mini|hochkant|Wohnhaus Fritz Honkas in der Zeißstraße 74
Der goldene Handschuh ist der siebte Roman des Schriftstellers Heinz Strunk und behandelt Abschnitte aus dem Leben des Hamburger Serienmörders Fritz Honka, die sich hauptsächlich um Alkoholexzesse, Sex, soziale Verwahrlosung und daraus resultierende Gewaltverbrechen drehen., Das Erste. 3. April 2016 Das von Strunk als Tatsachenroman bezeichnete Werk, das überwiegend aus der Täterperspektive geschrieben ist, erschien 2016 und wurde im selben Jahr mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet, einer der am höchsten dotierten literarischen Auszeichnungen Deutschlands. Der Romantitel bezieht sich auf die Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“, in der Honka seine Opfer kennenlernte.
Inhalt Das stark regionalbezogene Buch besteht aus drei Teilen: Teil 1 – Ich lernte auf St. Pauli eine ältere Frau kennen, Teil 2 – City Nord und Teil 3 – Dies ist kein Albtraum, dies ist ein Todeskampf. Die Milieustudie, die ihr Zentrum in der Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“, einer Art „Vorhöllen-Kneipe“ hat, behandelt die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka in den 1970er-Jahren. Die Geschichte handelt von seinen Jahren in Hamburg, seiner Begegnung mit Gerda Bräuer, bis hin zu seinem zunehmenden Wahnsinn und den Morden an drei weiteren Frauen, die an der Nachkriegsgesellschaft zerbrochen waren. Honka ist dabei von einem starken Hass auf Frauen, ständiger sexueller Erregung und Sentimentalität getrieben.Neuer Solange es solche Menschen gibt, Frankfurter Allgemeine Feuilleton, 17. Februar 2016. „Wenn die hinfällt, lass ich sie einfach liegen“. Sex hat für ihn nur noch die Bedeutung, andere „kaputt zu machen so wie man ihn damals kaputt gemacht hatte.“ Mit den körperlich und geistig heruntergekommenenWenn man Heinz Strunk beim Sichärgern zuschaut, Die Welt, 20. Februar 2016., alten und zahnlosen Prostituierten trinkt er sich regelmäßig in die BesinnungslosigkeitIm schwarzen Loch menschlichen Elends, Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2016. und gleitet dabei in eine Welt ab, die von destruktiven Phantasien geprägt ist. Ein zweiter Erzählstrang beschreibt in Episoden das Schicksal der fiktiven Hamburger Reederfamilie von Dohren, welche sich während der Zeit des Dritten Reiches an jüdischem Besitztum bereichert hat und seitdem von den Hamburger Eliten gemieden wird. Während nach außen hin die großbürgerliche Fassade aufrechterhalten wird (obwohl die Reederei bereits längst dem Konkurs entgegengeht), sind die einzelnen Familienmitglieder von Hass aufeinander und sexuellen Obsessionen beherrscht. Die Überschneidung mit der Biografie Honkas ergibt sich daraus, dass Mitglieder der Dohren-Familie ebenfalls den „Goldenen Handschuh“ aufsuchen.Eine Zumutung – aber eine dringend nötige, Spiegel Online Kultur, 26. Februar 2016.
Als Motto ist dem Buch eine beinahe ganzseitige autobiografische Reflexion des Knabenmörders Jürgen Bartsch aus seinem Briefwechsel mit Paul Moor vorangestellt. Strunk hatte zunächst geplant, den Roman über Bartsch zu schreiben, entschied sich jedoch für Honka, da der Fall des Kindermörders keine humoristische Bearbeitung zugelassen hätte.
Handlung mini|Ansicht der Zeißstraße Die Handlung setzt im Jahr 1971 mit den ersten Leichenfunden auf dem Gelände der ehemaligen Holsatia-Schokoladenfabrik in Hamburg-Altona ein. Die Tote wird als Gertraud B. identifiziert und der Verdacht fällt zunächst auf ihren ehemaligen Freund Winfried Schuldig, der aufgrund ihrer damaligen Aussage zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Die Polizei kann dem gewalttätigen Arbeiter die Tat jedoch nicht nachweisen. Kapitel 1 beginnt im Februar 1974 in Honkas Stammkneipe „Zum goldenen Handschuh“ am Hamburger Berg, in der der alkoholabhängige Gelegenheitsarbeiter Honka, der dort von allen Fiete genannt wird, täglich große Mengen „Fako“ (Fanta-Korn) trinkt und seine Frauenbekanntschaften macht. Sein Lieblingsstück ist der Schlager Es geht eine Träne auf Reisen von Salvatore Adamo. Im goldenen Handschuh lernt er Gerda Voss kennen, sie ist obdachlos und trägt ihre gesamte Habe in einem Beutel mit sich herum, als einziges Kleidungsstück besitzt sie eine Kittelschürze und muss sich für Obdach und Essen prostituieren. Fiete nimmt sie zu sich nach Hause in die Zeißstraße in Hamburg-Ottensendamaliges Arbeiterviertel, Stadtteil im Bezirk Altona mit.
