mini|Römerstraßen und Kastelle in der Region Hochrhein-Donau-Neckar mini|Ausschnitt der Tabula Peutingeriana mit der Etappe Tenedone, Schwarzwald (Silva Marciana), Rhein und Bodensee. Die Lage der angegebenen Orte ist durch einen Linienknick in der Straßenführung markiert mini|Die Südmauer zwischen Turm VIII und IX am Kirchlibuck, Grabungsfoto von 1903 mini|hochkant|Nahansicht der restaurierten Südmauer, Bruchsteinkern und äußere Quaderverschalung (1983) mini|Heutige Lage des spätrömischen Brückenkopfes mit Umzeichnung nach dem Forschungsstand von 1907–1987 mini|Spätrömischer Wachturm im Sandgraben, seine Überreste liegen auf einem Felssporn über dem Rhein, sind aber in der Zwischenzeit durch die seitlichen Abbauhalden der Steinbrüche alleinstehend auf einem Hügel zu finden mini|Befundplan der Südmauer des Kastells am Kirchlibuck (Westkastell) mit frühchristlicher Kirche und Priesterwohnhaus (1907) mini|Befundplan des Kastells am Sidelen (Ostkastell) (1907) mini|Mauerreste des Hufeisenturms X auf dem Kirchlibuck mini|Grundmauern des SW-Rundturm (XI) auf dem Kirchlibuck mini|Überreste des Kastelltores am Kirchlibuck (1983) mini|Kastelltor am Kirchlibuck (2013) mini|Reliefs vom Kastelltor (1903) mini|Blick auf das Baptisterium hinter dem Hufeisenturm X (1983) mini|Grundmauern des Katechumeneion am Kirchlibuck mini|Buckelurne, gefunden im Kastell am Sidelen (1903) mini|Rekonstruktionsversuch der hölzernen Brücke des 1. Jahrhunderts und Kastell Kirchlibuck aus dem 4. Jahrhundert (Zeichnung W. Pabst) mini|Spätantike Stadtmauer von León (E) mit ihren bis heute erhaltenen gebliebenen Hufeisentürmen mini|St. Michaelskirche und Amtshaus in Rheinheim mini|Modell der römischen Meusebrücke von Maastricht (NL), ausgestellt im Centre Céramique, so ähnlich könnte auch die spätantike Brücke der Bauphase I in Zurzach ausgesehen haben mini|hochkant|Pilot einer Pfahlgründung der spätrömischen Rheinbrücke mit Eisenschuh (Museum Höfli) mini|Infotafel am Kirchlibuck
Das spätrömische Doppelkastell Kirchlibuck-Sidelen (auch Doppelkastell Sidelen-Kirchlibuck, Doppelkastell Zurzach-Rheinheim), schützte einen Rheinübergang des Donau-Iller-Rhein-Limes (»spätrömischer Hochrhein-Limes«) im heutigen Bad Zurzach, Kanton Aargau in der Schweiz.Katrin Roth-Rubi: Zurzach in spätrömischer Zeit. In: Albert Sennhauser, Hans Rudolf Sennhauser, Alfred Huber (Hrsg.): Geschichte des Fleckens Zurzach. Historische Vereinigung des Bezirks Zurzach, Zurzach 2004, S. 65 ff.
In frührömischer Zeit verlief eine Straße vom Zurzacher Berg in gerader Linie zum Rhein, wo eine Brücke vermutet wird. Auf der Rheinterrasse entstand im 1. Jahrhundert n. Chr., östlich der Straße, das Holz-Erde-Kastell «Tenedo» und eine Zivilsiedlung. Es bestand von etwa 10 bis 50 n. Chr. und diente zum Schutz des örtlichen Rheinübergangs. Im 3. Jahrhundert wurden die Befestigungen der Rheinlinie (»spätrömischer Hochrhein-Limes«) neu errichtet, in diese Zeit fiel auch der Bau des stark befestigten Brückenkopfs am Nord- und Südufer des Rheins. Ein Kastell stand auf dem sog. Kirchlibuck, das andere ihm gegenüber auf Sidelen beim ehemaligen Schloss Mandach, im rechtsrheinischen Rheinheim befand sich ein Brückenkopfkastell.Jakob Heierli: Das römische Kastell Burg bei Zurzach, untersucht im Auftrag der Kommission für römische Forschungen. Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, Band 9, 1907, S. 23–32. Am Kirchlibuck entstand im 5. Jahrhundert (innerhalb des Kastells) eine Kirche mit Baptisterium. In den 400 Jahren bis zum Rückzug der Römer während der Völkerwanderung wurden mehrere Brücken zwischen Zurzach und Rheinheim errichtet, die vorwiegend durch archäologische Befunde und der Heimatforschung spätestens seit dem 17. Jahrhundert bekannt sind. In Bezug auf den Übergang von der Antike ins Frühmittelalter darf Zurzach wohl als einer der bedeutendsten Orte im Kanton Aargau angesehen werden.
