mini|Die Promenade des Anglais, 2004 mini|Blumen zum Gedenken an den Anschlag, Promenade des Anglais, 28. August 2016
Der Anschlag in Nizza am 14. Juli 2016 war ein islamistischer Terroranschlag, bei dem während des Volksfestes zum französischen Nationalfeiertag ein Attentäter mit einem Lastkraftwagen durch eine Menschenmenge fuhr und dabei 86 Personen ermordete und mehr als 400 zum Teil schwer verletzte. Der Täter wurde von hinzugeeilten Polizisten erschossen. Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bekannte sich zu dem Anschlag. In der Folge wurden mehrere mutmaßliche Komplizen aufgrund des Vorwurfs der Bildung einer terroristischen Vereinigung verhaftet und 2022 in erster Instanz zu Haftstrafen bis zu 18 Jahren Dauer verurteilt.
Tathergang mini|Anschlagsverlauf (in östlicher Richtung) mini|Straßenszene am Kaufhaus Galeries Lafayette kurz nach dem Anschlag, im Vordergrund ein Paar Damenschuhe
Am Abend des 14. Juli befanden sich im Rahmen der Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag etwa 30.000 Menschen auf der Promenade des Anglais, der Strandpromenade von Nizza, um von dort aus ein Feuerwerk zu beobachten.
Gegen 22:45 Uhr fuhr der Attentäter mit einem weißen Lkw vom Typ Renault Midlum 300 mit Kühlaufbau auf die für den Verkehr gesperrte Strandpromenade. Zwischen den Hausnummern 147 und 11 überfuhr er auf einer Strecke von etwa zwei Kilometern absichtlich mehrere hundert Menschen. In der Nähe des Hotels Negresco schoss er mehrfach auf drei Polizisten; diese erwiderten das Feuer. Er fuhr noch etwa 300 Meter weiter, dann blieb der Lkw unweit des Palais de la Méditerranée stehen. Der Attentäter war tot. Bei ihm wurden unter anderem eine Pistole des Kalibers 7,65 mm, Patronenhülsen und unbenutzte Patronen, mehrere Gewehr-Attrappen sowie eine nicht funktionsfähige Granate gefunden, ebenso ein eingeschaltetes Mobiltelefon sowie sein Führerschein und seine Kreditkarte.
Täter Täter war der 31-jährige Tunesier Mohamed Salmene Lahouaiej Bouhlel (* 3. Januar 1985 in M’saken). Er war 2005 nach Frankreich migriert, lebte in Nizza und besaß eine bis 2019 gültige Aufenthaltserlaubnis.Stefan Goertz: Der islamistische Anschlag am 14. 7. 2016 in Nizza. In: Islamistischer Terrorismus. Analyse – Definitionen – Taktik. CF Mueller. Heidelberg 1017, S. 124. Der Vater des Täters berichtete, dass sein nichtreligiöser Sohn früher wegen psychischer Probleme ärztlich behandelt worden sei.Video eines Interviews mit dem Vater, FAZ.net (Zitat der Übersetzung, ab Minute 0:30: er hatte Probleme, die eine Depression verursachten. Er wurde wütend, schrie, machte alles kaputt. Wir haben ihn zum Arzt gebracht. Jedes Mal wenn er einen Anfall hatte bekam er Medikamente. Und als er nach Frankreich ging, hörten wir nichts mehr von ihm.) Nach Angaben der ermittelnden Behörden war er als Kleinkrimineller polizeibekannt und wenige Monate vor dem Attentat wegen einer gewalttätigen Auseinandersetzung zu einer 6-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden.
Frankreichs Premierminister Manuel Valls ging aufgrund von Ermittlungsergebnissen davon aus, dass Lahouaiej Bouhlel sich vor dem Anschlag islamistisch radikalisiert hat.Attentat in Nizza: Sehr radikal in sehr kurzer Zeit. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Juli 2016. Dies könnte nach Zeugenaussagen in kurzer Zeit geschehen sein. Wie Generalstaatsanwalt François Molins erklärte, hatte er im Internet seine Unterstützung für den Islamischen Staat bekundet und nach Propagandamaterial gesucht.Stefan Goertz: Der islamistische Anschlag am 14. Juli 2016 in Nizza. In: Islamistischer Terrorismus. Analyse – Definitionen – Taktik. CF Mueller. Heidelberg 1017, S. 124, 125.
