Nicolaus Bruhns, auch Nikolaus Bruhns, manchmal Nicolaus Bruhn oder Nicolaus Bruns (* Dezember 1665 in Schwabstedt; † in Husum), war ein deutscher Komponist der norddeutschen Orgelschule und ein Orgel- und Geigenvirtuose.

Über das Leben von Bruhns ist wenig bekannt. Er lernte bei Dieterich Buxtehude in Lübeck und wirkte vorübergehend in Kopenhagen. Sein Ruf als außerordentlicher Virtuose verbreitete sich und führte dazu, dass die Städte Kiel und Husum darum konkurrierten, ihn als Organisten und Leiter der Kirchenmusik zu gewinnen. In Husum arbeitete er in Folge mit einem geschätzten Kantor zusammen, starb aber bereits in jungen Jahren.

Von Bruhns sind nur vier Orgelstücke und zwölf geistliche Werke überliefert. Unter den drei Praeludien für Orgel vertritt das große in e-moll beispielhaft den Stylus phantasticus mit einem oftmaligen Wechsel der Gestaltungsweise und der Verbindung strenger kontrapunktischer Mehrstimmigkeit und freier instrumenttypischer Setzweise, was hier einen poetischen Charakter bewirkt. Große spieltechnische Anforderungen stellen nicht nur die Orgelwerke, sondern auch die Violinstimme des geistlichen Konzerts Mein Herz ist bereit, in dem die brillante Instrumentalstimme mitunter die Vokalpartie in den Schatten stellt.

Das Orgelwerk von Bruhns findet sich in einer Sammlung norddeutscher Orgelmusik, die Johann Sebastian Bach studierte, und fand auch im 19. Jahrhundert Aufmerksamkeit. Während das e-moll-Praeludium seit seinem Erstdruck 1912 kontinuierlich als herausragendes Beispiel der Orgelmusik vor Bach herausgestrichen wurde, differieren die Einschätzungen der Vokalmusik. Leben und Werk von Bruhns wurden 1878 von Theodor Storm und 2015 von Andreas Nohr literarisch verarbeitet.

Leben mini|hochkant=1.4|Stammtafel der Musikerfamilie Bruhns

Bruhns entstammte einer schleswig-holsteinischen Musikerfamilie. Sein Großvater Paul war Lautenist in der Kapelle des Gottorfer Herzogs Friedrich III. und später Lübecker Ratsmusiker, Nicolaus’ Onkel Friedrich Nicolaus Bruhns war Direktor der Hamburger Ratsmusik, sein zweiter Onkel Peter Ratsmusiker in Lübeck. Nicolaus’ Vater Paul – möglicherweise ein Schüler von Franz Tunder – war Organist der St.-Jakobi-Kirche in Schwabstedt.

Über den Lebenslauf von Bruhns wissen wir aus zwei Originalquellen, einer Kirchen- und Schulgeschichte des Husumer Pastors Johann Melchior Krafft aus dem Jahr 1723, der eventuell auf Informationen des damals noch als Organist in Husum tätigen Bruders Georg Bruhns zurückgreifen konnte, und aus der bekannten Grundlage einer Ehrenpforte (1740) von Johann Mattheson, der „ex manuscriptis“ berichtet. Beide Texte behandeln Bruhns’ Leben und Wirken in sehr knapper Form. Ernst Ludwig Gerber griff 1812 den Bericht Matthesons auf und schmückte ihn etwas aus.

Schwabstedt, Lübeck, Kopenhagen und Kiel Von seinem Vater erhielt Bruhns ersten Unterricht und wurde „so weit gebracht […], daß er nicht allein wohl spielen, sondern auch gute Clavier- und Singsachen zu setzen wuste.“ Im „16. Jahre seines Alters“ kam er zu seinem Onkel Peter nach Lübeck, wo er auf der Viola da Gamba und der Violine „solche Fertigkeit erlangte, daß er von allen damahls lebenden Musikbeflissenen, die ihn kannten, sehr werth und hochgehalten wurde“.Johann Mattheson: Grundlage einer Ehren-Pforte, woran der Tüchtigen Capellmeister, Componisten, Musikgelehrten, Tonkünstler &c. Leben, Wercke, Verdienste &c. erscheinen sollen. Hamburg 1740, S. 26. Von den Lübecker Violinisten, deren Kunstfertigkeit im In- und Ausland bewundert wurde, war Bruhns der jüngste Vertreter. Zur Lehre bei seinem Onkel kam bald auch die bei Dieterich Buxtehude. „Im Clavier und in der Composition“ brachte Bruhns es „zu solcher Vollkommenheit […], daß ihn dieser, auf Verlangen, nach Copenhagen recommandirt“. Kopenhagen verfügte über eine Hofmusik mit einer geschlossenen Truppe von Violinisten aus Paris unter Gaspard Besson. An der Heilig-Geist-Kirche wirkte Christian Geist, der als Vokalkomponist im italienischen Stil geschult war. Angenommen wird, dass Bruhns von Buxtehude zu Johann Lorentz geschickt wurde, dem Organisten an der St.-Nikolai-Kirche. Lorentz veranstaltete regelmäßig Orgelmusiken. Im Gegensatz zu Komponisten älterer Generationen, die sich in ihren Studienreisen auf die Komposition konzentriert hatten, scheint Bruhns die Rolle des für seine Instrumente komponierenden Virtuosen eingenommen zu haben.

