Die Modern Monetary Theory (abgekürzt MMT, auch Modern Money Theory bzw. Modern Monetary Economics, abgekürzt MME) ist eine heterodoxe makroökonomische Theorie, die in einer eigenen Analyse des Geldsystems gründet. Währungen gelten dabei als staatliches Monopol und Arbeitslosigkeit als ein Beweis dafür, dass der Währungsmonopolist das Geldangebot, das zur Zahlung von Steuern und zur Befriedigung von Konsum benötigt wird, übermäßig einschränkt.
Als Hauptvertreter der MMT gelten Warren Mosler, Bill Mitchell, Randall Wray, Stephanie Kelton, Pavlina Tcherneva, James K. Galbraith und Michael Hudson. Auch Scott Fullwiler, Fadhel Kaboub, Mathew Forstater und in Europa Dirk Ehnts, Andrea Terzi, Günther Grunert, Maurice Höfgen und Paul Steinhardt werden dieser Denkrichtung zugerechnet.„Schon die Frage ist falsch.“ Interview mit Stephanie Kelton, SZ, Nr. 288, 14. Dezember 2018, S. 17.
Die MMT besagt, dass Staaten durch den Einsatz von Fiskalpolitik neues Geld schaffen können, um damit Vollbeschäftigung herzustellen. Das Hauptrisiko besteht dabei in einer evtl. auftretenden Inflation in der Folge einer zu hohen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, welche allerdings seit der frühen Nachkriegszeit nicht mehr beobachtet worden sei. Die MMT wird in der Wirtschaftswissenschaft hinsichtlich ihrer theoretischen Solidität, ihren Implikationen für die Politik und ihren Unterschieden zur orthodoxen Makroökonomik – auch von namhaften Ökonomen wie Paul Krugman, Jens Südekum oder Adam Tooze – rezipiert und kontrovers diskutiert.
Grundaussagen Die MMT lässt sich im Wesentlichen in folgenden Hauptpunkten zusammenfassen:
Staaten, die eine eigene Fiat-Währung herausgeben (eine Währung ohne inneren Wert, im Gegensatz etwa zu einer durch Gold hinterlegten Währung),
können für Waren, Dienstleistungen und finanzielle Vermögenswerte bezahlen, ohne vor solchen Käufen zuerst Geld in Form von Steuern oder Anleihen einnehmen zu müssen, können nicht in Anleihen der eigenen Währung in Insolvenz geraten, sind in der Geldschöpfung und staatlichen Ausgaben nur durch Inflation begrenzt, die sich beschleunigt, sobald die realen Ressourcen (Arbeit, Kapital und natürliche Ressourcen) der Ökonomie bei Vollbeschäftigung ausgeschöpft sind, können automatische Stabilisatoren zur Eindämmung von Nachfragesoginflation verwenden, anstatt Steueranpassungen zu nutzen, und können Anleihen als geldpolitisches Instrument emittieren, anstatt allein als Finanzierungsinstrument. Die MMT sieht in ihrer Analyse des Geldsystems ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen heterodoxen Theorien und dem ökonomischen Mainstream. Sie weist Verwandtschaft mit dem Postkeynesianismus auf. Wie die Post-Keynesianer lehnt die MMT die ricardianische Äquivalenz und die Theorie des Crowding-Out ab und hält an den Konzepten der Unsicherheit, der effektiven Nachfrage, der Endogenität des Geldes und der finanziellen Instabilität fest.
Die MMT nimmt an, dass ein monetär souveräner Staat keinen intrinsischen finanziellen Restriktionen in seiner eigenen Währung unterliege, da er diese Währung selbst emittiere. Er sei folglich immer in der Lage alle fälligen Zahlungen zu leisten. Dies bedeute, dass er alles kaufen könne, was in der eigenen Währung zum Verkauf angeboten werde, und auch nicht die Steuern erhöhen müsse, um Einnahmen zur Bedienung und Rückzahlung seiner Schulden zu erzeugen. Problematisch werde es nur dann, wenn sich ein monetär souveräner Staat in einer Fremdwährung verschulde, die er eben nicht selbst schaffe und nicht kontrolliere. In diesem Fall befinde er sich in der gleichen Situation wie ein privater Kreditnehmer. Im Gegensatz dazu seien nichtsouveräne Staaten, die ihre monetäre Souveränität aufgegeben hätten und dauerhaft eine Fremdwährung verwendeten, finanziellen Einschränkungen und schlussendlich auch einem Insolvenzrisiko ausgesetzt.
