Das Passiv oder Leideform, voz pasiva, ist eine der Diathesen. Die Diathese (Handlungsrichtung), diátesis gramatical, ist eine Kategorie des Verbs (auch als Verbgeschlecht oder Genus verbi bezeichnet). Die Diathese ist ein Spezialfall der Valenzalternation.
Erläuterung Bei einer Valenzalternation haben zwei stammverwandte Verben unterschiedliche semantische und/oder syntaktische Mitspieler (oder Partizipanten), während die verbale Grundbedeutung gleich bleibt.
Syntaktische Funktion und semantische Rolle im Passiv Eine der Funktionen der verschiedenen Formen an Diathesen ist es, dass ein bestimmtes Ereignis in unterschiedlicher grammatischer Weise zum Ausdruck gebracht werden kann, so dass die an der Interaktion beteiligten Akteure in unterschiedlicher Perspektiven dargestellt werden. Das Subjekt steht grundsätzlich im Nominativ. Juan la besó. Juan küsste sie. Pretérito indefinido de indicativo, voz activa Juan besó a María. Juan küsste María. Pretérito indefinido, voz activa María fue besada por Juan. María wurde geküsst von Juan. Presente de indicativo, Vorgangspassiv, voz pasiva con ser Dies verdeutlicht, dass zwischen syntaktischen Funktionen und semantischen RollenCharles J. Fillmore (1968) nannte sie in Anlehnung an die klassische Grammatik „Tiefenkasus“ (deep case), später dann Kasusrollen, cases roles. Sie sind aber etwas grundsätzlich anderes als die grammatikalischen Kasus, caso gramatical, sodass sich satzsematisch konsequenter späterhin der Begriff der semantischen Rollen durchsetzte. Eine semantische Rolle, rol semántico ist grundsätzlich nicht an einen bestimmten grammatikalischen Kasus gebunden, auch sind sie keineswegs lexikalische Eigenschaften von Wörtern. Vielmehr konstituieren sich die semantischen Rollen im Satzinhalt erst dann, wenn sie mit einem bestimmten Prädikat, innerhalb eines Aussagerahmens, kombiniert wurden.Peter von Polenz: Deutsche Satzsemantik. 3. Aufl., Walter de Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-020366-0, S. 169 grundsätzlich unterschieden werden muss (siehe Charles J. Fillmore (1968)Charles J. Fillmore: The Case for Case. In E. Bach, R. Harms (Hrsg.): Universals in Linguistic Theory. Holt, Rinehart, and Winston, New York 1968, S. 1–88.).
Mit einem Diathesenwechsel verändert sich die Zahl der im Satz realisierten semantischen Rollen und ihre Verteilung auf die syntaktischen Positionen im neuen Satz.Christa Dürscheid: Die verbalen Kasus des Deutschen: Untersuchungen zur Syntax, Semantik und Perspektive. Bd. 53 Mouton Grammar LibraryWalter de Gruyter, Berlin 1999, ISBN 3-11-016492-2, S: 201 Einige semantische Rollen sind: Agens, agente: Person oder Sache, die eine Handlung ausführt: Juan küsst María. Juan leyó el libro. Patiens, paciente: Person oder Sache, die von einer Handlung betroffen ist: María wird geküsst. La roca aplastó el tractor. Cause, causa: Person oder Objekt, das ein Ereignis verursacht: Die Liebe ließ Juan María küssen. Juan se comió la tarta porque llevaba sin comer desde ayer. Benefizient/Benefaktiv, beneficiario: Nutznießer oder Geschädigter einer Handlung: Die Mutter bekam von Carlos die Äpfel. El ingeniero construyó un coche para la clase media. Experiencer experimentador, : Person, die im Ereignis eine Wahrnehmung hat: Carlos fürchtete sich vor María und Juan. Me puse a llorar. Source fuente u origen: Ausgangspunkt einer gerichteten Bewegung: Die Santa María segelte von Valencia nach Mallorca. Ella se apartó de él. Goal, finalidad o propósito: Ziel einer gerichteten Bewegung: Die Santa María segelte von Valencia nach Mallorca. Carlos se comió la tarta para ganar el concurso de comilones. Path dirección o meta: Weg zwischen einer Source und einem Goal: Die Santa Maria segelte von Valencia über Gibraltar nach Madeira. La caravana continuó hacia el oasis lejano.
