400px|rechts Die Brancacci-Kapelle ist eine Seitenkapelle in der Kirche Maria del Carmine in Florenz. Ihre Wände bedeckt ein Fresken-Zyklus, der in den 1420er Jahren von den Malern Masolino und Masaccio ausgeführt wurde. In den 1480er Jahren malte der Künstler Filippino Lippi einige beschädigte und unvollendete Partien neu. Die Kapelle wurde seit ihrer Entstehung wegen ihrer neuen, gegen die Kunsttradition des Trecento gerichteten Darstellungsweise bewundert.

Geschichte Der Bau der Kapelle in der Kirche der Karmeliten wurde von Pietro Brancacci in Auftrag gegeben und 1386 begonnen. Auftraggeber der Fresken hingegen war der seefahrende Seidenkaufmann Felice Brancacci, Neffe und Erbe von Pietro, der bis 1423 als Florentiner Botschafter im Dienst des Kalifen in Kairo gestanden hatte.K. Shulman, Anatomy of a Restoration: The Brancacci Chapel, 1991, S. 6A. Ladis, Masaccio: La Cappella Brancacci, 1994 Nach seiner Rückkehr nach Florenz beauftragte er Masolino da Panicale, die Kapelle zum Ruhm und zum Seelenheil seiner Familie auszumalen. Die Bilder sollten Szenen aus dem Leben des heiligen Petrus zeigen, des Namenspatrons seines Onkels Pietro.

Felices öffentliches Ansehen in Florenz war zerstört, als er sich in eine Verschwörung gegen die mächtige Familie Medici einließ. Er musste ins Exil gehen, wurde 1435 in Abwesenheit verurteilt und noch posthum 1458 zum Staatsfeind erklärt. Dies hatte Folgen für die Kapelle: Das Fresko des Martyriums des hl. Petrus wurde entfernt, und in einem anderen Fresko, der Erweckung des Sohnes des Theophilus, wurden darin dargestellte Mitglieder der Brancaccifamilie übermalt.Artikel über die Restaurierung im Spiegel, Heft 23, 1988 Erst nach 1480 konnten die Arbeiten wieder aufgenommen und vollendet werden.

Bereits im 16. Jahrhundert ist eine erste Restaurierung dokumentiert, da die Fresken aufgrund des Kerzenrußes dunkel geworden waren. 1670 wurden zusätzlich einige Statuen aufgestellt. Ein Jahrhundert später wurden weitere Bilder Opfer des gewandelten Kunstverständnisses: alle Fresken im obersten Register wurden abgeschlagen. Möglicherweise wurden bei diesen Maßnahmen auch die bis dahin nackten Adam und Eva mit Feigenblättern versehen.

Bei einem Brand im Jahre 1771 blieben die Kapelle und mit ihr die Fresken bis auf leichte Farbveränderungen an einigen Stellen trotz der Hitze nahezu unversehrt. Im 18. Jahrhundert wurde die Kuppel mit Fresken bemalt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Restauratoren, um die Bilder zu schützen, die Kapellenwände mit einer ei- und kaseinhaltigen Mixtur überstrichen. Diese Schicht begann Jahrzehnte später stellenweise abzublättern und Farbpartikel mitzunehmen, vor allem an der kälteren, feuchteren Außenwand, wo sich auch Salzausblühungen und Schimmelflecke verbreiteten. Deshalb waren ab 1984 erneute umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen erforderlich. Dabei wurde festgestellt, dass die Maler nicht nur auf feuchtem, sondern an einigen Stellen auch auf trockenem Putz (Secco) gemalt hatten – etwa beim Himmelblau und beim Mantel des Apostels Petrus. Es zeigte sich auch, dass ein und dieselbe Landschaft hinter einem in einer Ecke der Kapelle gemalten Pfeiler von einer Szene zur nächsten weitergeführt war.

Die Maler mini Masolinos Mitarbeiter war der 21-jährige Masaccio, der 18 Jahre jünger war als Masolino. Die beiden arbeiteten nach einem einheitlichen Konzept, was unter anderem die übergreifende Landschaft bei den Bildern neben dem Fenster, die aufeinander abgestimmte Abfolge der Bilder oder der stets gelbe Mantel des Apostels zeigt.