Name Die Etappe Tenedo(ne) wird nur in der Tabula Peutingeriana erwähnt. Die spätmittelalterlichen Gelehrten Johannes Stumpff und Aegidius Tschudi glaubten an einen zweiten antiken Namen von Zurzach. Sie stützten ihre Vermutung auf einen dort gefundenen Grabstein des Veteranen Certus. Der antike Ortsname Tenedo oder Tenedone wurde demnach später durch den Namen Certiacum abgelöst. Tschudi führte letzteren auf den galloromanischen Gentilnamen Ortiacum zurück. Das Spätlateinische (praedium) Ortiacum bedeutet «dem Ortius gehörendes Landgut».Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen, hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, ISBN 3-7193-1308-5, S. 993. Da die wissenschaftliche Forschung hierzu erst um 1860 eingesetzt hat, sind diese allerdings mit Vorsicht zu behandeln.Christian Albers: Die spätantike Grenze am Rhein bis Koblenz: Die Kastelle in Tenedo (Zurzach). Universität Osnabrück, Hausarbeit, Grin Verlag, München 2004.René Hänggi: Die Erforschung des frührömischen Tenedo-Zurzach, in: Hänggi/Doswald/Roth-Rubi, 1994, S. 11.
Der Flurname Kirchlibuck geht auf Chilebückli oder Chirchlibuck, schweizerdeutsch für „Kirchenberg“, zurück. Man bezeichnete ihn bis ins 19. Jahrhundert als „Burg“. Der Flurname Sidelen, wohl ursprünglich von Citadelle abgeleitet, ist auch als auch Schlösslibuck bekannt. Heute ist dieser Ortsteil überbaut, nur mehr die Straßenbezeichnung „Schlösslibuckweg“ weist auf die ehemalige Befestigungsanlage hin.Verena Grafinger: Die Heilige Verena und die Thebäische Legion. Untersuchungen zu ihrem spätantiken römischen Umfeld. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistragrades der Philosophie aus der Studienrichtung Diplomstudium Alte Geschichte, Altertumskunde, Epigraphik und Papyrologie eingereicht an der Universität Wien, Wien 2007, S. 98, Anm. 325 und 326.
Das rechtsrheinische Rheinheim gilt als fränkische Gründung, worauf auch die Endung -heim hinweist im Gegensatz zum alamannischen -ingen. Rheinheim muss seinen Namen ‚Heim am Rhein‘ demnach von den Franken erhalten haben.H. W. Mayer (Hrsg.): Heimatbuch für den Amtsbezirk Waldshut, Verlag R. Philipp, Waldshut 1926. S. 205.
Lage Wie sonst an keinem Ort am Hochrhein konzentrieren sich römische Befestigungen auf engstem Raum im Gemeindegebiet des heutigen Zurzach und seiner näheren Umgebung. Während am Schweizer Ufer fünf verschiedene Lager für die Zeitspanne vom Beginn der römischen Herrschaft bis zur Spätantike nachgewiesen sind, lag am rechten Ufer das spätrömische Brückenkopfkastell von Rheinheim sowie das Legionslager von Dangstetten. Diese bemerkenswerte Häufung von Kastellen unterstreicht die herausragende strategische Bedeutung dieser Region, die ihr vom römischen Oberkommando zuerkannt wurde. Demzufolge muss die dort von Vindonissa ins Donautal führende Straße auch in der Spätantike noch eine wichtige militärische Rolle gespielt haben. Tenedoae bildete wahrscheinlich einen der Etappenpunkte an der wichtigsten Fernverkehrsrouten von Norditalien über die Alpen, die dann, jenseits des Rheinstroms, weiter in die Germania Magna, zur oberen Donau und zum Neckar führte.René Hänggi, Cornel Doswald, Katrin Roth-Rubi: Kastelle und Kastell-Vicus von Tenedo-Zurzach. Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa, Band 11. Buchdruckerei AG Baden, Brugg 1994, S. 391. Diese Straße behielt ihre Bedeutung bei, auch noch als ab der Mitte des 5. Jahrhunderts die Alamann die Nordschweiz allmählich besetzten und besiedelten.Verena Grafinger: Die Heilige Verena und die Thebäische Legion. Untersuchungen zu ihrem spätantiken römischen Umfeld. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistragrades der Philosophie aus der Studienrichtung Diplomstudium Alte Geschichte, Altertumskunde, Epigraphik und Papyrologie eingereicht an der Universität Wien, Wien 2007, S. 92.
