Symphonische Metamorphosen von Themen Carl Maria von Webers (Originaltitel ) ist der Titel eines Orchesterwerkes von Paul Hindemith aus dem Jahre 1943, das er im amerikanischen Exil schrieb. Das ursprünglich als Ballett konzipierte Stück hat vier Sätze und gehört zu den bekanntesten Werken Hindemiths. Ihm zu Grunde liegen musikalische Themen von Carl Maria von Weber. Im Repertoire der meisten internationalen Sinfonieorchester ist es enthalten und wird in verschiedenen Bearbeitungen und Arrangements aufgeführt – der vierte Satz, ein Marsch, oft auch für Blasorchester.
Hintergrund und Geschichte Ab 1934 wurden Werke von Hindemith nicht mehr im deutschen Rundfunk gespielt; im Jahre 1936 verboten die Nationalsozialisten, seine Musik öffentlich in Deutschland aufzuführen, 1937 kündigte er daraufhin seine Stellung als Professor an der Berliner Hochschule für Musik, und als 1938 die Ausstellung Entartete Musik stattfand und ausdrücklich auf die jüdische Abstammung seiner Ehefrau Gertrud Rottenberg hingewiesen wurde, beschlossen die Hindemiths zu emigrieren – zuerst in die Schweiz und ab dem Jahre 1940 (zunächst Paul Hindemith allein) in die USA. Im selben Jahr machte der russische Tänzer und Choreograf Léonide Massine ihm, der gerade in das amerikanische Exil gekommen war, den Vorschlag, ein Ballett nach Musikstücken von Carl Maria von Weber zu komponieren. Bereits Ende der 1930er Jahre hatten Massine und Hindemith ein Projekt miteinander realisiert, es war das Ballett Nobilissima Visione, das am 21. Juli 1938 von den Ballets Russes de Monte Carlo in London uraufgeführt wurde. Ein weiteres Ballett-Projekt aus jener Zeit sollte sich mit den niederländischen Sprichwörtern und Bildern von Pieter Brueghel dem Älteren beschäftigen, aber das scheiterte.Friederike Becker (Hrsg.): Paul Hindemith. Das private Logbuch – Briefe an seine Frau Gertrud. Piper, München 1995, S. 426 f. Das Weber-Ballet nahm jedoch bald Gestalt an, denn noch im selben Jahr arrangierte Hindemith zwei Themen, Allegro und Andantino, die später zum ersten und dritten Satz der Symphonischen Metamorphosen werden sollten, für Klavier. Doch die Zusammenarbeit verlief danach nicht zufriedenstellend. Massine wollte eigentlich nur eine Instrumentierung einiger Musikstücke von Weber, Hindemith hingegen war das zu wenig, er wollte die Webersche Musik frei paraphrasieren. Die Zusammenarbeit mit Massine endete danach wegen künstlerischer Differenzen (aus dem Brief an Gertrud vom 21. März 1940). Hindemith schrieb am 12. April 1940 an seine Frau Gertrud, die als Jüdin im Schweizer Exil ausharren musste, weil sie zunächst kein Ticket für eine Schiffsreise in die USA erhalten konnte, dass er Webers Musik nur „leicht gefärbt und ein bißchen schärfer gemacht“ habe.Friederike Becker (Hrsg.): Paul Hindemith. Das private Logbuch – Briefe an seine Frau Gertrud. Piper, München 1995, S. 448.Christian Kosfeld: “Sinfonische Metamorphosen” von Paul Hindemith. Beschreibung des Werkes auf der Internetseite des WDR. Die Fertigstellung der Instrumentierung zog sich allerdings bis August 1943 hin. Erst als Artur Rodziński, ein Bewunderer der Musik Hindemiths, ihm am 13. März 1943 einen Kompositionsauftrag in Aussicht stellte, setzte er die Arbeit fort, und die Partitur war am 29. August 1943 für den Druck zunächst fertig, doch Hindemith nahm weiterhin noch Korrekturen und Verbesserungen vor. So fiel ihm immer noch kein Titel für das Werk ein, und den Arbeitstitel Weber-Suite mochte der Verleger nicht. Ende 1943 war alles fertig, und die Uraufführung fand dann am 20. Januar 1944 in New York mit dem New York Philharmonic-Symphony Orchestra unter der Leitung von Artur Rodziński statt.