Zur gleichen Zeit in der Elbchaussee nimmt die Familie Dohren das Abendessen ein. Während sich der Senior und der Junior mit den Geschäften ihrer Reederei beschäftigen, hat der pubertierende Enkel, Wilhelm Heinrich von Dohren/WH3, der am Noonan-Syndrom erkrankt ist, mit seiner aufkeimenden Sexualität zu kämpfen. Aufgrund seines abstoßenden Äußeren fällt ihm der Kontakt zu gleichaltrigen Mädchen schwer. Obwohl sie nach außen hin ein einigermaßen intaktes Bild gepflegter Bürgerlichkeit abgibt, unterscheidet sich die Familie von Dohren innerlich kaum von dem sozial schwachen Umfeld Fritz Honkas: Die einzelnen Familienmitglieder hassen sich inbrünstig, ihr Vermögen machten sie einst durch skrupellose Ausnutzung der Zwangslage eines jüdischen Reeders, der im Dritten Reich fliehen musste. Dies hat ihr nicht nur die Verachtung der anderen wohlhabenden Familien Hamburgs eingebracht, sondern ist letztlich auch nicht von Dauer gewesen: Zwar wird das herrschaftliche Leben noch einigermaßen aufrechterhalten, aber in Wirklichkeit hat die Reederei geschäftlich längst den Anschluss verpasst und geht dem Konkurs entgegen.
Honka beschließt mit Gerda für ein paar Tage zusammenzuleben, was jedoch aufgrund des exzessiven Trinkens der beiden zu einem gewalttätigen Dauerrausch ausartet. Es kommt zu einvernehmlichem Sex gegen Logis. Honka nimmt ihr den Ausweis ab und schließt sie in seiner verkommenen Mansardenwohnung ein. Auch seine Alkoholvorräte muss er zur Sicherheit wegschließen. Gerda beschließt in einem nüchternen Moment, Honka den Haushalt zu führen. Zur Belohnung betrinken sich die beiden abermals im „Goldenen Handschuh“. Immer wieder kommt es zu Abstürzen. Insgeheim führt Honka eine Kosten-Nutzen-Rechnung über seinen weiblichen Gast und ist über ihren unkontrollierten Alkoholkonsum verärgert. Er schlägt und misshandelt sie. Dabei zerbricht ihr Gebiss. Honka hat der Frau ihre letzte Würde genommen.
mini|hochkant|Eingang der Kneipe Zum Goldenen Handschuh auf St. Pauli
Karl von Lützow, wohlhabender Inhaber einer Kieler Anwaltskanzlei und Schwiegersohn derer von Dohren, ist ebenfalls schwer alkoholkrank, suizidgefährdet und füllt die Leere in seinem Leben durch wahllose Sexabenteuer mit wenig attraktiven Frauen. Nicht perfekte Schönheit zieht ihn an, sondern Frauen mit körperlichen Gebrechen, die er beherrschen kann. Immer wieder zwingt er Frauen zu demütigenden SM-Praktiken, bei denen er ihnen Gewalt antut und sie beinahe tötet.
