mini|Gourrama in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1997 Gourrama ist der Debütroman des Schweizer Autors Friedrich Glauser und entstand in den Jahren 1928 bis 1930. Er spielt in einem abgelegenen Garnisonsposten der französischen Fremdenlegion in Marokko und schildert den Mikrokosmos gescheiterter Existenzen. Neben Matto regiert, der Glausers wiederholte Internierungen in psychiatrischen Kliniken behandelt, ist Gourrama einer seiner am stärksten autobiographisch geprägten Romane, da er von 1921 bis 1923 selbst in der Fremdenlegion war. Wie bestimmend diese Zeit für Glauser war, zeigt sich auch in weiteren Texten: So entstanden zusätzlich 18 Legionserzählungen und der Wachtmeister-Studer-Krimi Die Fieberkurve, der ebenfalls in der Fremdenlegion spielt.
Romanbeginn «Nur noch zwei Kilometer», sagte Kainz. «Du kannst scho den Turm vom Posten sehn… Jetzt! Schau! Dort, wo’s blitzt, liegt das Zimmer vom Alten…» Er hielt sich am Steigbügel fest und keuchte, denn er war alt. «Wüllst nit du jetzt reiten?» fragte Todd, während er sich den Schweiss aus den spärlichen Barthaaren wischte. – «Naa! Naa!» Kainz schüttelte den vertrockneten Kopf und fuhr mit seinem Nastuch unter den Tropenhelm. Es war erst neuen Uhr morgens, aber die Sonne brannte schon heiss.
Inhalt mini|Fremdenlegion in Marokko, 1920 Glausers Legionsroman spielt vom 14. Juli 1923 bis zum Mai 1924. Die 15 Kapitel sind in drei Teile gegliedert und setzen sich aus collageartigen Einzelepisoden zusammen. Hauptfigur ist der Antiheld Korporal Lös, der unschwer als Glauser selbst zu erkennen ist. Bereits im ersten Kapitel sagt er autobiographisch über sich: «Mich hat der Vater in die Legion geschickt. […] Hingebracht sogar, bis ins Rekrutierungsbureau nach Strassburg, weisst du, ich hab in der Schweiz gelebt und hab dort ein paar Dummheiten gemacht. Schulden und so. Und die Schweizer haben mich in eine Arbeitsanstalt stecken wollen. Liederlicher Lebenswandel.»Friedrich Glauser: Gourrama. Limmat, Zürich 1997, ISBN 3-85791-246-4, S. 27. Erzählungen aus der Legion bildeten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein eigenes Genre, das Abenteuer und Gefahren in fernen Ländern beschrieb. Gourrama jedoch verzichtet praktisch vollständig auf die üblichen Zutaten dieser Literatur und bleibt dabei völlig unpolitisch, obwohl zur Zeit seines Einsatzes der Zweite Marokkanische Krieg stattfand. Glauser hingegen tut das, was er am besten kann: Er liefert exakte Beschreibungen der fremden Kulisse; als ehemaliger Fremdenlegionär weiss er genau, wovon er schreibt, wenn er über Pelotons, Tirailleure, Oueds, Halfagras, Seguias (kleine Bewässerungskanäle), einen Ksar, das Bled (Ebene), Hammām, Rumi, Couscous, Kébir (algerischer Wein), Tafilalet oder Berber berichtet. Vor allem aber ist Glauser ein genauer Beobachter der Atmosphäre und der zwischenmenschlichen Tragödien. Das Augenmerk von Gourrama liegt deshalb, völlig ungewohnt für die damalige Legionsliteratur, auf dem realistischen Alltag, dem Zusammenleben. Es gibt kaum Abwechslung, es herrscht hauptsächlich bleierne Langeweile und Stumpfheit. Dies hat Glauser auch in seinem autobiographischen Text Im afrikanischen Felsental betont: «Gewiss, auch bei uns lernt man die Langeweile kennen; so grauenhaft wie dort unten ist sie wohl nirgends.»Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 52.
