Der Fiskalwürger (Lanius collaris) auch Südliche Fiskalwürger ist ein Singvogel aus der Gattung Lanius in der Familie der Würger (Laniidae). Der Fiskalwürger wurde 2011 aus dem Lanius collaris–Komplex herausgelöst und in Artrang gestellt. Trotz der sehr großen morphologischen Ähnlichkeit zur Schwesterart, dem Stanleywürger, bestehen zwischen diesen Arten sehr deutliche genetische Unterschiede.Jérôme Fuchs, Timothy M. Crowe und Rauri C. K. Bowie: Phylogeography of the fiscal shrike (Lanius collaris): a novel pattern of genetic structure across the arid zones and savannas of Africa. In: Journal of Biogeography (J. Biogeogr.) (2011). S. 12–13 Der schwarz-weiß gezeichnete Vogel mit der auffallenden weißen V-Zeichnung am Rücken ist mit bis zu 23 Zentimetern Körperlänge etwas kleiner als der Stanleywürger, aber wesentlich größer als ein Neuntöter.
Der Fiskalwürger ist im südlichen Afrika sehr weit verbreitet. Die Art bewohnt unterschiedliche, mäßig feuchte bis ausgesprochen trockene Habitate. Sie benötigt Büsche, Bäume, Termitenhügel, bzw. Zäune oder Strommasten als Ansitze und eine möglichst niedrige Bodenvegetation. In zunehmendem Maße dringt der Fiskalwürger in Siedlungen und Städte vor, bewohnt landwirtschaftlich genutztes Land, und erschließt sich entlang von Straßen und der sie begleitenden Strommasten neue Lebensräume.Atlas of Southern African Birds Die Art ist vom Meeresniveau bis in Höhen von über 3000 Metern verbreitet.
Der Fiskalwürger ist ein opportunistischer Jäger, der allen Tieren nachstellt, die er überwältigen kann. Arthropoden bilden den Hauptanteil der Nahrung.
Lanius collaris ist ein Standvogel. Außerbrutzeitlich streicht er kleinräumig umher; auch vertikale Wanderungen wurden beobachtet. Er lebt einzeln oder in Paaren. Zumindest während der Brutzeit behauptet ein Paar ein Territorium.
Die Art, von der 4–5 Unterarten beschrieben werden, gehört gemeinsam mit dem Stanleywürger zur Lanius collaris – Superspezies. Inwieweit auch andere Würger diesem Artenkreis zuzuzählen sind (Rostmantelwürger, Mackinnonwürger, São-Tomé-Würger), ist Gegenstand gegenwärtiger Forschung.Jérôme Fuchs, Timothy M. Crowe und Rauri C. K. Bowie: Phylogeography of the fiscal shrike (Lanius collaris): a novel pattern of genetic structure across the arid zones and savannas of Africa. In: Journal of Biogeography (J. Biogeogr.) (2011). S. 1–13
Im Gegensatz zu den meisten anderen Arten der Gattung Lanius hat sich der Fiskalwürger regional sehr gut an die Nähe des Menschen angepasst, ist weit verbreitet und lokal häufig. Er wird in keiner Gefährdungsstufe gelistet.
Aussehen mini|Fiskalwürger, Weibchen der Unterart L. c. pyrrhostictus mini|Männchen der Unterart L. c. subcoronatus mini|hochkant|Jungvogel der NominatformDeutlich die rostroten Flanken, die hell gerandeten Flügeldecken und Schwingen sowie die erkennbare Gesichtsmaske
Der Fiskalwürger ist ein mittelgroßer, langschwänziger, auffallend schwarz-weiß gezeichneter Würger mit zur Gänze schwarzem Kopf und schwarzem Nacken. Die Größe der einzelnen Unterarten liegt zwischen 21 und 23 Zentimetern bei einem Gewicht zwischen 24,7 und 54 Gramm, wobei die größten und schwersten Individuen in den Höhenlagen festgestellt wurden. Die Unterschiede waren bei Messungen, die zur gleichen Jahreszeit und innerhalb der gleichen Unterart stattfanden, beträchtlich: Vögel aus Durban nahe dem Meeresniveau wogen durchschnittlich 32 Gramm, solche aus Harrismith auf 1800 Metern Höhe 52 Gramm.S. Soobramoney, C.T. Downs und N.J. Adams: Morphological variation in the Common Fiscal Lanius collaris along an altitudinal gradient in southern Africa. In: Ostrich 2005, 76(3&4); 130–141; S. 135 Beim sitzenden Vogel ist die V-förmige Schulter- und Rückenzeichnung besonders auffällig und kennzeichnend, beim fliegenden zusätzlich die sichelförmigen weißen Flügelfelder, der hellgraue Bürzel und die weißen Außenfedern des Schwanzes.
