Blandorf-Wichte ist ein ostfriesisches Doppeldorf, das seit der Niedersächsischen Kommunalreform von 1972 zum Flecken Hage gehört und hier die Ortsteile Blandorf und Wichte bildet. Die Entstehung des Ortes ist mit der Norder Theelacht und seine Geschichte mit dem Adelsgeschlecht derer tho Wicht (später: von Wicht) verbunden, aus dem mehrere bekannte Persönlichkeiten hervorgegangen sind.

Name Der Name Wichte leitet sich vermutlich vom althochdeutschen wiht (= Wesen, dämonisches Wesen; vergleiche Wichtel, Bösewicht) herVergleiche dazu Hjalmar Falk, Alf Torp: Wortschatz der germanischen Spracheinheit. Teil III. Göttingen 1909, S. 382 und würde in diesem Fall eine Siedlung beim Wiht oder ein Heiligtum beim Wiht bezeichnen. Die Schreibweise von Wichte hat sich im Verlauf der Jahrhunderte mehrfach verändert: Uucht (10. Jahrhundert), Wycht (1552), Wicht (1589) und Wichte (1645).Die Angaben beziehen sich auf Hanswilhelm Haefs: Ostfriesland. Anmerkungen zur Geschichte durch Berichte über die politische Entwicklung der Friesen, ihrer Häuptlinge, die 6 Landschaften […], Ortsnamen und Ortsgeschichten. Norderstedt 2013 (Book on Demand), S. 372

Die Deutung des Ortsnamens Blandorf gestaltet sich schwieriger. Möglich sind die Herleitung vom Adjektiv blank (= glänzend), vom Rufnamen Blen-suint oder von den Familiennamen Plantinga und Plantema. Die Familiennamen-Hypothese gilt aber als „eher unwahrscheinlich“.Ostfriesische Landschaft: Blandorf, Samtgemeinde Hage, Landkreis Aurich (PDF); abgerufen am 11. Juli 2016

Blandorf wurde erstmals im Jahr 1474 urkundlich erwähnt wird.Blandorf, Samtgemeinde Hage, Landkreis Aurich. (PDF) Ostfriesische Landschaft; abgerufen am 10. Juli 2016 Belege für den Ortsnamen Wichte reichen in das 10. Jahrhundert zurück.Hanswilhelm Haefs: Ostfriesland. Anmerkungen zur Geschichte durch Berichte über die politische Entwicklung der Friesen, ihrer Häuptlinge, die 6 Landschaften […], Ortsnamen und Ortsgeschichten. Books on Demand, Norderstedt 2013, ISBN 978-3-8334-2384-0. S. 372 – Haefs beruft sich dabei auf Arend Remmers: Von Aaltukerei bis Zwischenmooren: die Siedlungsnamen zwischen Dollart und Jade. Leer 2004

Verschiedene geografische Bezeichnungen im Gebiet beziehungsweise im Umfeld der Samtgemeinde Hage verweisen auf Wichte und Blandorf. Dazu gehören die Wichter Ee, ein Seegatt zwischen den Inseln Norderney und Baltrum sowie die Blandorfer Ehe (nördlich der Landesstraße 6: Blandorfer Tief), ein der Entwässerung dienender Wasserlauf.

Lage mini|Blandorf-Wichte im Flecken Hage mini|links|Ehemalige Hilgenrieder Bucht vom Blandorf-Wichter Geestrand aus gesehen Die Streusiedlungen Wichte und Blandorf liegen ungefähr zwei (Wichte) bis drei Kilometer (Blandorf) östlich des Hauptortes Hage und werden von der Landesstraße L6, die Wittmund mit Norden verbindet, durchzogen. Umliegende Ortschaften sind Hagermarsch im Norden, Westerende im Osten, Großheide im Süden und Berumbur im Südwesten. Die Entfernung zur Nordseeküste beträgt ungefähr acht Kilometer (Luftlinie).

