mini|Hinweistafel beim Schlosspark Bad Zurzach mini|Ausschnitt der Tabula Peutingeriana mit Tenedone mini|Römische Glasschalen (Museum Höfli) mini|Eingangstor zum Schlosspark in Zurzach

Das römische Kastell Zurzach (Tenedo) befindet sich im heutigen Bad Zurzach, im Kanton Aargau, auf dem Staatsgebiet der Schweiz, auf dem Parkgelände von Schloss Zurzach. Es sicherte die Straße an die Donau und einen Rheinübergang.

Am Rheinübergang der alten Fernstrasse vom schweizerischen Mittelland an die Donau, vermutet man seit 400 v. Chr. das keltische Oppidum Tenedo. Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. ist eine römische Befestigung auf dem Kirchlibuck zur Verkehrsüberwachung nachweisbar. Dessen Areal wurde von Rom zur Sicherung ihrer Reichsgrenze (Limes) am Hochrhein befestigt. In der Nähe des Legionslagers Vindonissa (Windisch) errichteten sie hierfür zunächst ein Holz-Erde-Kastell, daneben entstand wohl auch ein erster Rheinübergang, wobei das gegenüberliegende Kastell in Dangstetten wohl schon früher angelegt wurde. Nach der Besetzung der rechtsrheinischen Gebiete (Dekumatenland) wurde es wieder aufgegeben. 600 m rheinaufwärts befindet sich – ebenfalls auf dem „Kirchlibuck“ – die Mauerreste des nachfolgenden, spätrömischen Doppelkastells aus dem 4. Jahrhundert sowie die Fundamente einer frühchristlichen Kirche mit Baptisterium aus dem 5. Jahrhundert. Zur Grenzbeobachtung dienten den Römern zudem Wachttürme (zum Beispiel Wachturm Koblenz-Kleiner Laufen), deren Reste noch heute entlang des Rheins zu finden sind.

Name und Lage Ein Hinweis auf eine mutmassliche eisenzeitliche bzw. «keltische» Siedlung könnte der vorrömische Ortsname Tenedo sein. Es ist wahrscheinlich eine der zwölf von Gaius Iulius Caesar erwähnten Städte (De bello Gallico 1.5.2). Die Etappe Tenedo(ne) wird nur in der Tabula Peutingeriana erwähnt. Die spätmittelalterlichen Gelehrten Johannes Stumpff und Aegidius Tschudi glaubten an einen zweiten antiken Namen von Zurzach. Sie stützten ihre Vermutung auf einen dort gefundenen Grabstein des Legionsveteranen Certus. Der antike Ortsname Tenedo oder Tenedone wurde demnach später durch den Namen Certiacum abgelöst. Tschudi führte letzteren auf den galloromanischen Gentilnamen Ortiacum zurück. Das Spätlateinische (praedium) Ortiacum bedeutet «dem Ortius gehörendes Landgut».Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen, hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, ISBN 3-7193-1308-5, S. 993. Da die wissenschaftliche Forschung hierzu erst um 1860 eingesetzt hat, sind diese allerdings mit Vorsicht zu behandeln.Christian Albers: Die spätantike Grenze am Rhein bis Koblenz: Die Kastelle in Tenedo (Zurzach). Universität Osnabrück, Hausarbeit, Grin Verlag, München 2004.René Hänggi: Die Erforschung des frührömischen Tenedo-Zurzach, in: Hänggi/Doswald/Roth-Rubi, 1994, S. 11.

Das Lager stand an einer wichtigen Römerstrasse von Vindonissa nach Arae Flaviae. In der Tabula Peutingeriana scheint es zusammen an der Strasse nach Vindonissa -Tenedone-Iuliomagus (Schleitheim)-Brigobannis (Hüfingen) auf. Die Strasse, die in die Region an der oberen Donau führte und bei Zurzach den Rhein überquerte, geht wohl schon auf einen prähistorischen Pfad zurück.Zurzach Bad Zurzach. HLS Historisches Lexikon der Schweiz. Katrin Roth-Rubi: Von der Urgeschichte bis zur römischen Zeit (abgerufen am 7. März 2023). Ab 14 n. Chr. gehörte die Landschaft am Hochrhein zur Provinz Gallia Belgica und nach 90 n. Chr. zur Germania superior.