Kopf, Nacken und oberer Rücken sind tiefschwarz. Der Schultergürtel ist weiß, der Bürzel weißlich-grau bis hellgrau. Die Unterart L. c. subcoronatus ist durch einen breiten weißen Überaugenstreif gekennzeichnet, L. c. marwitzi weist einen schmalen, manchmal auch unterbrochenen Überaugenstreif auf. Die Schwingen sind auf der Oberseite schwarz, auf der Unterseite dunkel schiefergrau. Die an ihrer Basis weißen Handschwingen bilden beim sitzenden Vogel ein nicht immer deutlich erkennbares weißes Flügelfeld, das im Fluge als sichelförmige Markierung jedoch sehr auffällig ist. Die Mittelfedern des im Gegensatz zu den Vertretern der Nordgruppe etwas kürzeren und breiteren, gestuften Schwanzes sind zur Gänze schwarz, die Außenfedern weiß. Zur Mitte hin weisen einige Steuerfedern unterschiedlich deutliche weiße, oft tropfenförmige Einschlüsse auf. Die gesamte Unterseite ist weiß oder grau-weiß; an den Flanken sind – insbesondere bei gerade ausgefärbten Individuen – feine dunkle Wellungen erkennbar. Der mächtige Hakenschnabel ist schwarz, ebenso die Beine. Die Iris der Augen ist schwarzbraun.
Männchen und Weibchen sind sehr ähnlich gefärbt. Die Schwarzanteile des Weibchengefieders sind weniger gesättigt, eher sehr dunkel schwarzbraun. Kennzeichnend ist eine bauschige, rötlich braune Federpartie an den Flanken, die jedoch häufig unter den Flügeln verborgen wird. Weibchen sind geringfügig, feldornithologisch nicht auswertbar, kleiner und leichter als Männchen. Juvenile haben eine stumpf braune oder graubraune, fein dunkel gewellte Oberseite, wobei auch die bereits weiße Schulterpartie schwarz oder braun gewellt ist. Der Kopf und der Nacken sind eher rostbraun. Die würgertypische schwarze Gesichtsmaske, die beim adulten Vogel vom Schwarz des Kopfes verdeckt wird, ist als dunkler Bereich erkennbar. Die matt weiße Unterseite weist feine dunkle Wellen, zum Teil auch Flecken auf, die Flanken sind bei beiden Geschlechtern rötlich braun behaucht. Das Flügelfeld ist matt weiß, oft auch isabellfarben. Die Großen Armdecken sind hellbraun gerandet, ein Merkmal, das auch oft noch nach der ersten nachbrutzeitlichen Mauser erkennbar ist. Juvenile der Nordgruppe unterscheiden sich deutlich von jenen der Südgruppe. Erstere sind eher rötlich braun und bedeutend intensiver gewellt.
Gelegentlich wurden Teilalbinos beobachtet.
Mauser
Juvenile beginnen im Alter von etwa drei Monaten in das erste Erwachsenengefieder zu mausern. In vielen Regionen liegt der Zeitpunkt dieser Mauser zwischen Januar und Juli. Es ist eine Komplettmauser, die die meisten 6–7 Monate alten Individuen abgeschlossen haben. Die hellen Randungen der Großen Armdecken, gelegentlich auch rostbraune Federpartien an den Flanken, können fallweise auch noch nach der zweiten Gesamtmauser festgestellt werden. Adulte Vögel vermausern nachbrutzeitlich einmal im Jahr ihr gesamtes Gefieder. Der Zeitpunkt der Mauser variiert entsprechend den regional unterschiedlichen Brutterminen, liegt aber meist in den südlichen Spätherbst- und Wintermonaten.
Lautäußerungen
Die Art verfügt über eine Vielzahl unterschiedlicher RufeAufnahmen bei xeno-canto, die zum Teil sehr selektiv in eng definierten Situationen (z. B. Warnung vor Flugfeinden) eingesetzt werden. Häufigster Ruf, der sowohl im territorialen als auch sexuellen Kontext stehen kann, ist ein mäßig lautes, meist zweisilbiges, mehrfach gereihtes, krächzendes, Tscher–tschjät..., das unterschiedlich moduliert wird und meist auf der zweiten Silbe betont ist. Eindeutig sexuell motiviert sind leisere, weniger raue tschüö-tschjüt–Rufe. Heisere, oft grelle khriiie…, oder fast avokale chhiii… Rufreihen sind sowohl Aggressionslaute als auch undifferenzierte Alarmrufe. Zwischen den Partnern ist als Kontaktruf oft ein einzelnes Tsche zu hören, manchmal begleitet von leisen Pfeiftönen. Der Gesang ist ein leises, individuell sehr unterschiedliches Schwätzen, durchmischt mit gepressten Lauten, Pfiffen und vielfältigen Phrasen aus anderen Vogelgesängen und unterschiedlichen Umgebungslauten.