Der Australier Bill Mitchell fasste die wichtigsten Thesen der MMT zusammen, deren Kern lautet: Seit Wegfall der Goldbindung erkläre sich die Akzeptanz der modernen Fiat-Währungen durch staatliche Vorschriften. Die Regierung lege als gesetzliches Zahlungsmittel ihre Währung fest. Diese habe keinen intrinsischen Wert. Was uns veranlasse dieses Geld zu benutzen, sei die Tatsache, dass alle Steuern und sonstigen staatlichen Forderungen mit ihm zu begleichen sind. Aufgrund seines Geldmonopols könne es dem Staat nie an Geld mangeln. Er brauche weder Kreditgeber noch Steuerzahler, um mehr Geld zu bekommen. Die Grundeinsicht der MMT sei, dass die Regierung nicht gezwungen sei, zur Finanzierung ihrer Ausgaben Steuern zu erheben.
Die MMT fordert genau abgestimmte Budgetdefizite in einer Größenordnung, die notwendig sei, um die aus den Nettosparwünschen des nichtstaatlichen Sektors resultierende Ausgabenlücke zu schließen. Daran gemessen dürften die staatlichen Haushaltsdefizite nicht zu niedrig sein, weil bei einem unzureichenden Defizit keine Vollbeschäftigung möglich sei, aber auch nicht zu hoch, da es in diesem Fall zu einer nachfrageinduzierten Inflation komme. Diese entstehe, wenn in einer Volkswirtschaft die nominalen Ausgaben die produktiven Kapazitäten überstiegen.
Vergleich mit der Mainstream-Ökonomie Françoise Drumetz und Christian Pfister (Banque de France) fassen die wichtigsten Unterschiede zwischen der MMT und der makroökonomischen Mainstream-Ökonomie in der folgenden Tabelle zusammen.
Thema Modern Monetary Theory (MMT) Mainstream-Ökonomie Staatsausgaben werden finanziert durch Geldschöpfung Besteuerung Tragfähigkeit der Staatsverschuldung keine Beschränkung potenziell eine Beschränkung Staatsanleihen werden ausgegeben zur Einkommensumverteilung und Steuerung der Zinssätze zur Deckung von Haushaltsdefiziten Zugang des Staates zur Finanzierung durch die Zentralbank unbegrenzt begrenzt Von der Zentralbank erworbene Staatsverschuldung effektiv annulliert bleibt zurückzuzahlen Crowding-out tritt nicht auf kann auftreten Geldpolitik keine stabilisierende Funktion stabilisierendes Instrument Zinssätze vom Staat bestimmt von Märkten bestimmt Inflation fiskalischer Natur monetärer Natur Arbeitslosigkeit vollständig beseitigbar nicht vollständig beseitigbar Konventionelle Strukturpolitik als schädlich angesehen als nützlich angesehen Eine monetär souveräne Volkswirtschaft muss nicht wettbewerbsfähig sein sollte wettbewerbsfähig sein Arbeitsqualifikationen stehen nur lose mit dem Einkommen in Verbindung sind zentrale Determinanten des Einkommens Soziale Sicherung kostenlos verursacht Kosten
Theorie Die MMT analysiert vor allem gesamtwirtschaftliche Bilanzen und Kreisläufe – Mikrofundierte Modelle oder Erklärungen für langfristiges Wachstum oder dynamische Optimierung sind kein Forschungsgegenstand. Die MMT konzentriert sich dabei hauptsächlich auf eine Erklärung von Geldströmen. Reale Warenströme werden in der Analyse meist ausgeblendet.
Geldsystem Wesentlich für die Analyse der MMT ist die Unterscheidung von vertikalen und horizontalen Transaktionen. Die MMT baut dabei in weiten Teilen auf den Überlegungen der Functional Finance von Abba Lerner und der Theorie des Chartalismus auf.
Als vertikal werden die Transaktionen zwischen Wirtschaftssektoren bezeichnet, zum Beispiel zwischen dem Staat und dem Privatsektor. Horizontale Transaktionen finden innerhalb eines Wirtschaftssektors statt, etwa unter Geschäftsbanken. Dabei zählt die MMT die Zentralbank zum Staatssektor. Eine Regierung mit einem souveränen Währungsmonopol hat in der Regel ein Betriebskonto bei der Zentralbank. Von diesem Konto aus kann die Regierung Steuern und andere Zuflüsse ausgeben und auch erhalten. Jede Geschäftsbank hat auch ein Konto bei der Zentralbank, über das sie ihre Reserven verwaltet (d. h. Geld für Clearing und die Abwicklung von Interbankentransaktionen).