Das Kastellgelände liegt auf einer steil über dem Rhein aufragenden Schotterterrasse (Moräne) in einem ursprünglich stark versumpften Gebiet, am Nordfuss eines Ausläufers des Jura Gebirgszuges. Die Moräne ist zum grössten Teil von jüngeren Lehmschichten überdeckt, die vom Zurzibach im Laufe der Zeit vom Jura heruntergeschwemmt wurden. Solche Bäche waren schon immer eine wichtige Voraussetzung für die Gründung von Siedlungen. Der Zurzibach floss ursprünglich wohl in mehreren Läufen über den Schuttfächer zum Strom. Am Rand der Schotterterrasse haben die verschiedenen Bachläufe über die Jahrhunderte tiefe Rinnen ausgeschwemmt, die schon seit prärömischer Zeit den Zugang zum Rhein erleichterten. Sie haben auch wesentlich die Strassenführung zum späteren Rheinübergang nachhaltig bestimmt.Christian Albers: Die spätantike Grenze am Rhein bis Koblenz: Die Kastelle in Tenedo (Zurzach). Universität Osnabrück, Hausarbeit, Grin Verlag, München 2004, S. 4.
Die Neckar-Alb-Römerstrasse verlief in einer natürlichen Senke, die die beiden Erhebungen mit den spätrömischen Kastellen trennt. Bisher konnte sie zwar nirgends in Zurzach archäologisch nachgewiesen werden, obwohl alle Aushubprofile der letzten Jahrzehnte genau beobachtet wurden. Römerzeitliche Funde des 1. bis 4. Jahrhundert oberhalb der Langwiesstrasse und im Areal Minet könnten aber mit der römischen Straße in Zusammenhang stehen. Im Kanalisationsgraben entlang der Promenade wurden an zwei Stellen Strassenkoffer angeschnitten, dass sie aus römischer Zeit stammen ist aber nicht gesichert.Alfred Hidber: Überlegungen zur frühen Siedlungsentwicklung des Fleckens Zurzach. Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter – HR. Sennhauser, Bad Zurzach 2012. S. 9. Die an den beiden spätrömischen Lager vorbeiführende, stark frequentierte Straße, verband Vindonissa mit Arae Flaviae. In der Tabula Peutingeriana scheinen an der Strasse nach Vindonissa -Tenedone-Iuliomagus (Schleitheim)-Brigobannis (Hüfingen) auf. Der Abstand zwischen den Orten ist nicht in römischen Meilen, sondern in gallischen «Leugen» angegeben.Tabula Peutingeriana, Segment IV. Folgende Distanzangaben können daraus gewonnen werden: VIII Leugen (= 17,772 km) von Vindonissa nach Tenedone (sic!), XIIII Leugen (= 31,101 km) von Tenedone (sic!) nach Iulio Magno (sic! Iuliomagnus= Schleitheim bei Schaffhausen); Eine gallische Leuge sind ca. 2,2 Kilometer.Gerhard Fingerlin: Vom Hochrhein zur Donau, Archäologische Anmerkungen zu einer wichtigen Römerstraße, Archäologische Nachrichten aus Baden 32, 1984, S. 5. Sie führte in die Region an der oberen Donau, querte in Zurzach den Rhein und geht wohl schon auf einen prähistorischen Pfad zurück.Zurzach Bad Zurzach. HLS Historisches Lexikon der Schweiz. Katrin Roth-Rubi: Von der Urgeschichte bis zur römischen Zeit (abgerufen am 7. März 2023). Ab 14. n. Chr. gehörte die Landschaft am Hochrhein zur römischen Provinz Gallia Belgica, nach 90 zur Germania superior und ab 297 zum Verwaltungsbereich der Maxima Sequanorum.TENEDO (Zurzach) Aargau, Switzerland. The Princeton Encyclopedia of Classical Sites online (abgerufen am 8. März 2023).
Forschungsgeschichte In antiken Schriftquellen wird nur wenig über diese Befestigung der Rheingrenze berichtet. Der im 2. Jahrhundert lebende Geograph Claudius Ptolemäus spricht nur von zwei Übergängen über den Rhein zwischen dem Bodensee und Basel: Ganodurum und Forum Tiberii. Ganodurum wurde mit Stein am Rhein gleichgesetzt, Forum Tiberii verortete man am Kaiserstuhl, Zurzach und noch einigen anderen Orten. Die Tabula Peutingeriana nennt Tenedoae, eine Etappe, wo die Römerstraße von Vindonissa zur Donau den Rhein querte.Jakob Heierli: Das römische Kastell Burg bei Zurzach, untersucht im Auftrag der Kommission für römische Forschungen. Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, Band 9, 1907, S. 23–32.