Verbreitung und Lebensraum
mini|280px|Verbreitung der Lanius collaris–Superspeziesrot: Stanleywürgergrün: Fiskalwürgerdunkelblau: ReichenowwürgerAnm. Verfasser: Der von einigen Autoren als eigenständige Art aufgefasste Reichenowwürger zeigt nur eine sehr geringe genetische Differenz zu Lanius collaris, ist also dessen Unterart.Jérôme Fuchs, Timothy M. Crowe und Rauri C. K. Bowie: Phylogeography of the fiscal shrike (Lanius collaris): a novel pattern of genetic structure across the arid zones and savannas of Africa. In: Journal of Biogeography (J. Biogeogr.) (2011). S. 9–10 mini|links|Lebensraum der Art in einer Savanne nahe Pietermaritzburg mini|links|Die Uluguru–Berge sind der Lebensraum der Unterart L. c. marwitzi mini|links|L. collaris aridicolus kommt in nebelfeuchten Gebieten der Namib und in Oasen vor.
Der Fiskalwürger bewohnt bis auf den äußersten Nordosten des Landes geeignete Habitate in der Republik Südafrika, fast ganz Eswatini und Lesotho, den äußersten Süden von Mosambik, mit Ausnahme des Nordwestens und Südostens große Teile Simbabwes, den Süden und in Verbreitungsinseln aufgesplittert den Norden von Botswana, den äußersten Süden Angolas und bis auf den Nordosten und den Großteil der Wüstengebiete ganz Namibia. Davon isoliert kommt die Unterart L. c. marwitzi in mehreren Verbreitungsinseln in den Bergregionen des südwestlichen, zentralen und nordöstlichen Tansanias vor. In der zentralen Kalahari brütet die Art nicht und auch im Krüger-Nationalpark ist der Fiskalwürger selten.
Die Verbreitungsgebiete der Nord- und der Südgruppe kommen einander in einigen Regionen nahe, überlappen jedoch nur nördlich des Malawisees, wo L. humeralis capelli und L. collaris marwitzi zwar in derselben Region, räumlich aber weitgehend getrennt, sympatrisch vorkommen. Es wurden offenbar Hybride beobachtet, doch sind die Informationen darüber widersprüchlich.Jérôme Fuchs, Timothy M. Crowe und Rauri C. K. Bowie: Phylogeography of the fiscal shrike (Lanius collaris): a novel pattern of genetic structure across the arid zones and savannas of Africa. In: Journal of Biogeography (J. Biogeogr.) (2011). S. 9
In diesem sowohl topographisch als auch klimatisch heterogenen Verbreitungsgebiet vermag die Art eine Vielzahl unterschiedlicher Habitate zu nutzen und zeigt eine starke Bereitschaft, vom Menschen veränderte Landschaften zu besiedeln. Seit den frühen 1900er Jahren ist sie in vielen Regionen häufiger geworden. Sie ist im südlichen Afrika die mit Abstand häufigste Würgerart.S. Soobramoney, C.T. Downs und N.J. Adams: Territorial behaviour and time budgets of the fiscal shrike Lanius collaris along an altitudinal gradient in South Africa. In: African Zoology Vol. 39, No. 1, April 2004. S. 137
Der Fiskalwürger kommt in Halbwüsten, mit Akazien bestandenen Savannen, im extensiv für Herdeviehhaltung verwendeten Grasland der östlichen Höhenlagen, im küstennahen Buschland und buschbestandenen Rändern von Marschen vor und besiedelt in unterschiedlicher Dichte die verschiedenen Landschaftstypen des südafrikanischen Velds. Er ist am Rande landwirtschaftlich genutzter Flächen, in größeren Gärten, Parks und auf Golfplätzen sowie am Rande von Plantagen regional ein häufiger Brutvogel. Wüsten meidet die Art weitgehend, kann aber in geringer Dichte nebelfeuchte Vegetationsinseln in der Namib besiedeln. Auch in reinen Waldgebieten kommt L. collaris nicht vor, ebenso wie in Galeriewäldern entlang größerer Flüsse. Reine Grassavannen werden nur in den Randgebieten und kurzzeitig nach ausgedehnten Grasbränden besiedelt, wenn vom Menschen geschaffene Strukturen Ansitzwarten zur Verfügung stellen. Dort, wo andere Würger wie der Gelbschnabelwürger oder der Bokmakiri, beziehungsweise europäische Migranten (Schwarzstirnwürger, Neuntöter) häufig sind, weicht L. collaris meist aus. Dies ist wahrscheinlich mit ein Grund, weshalb der Fiskalwürger in der Kalahari nicht vorkommt.