Wenn ein Staat Geld ausgibt, belastet das Finanzamt das Betriebskonto bei der Zentralbank und legt dieses Geld auf privaten Bankkonten (und damit im kommerziellen Bankensystem) an. Durch diese vertikale Transaktion erhöht der Staat die Gesamteinlagen im Geschäftsbankensektor. Über die Geschäftsbanken gelangt das Geld dann in den privaten Wirtschaftskreislauf, zu Haushalten und Unternehmen. Besteuerung funktioniert umgekehrt: Private Bankkonten werden belastet; damit sinken die Einlagen im Geschäftsbankensektor. Zusammengefasst bringt der Staat also durch Staatsausgaben Geld in Umlauf und die ökonomischen Agenten akzeptieren dieses Geld, da sie darin ihre Steuern an den Staat zahlen müssen.
Dadurch erklären sich zwei wesentliche Schlussfolgerungen der MMT:
der Staat kann in der eigenen Währung nicht pleitegehen, da er seine Schulden durch die Ausgabe neuen Geldes virtuell unbegrenzt bedienen kann. der Staat muss sich sogar verschulden, um Geld in Umlauf zu bringen. Steuern sind in dieser Perspektive also kein Finanzierungsinstrument, sondern notwendig, um die im Umlauf befindliche Geldmenge zu reduzieren.
Geld entspricht in der Perspektive der MMT letztlich einer unverzinsten Staatsanleihe mit einer Laufzeit von Null.
Deshalb lehnt die MMT auch das Konzept der ricardianischen Äquivalenz ab, wonach die staatlichen Ausgaben von heute die Steuererhöhungen von morgen darstellen. Jede Generation könne frei über die Größe des Staatssektors entscheiden. Da der Staat ja selbst Geld in Umlauf bringen kann, müsse er sich auch nicht um höhere Steuern kümmern. Keine Generation muss jemals die Schulden einer vorherigen Generation über Steuern zurückzahlen. Für Vertreter der Modern Monetary Theory ist ein staatliches Defizit kein Ziel, sondern ein Instrument – das Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts etwa sei nicht von Bedeutung; der Haushalt richte sich nach anderen makroökonomischen Zielgrößen. Anders gesagt, das Staatsbudget wird damit zum Instrument der Steuerung gesamtwirtschaftlicher Größen. Dies entspricht dem Konzept der Functional Finance. Auf die Realität der rechtlichen Unabhängigkeit von Zentralbanken in den westlichen Industrienationen wird durch die MMT erwidert, dass dies ja freiwillig auferlegte Beschränkungen seien und man diese auch im Zweifel beseitigen könne. Gleiches gilt auch für den Geldmultiplikator und staatliche Mindestreservequoten der Geschäftsbanken. Diese seien letztlich nur freiwillig auferlegt. Bei Banken würden vielmehr Profitabilitätserwägungen eine Rolle spielen, ob sie das Geld anlegen oder nicht.
Außenhandel Die Analyse des Geldsystems gilt nicht nur für geschlossene Volkswirtschaften, sondern auch für offene. Solange ein Staat sich nicht in einer ausländischen Währung verschuldet, oder keinen Wechselkurs verteidigen will/muss, kann auch hier von einer unbegrenzten Finanzierungsfähigkeit des Staates gesprochen werden. Die MMT stimmt allerdings dem ökonomischen Mainstream zu, dass die Verschuldung in einer Fremdwährung ein fiskalisches Risiko darstellen kann. In diesem Fall kann der Staat seine Auslandsschulden nur zurückzahlen, indem er dafür sorgt, dass seine Währung von Ausländern während des Zeitraums, in dem er die Schulden zurückzahlen möchte, kontinuierlich stark nachgefragt wird; ein Zusammenbruch der Wechselkurse würde die Schulden möglicherweise auf ein Vielfaches anwachsen lassen und eine Rückzahlung unmöglich machen. In diesem Fall kann die Regierung zahlungsunfähig werden oder versuchen, zu einer exportorientierten Strategie überzugehen oder die Zinssätze zu erhöhen, um ausländische Investitionen in die Währung anzuziehen. Beides wirkt sich negativ auf die Wirtschaft aus. Der Kapitalexport der heimischen Währung ist für die MMT jedoch lediglich eine Portfolioumschichtung und damit unbedenklich.