Das indirekte Objekt (in der Kasusterminologie Dativ) kennzeichnet oft den eigentlichen Endpunkt der Aktion. Es ist das Objekt, das die Folgen einer Handlung „zu spüren“ bekommt. Durch das Einsetzen des unbetonten, verbundenen Personalpronomens, pronombre personal átono, werden die Verhältnisse deutlicher. – Beispiele: Carlos llevó manzanas a su madre Carlos brachte Äpfel zu seiner Mutter. bzw. Carlos brachte seiner Mutter Äpfel. Le llevó manzanas Ihr er brachte Äpfel. bzw. Er brachte ihr Äpfel. Die „Mutter“ ist diejenige, die in diesem Fall die Folgen der Handlung von „Carlos“ „zu spüren“ bekommt, da sie die „Äpfel“ erhält. Damit ist die Mutter das indirekte Objekt. „Carlos“ nimmt die semantische Rolle des Agens ein, die „Äpfel“ die Rolle des Patiens. Eine Umwandlung in das Passiv lässt das indirekte Objekt hervortreten: Las manzanas fueron llevadas por Carlos a su madre Die Äpfel wurden gebracht durch Carlos zu seiner Mutter.
Mit der Handlungsrichtung oder Diathese wird das Verhältnis zwischen dem Verbalinhalt und dem Subjekt des Satzes kundgetan. Dabei gibt es bei der Polarität Aktiv-Passiv nur zwei Möglichkeiten, entweder bezieht sich die Aussage des Verbs auf das Subjekt selbst oder aber nicht. Bei einer Handlung, die mit einem transitiven Verb versprachlicht wird, ist bedeutsam, ob das transitive Verb sich auf das Objekt oder auf das Subjekt bezieht. Transitive Verben stehen mit einem direkten Objekt (in der Kasusterminologie das Akkusativobjekt) in Verbindung; das direkte Objekte ist das, worauf die durch das Verb versprachlichte Aktion hin zielt. Transitive Verben werden synonym auch als „zielende Tätigkeitswörter“ bezeichnet.Ines Balcik, Klaus Röhe, Verena Wróbel: PONS Die große Grammatik Deutsch. PONS, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-12-561561-8, S. 243 Eine transitive Handlung setzt also ein Objekt per se voraus, so bleibt die Objektbezogenheit unmarkiert, die Subjektbezogenheit wäre aber markiert. mini|400px|links|Der aktivische, spanische Satz, oraciíon activa: Atila destruyó la ciudad. Attila zerstörte die Stadt aufgeschlüsselt. (Voz activa)Abkürzungen, Abreviatura * SN Nominalphrase, sintagma nominal, * SD Determinansphrase, sintagma determinante, * SV Verbalphrase, sintagma verbal, * N Kopf, núcleo sintáctico, nombre, adjetivo o pronombre, * V Verb, verbo, * P Präposition, preposición, * C Komplement, complemento sintáctico (complemento), * CD complemento directo * CI complemento indirecto * CP construcción preposicional * D Determinativ, determinante
mini|250px|Der passivische, spanische Satz, oraciíon pasiva: La ciudad fue destruida (por Atila) Die Stadt wurde zerstört von Attila. aufgeschlüsselt (Voz pasiva) Die meisten transitiven Verben, die sich von einem direkten Objekt begleiten lassen, können eine passivische Form bilden. Um das direkte Objekt in den Satzvordergrund zu setzen, rückt man es an den Satzanfang und verdoppelt das direkte Objekt durch ein Akkusativpronomen. Seine satzsemantische Grundfunktion ist ähnlich dem deutschen Passiv. So beschreibt bzw. betont das spanische Passiv ein vom Handlungsträger abgewandtes verbales Ereignis. Damit wird es geschehensorientiert, und es unterscheidet sich darin vom Aktiv.Helmut Berschin, Julio Fernández-Sevilla, Josef Felixberger: Die spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur. 3. Auflage. Georg Olms, Hildesheim / Zürich / New York 2005, ISBN 3-487-12814-4, S. 237. – Beispiele: Atila destruyó la ciudad. Pretérito indefinido de indicativo, Voz activa Attila zerstörte die Stadt. La ciudad fue destruida por Atila. Pretérito indefinido de indicativo, Vorgangspassiv, pasiva con ser o pasiva de proceso Die Stadt wurde zerstört von Attila. La mujer lee un ensayo. Presente de indicativo, Voz activa Die Frau liest ein Essay. El ensayo es leído por la mujer. Presente de indicativo, Voz pasiva Das Essay wurde gelesen von der Frau. Juana compró el coche. Pretérito indefinido de indicativo, Voz activa Juana schon kaufte das Auto. El coche fue comprado por Juana. Pretérito indefinido de indicativo, Voz pasiva Das Auto war schon gekauft worden von Juana.