Noch vor Fertigstellung der Fresken ging Masolino nach Ungarn, um dort im Auftrag des Heerführers Philippo Scolari, ein Florentiner in Diensten Kaiser Sigismunds, zu arbeiten, so dass Masaccio die Arbeiten in der Kapelle alleine fortsetzte. Die meisten Fresken in der Kapelle stammen deshalb aus seiner Hand. In seinen Fresken vollzieht Masaccio durch seine Umsetzung der damals neuen zentralperspektivischen Konstruktion des Bildraums einen Bruch mit der Florentiner Bildtradition des 14. Jahrhunderts. Nach Auffassung des Kunsthistorikers Federico Zeri, habe Masaccio damit Giottos Weg fortgesetzt, sich von einer symbolischen Sicht des Menschen zu lösen und realistisch zu malen.Federico Zeri, Masaccio: Trinità, Rizzoli (1999), S. 28

Nach der Rückkehr Masolinos nach Florenz wurde dieser von Papst Martin V. nach Rom gerufen, wohin ihm Masaccio kurze Zeit später folgte, so dass die Kapelle unvollendet blieb. Masaccio starb in Rom unter ungeklärten Umständen mit nur 27 Jahren. Ob er in der Kirche Santa Maria del Carmine beigesetzt wurde, ist ungewiss. Der dortige Freskenzyklus wurde erst 1480 bis 1485 von Filippino Lippi unter Beibehaltung des Bildprogramms zu Ende gebracht.

Die Fresken Der Sündenfall (Masolino) 80px|rechts Nicht zufällig beginnt der Bilderzyklus rechts oben mit einer Darstellung des Sündenfalls. Diese Szene und die gegenüberliegende Vertreibung aus dem Paradies sind damit die Voraussetzungen für die übrigen Szenen, die zeigen, wie Jesus Christus die Menschen wieder mit Gott versöhnt.

Im Fresko stehen Adam und Eva nebeneinander; ihre Körper wirken ein wenig in die Länge gestreckt. Sie sehen einander mit entschlossenem Blick an und sind im Begriff, von der verbotenen Frucht zu essen. Masolino zeigt Evas Verbindung zum Versucher, indem er sie ihren linken Arm um den schlanken Baum legen lässt, um den sich in gegenläufiger Bewegung auch die Schlange windet. Diese ist mit menschlichem, blondbehaartem Haupt abgebildet. Das Bild ist noch sehr von der Gotik geprägt. Davon zeugen die weiche Linienführung, die wenig standfeste Haltung der Personen ohne deutlich erkennbaren Untergrund und die nicht sehr weit in die Tiefe reichende Darstellung.Klaus Zimmermann: Florenz, Ostfildern 2012, S. 289, ISBN 978-3-7701-3973-6 Emotionen kommen nur in geringen Maße zum Ausdruck, so z. B. in der Handhaltung Adams und in den Blicken.

Vertreibung aus dem Paradies (Masaccio) 80px|rechts Masaccios Werk auf der gegenüberliegenden Seite ist berühmt für seine Lebendigkeit und den in der Malerei bis dahin beispiellosen Ausdruck der Emotionen. Es steht im starken Kontrast zu Masolinos eher dekorativem Bild vom Sündenfall. Die dramatische Szene zeigt einen bewaffneten Engel, der Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt. Die beiden Hauptpersonen sind in tiefer Verzweiflung dargestellt, der über ihnen schwebende Engel weist sie mit drohend gezücktem Schwert und ausgestrecktem Zeigefinger aus dem Garten Eden. Schwarze göttliche Strahlen schießen aus dem Paradiestor und betonen die Dynamik. Adam bedeckt sein Gesicht in Verzweiflung und Schuld; Eva deckt schamhaft ihre Nacktheit und schreit mit gequältem Gesicht. Der Maler bemüht sich auch in Details um Realismus: Adam und Eva stehen fest auf dem Boden, ihre Körper werfen Schatten. Evas Armhaltung entspricht dem Typus der Venus pudica. Zwischenzeitlich waren die Genitalien mit Blättern übermalt worden, was aber bei der letzten Restaurierung 1990 wieder entfernt wurde.John Spike, Masaccio, cit. (2002); Mario Carniani, La Cappella Brancacci a Santa Maria del Carmine, ebd., (1998)

Berufung des Petrus (Masolino) In der Lünette oben auf der linken Seite hatte Masolino die Szene gemalt, in der Jesus am See Genezareth Simon Petrus und dessen Bruder Andreas beruft, ihm zu folgen (unter anderem ). Das Bild wurde zwischen 1746 und 1748 zerstört und ist nur dank einiger Hinweise von früheren Zeugen wie Giorgio Vasari und Filippo Baldinucci bekannt.