Beide Ortschaften befinden sich am nördlichen Rand der Ostfriesisch-Oldenburgischen Geest. Blandorf wurde, was die Bodenverhältnisse angeht, auf einer sogenannten Plaggenesch-„Insel“ gegründet. Ihre Höhe beträgt 3,3 m über dem Meeresspiegel. Nördlich und östlich bildet ein schmaler Streifen Gleyboden die Grenze zum folgenden Knick- und Kleimarschgebiet. Im Westen – also bei Wichte – stoßen Podsol und Klei-Podsol an das Gebiet des Doppelortes.Zu den geologischen Angaben siehe Blandorf (PDF) Ostfriesische Landschaft; abgerufen am 8. Juli 2016

An den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen ist Blandorf-Wichte über die VEJ-Buslinien 361, 362 und 365. Sie verkehren mehrmals täglich zwischen dem Hauptbahnhof in Norden und dem Küstenbadeort Harlesiel. VEJ-Bus; abgerufen am 8. Juli 2016 Dabei berühren sie unter anderem Hage, Westerholt und Esens sowie die Sielorte Bensersiel, Neuharlingersiel und Carolinensiel. Die nächstgelegenen Bahnhöfe befinden sich in Norden und Esens.

Die Bahnstrecke Emden–Jever führt durch Blandorf-Wichte, verfügt dort aber über keine Zustiegsmöglichkeit. Die nächsten Bahnstationen befinden sich in Hage und Westerende.

Geschichte Archäologische Funde in der Umgebung Blandorf-Wichtes belegen die Anwesenheit von Fischern, Jägern und Sammlern im Gebiet der heutigen Samtgemeinde Hage in der mittleren Steinzeit und verweisen damit in das neunte Jahrtausend vor Christus. Erste regelrechte Siedlungen in diesem Umfeld lassen sich für das Frühmittelalter nachweisen. Menschen tauschten nach 500 unserer Zeitrechnung die Unsicherheit der in der verlandenden Hilgenrieder Bucht gelegenen künstlichen Erdhügel mit einem sicheren Wohnplatz auf der Geest.Johann Haddinga, Martin Strohmann: Luftkurort Hage. Mit den Ortschaften Blandorf-Wichte, Berum, Berumbur, Hagermarsch, Halbemond, Lütetsburg, Norden 2002 (. Auflage). S. 22, Sp I–III Anfänge mini|Tafel am Alten Rathaus zu Norden, dem Sitz der Theelacht mini|Wichte, Blandorf und Osterwichte auf der Ostfriesland-Karte Ubbo Emmius´(ca 1600) Die eigentlichen Anfänge Blandorf–Wichtes liegen am Ende der frühgeschichtlichen Zeit. Sogenannte Uthöfe, auch Burgen genannt, Ausgangspunkten späterer Siedlungen. Acht solcher AußenstationenEs handelte sich dabei nach Eberhard Rack um folgende Uthöfe: 1. Lütetsburg, 2. Hilgenbur, 3. Hinkenaburg, 4. Fnuggenburg, 5. Burg Berum, 6. Haus Wichte, 7. Poggenburg, 8. Burg Blandorf; siehe Eberhard Rack: Siedlung und Besiedlung des Altkreises Norden. Aurich 1967, S. 35 waren von führenden Persönlichkeiten„Ethelinge“ (Edelleute); siehe Gudrun Decker-Schwichow: Theelacht.de; abgerufen am 25. Oktober 2024 der drei Norder Drubbelsiedlungen auf dem Geestrand zwischen Bargebur und Arle errichtet worden. Ziel war es, durch diese Uthöfe die Norder Theellande, die sich in der dem Geestrücken vorgelagerten Marsch befinden, besser zu nutzen.Eberhard Rack: Siedlung und Besiedlung des Altkreises Norden. Aurich 1967, S. 84 Mindestens zwei dieser von Norder Theelachtern erbauten Außenstationen lagen auf dem Gebiet der Gemarkungen Wichte und Blandorf. Es waren dies das Haus Wichte (identisch mit der namentlich später bezeugten Poggenburg?Eberhard Rack hält die Poggenburg für einen weiteren Wichter Uthof; siehe Eberhard Rack: Siedlung und Besiedlung des Altkreises Norden. Aurich 1967, S. 35;48) sowie die Burg Blandorf. Die für das 14. Jahrhundert bezeugte Burganlage Osterwichte (= Ost-Wichte), Stammsitz der Familie von Wicht,Walter Deeters: von Wicht <Fam.>. (PDF) Ostfriesische Landschaft; abgerufen am 12. Juli 2016 wird heute in der östlich von Blandorf-Wichte gelegenen Gemarkung Westerende vermutet.Darauf weist nach Ansicht von E. Ippen der Westerender Flurname Börg hin; siehe Flurnamen-Ostfriesland.de (Flurnamensammlung der Ostfriesischen Landschaft) abgerufen am 28. August 2019.

