mini|Die Göttin Guanyin, die chinesische Variante des Bodhisattva Avalokiteshvara (Song-Dynastie, um 1025)
Buddhismus in China ist seit der Zeitenwende in China belegt. Als relativ sicher gelten Berichte über eine buddhistische Präsenz während der ersten nachchristlichen Jahrzehnte. Aus dieser Zeit stammen Berichte über Buddhisten aus dem östlichen Gebiet der heutigen Provinzen Hunan, dem südlichen Shandong und dem nördlichen Jiangsu. Es soll sich um ausländische Mönche sowie Laien im Palastumfeld des Herrschers Liu Ying gehandelt haben.
Historisches Der Buddhismus, der im 5. Jahrhundert v. Chr. in Indien entstanden war, gelangte über Handels- und Kulturkontakte nach China. Er erreichte das Reich der Mitte sowohl über den Landweg der Seidenstraße als auch über maritime Handelsrouten. Die Wasserroute führte über Kanton im südchinesischen sowie über Häfen wie Lianyungang im Ostchinesischen Meer. Anders als bei den Landwegen, zum Beispiel über die damaligen Nachbarreiche Parthien und Kushan, waren die Seewege vermutlich Nebenrouten, da sie damals keine Knotenpunkte im Ost-West-Handel bildeten. Erste Übersetzungen buddhistischer Schriften ins Chinesische im 2. Jahrhundert führten erst über längere Zeiträume zur Verbreitung des Buddhismus. Diese Übersetzungen waren zum Teil mit daoistischen Begriffen vermischt und dadurch verfälscht. Obwohl sich ausgeprägte Unterschiede identifizieren lassen, gibt es auch viele gemeinsame lehrdoktrinäre Elemente zwischen beiden Religionen. Dazu zählen der Glaube an Erleuchtung bzw. eine tiefe Einsicht in die wahre Natur der Wirklichkeit, an meditative Intuition sowie die Vorstellung eines Transzendenten und Universellen. In China gab es ab dem 3. Jahrhundert erstmals eine intellektuelle Auseinandersetzung mit buddhistischen Schriften. Diese beschränkte sich aber zunächst noch auf die Herrschaftseliten und erreichte nicht die einfache Bevölkerung. Bereits in der Östlichen Han-Dynastie (25–220) sollen während eines Zeitraums von rund 150 Jahren fast 300 buddhistische Texte ins Chinesische übersetzt worden sein. Die Übersetzungen erfolgten aus dem Sanskrit, Prakrit und Pali. Von der nachfolgenden Wei-Dynastie (220–265) bis zur Östlichen Jin-Dynastie (317–420 n. Chr.) kamen noch einmal über 700 Texte dazu. Unter ihnen sowohl solche des Mahayana-Buddhismus (wie die Prajñāparamita-Sutren) als auch Werke des Theravada. Neben der Linguistik erschwerten auch Unterschiede in den literarischen Ausdrucksformen das Verständnis. Das Chinesische bevorzugt Bilder und Metaphern, um Ideen zu vermitteln. Die starke Betonung des Bildlichen hängt sicherlich mit der Schrift zusammen. Das Konkrete hat immer Vorrang vor dem Abstrakten, das weniger fesselt und dem man nur ungern in all seine feinen Verzweigungen folgen möchte. Die Gesamtergebnisse buddhistischer Übersetzertätigkeit in China sind beeindruckend: Bis zum Jahr 1285 waren 1353 Werke von fast 200 namentlich bekannten Autoren übersetzt worden. Zum Schluss enthielt der chinesische Tripitaka insgesamt 1440 Werke in 5586 Bänden und übertrifft so vom Volumen her die christliche Bibel um das ungefähr siebzigfache.
Zahlenangaben zu den heutigen Buddhisten in China schwanken zwischen 100 und 400 Millionen. Vorherrschende Richtung ist die Schule des Reinen Landes.
Tang-Dynastie Erst mit Beginn der Tang-Dynastie setzte sich im 7. Jahrhundert der Buddhismus in der Breite in China durch. Die frühen Herrscher dieser Dynastie entsandten bereits ein Jahrhundert zuvor buddhistische Mönche nach Indien, um buddhistische Schriften nach China zu holen und buddhistische Texte aus Indien ins Chinesische zu übersetzen. Bekannt wurde insbesondere die Fahrt des Pilgermönchs Xuan Zang, wie sie in Wu Cheng’ens Romanwerk die „Die Reise nach Westen“ (西游记) literarisch überhöht verarbeitet wurde.
Große buddhistische Schulen Diese erneute Einführung buddhistischer Lehren führte zu einem Aufblühen verschiedener buddhistisch-geprägter Philosophien. Die Philosophien stehen allesamt dem Mahayana nahe, aus denen sich später die großen chinesischen Schulen des Buddhismus entwickelten.