Genauso wie für das Aktiv (Tätigkeitsform), voz activa kann auch das Passiv prinzipiell in sämtliche Zeitformen, tiempos gramaticales gesetzt werden. Gleiches gilt auch für die drei verschiedenen Modi eines Verbs, den Indicativo den Subjuntivo und den Imperativo in den unterschiedlichen Tempora. Man muss aber berücksichtigen, dass zum einen, und unterschiedlich zur deutschen Sprache, das Vorgangspassiv im Spanischen eine eher speziellere Anwendung findet; so etwa in der Verwaltungssprache oder auch in den Printmedien. Die alltägliche, gesprochene Kommunikation bevorzugt Aktivsätze oder aber das Reflexivpassiv, pasiva refleja und zum anderen, dass bestimmte Tempora und Modi vor allem im Zustandspassiv keine Bedeutung haben und im gesprochenen Spanisch als Stilfehler empfunden würden.
Beim Aktiv, voz activa wird betont wer oder was die Handlung, Ereignis ausführt. Beim Passiv, voz pasiva wird die Handlung an sich akzentuiert, das wer oder was verschwindet. Das Subjekt des Satzes handelt nicht, sondern erfährt die Auswirkung einer solchen.
Es wurde viel darüber diskutiert, ob im Spanischen, anders als im Deutschen, überhaupt ein Passiv existiere,Patricia Fernández Martín: Análisis de la construcción ser/estar + participio en diversos documentos del archivo municipal de Alcalá de Henares (Siglos XIII - XVII). Masterarbeit. Madrid 2008, S. 4–32. da es in einzelnen Fällen (etwa bei bestimmten Tempora) keine speziellen alltagsverwendeten Formen besitzt, sondern durch Umschreibung und analytisch, d. h. zusammengesetzt, gebildet wird.Werner Abraham: Überlegungen zum Passiv im Deutschen und anderen Sprachen, “Argumenthypothese” und „Aspekthypothese.“ Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Sprachtypologie und Universalienforschung, Berlin 2000, S. 1–35. Dabei zeigt die Analyse der unterschiedlichsten Textkorpora, dass das voz pasiva vermehrt in der Schriftsprache und dort durchaus häufig gebräuchlich ist. – Beispiele: Vosotros habéis sido radiados. Ihr seid bestrahlt worden. Vorgangspassiv Dies stellt eine grammatikalisch korrekte Form dar, die im alltäglichen Sprachgebrauch jedoch eher ungewöhnlich ist und daher zugunsten anderer Konstruktionen ausgetauscht wird. Os han radiados. Euch sie haben bestrahlt. Se os radió. Man euch hat schon bestrahlt.
Obgleich manche passivischen Sätze nicht in der Alltagssprache oder manche nur in der Schriftsprache ihre Anwendung finden, bedeutet das eben nicht, dass passivische Konstruktionen, voces pasivas nicht verwendet werden. So können bestimmte Sachverhalte in einer aktivischen Konstruktion, voz activa, nicht immer elegant wiedergegeben werden. Ist etwa der Handelnde einer zu versprachlichenden Situation nicht bekannt oder werden zwei Objekte, ein direktes Objekt und ein indirektes Objekt mit angehängtem „a“, verwendet, ist die passivische Konstruktion häufig die eloquentere Form. – Beispiele: Los vecinos no entregarán a conductor a la policía (voz activa). El conductor no será entregado a la policía por los vecinos (voz pasiva genauer pasiva con ser). El artesano abre la puerta (voz activa). La puerta es abierta por el artesano (voz pasiva genauer pasiva con ser).Justo Fernández López: Passiv, Pasiva (Recop.).
Allgemeines, Sprachgeschichtliches Aktiv und Passiv sind die beiden Genera verbi in den rezenten und genetisch verwandten indoeuropäischen Sprachen bzw. Sprachfamilie. Das Passiv war kein Bestandteil der rekonstruierten Proto-Indoeuropäisch-Sprache (PIE). In den indoeuropäischen Sprachen zählt das Passiv zu einer späteren Entwicklung, denn in der Protosprache gab es neben dem Aktiv nur das Medium.Olga Rösch: Untersuchungen zu passivwertigen Funktionsverbgefügen im Deutschen der Gegenwart: ein Beitrag zur funktionalen Valenzgrammatik. Bd. 8 Beiträge zur germanistischen Sprachwissenschaft, Buske Verlag, Hamburg 1994, S. 64 f.