Um die genannten Uthöfe in Wichte und Blandorf sammelten sich im Mittelalter sogenannte Warfsmänner, die über Eigentum an Haus und Boden verfügten, und bildeten erste Siedlungen mit Blockfluren. Später kamen landlose Heuerlinge hinzu, die für Wohnung und Ackerland eine „Heuer“ in Form von Naturalien und Arbeitsverpflichtungen zu leisten hatten.Eberhard Rack: Siedlung und Besiedlung des Altkreises Norden. Aurich 1967, S. 48

Der Bau der Hager St.-Ansgari-Kirche begann am Ende des 12. Jahrhunderts, spätestens aber in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts.Monika van Lengen: (PDF); abgerufen am 26. Juli 2024. Die dazu notwendigen Mittel stellten die Besitzer der Uthöfe, darunter auch die der Burgen zu Wichte und Blandorf, zur Verfügung. Sie erhielten dafür im Gegenzug das gemeinsame Kirchenpatronat und damit auch das Recht zur Pfarrwahl sowie den Anspruch auf ein Erbbegräbnis.Eberhard Rack: Siedlung und Besiedlung des Altkreises Norden. Aurich 1967, S. 37 Während in anderen Regionen Ostfrieslands fast jede dörflich Siedlung über ihr eigenes Sakralgebäude verfügte,so zum Beispiel in der Krummhörn und im Rheiderland errichteten hier die führenden Familien der acht Uthof-Siedlungen zwischen Bargebur und Arle ein gemeinsames Gotteshaus, das über Jahrhunderte die einzige Gemeindekirche in dem bezeichneten Gebiet bleiben sollte.

Um das Jahr 1400 ließ sich der ursprünglich in Lintel bei Norden ansässige Edelmann Ihmel in Wichte nieder.Fridrich Arends: Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes, Emden 1824, S. 420; . Als Imel t(h)o Wicht(e) bezog er die Burg Osterwichte als Häuptlingssitz und wurde zum Stammvater der Familie von Wicht. Direkte Nachfolger als Burgherren waren sein Sohn Iphtet, sein Enkel Hayko, sein Enkel Hicco Iphtena und sein Urenkel Hayo Hiccen tho Wichte. Letzterer hatte das Drostenamt des Berumer Bezirks inne und verteidigte während der Sächsischen Fehde erfolgreich die Berumer Burg gegen den Esenser Häuptling Hero Omken. Seine eigene Burg in Wichte wurde im Zusammenhang dieser Auseinandersetzungen zerstört.Wichte. In: Dettmar Coldewey: Frisia Orientalis. Daten zur Geschichte des Landes zwischen Ems und Jade. Wilhelmshaven 1967, S. 180. Weitere Nachkommen der Häuptlingsfamilie von Wicht waren als Droste, Juristen, Historiker und Theologen tätig. Sie wirkten vor allem im Ostfriesischen.Siehe dazu Karl Leiner: Panorama Landkreis Norden. Norden 1972, S. 72 f.

Historische Verkehrsverbindungen Bis ins 18. Jahrhundert hinein verband die Wichter Ee die beiden Ortschaften Wichte und Blandorf mit der Nordsee. Sie war eine der drei großen Flutrinnen der Hilgenrieder Bucht,Neben der Wichter Ee waren es die Hilgen Riede (heute: Breiter Weg) und der Waterweg (heute: Hagermarscher Straße); vgl. Johann Haddinga, Martin Strohmann: Luftkurort Hage. Mit den Ortschaften Blandorf-Wichte, Berum, Berumbur, Hagermarsch, Halbemond, Lütetsburg, Norden 2002 (. Auflage). S. 28 Sp II und III die auch noch nach deren Eindeichung bestehen blieb. Bei Nessmersiel mündete sie ins Wattenmeer. Über den Thunschloot, einem künstlichen Wassergraben, war sie mit dem sogenannten „Hafen von Berum“ verbunden.

Darüber hinaus war Blandorf-Wichte über den schon in frühgeschichtlicher Zeit angelegten Heerweg, der sich im 16. Jahrhundert zu einem Handelsweg entwickelte und im 17. Jahrhundert zum Postweg wurde, mit dem Binnenland verbunden. Er führte von Esens über Westerholt, Arle, Blandorf, Wichte, Hage, Lütetsburg und Bargebur nach Norden und verband damit das Harlingerland mit dem Norderland.Johann Haddinga, Martin Strohmann: Luftkurort Hage. Mit den Ortschaften Blandorf-Wichte, Berum, Berumbur, Hagermarsch, Halbemond, Lütetsburg, Norden 2002 (. Auflage). S. 29 Sp I

Schulgeschichte mini|Schulbezirk Wichte 1857