Aus Magistratsprotokollen des Archivs der Landeshauptstadt Kiel lässt sich der Aufenthalt in Kopenhagen auf etwa 1683/84 datieren. Ab 1684 warb der Rat der Stadt Kiel mit Wissen oder im Auftrag des im Hamburger Exil lebenden Herzogs Christian Albrecht von Schleswig-Holstein-Gottorf um den jungen Organisten und Komponisten. Ihm wurden eine Wohnung und finanzielle Sicherung geboten, Vertreter der Stadt trafen mehrfach mit Bruhns zusammen und zahlten ihm unter anderem 2400 Rthlr. Prozesskosten für einen Prozess in Kopenhagen. Stadtvertreter reisten nach Kopenhagen und erwarben dort ein offenbar Bruhns betreffendes „zugefundenes Papier“. Zwischen März und September 1685 wurde Bruhns offenbar arrestiert, wobei die Gründe nicht bekannt sind. Im Januar 1687 berichten die Protokolle von einem misslungenen Versuch, Bruhns aus dem Arrest zu befreien. Daran beteiligten sich neben den Kielern hochgestellte Persönlichkeiten aus Regierung und Militär. Der als „Passagier“ bezeichnete Bruhns schlafe zwischen Lübeck und Laboe, sein Fußgelenk sei gering deformiert, die Arrestkosten höher als der Verdienst seiner Arbeit. Offenbar bemühten sich seine Gönner 1688 erneut um eine Freilassung. In der Schlussphase der Verhandlungen zum Altonaer Vertrag am Jahresanfang 1689 wuchs in Kiel das Verlangen nach einem erfolgreichen Abschluss des langen Werbens um Nicolaus Bruhns.

Husum mini|Gotische Marienkirche in Husum, 1807 abgebrochen

In Husum bemühte sich nach dem Tod des Organisten der Stadtkirche Friedrich zur Linden im Januar 1689 der Stadtrat, Bruhns diese Stelle anzubieten. Interimistisch wurde das Amt dem Uhrmacher Petrus anvertraut. Kämmereirechnungen im Stadtarchiv Husum belegen, dass per Boten sogar in der Nacht Briefe nach Schwabstedt übermittelt wurden; auch ein Briefporto nach Kopenhagen ist belegt. Die Eile könnte durch das Interesse anderer Städte für den berühmten Musiker bedingt sein. Nach einem Probespiel am 29. März in Husum wurde er schließlich „durch allgemeine Zustimmung aufgenommen, da vorher seines gleichen von Composition und Traktierung allerlei Arten von Instrumenten in dieser Stadt nicht war gehöret worden“. Im selben Jahr heiratete Bruhns die um ein Jahr ältere Anna Dorothea Hesse, die Stiefschwester seiner Tante.

Der Rat der Stadt Kiel hielt sich aufgrund seiner materiellen und ideellen Leistungen sowie eines offenbar von Bruhns gegebenen Versprechens für berechtigt, ihn als Organisten nach Kiel zu verpflichten. Nach seiner Bestallung in Husum wurde ihm in Kiel eine Stelle als Nachfolger des Organisten der Nikolaikirche Claus Dengel angeboten, was zu einem heftigen Streit zwischen beiden Städten führte. Bruhns, wurde laut Kämmereirechnung im Husumer Stadtarchiv durch eine Kieler Intrige „mittels gewisser Vorwände so furchtsamb“ gemacht, dass er nach Kiel reiste und laut Protokoll im Kieler Stadtarchiv am 29. Juli 1689 zusagte, in drei Wochen sein Amt anzutreten. Daraufhin versprach die Stadt Husum Bruhns eine Erhöhung des Gehalts um 100 auf 500 Taler jährlich, was Bruhns überzeugte, weiterhin in Husum zu bleiben. Der Husumer Rat musste allerdings eine „consentierte Beisteuer“ [einvernehmlichen Beitrag, Zuschuss] von 2500 Reichsthalern, umgerechnet 7500 Mark Lübsch, an den wieder in seine Rechte eingesetzten Gottorfer Herzog zahlen.

Mit dem Wechsel der Husumer Deputierten im Jahr 1691 wurde Bruhns, gegen den Willen des Stadtrates, die außergewöhnliche Gehaltserhöhung verweigert. Er reichte beim Gottorper Herzog eine Klage ein, die er auch gewann. In seinem Schreiben an den Herzog deutete der Husumer Rat an, dass Bruhns das Geld dringend benötigte.