In der Zeißstraße will sich Gerda erkenntlich zeigen und für einen Besuch von Fritz’ Bruder „Siggi“ kochen. Die Bewirtung wird ein voller Erfolg für Gerda und die drei betrinken sich anschließend mit billigem Schnaps, der bei allen Beteiligten zu einem totalen „Filmriss“ führt. Fritz Honka legt Gerda eine handschriftliche Erklärung vor, in der sie mit ihrer Unterschrift bestätigt, von nun an keinen freien Willen mehr zu besitzen, sich ihm vollkommen zu unterwerfen und ihm ihre Tochter Rosi (zu der sie allerdings keinen Kontakt mehr hat) zuzuführen. Honka rechtfertigt dies mit „zu viel Freiheit bekommt dem Menschen nicht“.Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rowohlt-Verlag, 2016, S. 87 Gerda ist zunächst dankbar, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben und nimmt dafür auch in Kauf, dass Honka an ihr erniedrigende Sexualpraktiken durchführt. Die beiden zieht es immer wieder in ihre Stammkneipe am Hamburger Berg, wo sie ihre Freizeit verbringen, die von einer Atmosphäre aus Suff und körperlicher Gewalt geprägt ist. Im „Goldenen Handschuh“ kommt es eines Tages zu einer brutalen Kneipenschlägerei, da bedingt durch einen Orkan weniger Prostituierte unterwegs waren und eine größere Gruppe englischer Matrosen ihren Geschlechtstrieb nicht abreagieren konnten. Der „Triebstau“ der Männer entlädt sich in roher Gewalt. Die Polizei muss mehrere Verhaftungen vornehmen. Fritz Honka kommt zu dem Ergebnis, dass Gerda ihm zu viele Kosten verursacht, daher schickt er sie zur Arbeit in eine Fischfabrik, das dort verdiente Geld muss sie Honka abliefern. Als er einen Arbeitsunfall erleidet, kommt er für längere Zeit ins Krankenhaus. Währenddessen nimmt Gerda im „Elbschlosskeller“ Kontakt zu älteren Freiern auf und nimmt sie mit in die Zeißstraße. Honkas Wohnung verwandelt sich in ein Bordell. Eines Tages fragt ein Freier sie, ob sie ihn nicht nach Hannover begleiten möchte, sie fährt mit und ab diesem Zeitpunkt verliert sich ihre Spur.
Kapitel 2 beginnt damit, wie Wilhelm Heinrich von Dohren/WH3 seiner attraktiven Mitschülerin Petra Schulz Avancen macht. Er, der ständig onaniert und immer noch über keinerlei praktische sexuelle Erfahrung verfügt, will sie verführen. Um als Mann zu reifen, treibt er sich in St. Pauli herum, und es verschlägt ihn in den „Goldenen Handschuh“.
mini|Das ehemalige Shell-Haus am Überseering 35 in der City Nord
Honkas trostloses Leben erfährt währenddessen eine unerwartete Wendung. Er erhält bei der Firma Shell eine Anstellung als Wachmann im Bürogebäude der City Nord. Damit verbessert sich sein sozialer Status grundlegend. Er hat jetzt Geld, ein geregeltes Leben und eine Uniform, mit der er angeben kann. Fritz reduziert seinen Alkoholkonsum daher drastisch, um die Anforderungen, die an ihn gestellt werden, auch erfüllen zu können. Er gewöhnt sich an das normale Leben eines Arbeitnehmers und tut Dinge, die er davor nie getan hatte. So nimmt er zum Beispiel an einer Hafenrundfahrt teil und besucht Hagenbecks Tierpark. Während seiner Arbeit verliebt er sich in die verheiratete Putzfrau Helga Denningsen. Er lernt auch ihren Mann Erich kennen und die drei feiern im Shell-Bürogebäude am Kapstadtring einen feuchtfröhlichen Geburtstag. Fritz, der sich nicht mehr an seine Vorsätze halten kann, ist völlig betrunken und erzählt Episoden aus seiner Lebensgeschichte. Von seiner Flucht 1952 aus der DDR oder wie er im Westen in Hamburg-Billwerder eine Anstellung auf dem Hof des Bauern Frerk findet. Der Landwirt quält und misshandelt den Flüchtling. Eines Tages hält es Fritz nicht mehr aus und er flieht mit Frerks Fahrrad. Der Bauer erwischt ihn mit seinem Traktor und verletzt ihn schwer. Hilflos überlässt er Fritz im Straßengraben seinem Schicksal. Fritz wird gefunden und überlebt im Krankenhaus. Sein Gesicht, seine Nase und seine Zähne werden jedoch für immer deformiert bleiben. Fritz beginnt eine starke Eifersucht auf Erich Denningsen zu entwickeln, da er Helga für sich ganz allein beansprucht. Seine Hassgefühle entwickeln sich sogar bis zu Mordphantasien gegenüber seinem Nebenbuhler. Fritz ist wieder einmal stark betrunken und wird Helga gegenüber zudringlich. Doch sie kann sich noch im letzten Moment von ihm befreien.
Nach Helgas Zurückweisung verfällt Honka sofort wieder in alte Verhaltensmuster. Er trinkt wieder täglich und unkontrolliert. Dabei überschreitet sein Hass auf Frauen alle Grenzen.