Die Gesamtanordnung der Bilder in der Kapelle war geplant: Im Gewölbe eine Darstellung des Himmels, im obersten Register Meeresabbildungen, in den Registern darunter irdische Ereignisse. Damit folgt das Bildprogramm der Abfolge, wie sie in der biblischen Schöpfungsgeschichte am Anfang des Buches Genesis dargestellt wurde: Erst der Himmel, dann das Wasser, zuletzt das Land.

Der Gang auf dem Wasser (Masolino oder Masaccio) Mit der Berufungsszene korrespondierte ein ebenfalls verlorengegangenes Fresko auf der gegenüberliegenden Seite. Auch hier waren Jesus und Petrus die Hauptpersonen. Das Bild zeigte den Gang Jesu auf dem Wasser. . Die meisten Quellen schreiben dieses im 18. Jahrhundert zerstörte Fresko Masolino zu, andere votieren für Masaccio.John Spike, Masaccio, Rizzoli, Milan (2002)

Verrat und Reue des Petrus Zwei weitere Fresken existieren nicht mehr, die sich rechts und links vom heutigen Fenster befanden. Das rechte stellte Petrus dar, wie er nach der Verhaftung Jesu dreimal verleugnet und seine spätere Reue das linke Fresko darstellte , . Hiervon blieb eine sehr schematische Vorzeichnung erhalten, die aber keinen eindeutigen Rückschluss zulässt, ob die Fresken von Masolino oder Masaccio stammen.

Der Zinsgroschen (Masaccio)

Heilung des Gelähmten und Erweckung der Tabitha (Masolino/Masaccio) mini|rechts Die Doppelszene im oberen Bild auf der rechten Wand zeigt im Hintergrund eine typisch toskanische Stadt des 15. Jahrhunderts in Zentralperspektive, was allgemein Masaccio zugeschrieben wird. Die beiden Figuren in der Mitte, die als Bindeglied zwischen beiden Szenen fungieren, zeigen in ihrem eleganten, höfischen Auftreten hingegen noch gotische Einflüsse.

In der linken Hälfte ist ein Ereignis aus der Apostelgeschichte beschrieben (): Die Heilung des Gelähmten im Tempel durch den hl. Petrus. Im Bild ist besonders der Blickkontakt zwischen Petrus und dem Gelähmten betont.

In der rechten Bildhälfte erkennt man die Erweckung der Tabitha. Zu einem ähnlichen Thema hatte Giotto über 100 Jahre zuvor ein Fresko in Santa Croce gemalt, das Masolino sicherlich kannte. Tabitha ist eine Anhängerin Jesu aus der Stadt Joppe am Mittelmeer und für ihre Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft bekannt (). Während der Zeit, in der Petrus in der Gegend von Joppe wirkt, wird Tabitha krank und stirbt. Der aus dem nahegelegenen Lydda herbeigerufene Petrus erweckt sie wieder zum Leben. Erwähnenswert sind auch einige Details im Hintergrund des Bildes. Dort erkennt man in den Fenstern der Gebäude heraushängende Wäsche, einen Vogelkäfig, sich von Fenster zu Fenster unterhaltende Nachbarn oder ein als Haustier gehaltenes Äffchen.

Predigt des Petrus (Masolino) 80px|rechts Im Bildfeld links vom Fenster predigt Petrus mit einer ausdrucksvollen Geste vor einer Gruppe von Menschen, die ganz unterschiedliche Reaktionen zeigen: Die große Aufmerksamkeit der beiden verschleierten Frauen rechts und in der Mitte kontrastiert mit der Müdigkeit des bärtigen Mannes zwischen ihnen. Rechts neben Petrus ist ein Mädchen eingeschlafen, während hinter dem bärtigen Mann nur die angstvoll aufgerissenen Augen einer anderen Frau zu sehen sind. Die Gesichter hinter Petrus sind vermutlich Porträts von Zeitgenossen, wie auch die der beiden Mönche auf der rechten Seite, die Masaccio zugeschrieben werden.U. Procacci, Masaccio. La Capella Brancacci, Florence (1965), v. a. "Predica di san Pietro" Die Berge werden im Bild Masaccios rechts vom Fenster fortgesetzt.

Taufe der Neubekehrten (Masaccio) 80px|rechts Dieses Bild Masaccios zeigt in einer Reihe von Details einen bemerkenswerten Realismus: Das Wasser, das dem Neugetauften aus dem Haar tropft, das Frieren des wartenden Täuflings oder das Entkleiden des Nächsten in der Reihe. Masaccio arbeitete in diesem Fresko sehr mit Komplementärfarben, was später unter anderem von Michelangelo aufgegriffen wurde.

Petrus heilt mit seinem Schatten (Masaccio) 80px|rechts