Bruhns verfügte in Husum über die 1629 von Gottfried Frietzsch restaurierte Orgel und eine Kantorei. Zwei Jahre lang arbeitete er mit dem örtlichen Kantor Georg Ferber zusammen, der für seine ausnehmend wohlklingende Bassstimme bekannt war und schließlich von Petrus Steinbrecher abgelöst wurde. Zudem konnte für Aufführungen in der Kirche die Stadtmusik unter Heinrich Pape herangezogen werden.

mini|Quittung von Georg Bruhns, Nicolaus’ Bruder

Im Alter von nur 31 Jahren starb Bruhns am 29. März 1697 laut Husumer Stadtarchiv an „Schwindsucht“. Am 2. April wurde er zu Grabe getragen, „von jedermann bedauert, dass ein solcher trefflicher Meister in seiner Profession, auch vertragsamer Mann nicht länger hat leben sollen“.Heinz Kölsch: Nicolaus Bruhns inmitten einer nordischen Musikhochblüte. In: Nicolaus-Bruhns-Gesellschaft (Hrsg.): Festschrift zum 300. Geburtstag von Nicolaus Bruhns 1665–1697. Petersen, Husum 1965, S. 29–37, hier 37.

Bruhns hatte fünf Kinder, von denen zwei Mädchen bereits im Kleinkindalter verstorben waren, weshalb er drei Kinder hinterließ, die von seinem Schwager in väterliche Obhut genommen wurden. Sein einziger Sohn Johannes Paulus studierte Theologie und war zuletzt Pastor an der Klosterkirche in Preetz. Der Bruder Georg war zunächst Nachfolger des Vaters in Schwabstedt und übernahm dann sein Amt in Husum.

Spieltechnik Bruhns war Vertreter einer Hanseatischen Violinschule, von der seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gesprochen werden kann. Im Gegensatz zum süddeutsch-österreichischen Raum sind die Protagonisten weniger dem höfischen als dem städtischen Milieu zuzurechnen, insbesondere was die Ausbildung betrifft. Der Ruhm von Bruhns als Geiger strahlte weit über die Stadtgrenzen Husums hinaus. Wie Mattheson berichtet, habe er dann und wann gleichzeitig Geige und an der Orgel mit dem Pedal den Bass gespielt:

Ernst Ludwig Gerber vermutete, dass dieses Spiel gewirkt hätte, als ob sich „2, 3 und mehrere zugleich hören ließen“.Ernst Ludwig Gerber: Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler. Erster Theil. A. Kühnel, Leipzig 1812, S. 529. Heinz Kölsch spekulierte, dass Bruhns seine Kantate Mein Herz ist bereit aufführte, indem er zugleich Violine und Orgel spielte und dazu sang. Dieses Werk ist ein seltenes Zeugnis von Stil und Technik der Hanseatischen Violinschule, von der kaum Solostücke bekannt sind. Die Überlieferung des Stückes als Dokument technischer Komplexität auf diesem Gebiet verdankt sich der Funktion der Niederschrift als Kopie, „die auf einen einzigen Spieler (der auch der Komponist ist) zugeschnitten ist“. Dass Bruhns sein Violinspiel selbst mit dem Orgelpedal begleitete, unterstreicht laut Christoph Wolff den Zusammenhang der Musik für Streicher und der Orgelmusik der Zeit, „wie er sich in den Beziehungen von Präludium und Sonata niederschlägt“.Christoph Wolff: Buxtehudes freie Orgelmusik und die Idee der ‚imitatio violistica‘. In: Arnfried Edler, Friedhelm Krummacher (Hrsg.): Dietrich Buxtehude und die europäische Musik seiner Zeit. Bericht über das Lübecker Symposion 1987 (= Kieler Schriften zur Musikwissenschaft. Band 35). Bärenreiter, Kassel et al. 1990, ISBN 3-7618-0994-8, S. 310 ff., hier 318.

Das überlieferte Werk von Bruhns lässt allerdings keine Rückschlüsse auf sein Geschick im Gambenspiel zu, jedoch finden sich Hinweise darauf möglicherweise in den Kompositionen Buxtehudes: Wahrscheinlich schrieb Buxtehude seine Kantate Jubilate Domino für Alt und obligate Gambe für Bruhns und sah ihn als Gambensolisten der Kantate Gen Himmel vor. Sollte dies stimmen, so würden die virtuosen Läufe der Gambenstimmen beweisen, dass die Gambe nicht nur ein Nebeninstrument von Bruhns war.

Gleichermaßen berühmt wie für sein Violinspiel war Bruhns als Organist. Seine Orgelwerke stellen hohe spieltechnische Anforderungen und erfordern eine brillante Spielweise.

Werk