Der Attentäter hat nach Angaben von Generalstaatsanwalt Molins schon Monate zuvor begonnen, die Tat zu planen. Auf seinem Handy wurden Bilder von zwei Feuerwerken und einem Konzert auf der Strandpromenade von Nizza im Sommer 2015 gefunden. Der Fokus lag dabei jeweils auf der Menschenmenge. Er hatte auch einen Zeitungsartikel gespeichert, bei dem es um einen Mann ging, der mit einem Fahrzeug auf eine Restaurantterrasse raste.Nizza-Anschlag offenbar monatelang geplant. Tagesschau.de, 21. Juli 2016. Einige Tage vor dem Anschlag mietete er den Lkw in der Region Nizza an.
Auf dem Mobiltelefon des Täters wurden Referenzen zu dem Amphetamin-Derivat Captagon gefunden. Im Syrischen Bürgerkrieg wurde die Substanz auch als Aufputschmittel für Kämpfer eingesetzt.
Gegen fünf inhaftierte mutmaßliche Komplizen wurde unter anderem wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung ermittelt, die bei der Tatvorbereitung geholfen hatten.
Opfer Durch den Anschlag wurden 86 Menschen getötet und mehr als 400 weitere verletzt. Am Tag nach dem Anschlag wurden zunächst 84 Todesopfer gezählt, darunter zehn Kinder und Jugendliche; 52 der Schwerverletzten kämpften um ihr Leben. Fünf Tage nach dem Anschlag waren noch 19 Schwerverletzte in kritischem Zustand.Près de la moitié des victimes de l'attentat de Nice étaient de nationalité étrangère huffingtonpost.fr, 19. Juli 2016. Das letzte Todesopfer starb fünf Wochen nach dem Anschlag an seinen Verletzungen.
43 Todesopfer waren französische Staatsbürger. Die anderen 43 Todesopfer stammten aus folgenden 18 Ländern: Algerien, Armenien, Belgien, Brasilien, Deutschland, Estland, Georgien, Italien, Kasachstan, Madagaskar, Marokko, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Tunesien, Türkei, Ukraine, Vereinigte Staaten.Portraits - Les anges de la Prom’, victimes de l’attentat de Nice, francebleu.fr, 20. Juli 2016. Wieder veröffentlicht am 31. August 2022 anlässlich des bevorstehenden Prozesses.Attentat de Nice : qui sont les victimes ? cnews.fr, 13. Juli 2017. Die deutschen Opfer waren zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Berlin;Barbara Vorsamer, Jens Schneider: Das sind die Opfer von Nizza. In: sueddeutsche.de, 15. Juli 2016, abgerufen am 17. Juli 2016. eine der Schülerinnen hatte auch die türkische Staatsbürgerschaft. Die Todesopfer aus der Schweiz waren eine brasilianische Friseurin, die in Yverdon-les-Bains gelebt hatte, ihre sechsjährige Tochter und eine Zollbeamtin aus dem Tessin.Anschlag von Nizza: Drittes Schweizer Todesopfer bestätigt. NZZ Online, 15. Juli 2016.
Reaktionen Frankreich Präsident François Hollande sagte nach dem Anschlag in einer nächtlichen Ansprache an die Nation: „Frankreich ist an einem 14. Juli angegriffen worden, dem Symbol der Freiheit.“ Frankreich werde den Angriff auf die Freiheit nicht hinnehmen und seine Werte verteidigen. Hollande kündigte an, die Angriffe auf die Terrororganisation Islamischer Staat auszuweiten. Weil ganz Frankreich vom islamistischen Terrorismus bedroht sei, werde man Reserven bei den Sicherheitskräften und Soldaten mobilisieren. Insbesondere das Personal an den französischen Grenzen solle aufgestockt werden.Reaktion auf Attentat: „Ganz Frankreich ist vom islamistischen Terrorismus bedroht“. Zeit Online, 15. Juli 2016. Hollande entschied, den Ausnahmezustand, der bereits als Reaktion auf die Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris für ganz Frankreich verhängt worden war und seither ununterbrochen gegolten hatte, um drei Monate zu verlängern; noch wenige Stunden vor dem Anschlag hatte er in seinem Interview zum Nationalfeiertag die Aufhebung des Notstands zum 26. Juli 2016 angekündigt. Am 21. Juli 2016 stimmte nach der Nationalversammlung auch der Senat der Verlängerung des Ausnahmezustandes um sechs Monate bis Januar 2017 zu.
