Responsibility in a Global Age. Nach: ; siehe auch Zuschauereffekt

Entgegnungen

Decken sich die Interessen des Handelnden und das von ihm moralisch Gesollte, so ist es nicht fordernd und kann mithin auch nicht moralisch überfordern. Peter Singer hat darauf verwiesen, dass man zum Erhalt der Hilfsfähigkeit bestimmte eigene Interessen verfolgen muss, darunter der Erhalt des eigenen Wohls und besonders auch soziale und familiäre Bindungen. Hier gibt es also instrumentelle Gründe, die das Eigeninteresse teilweise mit moralischen Forderungen in Einklang bringen.

Einige Philosophen vertreten die Position, dass Moral nun einmal fordernd ist. Wenn man ein großes Übel, das einem anderen droht, mit vergleichsweise geringeren eigenen Mitteln, die aber dennoch für einen selbst große Opfer darstellen, abwenden kann, dann soll man das tun. Einige entgegnen auf den Überforderungseinwand, dass man auch fragen muss, ob die Kosten für den Geschädigten nicht zu hoch sind, ob er also nicht der Überforderte ist. Ergo muss derjenige, der den Überforderungseinwand erhebt, die Asymmetrie zwischen den Kosten für den Agenten und den Geschädigten begründen. McElwee schlägt eine Sichtweise vor, die sich an der Möglichkeit von Schuldzuweisung und Lob orientiert, und die nur beim Agenten vorliegt. In einigen Fällen liegt der Unterschied in verursachtem oder zugelassenem und erlittenem Schaden.

Moralische Theorien, die primär negative Pflichten bejahen und positive verneinen, wie es etwa für einige libertäre Strömungen gilt, sind naturgemäß dem Überforderungseinwand weniger ausgesetzt.

Dem Problem der Unparteilichkeit versuchen manche zu begegnen, indem sie eigenen moralischen Gütern und denen nahestehender Menschen ein stärkeres Gewicht zubilligen.siehe auch Kommunitarismus