Aufführungsgeschichte und Rezeption Das Stück wurde für Hindemith ein großer Erfolg, und auch er selbst fand es gut gelungen. Das Konzert der Uraufführung bestand aus Georg Friedrich Händels Concertino D-Dur, bearbeitet für Orchester und Orgel, gefolgt von Johannes Brahms’ Violinkonzert. Danach standen Hindemiths Metamorphosen auf dem Programm, das schließlich mit Auszügen aus Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg beendet wurde. Die Reaktionen der Presse nach der New Yorker Uraufführung waren vorwiegend positiv. So schrieb Olin Downes in der New York Times am 21. Januar 1944:
Nach der erfolgreichen Uraufführung bekundeten auch andere amerikanische Orchester Interesse an den Metamorphosen, und am 15. November 1944 lagen bereits Anfragen von sechs bekannten Orchestern vor. Nach Deutschland kam die Symphonischen Metamorphosen von Themen Carl Maria von Webers 1947. Am 28. Mai 1947 fand die erste Aufführung im Rahmen des 102. Niederrheinischen Musikfests unter der Leitung von Heinrich Hollreiser in Düsseldorf statt. Noch im selben Jahr gab es fast 30 Aufführungen nicht nur in der West-, sondern auch in der Sowjetischen Besatzungszone; Orchestern in Dresden und Leipzig wurde die Partitur vom Mainzer Schott-Verlag ebenfalls zugeschickt. Auch mehrere Rundfunkanstalten, darunter der RIAS Berlin, nahmen das Werk auf. Über die Aufführung am 30. August in Dresden mit der Sächsischen Staatskapelle unter der Leitung von Joseph Keilberth schrieb ein Autor mit dem Kürzel G.C. im Sächsischen Tageblatt:
Hindemith dirigierte bis 1958 sein Werk 27 Mal selbst. Einige Konzerte wurden im Radio mitgeschnitten, aber auch Schallplatten bei der Deutschen Grammophon wurden Mitte der 1950er Jahre mit den Berliner Philharmonikern produziert.Ludwig Finscher, Giselher Schubert, Luitgard Schader (Hrsg.): Paul Hindemith. Sämtliche Werke (Partituren), Orchesterwerke 1943–46. Schott, Mainz 2012, S. XIV ff. Doch gab es zumindest auch eine kritische Stimme aus Deutschland, die das Werk als nicht sehr bedeutend verriss. So schrieb 1970 der Musikwissenschaftler Helmut Rösner in einer Schrift für die Musikbibliothek Frankfurt am Main, dass „amerikanische Einflüsse“ vorhanden seien und „handwerkliche Meisterschaft zweifellos zum Ausdruck“ käme, doch es sei ein „lärmendes Stück, ein effektvoller Orchesterreißer, nicht viel mehr, Talmi-Geglitzer statt wirklicher Leuchtkraft“.Städtische Musikbibliothek, Frankfurt am Main (Hrsg.): Paul Hindemith. Darin Helmut Rösner mit dem Aufsatz Orchesterwerke. Frankfurt am Main, 1970, S. 37. Bereits 1934 bezeichnete der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels Hindemith öffentlich als „atonalen Geräuschemacher“. Der sowjetische Musikwissenschaftler Vitalij Sergeevič Fomin schreibt über das Werk: „…ist wohl die populärste Komposition Hindemiths. […] Metamorphosis ist nicht einfach nur eine geistreiche Transformation der [unbekannten] Weberschen Themen. Entstanden […] auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs, besingt das Werk, nach Meinung vieler Kritiker, das gewesene Deutschland und bringt eine lichte Hoffnung für seine Zukunft zum Ausdruck.“Hindemith Institut Frankfurt (Hrsg.): Hindemith-Jahrbuch 2012, Band XLI. Darin Vitalij S. Fomin: Vorwort zur Symphonic Metamorphosis, Schott Music, Mainz 2013, ISBN 978-3-7957-7052-5, S. 65 f.
Musikalische Vorlagen Hindemith selbst machte, außer für den zweiten Satz Turandot, keine Angaben zu den verwendeten Vorlagen; die von ihm angekündigte Einführung in das Werk erschien nicht. Erst nach den Aufführungen des Stückes wurden die Weberschen Themen, bis dahin eher vergessen, nach einer Rundfunkübertragung identifiziert und so bekannt gemacht.Ludwig Finscher, Giselher Schubert, Luitgard Schader (Hrsg.): Paul Hindemith. Sämtliche Werke (Partituren), Orchesterwerke 1943–46. Zitiert nach Hindemiths Kollegen Arthur Mendel 1976, Schott, Mainz 2012, S. XIII f.