In einem weiteren Punkt ist Gourrama ebenfalls ungewohnt: Mit einer schonungslosen Offenheit beschreibt Glauser eine in sich geschlossene Männerwelt, die leidet unter der Einsamkeit des Individuums und seinen schmerzenden Erinnerungen an das Zivilleben. Die Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit und Liebe ist allgegenwärtig. Lös sagt diesbezüglich zum Soldaten Todd: «Weisst du, wir sind ja so hungrig nach Zärtlichkeit, dass ein freundliches Wort, gesagt oder empfangen, genügt, um Spannungen zu lösen.»Friedrich Glauser: Gourrama. Limmat, Zürich 1997, ISBN 3-85791-246-4, S. 91. Glauser beschreibt auch die Folgen dieser unterdrückten Sexualität: Homosexualität, Prostitution, Vergewaltigung, Aggression und Selbstmord. Todd erklärt zur Gleichgeschlechtlichkeit in der Legion: «Man sprach davon mit einem Achselzucken, aber man nannte die Dinge beim Namen. Es konnte sogar Capitaine Chabert einfallen, beim Rapport zu sagen: ‹Geht lieber mit einem Freund an den Oued hinter die Büsche als zu einer Araberin. Wenigstens riskiert ihr keine Ansteckung!›»Friedrich Glauser: Gourrama. Limmat, Zürich 1997, ISBN 3-85791-246-4, S. 123. Und Literaturwissenschaftler und Glauser-Kenner Bernhard Echte bemerkt dazu im Nachwort von Gourrama: «Durch Patschulis zahlreiche Affektiertheiten hindurch erscheint Homosexualität in einem neuen, vorurteilsfreieren Licht: als natürlicher Ausdruck eines unteilbaren, überall vorhandenen und ständig akuten Liebesbedürfnisses. So wird auch das Verhältnis von Todd zu Schilasky – der einzige Fall von glücklicher Sexualität im ganzen Roman – mit einem Respekt und einer Feinfühligkeit geschildert, wie sie sonst, nicht nur in der Legionsliteratur, kaum anzutreffen ist.»Bernhard Echte: Nachwort. In: Friedrich Glauser: Gourrama. Limmat, Zürich 1997, ISBN 3-85791-246-4, S. 299.
Erster Teil – Alltag Ein Détachement von 20 Legionären aus Algerien ist auf dem Weg zum marokkanischen Militärposten Gourrama. Adjutant Cattaneo führt den neuen Sergeanten Hassa in die hiesigen Gepflogenheiten ein. Nach der Ankunft begrüsst Capitaine Chabert die Neuankömmlinge und gibt daraufhin der ganzen Kompanie für den Rest des Tages frei, da der 14. Juli ist und am Abend ein improvisiertes Varieté zu Ehren des französischen Nationalfeiertages stattfindet. Nach der Feier unterhält sich Korporal Lös, der in der Administration für die Verpflegung zuständig ist, mit dem neu angekommenen Todd. Zu Lös und Todd gesellen sich Korporal Smith, Pierrard, Sergeant Sitnikoff und das homosexuelle Paar Patschuli und Peschke. Während Lös Wein spendiert, erzählen sich die Soldaten gegenseitig die fantastischsten Geschichten, weshalb sie in die Fremdenlegion gekommen sind.
Am nächsten Morgen schlachtet der «alte Kainz» zusammen mit einem Juden aus dem Ksar fünf Schafe. Kurz darauf hat Lös eine Besprechung mit seinem Vorgesetzten Narcisse: Dieser überredet Lös, bei der heutigen Anlieferung von Gerste einmal mehr bei der Preisverhandlung zu mogeln. Lös willigt ein, obwohl ihn sein schlechtes Gewissen zunehmend plagt, da er regelmässig auch anderen Vorgesetzten Wein und Material unter der Hand ausliefern muss. Am Nachmittag trifft er die junge Frau Zeno aus dem nahe gelegenen Dorf, die jeweils die Wäsche der Legionäre im Oued reinigt. Da Lös das Mädchen mag, gehen die beiden zum Händler; er kauft ihr ein neues Kleid, danach besuchen sie ihren Vater. Nachdem Lös mit diesem Haschisch geraucht hat, wird er zum Essen eingeladen. Zeno bittet den Legionär um 200 Franken, damit ihr Vater ein Stück fruchtbares Land kaufen kann. Dieser willigt ein, woraufhin Zeno sich ihm als Frau anbietet. Nachdem die beiden miteinander geschlafen haben, fühlt sich Lös schlecht und bekommt Angst vor einer ansteckenden Krankheit, weshalb er sich in den Posten zurückschleicht und mit Schnaps betäubt. Dort fällt den meisten Soldaten in der Hitze der Nacht das Schlafen schwer. In einer Baracke endet ein Kartenspiel in einer Messerstecherei; die Gruppe einer anderen Sektion verlässt die Unterkunft, um unter freiem Himmel zu liegen und über die allgegenwärtige Sehnsucht nach Frauen zu sprechen.