NameBegründetTraditionJapanisches PendantChengshi zong ()5. JahrhundertSpätes Hīnayāna, u. a. basierend auf dem Satyasiddhi-śāstra von Harivarman, Zweig der Sanlun zongJōjitsu-shūSanlun zong ()5.–6. JahrhundertMādhyamikaSanron-shūNiepan zong ()4.–5. JahrhundertBasierend auf dem Mahāyāna Nirvāṇa-SūtraNehan-shūLüzong ()7. JahrhundertVinayaRisshūDilun zong ()5.–6. JahrhundertVasubandhus Dasabhūmikabhāsya Jingtu zong ()5.–6. JahrhundertAmitabha-BuddhismusJōdo-shūChanzong ()5.–6. JahrhundertChanZen-shū; keine einzelne SchuleShelun zong ()6. JahrhundertParamārthas Übersetzung von Vasubandhus Kommentar zum Mahāyāna-saṃparigraha-śāstra Tiantai zong ()6. JahrhundertLotus-SutraTendai-shūHuayan zong ()7. JahrhundertAvatamsaka-Sutra und Kommentare dazuKegon-shūFaxiang zong ()7. JahrhundertYogācāraHossō-shūMizong ()7.–8. JahrhundertVajrayāna, TantrayānaMikkyō; Shingon-shū
Tiantai Tian-tai (T’ien-t’ai;), nach ihrem Stammkloster auch Tiantai zong () genannt, entstand um das Jahr 550. Das Stammkloster auf dem Berg Tian-tai wurde von Hui-se (; A.D. 515- A.D. 567) gegründet und diese Schule gründete ihr Lehrsystem auf dem Lotos-Sutra. Die Tiantai-Schule versuchte alle philosophischen Schulen des Buddhismus zu vereinen. Meditation und Studium der buddhistischen Lehre waren von großer Bedeutung. Die Tiantai-Schule wurde später nach Japan übertragen und hat sich dort unter dem Namen Tendai als eigenständige buddhistische Schule etabliert. Der Tiantai-Schule gelang es, einige der während der langen Jahrhunderte der Teilung in nord- und südchinesische Herrschaftsgebiete auseinandergelaufenen Entwicklungen wieder zusammenzuführen. Sie fand die Unterstützung der herrschenden Schichten und konnte sich so in ihrer Anfangszeit rasch ausbreiten. Zudem förderte die Befreiung der Klöster von kaiserlichen Frondienstpflichten ihre wirtschaftliche Stabilität und festigte damit auch die Ordensstruktur. Später allerdings verloren die Tiantai-Buddhisten an Einfluss. Die letzten urkundlichen Erwähnungen datieren aus der Zeit des Übergangs von der Yuan- zur Ming-Dynastie gegen Ende des 14. Jahrhunderts. In der Folge verliert sich ihre Spur in der Schule des Reinen Landes (Jingtuzong). Während die Tiantai-Schule in China keinen Bestand hatte, breitete sie sich im mittelalterlichen Japan unter dem Namen Tendai aus, wo sie bis heute als angesehene Richtung existiert.
Huayan Huayan (), auch Hua-Yen Schule der Blumengirlande (Schule des Avatamsaka-Sutra) genannt, entstand in der Zeit zwischen den Jahren A.D. 650 und A.D. 750. Der Schwerpunkt dieser Schule lag auf dem Studium der buddhistischen Philosophie. Der Kern der philosophischen Lehre dieser Schule liegt in der Lehre der gegenseitigen Abhängigkeit und Durchdringung aller Phänomene. Die Meister des Huayan entwickelten auf dieser Basis ein hochdifferenziertes metaphysisches Lehrsystem, das alle anderen chinesischen Buddhismusschulen beeinflusste. Die Huayan-Schule hatte in China jedoch keinen Bestand und verschwand bereits während der Nördlichen Song-Dynastie um das 10. Jahrhundert als eigenständige Richtung. In den Nachbarländern wirkt sie jedoch bis in die Gegenwart, als Hwaeom jong in Korea, von wo sie anschließend nach Japan kam und dort den Namen Kegon-shū erhielt.
Chan
Chan (Ch’an; ) ist die chinesische Version des Zen und dessen Ursprung. Im Unterschied zu den zuvor genannten Schulen ist die unmittelbare Erfahrung der Dinge, so wie sie sind, von Bedeutung und weniger das Studium der buddhistischen Philosophie. Daher hat Meditation in dieser Schule einen besonders hohen Stellenwert, da nur diese den Zugang zur Realisation letztendlicher Wirklichkeit ermöglichen könne.