Die Straße führte durchs schweizerische Mittelland, nach dem Jurator bei Windisch weiter ins untere Aaretal, das bis in die Neuzeit stark versumpft und daher für den Waren- und Reiseverkehr nicht passierbar war. Seit der Bronzezeit war sie die primäre Straßenverbindung zwischen Süddeutschland, den Jura entlang, durchs Mittelland nach Genava (Genf) und weiter ins Rhonetal. Die Straße splitterte sich in zwei Routen auf: eine lief über Vindonissa nach Turicum (Zürich), Sargans und über die Bündner Pässe nach Italien; die andere Strecke führte von Salodurum (Solothurn) bis an den Genfersee, wobei man vorher noch Ecluse und Lugdunum (Lyon) passiert und dann – dem Rhonetal entlang – schließlich nach Massalia (Marseille) gelangte.Verena Grafinger: Die Heilige Verena und die Thebäische Legion. Untersuchungen zu ihrem spätantiken römischen Umfeld. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistragrades der Philosophie aus der Studienrichtung Diplomstudium Alte Geschichte, Altertumskunde, Epigraphik und Papyrologie eingereicht an der Universität Wien, Wien, 2007, S. 91–98.

Forschungsgeschichte Einzelne Funde aus dem Neolithikum (Silexartefakte, Steinsäge und Doppelhockergrab), der Mittelbronzezeit (Grube mit Lehmverputzstücken von Bauten, Keramikfragmente, Schwert aus zerstörtem Körpergrab) und der Spätbronzezeit (drei Urnengräber um 1050 v. Chr.; Bronzezeit) erlauben keine exakten Schlussfolgerungen über die Siedlungsgeschichte des Ortes. In „Uf Rainen“ wurde 1986 eine späthallstattzeitliche Siedlung nachgewiesen. Links und rechts der heutigen Hauptstraße befand sich das keltisch/helvetische Gräberfeld Mittskirchen (auch Mitts-Chilch) genannt. Hier wurden 1924 sechs Gräber aus der Latènezeit (400-58 v.Chr) freigelegt. Das Gräberfeld weist Brand- und Körperbestattungen auf, die ins 1. bis 4. Jahrhundert datiert werden. Bemerkenswert ist die Beigabe beim Mädchengrab Nr. 156: Die Fingerkunkel (Spinnrocken) aus Knochenmaterial zeigt die Venus pudicitia und kann ins 4. Jahrhundert datiert werden, der angeblichen Lebensspanne der heiligen Verena. Die bisher bekannten acht Gräber aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. sind diesbezüglich nur wenig aussagekräftig. Auch sind Überreste der bereits vom Zürcher Altertumsforscher Ferdinand Keller um 1860 beobachteten römischen Rheinbrücken erhalten geblieben. Von 1983 bis 1987 erfolgte eine größere archäologische Ausgrabung. Etwas weiter nördlich stieß man 1983 bei Untersuchungen für den Bau der neuen Nordumfahrung auf einen Vicus und drei frührömische Kastelle. Die Fundstücke daraus sind im Museum Höfli ausgestellt. Diesbezügliche römische Inschriften aus dem 1. Jahrhundert konnten dort bis dato nicht freigelegt werden.Zurzach Bad Zurzach. HLS Historisches Lexikon der Schweiz. Katrin Roth-Rubi: Von der Urgeschichte bis zur römischen Zeit (abgerufen am 7. März 2023).Verena Grafinger: Die Heilige Verena und die Thebäische Legion. Untersuchungen zu ihrem spätantiken römischen Umfeld. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistragrades der Philosophie aus der Studienrichtung Diplomstudium Alte Geschichte, Altertumskunde, Epigraphik und Papyrologie eingereicht an der Universität Wien, Wien, 2007, S. 93.

Entwicklung Bodenfunde weisen darauf hin, dass die Gegend am Hochrhein bereits während der Jungsteinzeit vor rund 5000 Jahren und auch in der Bronzezeit (1200 v. Chr.) besiedelt war. Um 400 v. Chr. befand sich auf dem Areal des heutigen Zurzach eine keltische Siedlung, die durch Gräberfunde unter der Mittskirchstrasse belegt ist. Durch den römischen Historiker Strabon ist lediglich überliefert, dass zwei römische Armeen nach dem Alpenfeldzug 15. v. Chr. sich an den „Donauquellen“ vereinigten und dann auch das Schweizer Mittelland besetzten. Dabei setzte bei Zurzach/Rheinheim die Legio XIX über den Strom und errichtete das zwischen 15 und 9 v. Chr. nachgewiesene Römerlager Dangstetten. Eine fortgesetzte Landnahme in Germanien wurde vorerst durch die katastrophale römische Niederlage in der Schlacht im Teutoburger Wald verzögert, doch entscheidend war der Ausbau des alten (keltischen?) Handelsweges über den Pass von Bechtersbohl zur Wutachlinie und bald darauf (um 40 n. Chr.) in die Baar zur Donau (Kastell Hüfingen).