Am folgenden Tag verlangt Sergeant Farny von Sergeant Sitnikoff dessen jungen Rekruten Pausanker als Ordonnanz. Es kommt zum Konflikt zwischen den beiden Vorgesetzten, da Sitnikoff sich dagegen wehrt, weil allgemein bekannt ist, dass Farny seine Gehilfen sexuell missbraucht. Später am Tag erscheint Capitaine Chabert und befiehlt einen mehrtägigen Ausmarsch. Hektik entsteht, und Lös muss sich um die Proviantausgabe für die ganze Kompanie kümmern. Dabei bemerkt er erneut, dass die Mehrheit der Truppe ihn um seinen privilegierten Posten beneidet. Vor dem Abmarsch erzählt Lös, der in Gourrama bleiben soll, Todd von seinen Sehnsüchten und dass er sich auch mit Zeno trifft, weil er bei ihr, im Vergleich mit den Prostituierten aus dem Bordel militaire de campagne, keinen Ekel verspürt und ihrer Familie helfen kann. Nachdem die Truppe den Posten verlassen hat, trennt sich die Kompanie: Eine Sektion muss, anstelle des Marsches, in Atchana unter Adjutant Cattaneo Kalk brennen. Dort geht es dem Legionär Schneider, der bereits vor dem Abmarsch Fieber hatte, im Laufe des Tages zunehmend schlechter, und Verzweiflung macht sich in ihm breit. Voller Sehnsucht nach seiner Heimat und unverstanden von seinen Kameraden, begeht er auf der Nachtwache Selbstmord.
Zweiter Teil – Fieber Während des ersten Marschtages kommen sich Todd und Schilasky näher. Todd erzählt von seiner letzten Geliebten, und Schilasky gesteht, dass er homosexuell ist und darunter leidet. Als am Abend das Nachtlager aufgeschlagen ist, kommt es zwischen Todd und Sergeant Hassa, der den Legionär regelmässig provoziert, zu einem Zweikampf. In der Zwischenzeit befehligt Leutnant Mauriot Gourrama mit den zurückgebliebenen Soldaten. Als Lös von Zeno zurückkommt, wird er von Mauriot wegen unerlaubten Verlassens des Postens verwarnt. Des Weiteren hegt der Vorgesetzte den Verdacht, dass mit der Verwaltung der Lebensmittel etwas nicht in Ordnung ist. Lös bekommt es mit der Angst zu tun und arbeitet den ganzen Nachmittag an der Buchhaltung und versucht, die Unterschlagungen auszumerzen. Als er später im Ksar über den Kauf von Schafen verhandelt, wird er auch hier in ein unsauberes Geschäft hineingezogen. Zurück im Posten, trifft er auf den Bäcker Frank, der möglicherweise an Typhus erkrankt ist. In der Hoffnung, dass dieser Vorfall vielleicht eine Quarantäne zur Folge haben könnte und damit von den Buchhaltungsungereimtheiten ablenken würde, ruft Lös den Legionsarzt Bergeret in Rich an. Dieser verspricht, am folgenden Tag nach Gourrama zu reiten. Voller Freude über die unerwartete Abwechslung verlassen daraufhin einige Soldaten mit Lös den Posten und besuchen die Dorfkneipe. Kurz darauf taucht Leutnant Mauriot auf, macht Lös für den unerlaubten Ausgang der Truppe verantwortlich und droht ihm mit einer Strafuntersuchung.
mini|Feldbordell in Französisch-Marokko, 1922