Begründet wurde die Schule von dem indischen Mönch Bodhidharma () um 523 n. Chr. in dem in der nordchinesischen Provinz Henan gelegenen Shaolin-Kloster (). Chan entwickelte weniger klösterliche Strukturen als Tientai und Huayan. Das Ideal des Wandermönches stand bei dieser Schule im Vordergrund. In Korea bildete sich aus Chan die Seon-Schule und in Vietnam die Thien-Schule. Chan-Buddhismus wurde später nach Japan übertragen und etablierte sich dort als Zen.
mini|Das Paradies des Buddha Amitabha (8. Jh.)
Schule des Reinen Landes Die unterschiedlichen Schulen des Reinen Landes (Jingtu zong; ) haben ihre Grundlage im Sutra des Reinen Landes. Nach diesem Sutra ist es wichtig Buddhas und Bodhisattvas auf dem Weg zur Erleuchtung als Hilfe anzurufen, da das Zeitalter, in dem die Reine-Land-Schulen entstanden, und auch die späteren Zeitalter sich zu sehr im Niedergang befinden, um als Praktizierender aus eigener Anstrengung Erleuchtung zu erlangen. Buddhas und Bodhisattvas residieren in sogenannten Reinen Ländern, reinen Bereichen, die für die geistige Entwicklung besonders günstig sind. Durch die wiederholte Anrufung der Buddhas und Bodhisattvas, zum Beispiel des Buddha Amituofo (, āmítuó fó, Amitabha – Buddha des grenzenlosen Lichtes), legt man die Grundlage, um nach dem Tod in seinem reinen Land Sukhavati wiedergeboren zu werden. Da in dieser Schule Meditation weniger Bedeutung hat als zum Beispiel im Chan, verbreitete sich diese Schulrichtung in den breiten Schichten der arbeitenden einfachen Bevölkerung. Die Schule des Reinen Landes etablierte sich auch in Japan und wurde dort von Honen Shonin (1133–1212) und seinem Schüler Shinran verbreitet.
Mizong Mit der Mizong () wurde im späten 8. Jahrhundert der indische Vajrayana-Buddhismus (eine Ergänzung des Mahayana mit esoterischen Methoden) aus Zentralasien in China eingeführt. Von China aus gelangte diese Form des Buddhismus im 9. Jahrhundert nach Japan und wurde dort als Shingon-Schule bekannt. Mizong bezeichnet die geheime Lehrtradition innerhalb des Buddhismus und enthält zahlreiche Elemente des indischen Tantrismus. Von einigen wird sie auch Mantrayana genannt (in Anspielung auf den verbreiteten Gebrauch von Mantren im Rahmen der religiösen Praxis). Die Anhänger selbst sprechen von ihrer Schule auch als dem Vajrayana, das heißt Donnerkeil-Fahrzeug, womit ganz offensichtlich Kraft und Überlegenheit suggeriert werden soll. Als Schule des Mahayana-Buddhismus gelangte diese Richtung von Zentralasien nach China und Tibet. Während sie in Tibet die Entwicklung des Dharma maßgeblich prägte, formierte sie sich in China nur als ein kleinerer Zusammenschluss, von dem jedoch maßgebliche Impulse ausgingen. Erste Aufzeichnungen über die Mizong-Schule datieren aus den Jahren 716–720 als Kaiser Xuan Zong das Land regierte. Einer ihrer geographischen Ausgangspunkte war der Daxingshan-Tempel in der heutigen Provinz Shaanxi. Es gibt allerdings auch Autoren, die meinen, diese Lehren seien bereits zur Zeit der Drei Reiche (220–280) nach China gekommen. Als Verbreiter der Mizong-Richtung gelten vor allem die drei indischen Mönche Subhakarasimha, Vajrabodhi und Amoghavajra, die während des achten Jahrhunderts nach China kamen und deren chinesische Namen als Shan Wuwei, Jin Gangzhi und Bukong Jingang überliefert sind.
Unterdrückung und Wiederaufbau im 20. Jahrhundert
Über die weiteren Jahrhunderte befand sich der Buddhismus in China im Niedergang. Die revolutionären Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, markiert vor allem durch die Gründung der kommunistischen Volksrepublik China 1949, drängte den Einfluss des Buddhismus weiter zurück. Trotz der Gründung der vom Staat zunächst tolerierten Chinesischen Buddhistischen Gesellschaft 1953 zielte die von Mao Zedong ausgerufene Kulturrevolution schließlich direkt auf die Zerstörung der verbliebenen Symbole und Organisationen der religiösen Traditionen Chinas. Zahlreiche Klöster wurden zerstört, öffentliche Religionsausübung überwiegend verboten, Mönche vertrieben, verhaftet oder getötet.