Das Allegro, Thema für den ersten Satz der Metamorphosen, entnahm Hindemith aus Webers acht eher unbekannten Klavierstücken zu vier Händen, op. 60, hier die Nr. 4, aus dem Jahr 1819.Louis Köhler, Collection Litolff (Hrsg.): Compositions pour Piano à 4 mains de Weber. Band I: Huit Pièces (= Collection Litolff 184). Henry Litolff, Braunschweig, Mitte des 19. Jahrhunderts, S. 14 ff. Der zweite Satz der Metamorphosen stammt in leicht veränderter Melodieführung aus der Ouvertüre der Bühnenmusik op. 37 zu dem Schauspiel Turandot, Prinzessin von China nach einem Theaterstück von Friedrich Schiller aus dem Jahre 1811, das sich wiederum auf das Märchen Turandot von Carlo Gozzi bezieht und in der klassischen Musik und Literatur als Thema immer wieder neu verarbeitet wurde. Im dritten Satz der Metamorphosen, dem Andantino, verarbeitete Hindemith ein Thema aus Webers 6 Pièces faciles, op. 10, hier Nr. 2, aus dem Jahre 1809 (ursprünglich als op. 3 bezeichnet).Henri Lemoine (Hrsg.): 6 Pièces faciles pour Piano à quatre mains par Ch. M. de Weber. Paris 1869, S. 8 ff. Dem vierten und letzten Satz diente Webers Marsch aus Huit Pièces op. 60 (etwa 1802–03), dort die Nummer sieben, einen Marsch (bei Weber Marcia. Maestoso), als Vorlage.Louis Köhler (Hrsg.): Compositions pour Piano à 4 mains de Weber. Band I: Huit Pièces (= Collection Litolff 184). Henry Litolff, Braunschweig, Mitte des 19. Jahrhunderts, S. 26 ff. Hindemith veränderte an Webers Themen wenig; er lieferte aber eine virtuose Instrumentierung für große amerikanische Orchester mit ausgeprägter Berücksichtigung der Blas- und Schlaginstrumente, sowie rhythmische Verlagerungen, die den Themen einen modernen, nahezu amerikanischen Charakter mit ungewohnten Klangfarben und fast jazzmäßigen Elementen verleihen. Damit bekamen die Stücke einen ganz anderen Charakter als die Originale. Carl Maria von Weber schrieb sie als kleine, nicht allzu schwere Vortragsstücke für die vierhändige Hausmusik seiner Zeit; sie wurden vergessen, Hindemith hingegen machte sich weitergehende Gedanken und schuf daraus ein Werk mit völlig anderem „modernen“ Ausdruck.Ludwig Finscher, Giselher Schubert, Luitgard Schader (Hrsg.): Paul Hindemith. Sämtliche Werke (Partituren), Orchesterwerke 1943–46. Zitiert nach Hindemiths Kollegen Arthur Mendel 1976, Schott, Mainz 2012, S. XII f. In der Studienpartitur aus der Edition Eulenburg zu dem Stück schreibt Ian Kemp in seinem Vorwort, dass Hindemith, noch im Schweizer Exil, die Weberschen Stücke „mit seiner Frau Gertrud, einer guten Pianistin, in den häuslichen Musizierstunden durchgespielt hatte.“Hindemith: Symphonic Metamorphosis of Themes by Carl Maria von Weber. Edition Eulenburg, Nr. 1394 (Studienpartitur), ISBN 978-3-7957-7263-5.
Musikalische Struktur Obwohl das Werk in seiner Thematik zur europäischen romantischen Musiktradition gehört, war es doch im virtuosen Geiste moderner amerikanischer Symphonieorchester komponiert worden und trägt im Original einen englischen Titel. Später wurden ihm auch unterschiedliche Titel gegeben, beispielsweise als Symphonische Metamorphose von [über/nach/zu] Themen Carl Maria von Webers oder in zwei Versionen mit fälschlichem Plural als Sinfonische Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber und Sinfonische Metamorphosen Carl Maria von Weber’scher Themen. Hindemith beanstandete diese Bezeichnungen jedoch nicht. So kam es teilweise sogar zu Rückübersetzungen dieser Titel ins Englische, beispielsweise als Metamorphoses on Themes by …. Im Englischen ist das Werk auch als Symphonic Variations on [oder „of“] Themes by Carl Maria von Weber betitelt worden. Obwohl sich diese scheinbar auf eine Auswahl von Themen Webers beziehen, beinhaltet das Stück doch eher einen Querschnitt seiner gesamten Werke. Hindemith selbst hat zu seinem Werk, entgegen seiner Ankündigung, nichts geschrieben. Arthur Mendel, der damals für Hindemith zuständige Mitarbeiter des Musikverlags Associated Music Publishers, entwarf dafür ein Vorwort für die Partitur, das er dem Komponisten zur Korrektur zusandte. Hindemith machte zwar Korrekturen, doch das Werk erschien ohne einleitende Worte. Mendel verwandte dann den Text wahrscheinlich für Werbezwecke.Ludwig Finscher, Giselher Schubert, Luitgard Schader (Hrsg.): Paul Hindemith. Sämtliche Werke (Partituren), Orchesterwerke 1943–46. Zitiert nach Hindemiths Kollegen Arthur Mendel 1976, Schott, Mainz 2012, S. XII f.