Das Rihanna-Konzert und das Jazz-Festival in Nizza wurden abgesagt, andere Festivals in nahen Orten hielten Gedenkminuten ab. Mehrere Reiseveranstalter reagierten mit einer kostenlosen Stornomöglichkeit für Urlauber.ORF, Ö1 Journal um 6, 15. Juli 2016, 18:10 Uhr.
Am 16. Juli rief der französische Innenminister Bernard Cazeneuve alle willigen „patriotischen Bürger“ zum Reservedienst bei den Sicherheitskräften auf. Er kündigte an, die Mannstärke der Reserveeinheiten stark zu erhöhen und die maximale Dienstzeit von 30 auf bis zu 150 Tage im Jahr zu verlängern.
Bei einer eigentlich als Schweigeminute geplanten Veranstaltung in Nizza am 18. Juli wurde Premierminister Manuel Valls von aufgebrachten Einwohnern ausgepfiffen, ausgebuht und beschimpft. Am Vortag hatte der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy den Kampf gegen den Terrorismus als „totalen Krieg“ bezeichnet.
Andere Länder mini|Die Außenminister John Kerry (USA) und Sergei Lawrow (Russland) legen Blumen an der französischen Botschaft in Moskau ab, 15. Juli 2016
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte den Anschlag.
Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte: „Ein Angriff auf Frankreich ist […] ein Angriff auf die gesamte freie Welt.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte: „Deutschland steht im Kampf gegen den Terrorismus an der Seite Frankreichs.“Reaktionen auf den Lkw-Anschlag mit 84 Toten. Focus, 15. Juli 2016. In Berlin wurde der Anfang des geplanten deutsch-französischen Volksfestes auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor um einen Tag verschoben. Die französische Botschaft setzte die Trikolore auf halbmast. Für Bundesbehörden und in mehreren Bundesländern wurde Trauerbeflaggung angeordnet.
Auch in Österreich wurden die drei Flaggen vor dem Parlamentsgebäude auf halbmast gesetzt. Österreichs Bundeskanzler Christian Kern versicherte Frankreich am 15. Juli seiner Solidarität; Außenminister Sebastian Kurz forderte das „Verteidigen gegen Terror“.Tiefe Betroffenheit auch in Österreich, oe1.orf.at, gesendet am 15. Juli 2016, abgerufen am 15. Juli 2016.
Italiens Innenminister Angelino Alfano äußerte am 15. Juli 2016, an drei Grenzübergängen zwischen Italien und Frankreich werde verschärft kontrolliert. Auch Züge am Grenzbahnhof Ventimiglia würden stärker kontrolliert.
Islamischer Staat Am 16. Juli 2016, zwei Tage nach dem Anschlag, bekannte sich der Islamische Staat über sein Sprachrohr Amaq zu der Tat. Darin heißt es: „Derjenige, der die Operation des Überfahrens in Nizza, Frankreich, durchführte, war einer der Soldaten des Islamischen Staates. Er führte die Operation aus als Reaktion auf Aufrufe, die Mitglieder der internationalen Allianz, die den Islamischen Staat bekämpfen, ins Visier zu nehmen.“ Das Bekennerschreiben enthielt kein Täterwissen oder Hinweise, dass der IS tatsächlich in die Tat involviert oder vorab informiert war.Lkw-Attentäter: IS beansprucht Anschlag von Nizza für sich. Spiegel Online, 16. Juli 2016; abgerufen am 16. Juli 2016. Sechs Tage nach dem Anschlag erschien ein Propagandavideo des IS, in dem Rachid Kassim den Täter lobte, um dann vor laufender Kamera zwei angebliche Spione zu enthaupten.Attentat de Nice: des décapiteurs de Daech félicitent Bouhlel. In: Le Parisien, 20. Juli 2016. Le djihadiste qui a revendiqué l’attentat de Nice vient de la Loire. In: Le Dauphiné libéré, 23. Juli 2016.
Spätere Folgen Streit zwischen Stadt Nizza und Regierung