Die Straße und der Verkehr begünstigten den Standort Zurzach schon seit Beginn der römischen Herrschaft. Auch auf der Tabula Peutingerinana ist Tenedo schon eingezeichnet, interpretiert als das Kastell in Zurzach. Es diente als Etappenpunkt zwischen Vindonissa und Iuliusmagnus. In Zurzach kamen weiters Ziegelstempel der XXI. und der XI. Legion ans Tageslicht, welche beide zu verschiedenen Zeiten in Vindonissa zwischen 46 und 100 n. Chr. stationiert waren. Die Römer waren besonders an der Sicherung des Gebiets zwischen Vindonissa und Dangstetten interessiert. Letzteres liegt nahe Rheinheim/Küssaberg am heute deutschen Nordufer des Rhein. Als Brückenkopf war das Dangstettener Lager von herausragender Bedeutung, weil es den Rheinübergang beherrschte und Basis für die Eingliederung des freien Germaniens in den römischen Reichsverband war.Verena Grafinger: Die Heilige Verena und die Thebäische Legion. Untersuchungen zu ihrem spätantiken römischen Umfeld. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistragrades der Philosophie aus der Studienrichtung Diplomstudium Alte Geschichte, Altertumskunde, Epigraphik und Papyrologie eingereicht an der Universität Wien, Wien, 2007, S. 91–99.

Tenedo wurde wegen des Rheinübergangs zu einem wichtigen Militärstützpunkt im Nahebereich des Legionslagers Vindonissa an der Heeresstrasse. Der Ort liegt in der Nähe des Zusammenflusses von Aare und Rhein, wo ein vorrömischer Handelsweg von Helvetien zur Donau den Rhein überquerte. Das Kastell selbst ist durch Funde von Holzbauten aus dem 1. Jahrhundert beim Himmelrych, dem heutigen Schloss Zurzach, belegt. Während des 1. Jahrhunderts sicherte eine Abteilung der in Vindonissa stationierten Legion die Brücke und die Straße am linken Rheinufer. Vermutlich reichte das Lager bis zum Ufer der Wutach, zusammen mit dem rechtsrheinischen, um 20-15 v. Chr. belegten römischen Kastell Dangstetten scheint auch am linken Flussufer – auf Zurzacher Gebiet – ein befestigter Brückenkopf angelegt worden sein. In diesen Zeitraum fällt auch die Zerstörung des nahe gelegenen, keltischen Oppidums von Altenburg-Rheinau. Während des 2. und 3. Jahrhunderts war der Wachtposten wahrscheinlich mit Benefiziaren besetzt. Der römische Gutshof von Entwiesen (1. bis 3. Jahrhundert) westlich des heutigen Ortszentrums wurde wohl beim Alamannensturm um 260 durch ein Feuer zerstört. Nach dem Limesfall wurde die Reichsgrenze in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts wieder an den Hochrhein (Donau-Iller-Rhein-Limes) zurückverlegt, und etwas östlich von Tenedo wurde am Rheinufer ein stark befestigtes Steinkastell errichtet (belegt 315), das spätrömische Doppelkastell Kirchlibuck-Sidelen (belegt 367) mit einem gegenüberliegenden Brückenkopf bei Rheinheim an der Rheinbrücke.TENEDO (Zurzach) Aargau, Switzerland. The Princeton Encyclopedia of Classical Sites online (abgerufen am 8. März 2023).

Kastell Insgesamt konnten im Zuge der archäologischen Grabungen drei Lagerkomplexe mit zehn Bauphasen der Umwehrung festgestellt werden. Vermutlich handelte es sich dabei um verschiedene Lagertypen (Marsch-, Sommer-, Winter- oder Standlager). Große Teile seines nordöstlichen Areals sind durch Abschwemmung verloren gegangen. Das Kastell war etwa von 10 bis 50 n. Chr. mit Soldaten belegt.

Die Flächeneinschätzungen für

Kastell I und II: 0,64 ha; Kastell III: ca. 1,8 ha; Kastell IV: 2,08 ha,

sind hypothetisch, da die bislang bekannten Längenausdehnungen der Kastelle zum Rhein hin nur Mutmaßungen erlauben. Seine Fläche umfasste in etwa das Areal des heutigen Schlossparks.René Hänggi, Cornel Doswald, Katrin Roth-Rubi: Kastelle und Kastell-Vicus von Tenedo-Zurzach. Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa, Band 11. Buchdruckerei AG Baden, Brugg 1994, S. 391ff.